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Adam stellt den Motor ab, bleibt einen Moment sitzen und lässt sich von der Stille einhüllen. Regentropfen klopfen an die Scheibe, verwischen zunehmend seine Sicht, jetzt, wo die Scheibenwischer nicht mehr laufen. Er atmet tief ein, langsam aus, öffnet die Autotür, der kalte Luftzug lässt ihn instinktiv die Schultern hochziehen. Dann greift er sich Schlüssel und Handy, schickt noch eine kurze Nachricht an Leo – jetzt am Haus. Stunde ca. – und steigt aus, ohne eine Antwort abzuwarten.
Leo versteht nicht, warum er immer wieder herkommt. Vielleicht versteht er es selbst nicht.
Er ist froh, dass Leo ihn das machen lässt, ohne zu diskutieren. Anfangs war es anders. Inzwischen hat sich Routine eingeschlichen. Wenigstens einmal im Monat kommt er noch her. Wochentags, Mama kocht und er kann nicht zu lange bleiben, schließlich muss er am nächsten Tag arbeiten, früh raus. Dann fährt er wieder und Leo wartet schon auf ihn.
Der Kies knirscht unter seinen Schuhen, als er mit langen Schritten die Einfahrt hinaufläuft, den Kopf geduckt, als könne er so dem Regen entkommen. Dann ist er an der Haustür angekommen, findet den richtigen Schlüssel am Schlüsselbund, ein Schwall Wärme wirbelt ihm entgegen, als er über die Türschwelle tritt.
Er zieht die Schuhe aus, nur wegen des Wetters, will schließlich keinen Dreck hineintragen. Das Haus ist ruhig, zu still, aber nicht dunkel. Im Wohnzimmer brennt Licht.
Normalerweise wartet seine Mutter schon an der Tür auf ihn. Sie freut sich jedes Mal wieder, ihn zu sehen. Jedes Mal wieder fragt sie, ob er nicht doch ein wenig länger bleiben kann. Jedes Mal wieder sagt sie, wie schade es doch ist, dass er schon wieder gehen muss, sagt, dass er doch mal am Wochenende vorbeikommen kann oder an einem Freitag. Jedes Mal wieder sagt er, dass er leider wirklich nur heute Zeit hatte, es tut ihm leid, aber er kommt bestimmt bald wieder, er meldet sich. Dann fährt er wieder. Zu feige, um länger zu bleiben, flüstert eine leise, gehässige Stimme in seinem Kopf.
„Mama?“, fragt er, kann die Sorge nicht ganz aus seiner Stimme verbannen, stellt die Schuhe sorgfältig nebeneinander ab, macht dann einen Schritt um die Ecke, ins Wohnzimmer. Und hält überrascht inne.
Da sitzt sie. Mitten auf dem Wohnzimmerboden, umgeben von Kisten, deren Inhalt in einem weiten Kreis um sie verstreut ist, Weihnachtskugeln und Kerzenhalter, Tannenzweige aus Plastik, Rentiere aus Holz, Teile des sündhaft teuren Weihnachtsgeschirrs mit dem Goldrand, Strohsterne. Die Küche liegt dunkel und sauber zu seiner Linken, der Esstisch ist leer bis auf eine angefangene Weinflasche und ein teuer aussehendes – und hässliches – Adventsgesteck. Seine Mutter blickt zu ihm hoch, als sie seine Schritte hört.
„Adam!“, sagt sie, und wie immer klingt ihre Stimme dabei so atemlos froh, als sei sein Anblick auch beim hundertsten Mal noch ein unerwartetes Geschenk Gottes. Sie hat ein halbleeres Weinglas in der Hand, hat sich zwei Reihen einer Lichterkette um den Hals geschlungen, als sei es tatsächlich eine Kette.
Was zum Teufel?, möchte er fragen. Stattdessen tritt er vorsichtig zwei Schritte näher an sie heran und schweigt.
„Schau mal. Schau, was ich gerade gefunden habe“, sagt sie, winkt ihn heran, und ihre Stimme klingt so kindlich begeistert, dass er überrascht ihrer Aufforderung folgt, sich vorsichtig neben sie hockt, bevor er überhaupt richtig registriert, dass er sich bewegt hat. Ihre Hand umfasst seinen Unterarm und er muss sich zwingen, nicht zurückzuzucken, die Berührung zuzulassen.
„Die Weihnachtsmänner“, sagt Mama, fast flüsternd, mit einem leisen Zittern in der Stimme. „Erinnerst du dich an die Weihnachtsmänner, Adam?“
Und mit einem Schlag ist Adam wieder fünf und sitzt mit seiner Mutter in der Küche. Nicht in dieser Küche natürlich, kahl und stählern und makellos. Damals war vieles noch anders. Auch wenn er weiß, dass er die ersten Jahre seiner Kindheit in seiner Erinnerung idealisiert, kommen die Jahre in der kleinen Wohnung, vor dem Umzug, ihm wärmer und fröhlicher vor. Er hatte auf die Arbeitsplatte klettern dürfen, an diesem einen Tag, obwohl das natürlich verboten war. Nicht verraten, hatte Mama ihm verschwörerisch zugeflüstert und ihm eine Tasse mit warmem Kakao in die Hände gedrückt. Und dann saß er da, im Schneidersitz auf der Arbeitsplatte, die Fensterbilder mit den Weihnachtsmännern im Schoß, und hat zugesehen, wie Mama die Winterlandschaft am Küchenfenster aufgeklebt hat. Die Weihnachtsmänner hat er dann ganz allein in der Winterlandschaft verteilen dürfen. Weihnachtsmänner beim Schlittenfahren, Weihnachtsmänner, die sich eine wilde Scheeballschlacht lieferten, sogar einer mit Sonnenbrille, den Adam am lustigsten fand. Bestimmt zwanzig verschiedene Weihnachtsmänner waren es, die sich am Ende in der Winterlandschaft auf ihrem Küchenfenster vergnügten und der Kakao war süß und Mama hat gelacht und im Hintergrund lief leise das Radio. „Ich hab dich lieb, mein Schatz“, hat Mama gesagt und ihm einen Kuss gegen die Stirn gedrückt und dann durfte er ganz alleine ein ganzes Lebkuchenherz essen.
Im nächsten Jahr waren die Weihnachtsmänner aus dem alten Umzugskarton mit den Weihnachssachen verschwunden. Er sei zu alt für so einen Kinderkram, hatte sein Vater gesagt.
Adam nimmt seiner Mutter den Bogen mit den Fensterbildern aus der Hand, streicht vorsichtig eine der leicht verknitterten Weihnachtsmannfiguren glatt. Er muss sich räuspern, bevor er seine Stimme wiederfindet.
„Du könntest“ – erneutes Räuspern, er setzt neu an – „Wir könnten… also wenn du möchtest? In der Küche, so wie damals?“
Als er an Heiligabend das nächste Mal zu Besuch kommt, sind die Weihnachtsmänner noch immer da, unten an der Tür, die von der Küche hinaus auf die Terrasse führt. Dort, wo sie sie gemeinsam aufgeklebt haben.
„Manchmal fällt einer ab, aber dann drück ich ihn einfach wieder an“, sagt seine Mutter und drückt ihm eine Tasse Kakao in die Hand.
