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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2022-07-10
Updated:
2026-02-10
Words:
378,759
Chapters:
51/?
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5
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37
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2,114

The Marauders' Tale (German)

Summary:

1971 ist das Jahr der Anfänge – es ist das Jahr, dass den Anfang der Freundschaft ankündigt, die die Welt für immer verändern wird. Vier ungleiche Jungen nehmen den Hogwarts-Express, um ihr erstes Jahr am magischen Internat zu beginnen, unwissend, dass sie es sein werden, die die wohl bedeutendsten Rollen im Zaubererkrieg spielen werden, der am Horizont erblüht. Während James, Sirius, Remus und Peter allerdings noch in ihrer kindlichen Welt gefangen sind und nicht wissen, was sie anrichten werden, rühren sich langsam die düsteren Gedanken im Hinterkopf von Severus und Lily muss bald erkennen, dass nicht jede Freundschaft auf Wahrheit basiert. Doch wenn das Fundament aus Lügen unter ihren Füßen zu bröckeln droht, schenkt ihr derjenige die Hand, den sie schon lange verabscheute und vielleicht kann Lily sich eingestehen, dass sie sich in mehr als einem Jungen geirrt hat.

Longfic, beginnend mit dem ersten Jahr der Marauders auf Hogwarts, bishin zum Ende des ersten Kriegs, vielleicht oder vielleicht auch nicht schreibe ich das Ende anders weil ich es verdiene. Also F*ck JKR, she's a bitch and I hate her. Trans Rights are Human Rights.

Chapter 1: 1. Sommer 1971: Kindsträume

Chapter Text

Schmutziger, kiesiger Sand rieselte zwischen Lily Evans‘ Fingern hindurch und wurde vom sanften Sommerwind ein paar Meter weiter geweht, ehe er dutzende, kleine Rillen auf dem Seewasser verursachte. Lily saß mit angewinkelten Knien auf dem Boden und grub immer wieder eine Hand in den Boden, um noch mehr Sand hervorzuholen, den sie wieder fallen lassen könnte. Eine dunkle Schleife steckte in ihren kupferfarbenen Haaren und sorgte dafür, dass keine unbändigen Strähnen in ihre Augen fallen würden. Sommersprossen bedeckten ihre ganze Haut. Mit ihren grünen, glänzenden Augen hatte sie einen Punkt in der Mitte des Sees fixiert, ohne wirklich etwas zu sehen.


„Heya, Lily.“ Ein schwarzhaariger Junge in zu großen Klamotten und löchrigen Turnschuhen war neben ihr erschienen. Für andere sah er aus, wie ein obdachloses Kind, das auf der Suche nach etwas Kleingeld war, für Lily war es der Anblick ihres besten Freundes, Severus Snape, der sich grinsend den Schweiß von der Stirn wischte, bevor er sich neben ihr auf dem Boden niederließ. Severus war etwas kleiner als Lily, aber das störte sie gar nicht. Dafür wusste er ungefähr hundertmal so viel wie sie über Magie und Zauberei. Im Schatten des großen Baumes, unter dem sie saßen, sah seine blasse Haut noch etwas heller, ein wenig kränklich aus. Dunkle Ränder zierten seine ebenso dunklen Augen und er hatte eine frische Schürfwunde an der Wange.


„Hallo, Sev“, sagte Lily. Sie verengte die Augenbrauen und ließ den Rest des Sandes zu Boden fallen. „Was ist in deinem Gesicht?“


„Oh.“ Severus legte sich schnell eine Hand auf die Wange, an der auch die Wunde zu sehen war, ein fies aussehender dunkelroter Kratzer. „Das war nichts. Papa war gestern nur etwas sauer, aber das ist schon ok. Er hat nur einmal zugeschlagen.“


Lily verzog die Lippen zu einer dünnen Linie, aber sagte nichts mehr. Sie wusste, dass Severus eh nur verteidigend und abweisend werden würde, sobald sie seine Familie ansprach, auch wenn sie nicht verstand, warum er es ständig ertrug, dass sein Vater ihn schlug. Aber dann wiederrum verstand sie nicht, wieso ein Vater überhaupt sein Kind schlagen würde. Für sie waren Väter liebe Männer mit einem lauten Lachen und immer einem Bonbon in der Hosentasche. Sie langte in die Tasche ihrer kurzen Hose und holte die Süßigkeit hervor, die ihr Papa ihr gegeben hatte, bevor er zur Arbeit gefahren war. „Hier. Die mag ich eh nicht“, log sie, obwohl sie Waldmeisterbrauebonbons liebte.


Ihr bester Freund murmelte ein Dankeschön, bevor er die bunte Süßigkeit annahm und in den eigenen Tiefen seiner Hosentasche vergrub. „Am Wochenende fährt Mutter mit mir in die Winkelgasse und dann kaufen wir endlich meine Schulsachen. Willst du mitkommen?“


Nichts wäre Lily lieber als mit ihrem besten Freund in die magische Einkaufsmeile zu gehen und all ihre Schulsachen – am wichtigsten von allen, einen Zauberstab – zu kaufen, aber sie wussten beide, dass das nicht möglich sein würde. Sie schüttelte den Kopf. „Geht nicht“, sagte sie. „In meinem Brief stand, dass mich jemand abholen und die Sachen mit mir kaufen würde. Außerdem würde meine Mum es sicher nicht erlauben.“
Severus blickte zu Boden. „Ja, wahrscheinlich.“


„Dafür fahren wir immerhin in drei Wochen endlich los!“, sagte sie schnell und versuchte Severus damit aufzumuntern.


Der Schatten eines Lächelns kroch über sein Gesicht. „Stimmt. Ich glaube, das wird der glücklichste Moment meines Lebens werden, endlich nach Hogwarts fahren zu können. Endlich weg von dieser doofen Stadt und den doofen Leuten darin.“
Lily nickte eifrig. „Ohja. Auch wenn ich meine Familie bestimmt vermissen werde.“


„Wieso?“


„Wieso was?“


„Wieso wirst du sie vermissen? Es sind nur Muggel.“ Severus hatte die Lippen geschürzt und die Augenbrauen unmissverständlich zusammengezogen. „Zumal du sowieso viel zu gut für die bist. Du hast ja gehört, was deine Muggel-Schwester gesagt hat.“


„Hör auf, sie so zu nennen, Sev“, verlangte Lily mit zitternder Lippe. „Ich will nicht, dass du meine Schwester so nennst, Sev, das weißt du.“


„Aber sie ist so schrecklich zu dir!“


„Sie ist trotzdem meine Schwester!“ Lily verschränkte fest die Arme. Jetzt bereute sie es ein bisschen, dass sie ihm ihr Bonbon gegeben hatte. „Außerdem ist Tuni nicht schrecklich zu mir.“


Severus lachte humorlos. „Sie hat dich Freak genannt. Sie ist einfach nur neidisch, dass du was Besonderes bist und sie nur ein dummer Muggel.“


„Sev!“, rief Lily bestürzt aus, bevor dicke Tränen aus ihren Augenwinkeln ihre Wangen hinabfließen. Sie vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte. „Ich hab meine Schwester lieb, auch wenn sie gemein zu mir ist“, murmelte sie gedrückt.


Ein paar Minuten war es still um die beiden Kinder; der Wind rauschte über ihnen in den Blättern des Baums, das Seewasser schwappte gegens Ufer und irgendwo kreischten ein paar Autoreifen über die Fahrbahn, aber es waren keine Gespräche mehr zu hören. Dann, als es Severus zu still wurde, biss er sich heftig auf die Innenseite seiner Wange und sagte: „Tut mir leid, Lil.“


Lily Evans schniefte neben ihm und hob langsam den Kopf. Ihre Augen waren rot und glänzten feucht. „Schon gut“, murmelte das Mädchen und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Ich weiß, dass Tuni nicht sehr nett zu mir ist und du sie nicht leiden kannst.“


„Ich kann sie schon leiden“, erzählte Severus die glatte Lüge, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich – naja, ich mag nur nicht, wie sie dich immer ankeift. Sie ist viel zu gemein zu dir. Dafür dass sie nur ein Mug-“, er stockte, schluckte hart und führte dann schnell fort: „Ich meine, dafür dass sie keine Magie hat.“


„Vielleicht hat sie ja Recht“, sagte Lily nach ein paar Momenten. „Weißt du, vielleicht bin ich ja ein Freak. Immerhin geh ich bald auf eine Schule für Hexen und Zauberer und weiß gar nichts übers Zaubern. Bestimmt bin ich die schlechteste in der Klasse“, fügte sie betrübt an.


„Gar nicht möglich“, meinte Severus kopfschüttelnd. „So schlau und toll wie du bist, kannst du gar nicht die Schlechteste sein.“


„Aber ich bin Muggelgeboren“, erwiderte Lily, als würde sie damit ein schlagfertiges Argument bringen. Weil sie wieder aufs Wasser starrte, bekam sie nicht mit, wie Severus kurz bei dem Wort zusammenzuckte und eine Hand zur Faust im Sand ballte. „Ich weiß gar nichts über Magie.“


„Das macht nichts.“


„Wohl.“


„Nein, ehrlich.“ Severus lächelte schmal. „Es gibt ganz viele Kinder, die aus Muggelfamilien kommen und die trotzdem tolle Hexen und Zauberer sind. Und ich wette, du bist jetzt eine bessere Hexe, als alle von ihnen zusammen.“
Das brachte Lily endlich auch zum Lachen. Ein kurzer, glockenheller Ton, der über den See schallte und dann erlosch, wie ein Feuer in einer Regennacht. „Danke, Sev, das ist sehr lieb von dir.“ Lilys Lächeln verflog aber schnell wieder. „Ich habe gestern Abend noch mal versucht mit Tuni zu reden, wegen dem Brief, den wir gefunden haben, weißt du noch?“


Als ob Severus den Brief je vergessen könnte. Es war eine sehr besten Erinnerungen, die Schadenfreude, die er gespürt hatte, als er gelesen hatte, dass Lilys ältere Schwester Petunia dem Schulleiter von Hogwarts geschrieben und gebettelt hatte, dass man sie ebenfalls aufnehmen würde und wie der Schulleiter ihr diese Bitte verwehrt hatte. Petunia war seitdem zwar sehr garstig zu ihrer Schwester und auch zu ihm gewesen, aber es hatte ihm sehr viel Freude bereitet, zu sehen, wie sie in ihrer eigenen Eifersucht zerging. Er nickte stumm und brummte zur Bestätigung, falls Lily es nicht sehen würde.


„Sie hat mich wieder angeschrien, als ich ihr gesagt habe, dass ich in der Schule ja mit Dumbledore sprechen könnte“, fuhr das Mädchen mit trauriger Stimme fort. Sie zerrupfte trockenes Laub in den Finger. „Hat gesagt, ich solle nicht mit ihr über meine Schule reden und mich wieder einen Freak genannt. Mama hat mit ihr gemeckert, aber Tuni hat mich trotzdem den restlichen Abend ignoriert, auch als ich ihr ein Eis angeboten habe, obwohl das ihr Lieblingseis war. Als ich dann ins Bett gegangen bin, hat Tuni mir durch den Spalt in der Zimmertür gesagt, dass sie es kaum abwarten könnte, bis ich endlich“, Lily stockte. Ihre Stimme versagte ihr und sie spürte schon wieder die Tränen, die sich in ihren Augen ansammelten. Sie holte tief Luft, aber brachte es nicht heraus.


„Bis du endlich nach Hogwarts fährst?“, fragte Severus leise und Lily nickte.


„Aber sie hat es nicht so fröhlich gemeint wie ich“, sagte sie und weinte wieder.


Severus wollte seiner besten Freundin sagen, dass sie einen feuchten Drachendung auf die Meinung ihrer doofen Schwester geben sollte, aber da sie schon einmal heute deswegen böse auf ihn war, verkniff er sich das. Stattdessen griff er mit seiner Hand nach ihrer und drückte sie ganz fest. „Warte nur ab“, meinte er. „Wenn wir in Hogwarts sind, dann kannst du vergessen, wie gemein Petunia immer zu dir ist und dann wirst du endlich erkennen, wie viel Spaß Magie machen wird. Wenn du dann zu Weihnachten nach Hause fahren wirst, dann kannst du deiner Schwester alles erzählen und dann wird sie dich um Vergebung anflehen.“ Natürlich glaubte er nicht daran, dass Petunia Evans ihre Schwester jemals wieder so behandeln würde, aber um Lilys Willen tat er zumindest so. Das musste reichen. Mit der anderen Hand popelte er in einem Loch in seinem Turnschuh und zerfranste den Stoff ein wenig mehr.


„Meinst du echt?“, fragte die schluchzende Lily.


„Na klar.“


Lily wischte sich ein weiteres Mal über die Nase. „Ok, du hast Recht. Ich werde alles für Tuni aufschreiben, damit sie sieht, wie toll es ist, wenn ich eine Hexe bin, weil ich ihr dann bei allem helfen kann. Und dann kann ich ihr bestimmt die Haare so färben, wie Mama es ihr verbietet und dann wird sie mich wieder lieb haben.“


„Das ist ein toller Plan“, sagte Severus, auch wenn er ihr nicht sagte, dass sie in den Ferien nicht zaubern dürfte. Er wollte ihr noch nicht den Spaß verderben. Sie würde es sowieso bald herausfinden, sobald sie in Hogwarts ankämen. „Aber solche Verwandlungen sind schwer. Ich weiß nicht, ob wir die schon in der ersten Klasse lernen.“


Lily schob eine Lippe nach vorn. „Dann werde ich es mir eben selbst beibringen“, sagte sie trotzig. „Das kann ja nicht so schwer sein.“ Verschwunden war ihre Angst, die schlechteste Hexe in der Klasse zu sein, wenn es nur darum ging, Petunia zu beweisen, dass es toll sein würde, wenn sie eine Hexe als Schwester haben würde.


„Aber pass auf, dass du ihr die Haare nicht aus Versehen abzauberst“, warnte Sev und lachte.


„Das wäre bestimmt lustig“, kicherte Lily mit der Hand vorm Mund. „Auch wenn Tuni dann bestimmt jeden Grund hätte, sauer auf mich zu sein. Ich werde den Zauber einfach vorher an dir üben“, fügte sie breit grinsend hinzu.
Sev wurde ein wenig dunkler an den Wangen, als er sagte: „Ich will nicht dein Versuchskaninchen spielen.“


„Sei nicht so“, erwiderte Lily. „Es ist für einen guten Zweck!“


Der blasse Junge seufzte leise. „Ich kann es kaum erwarten, endlich richtig zaubern zu dürfen“, meinte er. „Ich werde total viele Zauber erfinden, die noch niemand vorher genutzt hat.“


„Das geht?“, fragte Lily mit großen Augen und lehnte sich etwas näher. „Wow!“


Severus nickte wichtig. „Es ist sehr schwierig, natürlich“, erklärte er gewichtig, „aber wenn man es will, dann kann man das schaffen. Wenn ich schon meinen Zauberstab hätte, dann könnte ich bestimmt schon längst meine eigenen Zauber nutzen.“


„Cool“, hauchte Lily beeindruckt. „Ich glaube, ich freue mich am meisten auf Zaubertränke.“ Nachdenklich tippte sie mit einem Finger an ihr Kinn. „Das ist wie Chemie, oder? Und auf Chemie hatte ich mich eigentlich in der Oberstufe so sehr gefreut. Gibt es auch Zauber-Biologie?“


„Nein“, erwiderte Sev lachend. „Sowas müssen wir nicht lernen.“


„Wieso nicht?“, fragte Lily.


„Naja. Wir brauchen es nicht, glaube ich.“


„Aber warum? Biologie ist doch wichtig! Was ist mit Mathe und Englisch?“


Severus schüttelte den Kopf. „Ich glaube, es gibt sowas wie Zauber-Mathe, aber das ist sehr kompliziert.“


Lily verschränkte die Arme und legte den Kopf schief. „Das ist ja komisch“, schloss sie. „Aber wie soll ich denn irgendwann arbeiten, wenn ich gar kein richtiges Englisch kann?“


„Ich“, fing Sev an, aber stockte, als ihm klar wurde, dass er keine richtige Antwort wusste. „Vielleicht brauchst du kein richtiges Englisch, wenn du als Hexe einen Job suchst. Es gibt immerhin ganz viele Jobs, für die man nur gut zaubern muss. Zum Beispiel Heiler! Das sind –“


„Oh, das sind die Zauber-Ärzte, oder?“, unterbrach Lily aufgeregt. „Ich glaube, sowas finde ich spannend. Meinst du, ich wäre eine gute Heilerin?“ Mit den Fingern tat das Mädchen so, als würde sie ein Stethoskop in den Ohren haben und versuchte Severus‘ Herzschlag zu messen.


Lachend wand er sich aus ihrem Spiel. „Ganz bestimmt“, sagte er. „Und ich werde ein angesehener Professor oder ein Erfinder.“


„Und wir sind dann immer noch Freunde, ja?“, fragte Lily. „Auch nach Hogwarts sind wir dann immer noch Freunde, nicht wahr, Sev?“


„Natürlich.“ Severus nickte eingehend und griff ein weiteres Mal nach Lilys Hand. Er ließ sich auf den Rücken nieder und starrte in die dichte Baumkrone über ihnen. Das Rascheln neben ihm verkündete, dass Lily sich ebenfalls hingelegt hatte. „Wir bleiben für immer die besten Freunde, egal was passiert.“


***


Die Winkelgasse war bespickt mit dutzenden magischen Läden, einer ganzen Menge an erwachsenen Zauberern und Hexen und voll mit Kindern, die sie das erste Mal betraten. Ein schneeweißes, marmornes Gebäude thronte über alle anderen Läden auf, die Zaubererbank Gringotts. In den etlichen Läden tummelten sich Kinder mit ihren Eltern, suchten Bücher, Zaubertrankzutaten und Kessel aus, wurden von Quidditch-Zubehör abgelenkt oder bestaunten die Ratten, Kröten und Katzen in der magischen Menagiere.


Für James Potter war die Winkelgasse schon ein alter Hut. Er hatte die magische Einkaufsstraße zusammen mit seinem Vater sicherlich schon ein paar Dutzend Mal besucht, sei es um sich den neusten Rennbesen anzusehen (heute hatte sich eine schaulustige Menge vor dem Quidditch-Laden versammelt und bestaunte den neuen Kometen) oder um mit ihm Geld von der Bank zu holen und wichtige Geschäfte zu erledigen, damit er danach einen Eisbecher bei Florean Fortescues Eissalon bekommen würde. James hatte sich an den ganzen Geschäften schon fast satt gesehen, trotzdem konnte selbst er nicht verhindern, dass er vor Aufregung auf und ab wippte, als sie vor dem Zauberstabladen stehen blieben. In goldener, abblätternder Farbe stand dort Ollivander geschrieben. Ollivander kannte James bereits, der alte Zauberstabmacher hatte seine Eltern ein paar Mal besucht, wann immer sie Angelegenheiten von ihrer Arbeit mit ihm klären mussten. Noch hatte James keinen eigenen Zauberstab, aber das würde sich heute ändern!


„Gehen wir jetzt endlich rein, ja?“, fragte James zum dritten Mal in fünf Minuten.


„Gleich, Schatz“, antwortete seine Mutter. Euphemia Potter hatte ein herzförmiges und außerordentlich freundliches Gesicht. Ihre einstige Schönheit war mit einigen Falten durchzogen und ihr rabenschwarzes, ordentlich zusammengefasstes Haar wies einige graue Strähnen auf. In ihren hellblauen Augen glänzte es, als wäre sie noch immer eine jugendliche Hexe, die das erste Mal allein unterwegs war.


„Ollivander hat noch einen Kunden“, fügte sein Vater ein weiteres Mal an. Fleamont Potter sah man das Alter deutlicher an als seiner Frau. Seine Haut war blasser als früher und wirkte fast wie feuchtes Pergament. Seine Haare waren zwar noch immer kräftig und dick, aber dafür waren sie fast gänzlich ergraut und auch seine Augen waren nicht mehr so stark wie früher. Eine Lesebrille hing an einer feinen, goldenen Kette um seinen Hals. Trotzdem verwuschelte er mit einer Hand die Haare seines Sohnes neben ihm. „Gedulde dich noch ein wenig, James.“


James tat sein Bestes, um geduldig zu sein, aber er konnte es einfach kaum abwarten, endlich seinen eigenen Zauberstab zu bekommen. Seinen Eltern war er wie aus den Gesichtern geschnitten. Er hatte ihr gleiches, pechschwarzes Haar, dir gleichen großen Ohren und die gleiche Kopfform. Seine Augen, die hinter einer eckigen Brille versteckt waren, waren haselnussbraun und wenn man den Jungen auch nur fünf Minuten kannte, dann wusste man, dass das schelmische Glitzern in ihnen nicht nur von den Sonnenstrahlen kamen. Man konnte den einzigen Sohn der Potter-Familie nicht aus den Augen lassen, andernfalls musste man damit rechnen, dass in einem Nebenzimmer alsbald eine Vase zerbrechen oder eine Stinkbombe hochgehen würde. Streiche spielen und für Chaos sorgen lagen dem Jungen im reinen Blut.


Durch das schmutzige, staubige Schaufenster konnte James nicht viel erkennen. Ein verlassener Tresen und deckenhohe Regale füllten das Geschäft, aber von Ollivander selbst war keine Spur zu sehen. Dafür stand eine korpulente, schwarzhaarige Frau mit aufrechtem Kinn mit dem Rücken zu ihnen, die einen ebenso dunkelhaarigen Jungen an der Hand hielt. Anders als James konnte dieser sich beherrschen und stand still wie eine Statue. Durch den Schmutz am Fenster konnte James keins der Gesichter ausmachen, sodass er nicht wusste, ob er diese Leute vielleicht schon mal getroffen hatte oder nicht. Seine Eltern kannten sehr viele Leute.


„Wir müssen danach noch einmal zu Gringotts“, sagte Fleamont zu Euphemia. „Ein bisschen Taschengeld abheben.“


Euphemia nickte. „Stimmt.“ Sie schielte genau wie ihr Sohn in den Laden. „Weißt du was, warum gehst du nicht schon zur Bank und James und ich warten hier? So wie es aussieht, dauert es noch ein Weilchen.“
„Also gut“, erwiderte Mr. Potter nachdenklich. „Vielleicht mache ich auch noch einen Abstecher im –“


„Kein Nachmittagstrunk für dich“, sagte Euphemia mit Nachdruck in der Stimme und ihr Mann, obwohl er einen guten Kopf größer war, sank zusammen.


„Natürlich nicht, Liebes“, murmelte er. „Also dann.“ Er drückte seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Wange, wuschelte seinem Sohn durch das ohnehin zerzauste, rabenschwarze Haar und verschwand dann in der Menge auf dem Weg zur Bank.
„Was ist ein Trunk?“, fragte James, kaum dass sein Vater außer Hörweite gewesen war.


„Etwas für Erwachsene, Liebling“, sagte seine Mutter. „Darüber musst du dir noch keine Gedanken machen, erst einmal kümmern wir uns um – ah.“ Euphemia stockte.


James Folgte dem Blick seiner Mutter und erkannte, dass die Frau im Laden sich umgedreht und auf den Weg zur Tür gemacht hatte. Er kannte weder sie noch ihren Sohn. Als die kleine Klingel über der Tür läutete, bemerkte er, wie die Hand seiner Mutter, die zuvor sanft auf seiner Schulter gelegen hatte, sich anspannte und etwas fester in den Stoff seines T-Shirts drückte.


„Ach.“ Die andere Frau hatte das Kinn gereckt, kaum war sie aus dem Laden getreten und blickte Euphemia von oben herab an, obwohl sie dieselbe Größe haben mussten. Ellbogenlanges, nachtschwarzes Haar hing der Frau wie ein dunkler Schleier über den Rücken und in ihr teures Kostüm waren unzählige silberne Stickereien genäht worden, die allesamt Symbole darstellten, die James nicht kannte. Sie hatte ein sehr strenges Gesicht, mit den Lippen zu einer dünnen Linie gezogen und tiefen Furchen im Gesicht, besonders rundum die Augen, die ihr einen sehr aggressiven Blick gaben. Eine Hand hatte sie, ebenso wie Euphemia, an der Schulter ihres Sohnes, allerdings kaum mit derselben Fürsorge und Liebe, wie die Mutter von James es tat. Die andere Frau hatte ihre langen, spitzen Nägel im Stoff des Umhangs vergraben, den der Junge trug, sodass angespannte Falten über seine gesamte Schulter krochen. „Euphemia“, sagte die Frau mit träger Stimme. Es war keine angenehme Stimme.


„Walburga“, nickte Euphemia knapp zurück. „Und das muss dein Sohn sein, nehme ich an.“


„Mein Ältester, ja. Er hat gerade seinen Zauberstab gekauft.“ Während Walburga sprach, bohrten sich ihre Nägel noch ein wenig tiefer in den Umhang ihres Sohns.


James fing den Blick des anderen Jungen auf und obwohl er ihn nicht kannte und sich schon fast denken konnte, dass seine Mutter nicht sehr gut auf die andere Frau namens Walburga zu sprechen war, schenkte er ihm ein aufmunterndes Grinsen, dass der Junge sofort erwiderte. Die scharf geschnittenen Augenbrauen des anderen Jungen zogen sich in die Höhe und seine Augen, die von einer sturmgrauen Färbung waren, blitzten in der Sonne auf, als wolle er mit leicht bissiger Stimme sagen: „Eltern, hab ich Recht?“


„Wie schön“, meinte Euphemia. „James wird seinen jetzt auch bekommen, nicht wahr, James?“


Abgelenkt von dem Grinsen des anderen Jungen, bekam James einen Moment zu spät mit, dass seine Mutter mit ihm gesprochen hatte. Walburga bemerkte es ebenfalls und als die das Grinsen auf seinem Gesicht sah und dann ihrem Sohn in die Augen sah, verhärtete sich ihre Miene noch mehr. Als würde sie den Jungen an der Leine halten, zog sie etwas zu kräftig am Kragen seines Umhangs, um ihn enger zu sich zu holen, bevor sie sagte: „Wir wollen nicht stören. Komm, lass uns deinen Vater finden.“ Ohne ein Wort des Abschieds wandte Walburga sich um und zog ihren Sohn durch die Menschenmenge.


„Der arme Junge“, murmelte Euphemia etwas benebelt, bevor sie rigoros den Kopf schüttelte und ein Lächeln aufsetzte. „Das war Walburga Black“, erklärte sie James. „Eine sehr reiche und sehr mächtige, aber auch wahnsinnig eitle und – ich mag es kaum sagen – boshafte Frau. Du tätest gut daran, dich von ihr und ihren Kindern fernzuhalten. Die Familie Black hat es sich seit Langem zur Aufgabe gemacht, es allen anderen so schwer wie möglich zu machen, sollten sie ihr ein Dorn im Auge sein.“
„Aber“, fing James an und dachte an den anderen Jungen, der aussah, als hätte er liebend gern mit James getauscht.


„Kein Aber, Schatz. Jetzt komm, dein Zauberstab wartet.“ Mrs. Potter schubste ihren Sohn sanft zur Ladentür.


Obwohl James noch an den Blick des anderen Jungen denken musste, fegte er seine Idee für den Moment beiseite, dass er sich auf jeden Fall mit ihm anfreunden sollte, sollten sie sich in Hogwarts treffen und betrat erwartungsvoll und hibbelig den Laden. Die Messingklingel über ihren Köpfen gab erneut einen hellen Ton von sich.


Eine halbe Stunde später umklammerte James mit beinahe ehrfürchtigem Blick eine längliche Schachtel aus schwarzem Material in den Händen. Sein ganz eigener Zauberstab war darin in Samt gebettet – ein Stab aus Mahagoni, sehr elastisch und biegsam, elf Zoll lang. Auch wenn ihm nicht klar war, was all diese Eigenschaften bedeuteten, wusste er, dass das der beste Stab aller Zeiten war. Immerhin war es seiner und seine Mutter hatte den Stab für ihn gekauft, was sollte er sonst sein? Ein breites Grinsen klebte auf seinen Lippen.


„Meine Güte“, murmelte Euphemia kichernd, als sie ihren Sohn durch die verwinkelte Gasse lotste.


Fleamont hatte sie vor dem Geschäft wieder getroffen, einen kleinen Lederbeutel in den Händen, der fröhlich klimperte und nur darauf wartete, ausgegeben zu werden. Jetzt sagte er: „James, mein Junge, du kennst die Regeln, dass du noch keinen Besen mit zur Schule nehmen darfst.“ Der wesentlich kleinere Junge machte ein Schmollgesicht und seine Mutter lachte erneut. „Na, na, wer wird denn da traurig sein?“


„Aber ich wollte doch Quidditch-Kapitän werden!“, sagte James, der seinen Zauberstab nun an die Brust klammerte und fest an sich drückte, als hätte er Angst, die Schachtel könnte jeden Moment davonhüpfen.


„Immer mit der Ruhe, mein Sohn“, erwiderte Fleamont lächelnd, die Fältchen rund um seinen Mund und die Augen traten dabei besonders hervor. „Du wirst schon deine Chance bekommen, keine Sorge, aber für dieses Jahr haben deine Mutter und ich beschlossen, dass wir dir zum Schuljahresstart ein Haustier kaufen. Eine Eule oder eine Katze, du darfst aussuchen.“


„Wirklich, echt? Ich darf ein Tier haben?“, fragte James mit sich überschlagender Stimme. Er stolperte fast, als er ein paar Schritte vor seine Eltern rannte. „Ich will eine Eule! Dann kann ich euch immerzu schreiben, wenn ich will.“


„Eine hervorragende Wahl“, sagte Euphemia, die ebenfalls über den Enthusiasmus ihres Sohnes lächelte. „Und wenn du Heimweh bekommst, kannst du die Eule immer zu uns schicken und ich schreibe dir einen ganz langen Brief.“


James zog eine Grimasse. „Ich werde doch kein Heimweh bekommen“, sagte er bestimmt. „Ich bin schon bald elf!“


„Auf dem besten Weg ein Mann zu werden“, stimmte Fleamont zu.


Euphemia hingegen seufzte. „Aber du wirst immer mein kleines Baby bleiben, James, unser ganz persönliches Wunder.“ Sie strahlte ihren Sohn an. „Aber sehr wohl, wenn du sagst, du wirst kein Heimweh haben, dann glaube ich dir natürlich. Du kannst uns trotzdem jederzeit einen Brief schicken.“


„Das mache ich“, sagte James nickend. „Ich werde euch von all meinen Freunden und Abenteuern erzählen.“


„Darauf freue ich mich schon“, erwiderte Mrs. Potter mit einer unbestimmten Sehnsucht in der Stimme. Es fiel ihr nicht einfach, darüber zu reden, dass ihr einziger Sohn schon bald für mehrere Monate nicht mehr Zuhause sein würde. Sie setzte ein freudiges Lächeln auf, als James das Eulenkaufhaus erreichte und nur darauf wartete, dass seine Eltern endlich mit ihm eintreten würden.


***

Das gar noble und ehrwürdige Haus der Blacks stank nach Dung. Normalerweise roch es nicht so, das war klar, wehte doch immer ein leichter Zederngeruch durch die dunklen Hallen, für den die Hauselfen verantwortlich waren. Obwohl ein gutes Dutzend abgetrennter Hauselfenköpfe die Flurwände zierten und düstere, flüsternde Portraits eine unheimliche Atmosphäre in die Gänge zauberten, so konnte man nicht umhin, als das Black-Haus als ein wahres Ebenbild des magischen Adels zu betiteln. Hohe, schmuckbesetzte Fenster und silber-verzierte Tapeten an den Wänden, Türen aus dem bestem Mahagoni- und Schwarzeichenholz, gefräst und geschnitzt, als wären sie direkt aus einem Königshaus entnommen worden, teure, weiche, blutrote Teppichböden, die jeden noch so lauten Schritt dämpften und feinstes, poliertes Parkett, das wiederum jede noch so kleine Berührung in dutzenden Wellen durchs Haus hallen ließ; Grimmauldplatz Nummer 12 war ein Ort voller Magie, voll mit antiker Geschichte und einem Familienstammbaum, der sich in hunderte Zweige teilte.


Der Verursacher des unangenehm brennenden Dunggeruchs, ein schwarzhaariger Junge mit sturmgrauen Augen und einem viel zu losen Mundwerk, versteckte sich unter einer teuren, massiven Holzkommode im ersten Stock, während die aufgebrachte Stimme seiner Mutter wie eine Furie durchs Haus peitschte.


„Sirius Orion Black!“, schrie die alte Hexe, aber klang dabei etwas gedämpft, als würde sie durch einen dicken Schal sprechen. „Wenn ich dich in die Finger bekomme!“


Für sein Alter war Sirius sehr talentiert. Gerade erst mit einem Zauberstab ausgestattet, hatte er sich bereits beigebracht, wie er einen Klebe- und Tarnzauber auf seine Dungbomben anwenden musste, damit seine Eltern diese nicht sofort entfernen könnten. Es hatte einige Fehlschläge gegeben, bevor der Junge den Kopfblasenzauber hinbekommen hatte, aber jetzt konnte er sich unter der Kommode verstecken und Frischluft atmen, während das ganze Haus um ihn herum mit dunstigem Gas gefüllt wurde.
„Sirius!“, rief nun auch die Stimme seines Vaters durchs Haus. Er musste irgendwo im Untergeschoss sein, dachte der Junge keifend, wo direkt drei der stinkenden Geschenke versteckt unter dem Schreibtisch lagen.


Sirius wusste, dass er dafür heftig bestraft werden würde. Das letzte Mal hatte sein Vater ihm angedroht, einen Unverzeihlichen Fluch anzuwenden, sollte er noch einmal danebentreten und obwohl ihn die Vorstellung manchmal um den Schlaf raubte, so konnte Sirius doch nicht anders, als Unfug anzustellen. Es war meist seiner Langeweile geschuldet, dass er die Bestrafungen in Kauf nahm. Das Haus der Blacks mochte vor antiker Magie und Geschichte nur so überquellen, allerdings war es auch der reinste Stimmungstöter eines jeden Kindes. In den düsteren Hallen konnte man nicht herumrennen und es gab keinen Garten mit mannshohen Hecken, in dem Sirius hätte Besen fliegen können. Die einzige Unterhaltung, die Sirius außer der Bibliothek hatte (in der er allein nicht mehr durfte, nachdem er alle wichtigen Dokumente seines Vaters durcheinander gebracht hatte), war sein jüngerer Bruder, Regulus. Aber wo Sirius ein großer Rebell war und nur zu gerne die aufgebrachten Gesichter seiner Eltern aus dem Schatten seines Verstecks beobachtete, war Regulus das komplette Gegenteil. Reg hatte noch nie eine einzige Regel gebrochen. Er benahm sich immer wie der perfekte Vorzeigesohn, ein feiner Prinz, den Walburga und Orion Black den anderen Verwandten immer wieder präsentierten und mit stolzer Stimme von all seinen Fähigkeiten berichteten, während sie Sirius ein weiteres Mal befohlen hatten, sich aus Ärger herauszuhalten.


Ärger war – zumindest wenn es nach ihm gehen würde – sein zweiter Vorname. Egal, was Sirius tat, es endete in Chaos und seiner schreienden Mutter. Mittlerweile war der Junge an einem Punkt angelangt, an dem es ihm nicht einmal mehr leidtat, dass er für die frühzeitig ergrauten Haare seiner Eltern verantwortlich war. Es war immerhin ihre Schuld, dass er ein schreckliches Leben führen musste. Wenn er nicht gerade einen weiteren Streich ausheckte, musste er stundenlang im Salon verbringen und den Flügel spielen oder auf seiner Violine üben, bis seine Finger bluteten. Es gab keine Pause für Erben. Pausen, so sagte Walburga immer, wenn Sirius sie anflehte, seien etwas für Muggel. Und wenn es etwas gab, dass Walburga und Orion Black mehr hassten als die Streiche ihren rebellischen Sohnes, dann waren es Muggel.


Grimmauldplatz war einst ein Hochgebiet der Magie gewesen. In jedem Haus hatte es eine andere Zaubererfamilie gegeben, eine mächtiger und älter als die andere, mit den Blacks an der Spitze, aber mit der Zeit hatten sich diese Familien immer weiter auseinander gelebt und die reinen Prinzipien ihres Blutes vergessen. Sie hatten sich mit Halbblütlern und Muggeln eingelassen und das reine Blut der Familie verunreinigt, sodass man sie aus dem Viertel gejagt hatte. Es musste Ironie des Schicksals gewesen sein, als Familie Black die letzte Zaubererfamilie im Grimmauldplatz gewesen war, und die Häuser ringsum von den Muggeln Londons besetzt wurden. Das war noch vor Orion und Walburgas Zeit gewesen, lange bevor ein Sirius Black die dunklen Hallen in Aufruhr versetzte hatte. Dutzende, uralte Zaubersprüche wurden damals über das Haus gelegt und heute war es den Augen der Unwürdigen verborgen; nur jemand, der wusste, wo sich Grimmauldplatz Nummer 12 befand, würde es auch sehen und betreten können. Für alle anderen fehlte es in der Häuserreihe.


Passend, fand Sirius immer wieder, fühlte er sich doch auch vor der ganzen Welt versteckt gehalten. Selbst der Besuch in die Winkelgasse, etwas, dass für ihn wie ein kleines Wunder gewesen war, war nur mit dem Schatten seiner Mutter im Nacken möglich gewesen, die wie ein aggressiver Wachhund nie von seiner Seite gewichen war. Er hatte noch immer roten Flecken an der Schulter, dort wo die spitzen Nägel von Walburga seine Haut durchbohrt hatten. In der Winkelgasse hatte Sirius das erste Mal andere Kinder in seinem Alter gesehen, von denen er nicht den Namen, Blutstatus und Familienverwandtschaft auswendig kennen musste. Zwar waren sie auch seiner Cousine Narzissa und ihrem schrecklich snobbigen Freund Lucius Malfoy über den Weg gelaufen, aber es musste ein wahrhaft glücklicher Tag für Sirius gewesen sein, denn keiner der beiden hatte weder ihn noch seiner Mutter entdeckt. Narzissa und Lucius waren mit Adleraugen auf die Umgebung in die schmutzige Nokturngasse abgebogen. Trotz der Affinität seiner Familie mit schwarzer Magie, hatte Sirius die Nokturngasse noch nie besuchen dürfen. Vielleicht war es der klägliche Versuch, ihre Söhne vor den ruchlosen Machenschaften in den dunklen Straßen zu schützen, aber Walburga Black hatte sowohl Sirius als auch Regulus ausdrücklich verboten, jemals einen Fuß dorthin zu setzen und sollten sie sich widersetzen, so würde sie schwerwiegende Konsequenzen einleiten müssen. Das Verbot, die Hogwarts-Schule zu besuchen, war noch das geringste aller Übel und so hatte Sirius sich widerwillig an die Regel seiner Mutter gehalten, obwohl es ihn in seinen rebellischen Fingern jucke, der düsteren Gasse einen Besuch abzustatten. Irgendwann, so hatte Sirius der Gasse versprochen, würde er sie betreten können.


Ein weiteres Mal hallte der laute Schrei seiner Mutter durchs Haus, ein wahnwitziges Echo ihrer noch wahnsinnigeren Stimme. „Sirius Orion Black, komm sofort heraus, ansonsten sind die Konsequenzen unverzeihlich!“, keifte Walburga.


Obwohl er wusste, dass seine Mutter nicht zu Scherzen aufgelegt war, konnte Sirius nicht anders, als lauthals zu lachen – ein großer Fehler, wie er Sekunden später bemerkte. Zwei schlurfende, schmutzige Füße kamen vor der Kommode zu stehen, unter der Sirius hockte und einen Augenblick später ätzte die Stimme eines Hauselfen durch das Zimmer – der schlimmste von allen, wenn man nach Sirius‘ Meinung fragen würde. „Kreacher hat den jungen Master Sirius gehört“, sagte Kreacher mit langen Vokalen und nasaler Stimme. Der Hauself hatte sich noch immer nicht gänzlich von dem Kältezauber erholt, den Walburga ihm aufgedrückt hatte, als Kreacher das Essen ein paar Minuten zu spät serviert hatte. Sirius konnte Kreacher laut schniefen hören, als der Hauself den Schnodder in seiner Nase hochzog. „Master Sirius kann sein Versteck jetzt verlassen.“


„Verschwinde, Kreacher“, zischte Sirius so leise er konnte. „Du verrätst mich noch.“


„Kreacher ist untröstlich“, erwiderte der Hauself und Sirius konnte anhand der Schattenspiele auf dem Boden nur ahnen, dass er sich verbeugt hatte. „Die Mistress hat es Kreacher befohlen, den jungen Master Sirius zu suchen und wenn Kreacher ihr nicht sagt, wo der junge Master sich versteckt hält, dann wird Kreacher bestraft werden. Kreacher tut es sehr leid.“ Ein Knall und im nächsten Moment war Kreacher verschwunden.


Sirius fluchte lautstark, ein Muggelschimpfwort, dass er aufgeschnappt hatte, als er die Nachbarskinder beim Spielen aus seinem Fenster heraus beobachtet hatte. Seine Mutter würde ihm den Mund auswaschen, würde sie ihn so reden hören. Der Junge krabbelte unter seinem Versteck hervor und seine Augen huschten im Zimmer hin und her, um einen Fluchtweg oder ein neues Versteck zu finden, doch noch bevor er eine Seite des Raumes untersucht hatte, wurde die Tür mit einem lauten Knall aufgestoßen.


Walburga sah aus, als wäre ihr eine Fledermaus ins Gesicht geflogen – ihre Haare waren zerzaust worden, als sie sich offensichtlich das dunkle Tuch vom Kopf gerissen hatte, dass sie wie eine Maske vor den Mund hielt und ihre Augen versprühten Zorn. „Da bist du ja“, zischte sie angriffslustig und ging einen großen Schritt auf Sirius zu, Kreacher direkt hinter ihr, die langen Ohren ängstlich angelegt und die tennisballgroßen Augen zugekniffen. Walburga griff nach vorn und ihre spitzen Fingernägel bohrten sich erneut tief in Sirius‘ Haut.


Trotz der Schmerzen verzog er keine Miene. „Was ist denn, Mutter?“, fragte er mit Engelsunschuld in der Stimme. „Ist es denn schon Zeit für den Tee?“


Ein Schnauben wie bei einem tonnenschwerem Ackergaul entkam Walburga. Ihre Nasenlöcher blähten sich wie die Nüstern eines Drachen auf und Sirius glaubte fast, sie würde jeden Moment Feuer spucken. Als sie ihren Mund öffnete, entkamen ihr allerdings keine Flammen, sondern peitschende, giftige Wörter. „Dir wird das Lachen noch vergehen, Sirius“, zischte sie leise, ihre kleinen schwarzen Augen auf ihren Sohn gerichtet. „Du kannst versuchen, uns so viele Streiche zu spielen, wie du willst, aber es wird der Tag kommen, an dem du erkennen wirst, dass es unter deiner Würde ist, deine Zeit so zu verschwenden. Stattdessen wirst du mit Freuden an den Traditionen und Werten unserer ehrwürdigen Familie teilhaben.“


„Ist das zufällig auch der Tag, an dem dein Bildhauer wieder im Land ist, um dein Gesicht neu zu meißeln?“, fragte Sirius mit hochgezogenen Augenbrauen, noch bevor er sich hätte daran hindern können. Er zählte die Sekunden zum Ausbruch.
Walburga lief erst purpurn an, bevor sie kreischte: „In dein Zimmer, sofort! Und lass dich den Rest der Woche nicht mehr bei uns blicken!“ Sie fuhr herum und riss dabei rote Striemen über Sirius‘ Oberarm. Zu Kreacher sagte sie: „Bring ihm kein Essen, Kreacher“, dann marschierte sie mit lauten Hacken aus dem Zimmer und warf die Tür mit einer solchen Wucht hinter sich ins Schloss, dass etwas Staub von den Stuckrändern rieselte.


„Ja, doch, Miss, ihr Wunsch ist mein Befehl“, murmelte Kreacher mit geschlossenen Augen, verbeugte sich in niemandes Richtung und verschwand einen Augenblick später mit einem weiteren Knall.


Sirius atmete tief aus und schloss die Augen. Es war eine Sache, sich einen Spaß zu erlauben und Dungbomben im ganzen Haus losgehen zu lassen, aber es war eine gänzlich andere, seiner Mutter eine Beleidigung ins Gesicht zu werfen. Er wusste, dass er zu weit gegangen war und mit ein paar Tagen auf seinem Zimmer wäre das nicht vergessen. Sein Vater und der Gürtel würden ihn heute noch besuchen, das stand fest. „Dreckiger Drachenmist“, murmelte der Junge, bevor er das Zimmer ebenso verließ, den Flur entlang ging und sein eigenes Zimmer betrat. Er ließ die Tür zufallen und warf sich aufs Bett, das unter seinem Gewicht ächzte.


Sirius zählte sehnsüchtig die Tage, bis er Grimmauldplatz Nummer 12 endlich verlassen durfte.