Chapter Text
Auf Esras neuer Schule fand er recht schnell Anschluss an seine neue Klasse. Auch neue Freunde fand er schnell. Wahrscheinlich weil es gar keine “alten” Freunde für ihn gab, außer vielleicht die Jungs im Fußball, aber die sah er ja noch jede Woche auf dem Feld und so nah standen sie sich jetzt auch nicht, dass er sie Freunde nennen könnte. Seine Mutter würde sagen, dass er sich die falschen Freunde ausgesucht hat, doch auf ihre Meinung hörte Esra schon lange nicht mehr.
Schon in der dritten Schulwoche auf dem Weiterführenden-Gymnasium kamen seine neuen Freundinnen mit einer, in ihren Augen, grandiosen Idee auf ihn zu. Schon aus der Ferne konnte Esra erkennen, dass die kichernde Taube aus Mädchen für ihn nichts Gutes heißen würde. Als sie endlich bei “ihrem” Tisch in der Mensa ankamen, waren sie schon ganz rot im Gesicht.
“Lilly hatte gerade die beste Idee überhaupt! Wir wollen uns in den Herbstferien treffen und eine Übernachtungsparty machen. Meine Eltern sind auch nicht zuhause, also hätten wir sogar sturmfrei! Ich freu mich schon soooo!”, quietschte Pia ihm förmlich ins Gesicht.
Esra brauchte erst einmal einen Moment, um das Gesagte zu verstehen. Er wurde noch nie zu einer Übernachtungsparty eingeladen. Je länger er darüber nachdachte, wurde der Gedanke, dass er wirklich erscheinen würde, immer geringer. Nicht nur, dass seine Mutter es ihm niemals erlauben würde, mit einer Gruppe Mädchen zu übernachten, sondern auch weil er sich selbst nicht sicher war, ob er das wirklich wollte.
Erst als er eine Hand wahrnahm, die in seinem Sichtfeld umher wedelte, wurde ihm bewusst, dass er seinen Freundinnen auch mal antworten sollte. Diese schauten ihm nämlich schon mit fragenden Blicken entgegen.
“Ich weiß ja nicht.”, begann Esra, “Nach den Ferien beginnt ja die Klausurenphase und da muss ich sicherlich viel lernen. Außerdem wird mich meine Mutter sicher nicht kommen lassen.”.
Er muss gar nicht erneut nach oben schauen, um in die Gesichter seiner Freundin zu sehen, um zu wissen, dass sie enttäuscht sind.
“Fragen schadet nicht und vielleicht fällts ihr mal ein, nett zu sein.”, erwidert Sabrina so charmant wie immer.
Entgegen aller Erwartungen erlaubt Esras Mutter ihm tatsächlich, dass er auf die Party gehen darf. Er hat vielleicht vergessen zu erwähnen, dass nur er und die drei Mädchen anwesend sein werden, aber wenn seine Mutter nicht mehr wissen will, ist ihm das auch recht.
So kam es also, dass sich Esra im pink ausgeschmückten Schlafzimmer von Pia wiederfand. Um ihn herum saßen seine Freundinnen, alle mit ihren Händen in seinen Haaren vergraben. Es war schon etwas länger her, dass er beim Friseur war und irgendwie gefielen ihm die Haare länger besser als kurz rasiert. Wenn seine Freundinnen dies gleich als Einladung sehen, ihm allerlei verschiedene Frisuren zu verpassen und ihm Spängchen ins Haar zu knipsen, dann kann er da wohl nichts dagegen machen. Und irgendwie gefiel es ihm ja auch, wenn sie ihn hübsch machten und so taten, als wäre es etwas weltbewegendes, dass ein Junge da mitmacht.
Das war bestimmt, weil er ein Junge war und es genoss, wenn sich drei Mädchen um ihn stritten, wenn auch nur darum, wer bestimmen durfte, welche Frisur es letztendlich werden soll. Denn das rumgezupfe an seinen Haaren war ja wohl nicht, warum er sich gerade so wohl fühlte.
Nachdem sich die Mädels nach gefühlten Ewigkeiten auf eine Frisur geeinigt hatten und diese auch noch auf seinen Kopf gezaubert hatten, war sein Gesicht an der Reihe. Natürlich wurden erst einmal Gesichtsmasken aufgetragen. Lilly meint, die wäre dazu da, dass das Make-up später besser auf seiner Haut sitzt oder so etwas.
Als sie nun also auf Pias Fußboden saßen und warteten, bis die Masken mit ihrem Job fertig waren, fing das Geläster - oder Girltalk - wie es die Mädels nannten - an. Grenzen kannten sie dabei keine. Egal ob über den neuen jungen Mathelehrer oder über die alte Hexe, die sie als Geografie Lehrerin hatten, jeder hatte die Chance das neue Gesprächsthema der Runde zu werden.
Und, wie sollte es auch anders kommen, endete die Tratschrunde bei dem Thema, welchem Esra am wenigsten beitragen kann - Jungs. Klar kennt Esra auch Jungs und kann auch die ein oder andere Meinung zu deren Aussehen beisteuern. Doch irgendwie wird ihm dabei immer unwohl.
“Hast du schon die neue Frisur von Daniel gesehen? Ich glaub da ist dem Friseur mal der Rasierer ausgerutscht.”
“Endlich sagt das mal jemand! Wie kann man nur freiwillig so zur Schule gehen?”
Dass das Gespräch um ihn schon längst drei weitere Jungen ihrer Stufe behandelt hatte, hat Esra gar nicht mitbekommen. Zu sehr fragte er sich, warum er sich genau bei dem Thema Jungs so unwohl fühlte. Schwul war er nicht, so viel wusste er. Jedes Mal, wenn er Pia betrachtet, wurde er sich dessen bewusst. Hatte er Angst, dass sie als nächstes abfällig über ihn reden würden? Das kann es auch nicht sein. Er kannte seine Freunde zwar noch nicht sehr lange, jedoch wusste er genau, dass sie nie so über ihn reden würden.
Als er sich endlich aus seinen Gedanken lösen konnte, hatten die drei schon ganz anderen Gesprächsstoff gefunden. Anscheinend ging es gerade über ein Mädchen aus Lillys Stall und welche neue Designer Mode sie schon wieder trug, nur um Mist zu schaufeln. Da konnte er aber wirklich noch weniger mitreden als bei Jungs. Doch auch dieses Thema hatte keine Beständigkeit, als es dann an die Schminke ging.
Sabrina war nun voll in ihrem Element. Sie hatte - laut ihr - nur einen kleinen Teil ihrer Sammlung mitgenommen, der es trotzdem schaffte, sich über das komplette Zimmer zu verteilen. Zuerst bekam Pia ihr “Makeover”. Bei ihr war alles ziemlich schlicht gehalten, nur ein bisschen Glitzer hier, ein bisschen Puder da und am Ende noch einen Lidstrich. Trotzdem war es für ihn ungewohnt Pia in Make Up zu sehen, nicht dass es nicht schön aussieht, sondern nur neu. Er hatte sie zuvor nie so gesehen und es hatte viel Überzeugungsarbeit von Sabrina und Lilly gekostet sie überhaupt zu diesem Punkt zu bringen.
Als auch Lillys Regenbogen und Glitzer Make Up, welches perfekt zu ihrem Scene-Look passt, vollendet war, war Esra an der Reihe. Er spürte jeden Pinselstrich ganz hauchzart auf seiner Haut. Jede Schicht an Produkt, welches sich auf sein Gesicht setzte und sich dort anfühlte, als gehörte sie längst schon zu seiner Haut. Mit jeder Bewegung von Sabrina fühlte es sich so an, als würden Teile von ihm erwachen, von denen er nicht wusste, dass sie zu ihm gehören. Er fühlte sich, als würde er auf Wolken fliegen, von denen ihn niemand herunter holen kann.
“Man, es ist so cool, dass du so etwas mit uns machst, das würden andere Jungs sicher nicht machen! Es ist fast schon so als wärst du eine von uns!”, meint Sabrina ganz erfreut und grinst ihm ins Gesicht.
Vielleicht konnte ihn doch jemand von dieser Wolke schubsen. Mit einem Katapult. Denn so fühlte er sich gerade. Plötzlich war er voller Adrenalin. Er musste hier weg. Doch wie? Und wie erklärte er den Mädels warum er weg will? So viele Fragen türmten sich in seinem Kopf auf und er konnte keine davon beantworten.
“Esra ist alles Okay bei dir?” Kommt nun die besorgte Frage von Pia.
Gar nichts war Okay bei ihm. Aber das zuzugeben wäre schwach und er durfte nicht schwach sein. Also tat er, was er immer tat. Tief durchatmen und lächeln. Er packte all seine Ängste und Fragen in eine Box und schob diese ganz weit weg. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, sich mit seinen Gefühlen gegenüber Make Up auseinanderzusetzen. Er bezweifelte zwar, dass es jemals der richtige Zeitpunkt sein wird, aber das ist ein Problem für Zukunfts-Esra. Jetzt musste er wieder er selbst werden.
“Ja, alles gut bei mir. Ich hab mich nur kurz vor dem Pinsel erschreckt.”
Die Lüge tat zwar weh, aber er wusste tief in ihm, dass die Wahrheit noch mehr weh tun wird.
