Work Text:
Da stand ein Tannenbaum auf Adams Schreibtisch.
Nun. Bäumchen.
Vermutlich.
Etwas Baumförmiges zumindest, mit einiger Phantasie. So hoch wie sein Kaffeebecher, aber nicht annähernd so nützlich, weil der Kaffeebecher immerhin die überlebenswichtige Versorgung mit koffeinhaltigen Heißgetränken sicherte. Und besagte Heißgetränke auch heiß hielt, weil das großartige Teil auch noch eine Thermofunktion hatte.
Mindestens zwei Stunden blieb der Kaffee da drin wunderbar warm. Vielleicht auch länger, aber so weit hatte Adam es bisher noch nie kommen lassen. Und selbst da war es nur ein Notfall gewesen, weil Adam unvermutet und frechstens überrumpelt in eine Befragung gezerrt worden war.
Jedenfalls stand da ein vermutetes Bäumchen, kaffeebecherhoch und aus weißem Porzellan, die einzelnen Ast-Etagen mit Goldrand dekoriert, und Adam hatte keine Ahnung, wo das hergekommen war, seit er gestern Abend das Büro verlassen hatte. Oder wieso ausgerechnet bei ihm ein Wald aufgelaufen war. Auf den anderen Schreibtischen stand auf jeden Fall kein unerwarteter botanisch-kitschiger Zuwachs.
Leo konnte es nicht gewesen sein. Der war gestern mit Adam nachhause gefahren und unter steter unmittelbarer Überwachung gewesen, vom “Wir sind endlich zuhause”-Kuss an der Haustür als Signal für den Wechsel von KHK Hölzer und Schürk zu Leo und Adam, über das gemeinsame Abendessen, das faule Rumflözen und Rumknutschen auf der Couch während Leos geliebter Geschichtedoku, bis zum etwas motivierteren Rumknutschen und Rumfummeln im Schlafzimmer, wo sie dann vernünftig-müde eingeschlafen waren, bevor sich zu viel entwickeln konnte.
Nein, Leo war unter Garantie unschuldig, was die Aufforstung auf Adams Schreibtisch anging. Der war noch nichtmal im Büro eingetroffen, sondern direkt in die Kaffeeküche abgebogen, um die Versorgung zu sichern.
Pia vielleicht? Die lief doch jeden Abend auf diversen Weihnachtsmärkten rum, postete Fotos von Krachmandeln und Punsch und von sich selbst, bunt-fröhlich pudelbemützt und mit von der Kälte geröteten Bäckchen. Ja, Pia war Weihnachtsdeko zuzutrauen, nur war dieses fast schon schlichte Mini-Gehölz nicht unbedingt ihr Stil.
Adam warf einen Blick hinüber auf ihren Schreibtisch, wo seit zwei Wochen ein kniehoher Elch stand, umwickelt mit einer fröhlich blinkenden Lichterkette. Dann auf das zurückhaltend weiß-goldene kleine Fichtengedöns vor ihm.
Sah nicht unbedingt nach Pia aus, außer die hatte das bei sich selbst als zu langweilig ausgemustert. Wieso sie dann aber auf die Idee kommen sollte, dass ausgerechnet Adam ein idealer Empfänger für langweilig-elegante Minitännchen sein sollte, war eine andere Frage. Würde doch viel besser zur Baumann passen, das Porzellangewächs. Aber die war auch gerade ins Büro gekommen und hatte sich wortlos an ihrem Schreibtisch niedergelassen. War also wohl auch nicht ihrer.
Vorsichtig schob Adam den Nadelbaumbonsai ein wenig zur Seite, damit er auf dem Schreibtisch Platz für den heutigen Funkzellenabfragestapel des Grauens hatte. Wieso er das gestern freiwillig übernommen hatte, war ihm ein Rätsel.
Naja.
Vielleicht nicht ganz ein Rätsel.
Da war dieser Moment im Auto gewesen, wo Leo ihn ganz verliebt angeschaut hatte, eine streichelnde Hand auf Adams Oberschenkel, und sich ihm für einen Kuss zugeneigt hatte. Danach wurden Adams Erinnerungen etwas unscharf an den Rändern, aber die Funkzellenabfrage war später auf seiner To-Do-Liste aufgetaucht.
Schon irgendwie frech. Aber Leo hasste diesen Fisselkram fast noch mehr, als Adam es tat, weil er sich dabei zu sehr im eigenen Kopf verlor. Also machte Adam das eben, weil man das halt so machte, wenn man jemanden mochte. Und er mochte Leo. Sehr. Genug für Funkzellenabfragen.
Sein gefüllter Kaffeebecher wurde neben ihm auf den Schreibtisch gestellt, direkt beim Porzellanbäumchen. Ein Schüsselchen mit bunt dekorierten Plätzchen kam dazu, die Leo vermutlich in der Kaffeeküche gefunden und eine angemessene Ration für Adam abgezweigt hatte. Dazu gab es ein sachtes Schulterklopfen und ein sanftes Streichen über Adams Nacken, den Shirtkragen entlang, das ihn wohlig seufzen ließ.
Leo floppte in seinen eigenen Stuhl, klappte seinen Laptop auf und schenkte Adam noch dieses hübsche kleine Zwinkern, das ihn immer so jung und unbeschwert aussehen ließ, bevor er sich seine eigene erste Mappe schnappte - Kontoauszüge, weil die in der Hölzer’schen Gefühlswelt besser waren als Funkzellenabfragen.
Adam streckte nochmal die Hand nach dem Bäumchen aus und strich behutsam über den schmalen Goldrand, der Zweige andeuten sollte. Kühl fühlte sich das an und glatt, und gar nicht so unangenehm.
Man sollte doch ohnehin mehr Pflanzen im Büro haben.
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Esther mochte es, vor den anderen im Büro zu sein. Dann hatte sie noch ein paar Minuten Ruhe, konnte sich organisieren, ihre Jacke loswerden und ankommen, bevor der gedoppelte Hölzer-Schürk-Irrsinn über sie hereinbrach. Die beiden mochten sich etwas beruhigt haben, seit sie ihre Energie und ihr Drama gemeinsam austobten, aber die beiden brachten mit ihrer schieren Anwesenheit schon mehr Unruhe herein, als Esther wirklich schätzte in ihrem Alltag.
Heute morgen hatte sie dasselbe geplant. Hatte auf dem wunderbar leeren Parkplatz unten ihren Lieblingsplatz ergattert (und die Genugtuung genossen, als dreißig Sekunden später ihr erbittertster Konkurrent um die Ecke gebogen gekommen war) und dann ohne weiteren Menschenkontakt den Weg bis ins Büro geschafft. Wo dann plötzlich Annemarie vom Kunstverbrechendezernat zwei Türen weiter um Hilfe mit ihrer Schlüsselkarte gebeten hatte. Passierte dreimal die Woche, weil Annemarie viel von Kunst, aber wenig von organisiertem Herangehen verstand und sich ihr Büro als den besten Ort für ihre Schlüsselkarte auserkoren hatte. Hinter der automatisch versperrten Tür.
Das und das anschließende kurze Plaudern hatte Esther um ihren ruhigen Morgenstart gebracht, weil Schürk und Hölzer schon eingetrudelt waren, bis sie sich wieder loseisen konnte.
Mit einem inneren tiefen Seufzen und demonstrativ verdrehten Augen setzte sie sich und machte sich dran, ihren Tag zu organisieren. Jacke über die Lehne ihres Stuhls. Frische Wasserflasche bereitgestellt. Laptop aufgeklappt und eingeschaltet. Tupperdose mit Nudelsalat für die Mittagspause in die oberste Schublade, wo weder Pia noch Schürk rangingen, weil die genau wussten, was ihnen dann blühte.
Und dann hatte sie den kleinen Porzellan-Weihnachtsbaum aus ihrer Tasche holen wollen. Sich daran erinnert, dass sie den schon in der Hand gehabt, als Annemarie nach ihr gerufen hatte, und ihn deshalb rasch auf Schürks Schreibtisch abgestellt hatte.
Wo er jetzt noch stand. Und gerade von Schürk befummelt wurde.
Esther wollte ihn schon anblaffen, seine schmutzigen Pfoten von ihrem Deko-Bäumchen zu lassen. Wollte hinübermarschieren und es sich holen, weil sie das gestern Abend noch aus der Kiste mit der Weihnachtsdekoration im Keller geholt hatte.
Etwas Persönliches ins Büro bringen sollte helfen beim Teamklima, hatte sie in einem Workshop vorige Woche gehört. Normalerweise gab sie wenig auf diesen Wellness-Feelgood-Kreiskuschelkram, aber Pia war auch dabei gewesen und hatte jetzt mit großer Begeisterung ihr Elch-Ungetüm angeschleppt. Da musste Esther schon mitmachen, und irgendwie war es ja auch gar kein so schlimmer Gedanke. Sie besaß das Bäumchen immerhin nur, weil es ihr gefiel. Da konnte es auch auf ihrem Schreibtisch stehen, wo sie ohnehin mehr Zeit verbrachte als in ihrem eigenen Wohnzimmer.
Jetzt stand das Bäumchen bei Schürk, und das war so nicht geplant.
Sie hatte schon ihren Stuhl zurückgerollt, um aufzustehen und ihr Eigentum zurückzuholen, als sie sah, wie er langsam mit den Fingerspitzen die Linien des Bäumchens nachzog. Da war ein feines Lächeln auf seinem Gesicht dabei, fast als würde es ihm Freude machen.
Es ließ sie innehalten.
Esther mochte ihn meistens nicht sonderlich. Er sie auch nicht, da waren sie sich einig in der Gegenseitigkeit. Aber genauso waren sie sich einig, dass sie einander nichts Böses wollten.
Sie rollte ihren Stuhl wieder an den Schreibtisch heran.
Im Lauf des Tages sah sie immer wieder, wie Schürk behutsam das Porzellanbäumchen anfasste. Es auf seinem Tisch neben dem Stiftebecher arrangierte, dann doch wieder näher an seinen Kaffeebecher heran schob, weg von der Tischkante. Erstaunlich zufrieden sah er aus, als das Bäumchen schließlich einen Platz auf seiner Zettelbox gefunden hatte und da Wurzeln zu schlagen schien.
Als sie schließlich ihre Sachen packte und als letzte im Büro das Licht ausmachte, schaute sie nochmal auf das Bäumchen auf Schürks Schreibtisch, ordentlich auf der kleinen Zettelbox zurechtgerückt, wo er es jedes Mal im Blick haben musste, wenn er vom Bildschirm hochschaute.
Gut, dass sie die Kiste mit den Dekorationen noch nicht wieder in den Keller hinunter geräumt hatte. Da würde sich sicher noch etwas für ihren eigenen Platz finden.
