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Der Umwelt (und dem Hölzer) zuliebe

Summary:

Adam steht rauchend am Ufer der Saar und wartet auf Leo. Wieder einmal könnte die Welt so schön sein. Wenn da nicht eine Zigarette namens ‚Kippi‘ wäre, die ihn in ein Gespräch verwickeln will.

Notes:

Diese Fic ist ausnahmsweise nicht inspiriert von blödem Real Life-Blödsinn aus Saarbrücken, aber wer sagt, dass andere Städte nicht auch großartige Ideen gegen Zigarettenverschmutzung haben können? Klick

Danke, liebe Juju, für Deine überaus motivierenden Dialog-Beiträge. <3

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(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Adam steht am Saar-Ufer und raucht.

Er steht am Saar-Ufer und raucht und wartet auf Leo. Und weil ihn der Gedanke an Leo und daran, dass sie endlich zusammen sind und Leo gleich hier bei ihm sein wird, immer noch ein wenig nervös und aufgeregt macht, raucht er nicht nur eine Zigarette, während er auf Leo wartet, sondern ein paar mehr. Zu viele, eindeutig, aber er kann nicht anders. Irgendwie muss er sich beschäftigen, während er auf Leo wartet, und auch, wenn Rauchen die Gesundheit gefährdet, ist Rauchen eben auch eine verdammt gute Beschäftigung für jemanden, der ohne eine und noch eine und noch eine Dosis Nikotin ein bisschen durchdrehen würde.

Natürlich hat Adam, weil er eben ein sehr pflichtbewusster Raucher ist, seinen lächerlichen Taschenaschenbecher dabei. Der Umwelt zuliebe und so. Und naja, auch Leo zuliebe, denn Adam macht sich nichts vor, aber Leo… steht auf diesen Taschenaschenbecher. Oder besser gesagt: Leo steht auf Adams Hände. Er kann nach wie vor seine Blicke nicht von Adams Händen losreißen, wenn der seine Zigarettenschachtel hervorkramt, eine Kippe herausholt, sie sich zwischen die Lippen schiebt, dann nach dem Zippo fummelt, es aufklappt und sich schließlich die Zigarette anzündet. Die Zigarette zwischen Adams Fingern macht Leo ein bisschen wahnsinnig. Und auch, wenn Adam das nach wie vor nicht ganz fassen kann, aber: Wenn er dann auch noch den kleinen Taschenaschenbecher aus der Hosentasche zieht und die Asche dort hineinschnippt, dann… dann kommt Adam sich verflucht albern vor, aber er liebt es natürlich, dass Leo ihn jedes Mal aufs Neue ganz genau beobachtet dabei.

Noch steht Adam zwar allein hier am Saar-Ufer, aber dennoch will er, weil er eben sehr pflicht- und umweltbewusst ist, gerade den Taschenaschenbecher hervorziehen, da stellt er fest, dass er nicht so allein ist, wie er dachte.

„Asche und Zigarettenstummel gehören nicht in die Umwelt, das ist Ihnen bekannt?“, quatscht ihn jemand von schräg hinten an.

Adam steht auf dem Grünstreifen zwischen asphaltiertem Weg und Uferkante und kann sich nicht beherrschen. „Und Schlaumeier gehören in die Saar, ist Ihnen das bekannt?“, fragt er, dreht sich um und – traut seinen Augen nicht. Saarbrücken überrascht ihn ja immer wieder, aber das… das hier… das ist noch zehnmal besser als das Saarvenir.

Vor ihm steht eine lebensgroße Zigarette. Jawohl. Eine lebensgroße Zigarette mit zwei Armen und zwei Beinen und sprechen kann sie auch noch. Weil sie ein Gesicht hat. Mit Augen, Nase und Mund.

Die Zigarette grinst ihn an. Obwohl Adam sie gerade eindeutig bedroht hat, aber das scheint der Zigarette entgangen zu sein. Oder sie hat, bevor sie auf ihre Mission geschickt wurde – und das ganz sicher wieder mal vom Zentralen Kommunalen Entsorgungsbetrieb der Stadt Saarbrücken, Adam weiß es genau, alles riecht hier schlimmer als jeder Zigarettenrauch nach den Idioten, die ihm dereinst auch diesen Taschenaschenbrecher angedreht haben – an einem Deeskalationstraining teilgenommen, um aggressiven Rauchern souverän begegnen zu können. Worauf definitiv auch die nun folgende Antwort der Zigarette hindeutet.

„Ich bin sicher, wir können das auch anderweitig klären.“ Die Zigarette lächelt ein, wenn Adam sich nicht sehr irrt, ziemlich siegessicheres Lächeln.

„Ach ja?“, fragt Adam und zieht demonstrativ an seiner Kippe.

„Ja. Sie können mich übrigens Kippi nennen“, sagt die lebensgroße Kippe und hält Adam die mit einem riesigen weißen Handschuh behandschuhte Hand hin.

„Mit Sicherheit nicht“, sagt Adam, der nicht genau weiß, ob er lachen oder die Kippe in die Saar schnippen soll. Also, die lebensgroße Kippe. Das wäre doch ein Spaß. Und seine eigene Kippe würde er direkt noch hinterher schnippen, auch wenn das sicherlich leider nicht dazu führen würde, die neunmalkluge Zigarette in Brand zu setzen. Was verdammt schade wäre. Eine brennende, auf der Saar treibende Zigarette in Lebensgröße. Ein Spaß für Groß und Klein.

Und ein Spaß für Karow, wenn Adam ihm irgendwann von dieser menschgewordenen Zigarette erzählt. Schon bei Inaugenscheinnahme des Taschenaschenbechers hat Karow sich köstlichst amüsiert und demonstrativ daneben geascht, als Adam ihm das Ding hingehalten hat. Was ja klar war. Wenn Adam ihm jetzt aber auch noch von Kippi erzählt, wird Karow das Saarland im Allgemeinen und Saarbrücken im Speziellen für absolut durchgedreht erklären. Womit er nicht ganz falsch läge. Und verdammt, wäre Karow jetzt hier, Kippi würde längst schon den Enten auf und in der Saar Gesellschaft leisten.

Adam muss lachschnauben bei dem Gedanken. Karow ist eben ein noch größerer Arsch als Adam selbst.

„Ich will mich nur mit Ihnen unterhalten“, sagt die sprechende Kippe jetzt.

Adam nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette und bläst Kippi den Rauch direkt ins Gesicht. Kippi hustet. Adam lacht ein bisschen in sich hinein.

„Hm, das tut mir aber echt leid, Kippi, weil… ich hab leider was Besseres zu tun. Du hast doch sicher Freunde, mit denen du dich unterhalten kannst. Mülli und Schitti zum Beispiel?“, erwidert Adam und zieht jetzt wirklich den orangenen Taschenaschenbecher in der Form einer Mülltonne aus seiner Hosentasche – Kippis Freund Mülli wäre stolz auf ihn. Aus den Augenwinkeln nimmt er wahr, wie der Kerl im Kippenkostüm ihn nicht aus den Augen lässt und überrascht die Augenbrauen hochzieht. Adam lachschnaubt demonstrativ und fügt hinzu: „Zerstört jetzt wohl dein gesamtes Weltbild, was?“

Die Zigarette räuspert sich. „Aber es kann doch nichts Besseres geben, als sich noch ein wenig über die Umwelt und insbesondere die sachgemäße Entsorgung von Zigarettenstummeln zu unterhalten“, versucht der Glimmstängel erneut sein Glück. Adam trifft eine Entscheidung und nickt Kippi aufmunternd zu.

„Also schön, ich bin ganz Ohr“, sagt er und entsorgt die Überreste seiner Zigarette allervorbildlichst in seinem Taschenaschenbecher.

Kippi räuspert sich. Die lebensgroße Zigarette macht einen Schritt auf Adam zu und steht nun neben ihm auf dem Grünstreifen, nur einen halben Meter entfernt von der Kante, über die man auf direktem Weg in der Saar landen würde. Wenn man das denn wollte. Denkt Adam.

„Sie wissen ja: Großes entsteht immer im Kleinen“, beginnt Kippi und Adam meint sich dunkel zu erinnern, dass es sich bei diesen gesalbten Worten um den offiziellen Werbe-Slogan des Saarlands handelt. Alles klar. Der Typ im Kippenkostüm will seine einstudierten Werbebotschaften loswerden? Adam wird ihn nicht aufhalten. Noch nicht jedenfalls.

„Ach ja?“, tut er also übertrieben interessiert und zieht sein Zippo aus der Hosentasche. Lässt es durch die Finger seiner linken Hand gleiten, ja, fast tänzeln, und wünscht sich, Leo wäre hier, um ihn dabei zu beobachten. Adams Hand mit Zippo, da dreht Leo gerne mal ein bisschen durch.

„Ja“, reißt Kippi ihn aus seinen Gedanken. „Ein Wald- oder Flächenbrand entsteht in der Kippe. Eine – “
„Und ein Veilchen entsteht mit ner Faust“, murmelt Adam, den solche Sprüche aggressiver machen als lebensgroße Zigaretten, die ihn an einem friedlichen Samstagnachmittag am Saar-Ufer anquatschen. Er ist nicht stolz drauf und er würde Kippi niemals eine reinhauen – jedenfalls dann nicht, wenn er zur Beruhigung sofort noch eine raucht. Was er also tut.

„Eine Kippe gehört nicht auf den Boden“, fährt die Zigarette so unbeirrt wie möglich fort.

Adam nimmt einen ersten Zug von seiner frisch entzündeten Zigarette und fragt: „Hast du gesehen, was ich gerade gemacht hab?“ Er zieht den Taschenaschenbecher wieder hervor und wedelt damit vor Kippis Gesicht herum.

„Wir bemühen uns um jede einzelne Kippe“, sagt die Zigarette bedeutungsschwanger. Adam hat keine Ahnung, was sie damit meint. Soll sie doch Leute anquatschen, die eindeutig nicht im Besitz eines lächerlichen Taschenaschenbechers sind und mit ihren Zigaretten tatsächlich die Umwelt verschmutzen.

Bevor Adam Kippi diese Empfehlung empfehlen kann, hört er hinter sich eine wohlbekannte Stimme mit eindeutig ironischem Unterton fragen: „Und würden Sie sagen, das läuft gut?“

Gleichzeitig drehen Adam und die Zigarette sich um. Beim nun uneingeschränkten Anblick der lebensgroßen Kippe muss Leo sich kurz auf die Unterlippe beißen und sich ein lautes Lachen verkneifen, Adam bemerkt es genau. Statt zu lachen, kommt Leo ganz nah an Adam heran und flüstert ihm ins Ohr: „Alles klar, Herr Kommissar?“

Leo mag nicht gelacht haben, aber dafür muss Adam jetzt laut auflachen. „Ich regel das schon“, gibt er leise zurück, nachdem er sich wieder beruhigt hat.

„Aber tu ihm nicht weh“, sagt Leo mit einem Zwinkern.

Adam zwinkert zurück. „Ihr“, sagt er.

„Was?“, fragt Leo.

„Tu ihr nicht weh. Die Zigarette“, erklärt Adam und gibt sich nun keine Mühe mehr, sonderlich leise zu sprechen. Die Zigarette sieht von Leo zu Adam und wieder zurück und verfolgt ihren Austausch mit irritierter Aufmerksamkeit. Oder vielleicht auch mit aufmerksamer Irritation.

„Adam“, tut Leo jetzt sehr wichtig, „du weißt schon, dass da ein Mensch – “

Adam blitzt Leo mit gespielter Empörung an. „Hältst du mich für dämlich? Natürlich weiß ich, dass da ein Mensch – “

„Ähm, Entschuldigung, aber – “, will sich die Zigarette einschalten.

„Klappe halten!“, sagen Adam und Leo wie aus einem Mund. Adam liebt es, wenn sie so miteinander harmonieren.

„Was?“, fragt die Zigarette. Sie wirkt ein wenig hilflos.

„Wenn die Raucher reden, hat die Kippe Sendepause“, erklärt Adam nur zu gern. Allerdings hat er dabei die Rechnung wohl ohne die Zigarette gemacht, die eindeutig hellhörig geworden ist und sich überaus interessiert an Leo wendet: „Ach, Sie rauchen also auch?“

Doch davon lässt Leo sich kein bisschen aus der Ruhe bringen. Stattdessen deutet er vor sich auf den Gehweg und sagt gespielt-beiläufig: „Vielleicht kümmern Sie sich lieber mal um diese ganzen einzelnen Kippen, die hier rumliegen? Und lassen mich und vor allem meinen Freund mit seinem Taschenaschenbecher in Ruhe?“

Adam würde Leo am liebsten an sich reißen und besinnungslos knutschen. So sehr Leo sich darüber freuen würde, wenn Adam mit dem Rauchen aufhörte, so entschieden pinkelt er jedem ans Bein, der Adam wegen seiner Raucherei dumm von der Seite anquatscht. Das hat Adam schon häufiger erlebt – und auch jetzt wieder.

Kippi schlackert ein bisschen hilflos mit den Armen. Offenbar würde er viel lieber weiter seine Werbebotschaften loswerden, statt sich von Leo in die Parade fahren zu lassen.

„Aber genau darum geht es ja“, sagt die Zigarette, die sich dabei eindeutig bockig anhört.

„Ach ja?“, fragt Leo.

„Ja. Jeder Raucher ist ein potentieller Umweltsünder“, stellt Kippi fest und befindet sich damit offensichtlich wieder auf dem Pfad der Werbesprüche. Adam verdreht die Augen.

„Dann red‘ mit den ganzen anderen Rauchern hier, du Vogel“, sagt er und kann sich nicht daran hindern, einen Schritt auf Kippi zuzumachen. Er könnte die Zigarette jetzt packen und –

„Ich wollte ja nur sagen… eine Kippe gehört nicht auf den Boden“, wiederholt Kippi kleinlaut.

Adam weiß, die Zigarette wird ihm jetzt nicht mehr gefährlich werden. Dennoch antwortet er, und das ziemlich überzeugend: „Aber du gehörst in die Saar, Freundchen.“

Er macht einen ebenso überzeugenden und außerdem drohenden Ausfallschritt auf Kippi zu und wird noch viel überzeugender von Leo am Arm gepackt und zurückgehalten.

„Komm schon, Süßer, Kippen sind zum Rauchen da, nicht zum… Tauchen“, sagt Leo so herrlich dämlich, dass Adam der Zigarette lediglich einen harmlosen Schubser verpasst und sich dann ganz Leo zuwendet. Er dreht sich noch einmal kurz zur Zigarette um, sagt: „Zieh ab jetzt“ (und bedauert dabei insgeheim, dass er den Kerl im Kippenkostüm heute nicht mehr in der Saar treiben sehen wird) und hat gleich darauf nur noch Augen für Leo.

Die Zigarette, die er sich gerade noch angezündet hatte, ist längst vergessen und erloschen. Natürlich befindet sie sich noch immer sicher zwischen Adams Zeige- und Mittelfinger, so lange, bis er sie entweder erneut anzünden oder in seinem Taschenaschenbecher entsorgen wird.

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Notes:

Das im Text erwähnte Saarvenir könnt Ihr hier bestaunen...

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