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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-10-07
Updated:
2026-01-26
Words:
3,489
Chapters:
3/?
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4
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11
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1
Hits:
109

Mädchen

Summary:

"Gut", denkt sich Esra, “dann kann ich hier ungestört Denken.”. Er sucht sich einen Baum, der etwas verborgen von Gebüsch ist, um sich an ihm anzulehnen. Dort versucht er seine Gedanken zu ordnen. Ihm geht dieses eine Wort einfach nicht mehr aus dem Kopf und er weiß einfach nicht warum.

Mädchen

Mädchen
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Esthers Leben in verschiedenen Ausschnitten. Vom kleinen Jungen bis hin zur erwachsenen Frau.

Notes:

Hey Hey :)

Ich wünsche viel Spaß beim lesen

Im diesem Kapitel ist Esther/Esra so ca. 9/10 Jahre alt (auf jedem Fall noch in der Grundschule).

(See the end of the work for more notes.)

Chapter 1: Du rennst wie ein Mädchen, Baumann

Chapter Text

Endlich war es wieder Sommer. Die Sonne stand hoch über der kleinen Stadt irgendwo im Saarland. Auf dem Sportplatz der Realschule haben sich die Schüler sämtlicher Schulen im Umland versammelt und warteten darauf, dass der Direktor endlich mit seiner , scheinbar endlosen, Rede fertig war.

Dann war es soweit. Die Bundesjugendspiele begannen. Für die Schüler*innen war dies immer die größte Veranstaltung des Schuljahres, da jeder noch ein Mal zeigen konnte, was er drauf hatte, bevor es in die Sommerferien ging.

Vor allem freuten sich die Macho-Jungs darauf, mit ihren Fußball-Muskeln anzugeben, in der Hoffnung, von den älteren Jungs Aufmerksamkeit zu bekommen und an Popularität zu gewinnen. Auch Esra freute sich auf die bevorstehenden Stunden, vor allem aber freute er sich auf den Sprint.

Da ihm bei den letzten Bundesjugendspielen der Sprint so gut gefallen hat, hat er seine Mutter direkt gefragt, ob er einem Leichtathletik-Verein beitreten darf. Diese war zwar sehr davon begeistert, dass er mal seine Nase nicht nur in Bücher steckte, war jedoch nicht ganz von seiner Sportwahl begeistert. Hätte sie darüber entschieden, welchen Sport Esra ausüben soll, hätte sie ihn in den Fußballverein zu seinem großen Bruder gesteckt, anstatt mit den ganzen Mädchen zum Rennen.

Bei eben diesen Mädchen sitzt Esra nun auch im Gras neben der Rennbahn und wartet, bis die älteren Schüler -Esra meint, sie sind in der 8. Klasse, aber er ist sich da nicht so ganz sicher- fertig mit ihrem Sprint sind. Er freut sich schon, den anderen Kindern seiner Klasse zu zeigen, was er alles im vergangenen Jahr gelernt hat.

Als endlich die Klasse 3C an der Reihe war, stieg die Aufregung in Esra. Gleich wird er sich mit drei seiner Klassenkamerad*innen die Bahn teilen und so schnell wie möglich über den,von der Sonne viel zu heiß erhitzten, roten Tartan Boden zu rennen. Er freut sich jetzt schon auf den Adrenalinschub, der ihn überkommen wird, wie immer im Training, und ihn fühlen lässt, als würde er nicht gerade um sein Leben rennen, sondern über Wolken fliegen.

Doch als Esra zusammen mit einer seiner Freundinnen aus den Leichtathletik und zwei anderen Jungen aus der Klasse an der Startline stand, überkam ihn plötzlich ein Gefühl von Unbehagen. Klar ist er schon vor anderen Menschen gerannt, er hat ja schließlich auch schon mehrere Wettkämpfe bestritten, aber vor seinen Mitschüler*innen zu rennen ist doch etwas anderes.

Lange konnte Esra aber nicht über dieses Gefühl nachdenken, da vollkommen unerwartet neben ihm der Startschuss ertönt. Er braucht einen Moment um zu realisieren, was gerade geschehen ist und rennt schließlich mit einigem Abstand zu den anderen Kindern los.

Esra ist so damit beschäftigt, sich selbst über seine Unachtsamkeit zu schimpfen, dass er die Worte, die ihm zugerufen werden, kaum wahrnimmt. Wenige Sekunden später erst beginnt sein Gehirn die Worte des Jungen vollständig zu verstehen.

“Du rennst wie ein Mädchen, Baumann.”

Diese Worte brachen Esra so aus dem Konzept, dass er prompt über seine eigenen Füße stolpert. Esra hatte überhaupt nichts gegen Mädchen, ganz im Gegenteil, seine ganze Freundesgruppe bestand aus ihnen. Doch irgendetwas ganz tief in ihm hatte etwas dagegen, als Mädchen bezeichnet zu werden. Allein bei dem Gedanken daran, als Mädchen gesehen zu werden, stellt es Esra die Nackenhaare auf.

So gut es ging stand Esra von dem Boden auf. Wessen grandiose Idee war es eigentlich diesen absolut hässlichen, bröckelnden und eigentlich schon als Heizplatte funktionierenden, beschissenen Tartar Boden hier zu verlegen? Dass der Boden bröckelt, merkte Esra, als dieser an sich herab schaute und viele kleine Stückchen Boden in seinen offenen Knien wiederfand, welche sich dort schmerzhaft heiß ein neues Zuhause suchten.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie sein Lehrer, Herr Bär, auf ihn zu lief. Als nächstes bemerkte er, dass auf der Wiese neben der Rennbahn Gelächter ausgebrochen ist. Alles, was er dann spürte war Scham. Scham und das Bedürfnis, ganz weit weg zu laufen. Also lief er.

Fort von dem Gelächter, fort von Herr Bär, dessen Fürsorge er nicht wollte und vor allem Weg von seinen Gedanken. Er wollte sich nicht damit auseinandersetzen, wie sehr er von einem doofen Spruch abgelenkt, ja sogar verunsichert wurde. Oder wir sehr ihn dieses eine Wort aus dem Konzept gebracht hatte.

Mädchen

Das Wort spielt wie ein Mantra in Esras Kopf. Er versucht davor weg zu rennen, das wird ihm nun schmerzlich bewusst. Doch warum er das tut, das weiß er nicht.

Mädchen

Eigentlich wollte Esra auch zum Leichtathletik, weil er dort nicht über Dinge nachdenken muss. Sobald er auf der Bahn steht, heißt es “Kopf aus und renne!” für ihn. Und genau dies mag er an dem Sport auch so gerne einfach nicht denken.

Dass dies aber das Gegenteil von dem ist was er gerade tut wird Esra nun auch bewusst.

Also bleibt er stehen. Als er sich umsieht fällt ihm auf, dass er mit seinen Gedanken wohl so beschäftigt war, dass er in eine Gegend gelaufen ist, in der er sich nicht auskennt.

"Gut", denkt sich Esra, “dann kann ich hier ungestört Denken.”. Er sucht sich einen Baum, der etwas verborgen von Gebüsch ist, um sich an ihm anzulehnen. Dort versucht er seine Gedanken zu ordnen. Wie er nach Hause kommt, ist gerade nicht einmal ein Gedanke, den er hat. Ihm geht dieses eine Wort einfach nicht mehr aus dem Kopf und er weiß einfach nicht warum.

Mädchen

Mädchen

Mädchen

In seinem Kopf werden die Stimmen immer vorwurfsvoller und er kann sie nicht mehr ausblenden. Aus für ihn unerschließlichen Gründen steigen ihm Tränen in die Augen und er fängt an zu Weinen. In einem mehr oder weniger verborgenem Gebüsch irgendwo an einem Waldrand in aller Öffentlichkeit. Wie ein Mädchen.

Und da war schon wieder dieses Wort, dass ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte.

Mädchen

Als Esra irgendwann wieder nach Hause kommt, geht er wortlos an dem enttäuschten Blick seiner Mutter und dem dummen Grinsen seines Bruders vorbei in sein Zimmer. Dort trifft er die für ihn nun einzige logische Entscheidung: Er wird mit dem Leichtathletik aufhören. Denn das machte ihn ja zum Mädchen und das geht nicht. Er war ja ein Junge und kein Mädchen.

Seine Mutter freut sich zwar über seine Entscheidung, befürchtet aber, dass er wieder anfangen wird mit dem Lesen und dies ist nunmal schlimmer als Leichtathletik, da ja nur Mädchen als Hobby lesen. Also lässt sich Esra dazu überreden, mit seinem Bruder Fußball zu spielen. Vielleicht bekommt er dort ja neue Freunde, da die Mädchen vom Leichtathletik nur noch kichern, wenn sie ihn sehen. Wenigstens kann Esra beim Fußball auch rennen.

Jetzt wird er vielleicht Junge genug sein.