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Schutt und Asche, Du und Ich

Summary:

Leo ist seit viereinhalb Tagen wieder Zuhause und irgendetwas stimmt nicht.

Oder: Seit der Explosion hat Adam Leo nicht mehr angefasst. Leo zerbricht sich den Kopf. Adam dreht langsam durch.

Notes:

Da sind wir also wieder. Bin ja ehrlich, ein Sequel zu Endlose Nacht war nicht geplant, und diese Fic hat auch nicht als Fortsetzung begonnen. Aber eins kommt zum anderen, und irgendwie hat mich das alles dann doch nicht losgelassen. Das hier kann alleine gelesen werden, denke ich, aber die Empfehlung, erst Endlose Nacht zu lesen, steht. Tausend Dank an alle, die so fantastisch liebe und positive Rückmeldung gegeben haben - ich bin immer noch ein bisschen überwältigt und hoffe, hiermit füge ich euch nicht ganz so viele emotionale Schmerzen zu. Bin bisschen nervös, aber ganz viel Spaß beim Lesen!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Leo ist seit viereinhalb Tagen wieder Zuhause und irgendetwas stimmt nicht.

 

Eine Menge Dinge stimmen nicht, wenn er ehrlich mit sich ist, aber wann ist er das schon? Eigentlich gibt es ziemlich wenig, was überhaupt stimmt; auch wenn sich vieles bereits gebessert hat, das muss er zugeben. 

 

Mittlerweile ist sein Gehirn zu mehr imstande, als fünfzehnsekündigen Gesprächen zu folgen und Ja-und-Nein Antworten zu geben. Er kann seinen Blick wieder bewusst scharf stellen und in die Ferne schauen bereitet ihm keine Todeskopfschmerzen mehr. Er kann sich wieder langsam zur Seite drehen, ohne das Gefühl zu haben, seine Wirbelsäule sei durch eine Stahlstrebe ersetzt worden, an der blöderweise ein paar Rippen dranhängen und auch sonst ziemlich wichtiges Zeug. 

 

Kann er sich aber auch nichts von kaufen, wenn er sich nur eben ein Glas aus dem Hängeschrank holen möchte und sein Gehirn entscheidet Weißt du, nach oben schauen find ich scheiße. Hier, hast du ein bisschen Schwindel. Huiiiiiii.

 

Blind greift er nach der Arbeitsplatte, um sich festzuhalten, vergisst aber blöderweise das Glas in seiner Hand. Ein lautes Klirren, zack - alles voller Scherben. Der Schwindel ist auch noch da, natürlich, also schließt Leo kurz beide Augen, stützt sich mit beiden Händen auf der Arbeitsplatte ab und atmet tief durch, denn zusätzliche Übelkeit kann er wirklich gar nicht gebrauchen. Der Schwindel ist nervig und angsteinflößend genug, wenn man ständig das Gefühl hat, der Boden unter einem sei nicht verankert. 

 

“Leo?!” Adam, aus dem Wohnzimmer nebenan. Da ist eine Spur mehr Panik in seiner Stimme, als Leo lieb ist, und schon steht er im Türrahmen, hektisch und außer Atem, obwohl es ihn nur drei Schritte gekostet haben muss, um die Küche zu erreichen. 

 

“Alles gut,” besänftigt Leo ihn automatisch, auch wenn seine Beine zu zittern begonnen haben, weil er jetzt schon so lange angespannt am Counter steht. Das hat weniger mit der Explosion an sich zu tun, hatten ihm drei verschiedene Ärzte erklärt, sondern eher mit den zweieinhalb Wochen Koma, die er bewusstlos im Krankenhaus verbracht hatte. Muskelatrophie, und noch ein paar andere Fachbegriffe. Ist Leo eigentlich auch egal, findet er einfach ätzend. 

 

“Ein Scheiß ist gut,” murmelt Adam, weil der wie immer direkt durch Leos Bullshit hindurchsieht. Seine Augen schweifen über den Scherbenhaufen, in dessen Mitte Leo mit weichen Knien steht. “Komm mal da weg. Was hast du überhaupt hier verloren, ich hab doch gesagt, ich mach-”

 

“-das schon, ja, aber Adam. Ein Glas. Ernsthaft.” Leo schaut seinen besten Freund vorwurfsvoll an.

 

Adam starrt gänzlich unbeeindruckt zurück. “Sehen wir ja, was wir davon haben. Jetzt setz dich mal bitte.” 

 

Adam macht einen kleinen Schritt in die Küche, vorsichtig, um nicht auf herumgeflogene Scherben zu treten. Leo streckt einen Arm nach ihm aus, denn so sehr er es hasst, muss er doch zugeben, dass er den großen Schritt, den es benötigt, um dem Scherbenhaufen zu entkommen, höchstwahrscheinlich nicht ohne Hilfe schaffen wird, außer er möchte den Scherben auf dem Boden Gesellschaft leisten. 

 

Adam macht daraufhin etwas, was Leo in den letzten Tagen öfter beobachtet hat, und was ihm jedes Mal ein eiskaltes Gefühl in der Brust beschert.

 

Er betrachtet Leos ausgestreckte Hand und zögert.

 

Leo sieht es nur, weil er Adams Körpersprache besser kennt als seine eigene. Berührungen  zwischen ihnen waren immer so selbstverständlich wie Atmen. Das war in der Schulzeit schon so, im Baumhaus, und als Adam nach fünfzehn Jahren vor ihm im Büro stand, war es, als wäre keine Zeit vergangen. Eine beruhigende Hand auf der Schulter, ein sanftes Streichen über den unteren Rücken, kleine Berührungen der Fingerspitzen beim Kaffeetasse reichen. 

 

Als Leo aufgewacht war; als sich der Nebel in seinem Gehirn in den Tagen nach dem Koma etwas gelichtet hatte und er Gedanken für länger als drei Sekunden festhalten konnte, herrschte an der Front Funkstille. Keine Berührungen, kein Kontakt, keine warme Hand in seiner, an der er sich einfach mal festhalten konnte, als sich sein ganzer Körper angefühlt hatte, als würde er jede Sekunde wegfliegen.

 

Auch seit Leo wieder Zuhause ist und sich Adam wortlos bei ihm einquartiert hat, vermisst er die beiläufigen Berührungen schmerzlich. Adam hält ihn auf Abstand, fasst ihn nicht an, zumindest in keiner Art und Weise, die nicht Leos unmittelbares Überleben sichert, wie wenn er beim Aussteigen aus der Dusche Schwierigkeiten mit dem rutschigen Boden hat, oder wenn er morgens nicht alleine aus dem Bett kommt, weil das lange Liegen immer noch Spuren hinterlässt und er von jedem ihm bekannten Schimpfwort Gebrauch machen möchte, sobald er ansatzweise versucht, seine Bauchmuskeln zum Aufsetzen zu nutzen. Alles, was Leo an physischem Kontakt bekommt, ist kurz, klinisch, professionell. Fremd. 

 

Es ist ein wenig, als hätte die Explosion nicht nur den Bunker in Schutt und Asche gelegt, sondern auch etwas zwischen ihnen. Leo wird allmählich bescheuert. 

 

Adam blinzelt, bringt seinen abgeschweiften Blick wieder zurück in Leos Küche. Greift nach Leos Hand, als sei nichts gewesen und hilft ihm über die Scherben hinweg. Leo genießt das Gefühl von Adams warmer, großer Hand in seiner; doch kaum steht er sicher auf beiden Beinen, lässt Adam ihn so schnell los, dass Leo wieder ins Schwanken gerät. 

 

“Adam, warte mal-”, beginnt Leo und umklammert die Lehne des Küchenstuhls, ein schlechter Ersatz für Adams Hand.

 

“Du solltest dich hinlegen. Siehst scheiße aus und stehen kannst du auch kaum. Ich bring dir gleich Wasser.” Kaum hat er die Worte ausgesprochen, Stimme merkwürdig dünn, verschwindet Adam durch den Flur in Richtung Badezimmer. Leo hört die Tür knallen und dann absolut nichts mehr. 

 

“Was zur Hölle,” murmelt er vor sich hin und wirft einen abwesenden Blick auf den Scherbenhaufen hinter ihm. Kurz spielt er mit dem Gedanken, das Chaos zu beseitigen, verwirft ihn aber sofort wieder. Wenn der Schwindel ihn dabei nicht umlegt, wird es seine Ausdauer tun. Oder Adam, weil Leo mal wieder Dinge macht, die er noch nicht machen soll. 

 

Oder halt auch nicht Adam, für den das Bad eine Art Rückzugsort geworden zu sein scheint, wenn Leo sich im Wohnzimmer einquartiert, obwohl eigentlich Adam dort schläft, weil er sein Schlafzimmer nicht mehr sehen kann. Leo hat nicht das Gefühl, dass Adam vor ihm flüchtet, aber vor irgendwas läuft er davon und Leo scheint es mit jeder Frage nur schlimmer zu machen, also hält er die Klappe. 

 

Er humpelt zurück ins satt gesehene Schlafzimmer, auf wackeligen Beinen. Hasst es, wie er sich zwischendurch an der Wand abstützen muss, obwohl die Entfernung zwischen Küche und Bett nun wirklich keine Distanz ist, bei der man sich ausruhen müsste. Immerhin hat der Schwindel nachgelassen, auch wenn ein unangenehmer Kopfschmerz zurückgeblieben ist, der leicht hinter seinen Augen pulsiert.

 

Ein Glas Wasser wäre jetzt gut, aber die Mission war ja gerade spektakulär fehlgeschlagen. 

 

Also sinkt er langsam auf seine Matratze, positioniert sich schwerfällig und mühselig gegen das Kopfteil seines Bettes. Geht ihm schon wieder extrem auf die Nerven, wie lange das alles dauert. Er könnte schreien, so sehr frustriert ihn der ganze Mist. 

 

Stattdessen schließt er die Augen, atmet tief durch und versucht nicht daran zu denken, wie Adam es noch härter zu haben scheint als Leo selbst und er nichts tun kann, um ihm zu helfen. 

 

“Leo? Alles gut?” Adam steht auf einmal neben seinem Bett, ein Glas Wasser in der Hand und Leo zuckt ein wenig zusammen. Adam reicht ihm das Glas, mustert ihn genau. Leo nimmt es entgegen und sieht, wie Adam sich anspannt, als sich ihre Fingerspitzen berühren, wie er seine Schultern hochzieht und den Blick abwendet. 

 

Schutz. Abwehr. Defensive. Leo weiß genau, wie das bei Adam aussieht. 

 

Für einen langen, unangenehmen Moment sagt keiner etwas. Adam scheint auf Leos Vinylboden in Holzoptik das interessanteste Muster der Welt gefunden zu haben und Leo denkt, Klappe halten ist keine Lösung mehr. 

 

“Was hab ich getan, dass du mich nicht mehr berührst?”, fragt er also ganz, ganz leise in die Stille hinein und stellt das Glas auf dem Nachttisch ab. 

 

Adams Kopf schießt nach oben; sein Blick findet Leos sofort. Er steht da, neben Leos Bett, die Hände zu Fäusten geballt und scheint mit sich zu kämpfen.

 

Leo ist sich nicht sicher, ob er ihm bei diesem Kampf helfen kann. “Du kannst mich kaum anschauen,” fährt er fort, und da ist ein Zittern in seiner Stimme. “Du hilfst mir bei Dingen, die ich nicht alleine schaffe, und dann lässt du mich los, als hättest du dich verbrannt. Du bist so-”

 

Er holt tief Luft, etwas verzweifelt. “Du bist so weit weg. Und wenn du- wenn du das hier nicht kannst, Adam, wenn du gehen musst. Dann ist das okay.”

 

Adam fällt alles aus dem Gesicht. “Denkst du das? Ernsthaft, Leo? Was, du wachst nach einer Ewigkeit aus dem Koma auf und ich verpiss mich?“

 

“Nein, Adam, ich denke, dass dich irgendwas innerlich zerreißt und ich dir nicht helfen kann, weil es mich betrifft. Also. Wenn du hier weg musst, ist das okay.”

 

Adam wird sehr, sehr blass. Leo mustert ihn; schaut in das Gesicht, das er blind zeichnen könnte. Er kann sehen, wie Adam beginnt, schwerer zu atmen. Wie sich sein Brustkorb zu schnell hebt und senkt, wie die Muskulatur an seinem Hals arbeitet.

 

Leo setzt sich auf, rutscht mühsam an die Bettkante und verzieht das Gesicht, als seine Bauchmuskeln schmerzhaft an seinen Rippen ziehen. Adam zuckt, macht eine ruckartige Bewegung nach vorne. Stoppt sich selbst mit den Händen leicht vor sich ausgestreckt und in seinen Augen sieht Leo, wie es ihm klar wird. 

 

“Fuck,” stößt Adam zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und krallt seine Hände in seine Haare, richtet die Augen Richtung Decke. Dreht sich kurz von ihm weg, bevor er wieder zu ihm herum wirbelt. “Willst du’s wissen, Leo, hm? Ehrlich?” Seine Stimme ist voller Gift, als er die Worte hervor stößt.

 

“Ich kann dich nicht anfassen, weil mir jedes Mal kotzübel wird, wenn ich es tue, okay? Ich hab dich reanimiert, Leo. Meine Hände waren auf deiner Brust und da war nichts, kein Herzschlag, gar nichts, nur die beschissene Rippe, die ich dir gebrochen hab, und dieses scheiß Gefühl werd ich nicht los!”

 

Adam atmet schwer, hektisch, als hätte er gerade einen Sprint hinter sich. Das kalte Gefühl in Leos Brust ist wieder da, ganz nah an seinem Herz, das ohne Adam gar nicht mehr schlagen würde. 

 

“Ich hab da gestanden, in diesem verfickten Wald, und ich hab gedacht, ich finde erst Ruhe, wenn ich deinen Puls mit meinen eigenen Fingern spüren kann. Ich dachte, das nimmt es dann weg, dieses Gefühl von-“ seine Stimme bricht, und Leo spürt, wie seine eigenen Augen anfangen zu brennen.

 

“Dieses Gefühl von Stille unter meinen Händen. Aber dann komm ich ins Krankenhaus, seh dich da liegen und ich- ich konnte nicht, Leo. Ich hab nur diesen Drecksmonitor angestarrt, tagelang, weil das der einzige Beweis war, dass dein Herz noch schlägt.”

 

Leo sitzt und starrt, wie versteinert. Adam schluchzt, unterdrückt, und wischt sich fahrig mit einer Hand durch das Gesicht; reibt einen Handballen über sein Auge.

 

“Ich hab’s versucht,” flüstert er, Stimme wässrig und rau und so, so gebrochen. Leo beißt sich auf die Lippe, bis er Blut schmeckt; seine eigenen Wangen nass. “Ich hab deine Hand genommen auf der Intensiv, einmal, und oh Gott, Leo- ich war sofort wieder in diesem verfickten Bunker und du warst nicht ansprechbar und meine Augen haben getränt vom Staub und dieses beschissene Piepen war zurück und ich dachte- ich dachte, das ist der Herzmonitor und jetzt ist es wirklich vorbei-”

 

Adam bricht ab, wimmernd, und das Geräusch ist so schrecklich, dass Leo schlecht wird. Er muss zusehen, von dieser dummen Bettkante aus, wie Adam langsam in die Hocke sinkt, das Gesicht in zitternden Händen vergraben. 

 

“Adam,” bringt Leo hervor, mit einer Stimme, die klingt, als hätte er sie Jahre nicht benutzt. “Adam, komm hier hin. Adam, bitte.” 

 

Wenn er aufsteht, werden seine Beine ihn auf keinen Fall tragen. “Adam,” versucht er es erneut, verzweifelt, wie eine kaputte Schallplatte. “Adam, schau mich an. Ich bin hier. Ich atme und mein Herz schlägt, du musst das spüren. Himmel, Adam, bitte!”

 

Als Adam den Kopf hebt, zerreißt es Leo das Herz. Seine Augen sind gerötet und glänzen mit Tränen, die seine Wangen hinunterlaufen und vom Kinn auf seinen Hoodie tropfen. Die blonden Strähnen kleben an seiner Stirn und da ist ein gejagter Ausdruck in seinen Augen, den Leo nie wieder vergessen wird. 

 

“Adam.” Leos Stimme ist leise, bestimmt und unendlich sanft, und als er die Hand ausstreckt, kommt Adam zu ihm. 

 

Ihre Hände berühren sich und Leo sieht mehr, als dass er hört, wie Adam scharf die Luft einzieht. “Ich bin da, Adam, spürst du? Alles so, wie es sein soll.” Langsam, wie in Zeitlupe, führt er Adams Hand zu seiner Brust, legt sie genau über sein Herz. Drückt sie flach an sich ran, seine eigene Hand über Adams größerer. 

 

Es ist ein bisschen wie eine zweite Explosion, denn plötzlich ist Adam überall. Kniend vor der Bettkante wirft er seine Arme um Leos Mitte, Kopf an seine Brust gepresst, mit einem Ohr über Leos Herz. Leos Rippen schreien in Protest und für einen kurzen Augenblick wird ihm schwarz vor Augen, aber Leo würde lieber nochmal zwei Wochen im Koma liegen, als den Mann in seinen Armen loszulassen. Also hält er ihn fest, einen Arm um ihn gelegt und die andere Hand in seinen Haaren vergraben.

 

Adam weint. Leo spürt die heißen Tränen auf seinem Shirt; fühlt, wie Adams Schultern beben. Ohne sein Gesicht zu sehen, weiß Leo genau, dass Adam seine Lippen aufeinander gepresst hat, um bloß nicht zu laut zu sein, so wie er es früher immer gemacht hat. 

 

Leo ist überfordert. Dieser Zusammenbruch muss sich angebahnt haben, die letzten Tage, Wochen; wahrscheinlich schon, als Leo nutzlos im Koma lag. Mit einer Hand streicht Leo langsam und rhythmisch durch Adams blonde Locken; macht beruhigende, nichtssagende, sinnlose Geräusche. 

 

“Ich bin da. Es ist alles gut, Adam. Alles ist gut.” 

 

Adams Griff um seine Mitte lässt nicht nach, aber Leo spürt, wie ein winziges bisschen Ruhe in ihn zurückkehrt, als Adam den Kopf dreht, seine Stirn angelehnt an Leos Brust. Sie atmen im Einklang für eine Weile, auch wenn Leo nicht sagen könnte, wie viel Zeit vergeht. 

 

“Scheiße ist das alles,” flüstert Adam irgendwann mit rauer Stimme in Leos Shirt hinein. Leo nickt und weiß, dass Adam die Bewegung an seinem eigenen Kopf spüren kann. Er schiebt Adam sanft von sich, nur ein paar Zentimeter, aber Adam krallt seine Finger in Leos Seiten, als wäre ein Damm gebrochen und Leo ist das Letzte, was ihn festhält, bevor es ihn mitreißt. 

 

“Adam. Schau mich mal an.” 

 

Adam hebt den Kopf, tränennasse Augen ein noch strahlenderes Blau als sonst. Leo legt eine Hand an seine Wange, streicht mit dem Daumen federleicht über die weiche Haut. “Du musst mit mir reden, über sowas. Ich muss das wissen, sonst kann ich dir nicht helfen.”

 

Adams Stimme ist brüchig. “Ist nicht immer dein Job, mir zu helfen, Leo. Du bist der, der zweieinhalb Wochen im Koma gelegen hat.”

 

“Ja glaubst du, mir geht’s gut damit, wenn du mich so auf Distanz hältst? Ich brauch dich doch.”

 

Adams Mundwinkel zuckt, der Geist eines Lächelns. “Hat Esther auch gesagt.”

 

“Sie hat Recht.”

 

“Hat sie leider meistens, ja.”

 

Leo zögert, vor seinen nächsten Worten. Weiß noch nicht, wie weit er gehen darf, was er Adam zumuten kann. Letztendlich spricht er sie trotzdem aus, denn alles andere wäre jetzt einfach inakzeptabel. “Legst du dich noch zu mir?”

 

Er hält Adam immer noch im Arm und schon graut es ihm vor dem Moment, in dem er ihn wieder loslassen muss. Nicht jetzt, wo er ihn gerade zurück hat. “Die Couch kann auch auf Dauer nicht bequem sein.”

 

Adam schnaubt kurz, Lächeln immer noch schwach, aber etwas präsenter als zuvor. “Ich hab nicht eine Nacht auf dieser Couch verbracht, Leo.” Bedächtig löst er seine Hände von Leos Seiten, entfernt sich aber nicht mehr als wenige Zentimeter.

 

“Erzähl mir doch keinen, wo hast du denn sonst geschlafen, bitte?” Leo ist verwirrt. “Im Bad?”

 

Adam seufzt und erhebt sich, stupst Leo sanft Richtung Bettmitte und wartet geduldig, bis Leo sich positioniert hat, bevor er sich zu ihm ins Bett gesellt, Brust an Rücken, einen Arm behutsam über ihn gelegt. 

 

“Geschlafen hab ich eigentlich gar nicht. Meistens war ich hier.”

 

Leo krallt seine Finger in Adams Unterarm, unwillkürlich. “Hier im Schlafzimmer? Während ich geschlafen hab?”

 

“Du warst doch völlig ausgeknockt von den ganzen Medikamenten. Außerdem musste ich einfach- ich musste halt sehen, dass du atmest. Sonst wär ich da drüben im Wohnzimmer noch durchgedreht.” Adam klingt ein wenig beschämt und vor allem sehr, sehr müde.

 

“Adam…”

 

“Leo, bitte,” unterbricht Adam ihn. “Lass das nicht jetzt machen. Kann ich das hier einfach kurz genießen? Bitte?”

 

Also hält Leo die Klappe und verbucht diese Information in seinem Gehirn als ‘Problem für später’. Sie liegen in Leos extra weicher Bettwäsche, berühren sich an so vielen verschiedenen Stellen, dass Leo nicht sagen könnte, wo er aufhört und Adam beginnt. Er selbst ist so entspannt wie seit einer Ewigkeit nicht; noch nicht einmal sein Schwindel meldet sich, und obwohl er eine knochentiefe Erschöpfung verspürt, denkt er, wenn alles so bleibt, wie in diesem Moment, dann könnte er zufrieden sein.

 

Adam hinter ihm ist noch lange nicht an diesem Punkt, das kann er spüren. Da ist noch eine Anspannung in seinem Körper, und Leo kann förmlich hören, wie seine Gedanken kreisen. 

 

“Die aus dem Krankenhaus haben angerufen, da saß ich noch im Streifenwagen auf dem Weg zu dir,” krächzt Adam irgendwann in die Stille hinein. Leo summt fragend, ein kurzes Signal, dass er noch wach ist.

 

Adam sagt lange nichts. Leo streicht mit seinem Daumen kleine Kreise auf Adams Unterarm und wartet. 

 

“Die wollten wissen, wie du zum Thema Organspende stehst, falls du-”

 

Die Worte jagen einen unerwarteten, kalten Schauer über Leos Rücken. Adam zieht ihn automatisch fester in seine Arme, Brust eng an seinen Rücken gepresst, eine Hand flach auf Leos Herz. Leo spürt, wie Adam zitternd einatmet und sein Gesicht in seinen Haaren vergräbt, aber nicht weiter spricht, als könnte er die Worte nicht über die Lippen bringen. 

 

Muss er auch nicht. Manche Dinge bleiben besser ungesagt. 

 

Leo streichelt Adam weiter, sanft und rhythmisch, bis die Anspannung aus Adams Körper weicht und er in einen dringend notwendigen Schlaf abdriftet. Erst dann erlaubt Leo es sich, seine eigenen Augen zu schließen. 

 

Bis zum nächsten Morgen, bis die ersten, schwachen Sonnenstrahlen ins Zimmer scheinen, schlafen sie beide durch. 

 

Adams Hand bleibt die ganze Nacht auf ihrem Platz über Leos Herz.

Notes:

Freue mich wie immer über Kudos und Comments, jegliche Anmerkungen oder Beschwerden auch gerne auf Tumblr (@wintersportism). Danke für's Lesen!

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