Chapter Text
Basti wachte auf, zu dem unangenehmen Gefühl von kaltem Wasser in seinem Gesicht. Es dauerte einen kurzen Moment, bis er realisierte, dass sein Gesicht nass war, da sein kleiner Bruder ihm Wasser ins Gesicht gekippt hatte.
Schnell setzte er sich auf und versuchte irgendwie sein Gesicht mithilfe seines Shirts trocken zu bekommen.
“Mike, was ist falsch mit dir?” rief er nach seinem Bruder, während er schon aufstand, um in Richtung Bad zu gehen. Weiterschlafen könnte er in seinem jetzt nassen Bett wohl kaum mehr.
Schon steckte Mike seinen Kopf zur Tür hinein. “Mama hat gesagt, ich soll dich wecken” erwiderte er mit einem unschuldigen Lächeln.
Basti schaute ihn einfach nur genervt an. Mike zuckte schnell mit den Schultern, das Lächeln immer noch in seinem Gesicht, bevor er sich ein wenig zu energisch nach unten begab.
Wie konnte man so früh am Morgen schon so viel Energie haben? Und so nervig sein? Basti stellte sich diese Fragen gefühlt zum hundertsten Mal, entschied sich dann aber dazu einfach schnell Zähne zu putzen und sein Gesicht zu waschen.
Danach ging er zurück in sein Zimmer, um sich etwas anzuziehen. Er machte sich noch die Kette, die er irgendwann mal von Kevin, seinem besten Freund, geschenkt bekommen hatte, um.
Kevin hatte sie ihm als Spaß geschenkt, aber Basti trug sie trotzdem gern, es war immerhin eines der besten Geschenke, das er je von Kevin bekommen hatte, zumindest seit dessen Mutter diese nicht mehr für ihn kaufte.
Als Basti fertig war, nahm er sein Handy und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Neue Nachrichten hatte er keine. Es war schon 7:26 Uhr und jetzt war er irgendwie doch dankbar, dass Mike ihn geweckt hatte.
Er hätte es zwar netter machen können, aber wenigstens kam er so nicht zu spät. Basti schnappte sich seinen Rucksack und ging die Treppen hinunter.
Schon kam Mike aus der Küche. “Fahren wir zusammen? Ich glaub Hugo ist krank, er hat mir noch nicht auf meine Nachrichten geantwortet” fragte dieser.
Eigentlich hatte Basti gerade eher weniger Lust auf ihn, aber sie nahmen ja eh den gleichen Bus, also machte es sowieso keinen Unterschied. “Klar, Kevin wird halt auch mit uns fahren”
“Okay, supi” antwortete Mike erfreut. Sie hatten schon ihre Schuhe angezogen, als ihre Mutter noch in den Flur kam. “Geht jetzt, sonst kommt ihr noch zu spät” sagte sie und scheuchte die beiden damit auch schon aus der Tür.
Kevin stand schon an der Bushaltestelle, als sie dort ankamen. “Na, seid ihr schon aufgeregt auf den ersten Schultag?” fragte er laut.
“Nicht wirklich”, antwortete Basti. Kevin schaute verwirrt. “Hä, du magst doch Schule? Du hast doch immer gute Noten.”
Warum war Kevin eigentlich so hohl? Genervt erwiderte Basti “Nur weil ich gute Noten krieg, mag ich Schule ja nicht automatisch”. Er gab Kevin einen sanften Schlag gegen die Schulter.
“Hey” kam es empört von diesem.
“Also ich freu mich” schaltete sich Mike ein.
Nach einer kurzen Busfahrt kamen die drei auch schon an der Schule an. Mike war sofort zu seinen Freunden gelaufen, also gingen Kevin und Basti nun zu zweit ins Schulgebäude. Zum Glück hatten sie meistens zusammen Unterricht, da Kevin seine Kurs-Auswahl mehr oder weniger komplett nach seinen Freunden getroffen hatte, anstatt seinen Interessen.
Sie betraten den Raum, gerade so noch pünktlich, und sofort ließ Basti seine Augen durch die Reihen wandern. Alles war beim Alten, immer noch die gleichen, nervigen Leute wie letztes Jahr, die für seinen Geschmack schon wieder zu viel Energie hatten, um diese unmenschlich frühe Zeit.
Seine Augen blieben bei einer Person hängen. Stopp. Wer war das? Am Fenster saß ein Typ, den Basti nicht kannte, er unterhielt sich gerade mit Rewi. Er hatte blonde Locken, allerdings gefärbt, so wie Kevin auch. Bei ihm sah es aber um Welten besser aus. Seine Nägel waren schwarz lackiert und am linken Handgelenk trug er ein Regenbogenarmband.
War er schwul? Eigentlich achtete Basti nicht auf solche Dinge, schließlich ging es ihn nichts an, wer mit wem was tat, aber seit er letzten Sommer angefangen hatte, sich mehr mit dem Thema (und sich selbst) auseinander zu setzten, fielen ihm solche Dinge irgendwie mehr auf. Vor allem, weil er immer noch nicht im Klaren darüber war, was er jetzt eigentlich fühlte.
Schnell wandte Basti seinen Blick ab, er wollte nicht, dass irgendwer sein Starren bemerkte, und wunderte sich stattdessen darüber, wer er überhaupt war und warum er im letzten Schuljahr an eine neue Schule wechseln würde.
Schnell ging er nach hinten zu Kevin, der ihm in der letzten Reihe einen Platz freigehalten hatte. “Kevin, wer ist das?” fragte Basti. “Wer?” kam es von Kevin zurück. “Der da” Basti deutete in Richtung des neuen Typen.
Kevin schaute etwas umständlich an Basti vorbei. “Keine Ahnung, digga. Hab den noch nie gesehen”
“Der ist neu, wir haben vorhin schon geredet, scheint ganz nett zu sein” kam es von Stegi, der neben ihnen saß, naja eher lag. Basti hatte ihn nicht einmal registriert und selbst wenn, hätte er gedacht das der Blonde schlief. Und der sollte heute schon mit jemanden geredet haben?
Bevor Basti weiter über den Neuen nachfragen konnte, kam auch schon der Lehrer hinein und begann mit dem Unterricht. Er versuchte aufzupassen, schließlich wollte er seinen guten Schnitt beibehalten, aber es war so langweilig, es wunderte ihn, dass Kevin sich noch nicht beschwert hatte.
“Digga, das ist ja todes langweilig” kam es in diesem Moment leise von Kevin. “Ich sag dir jetzt schon, nächstes Mal wird nur noch die Hälfte da sein.” Stegi schien schon wieder am Schlafen zu sein.
“Die anderen Lehrer sind bestimmt besser” erwiderte Basti, wobei er sich selbst nicht so ganz glaubte, die ganzen Jahre, die er schon an dieser Schule war hatte er vielleicht drei wirklich gute Lehrer gehabt, die im Gedächtnis geblieben waren. Kevin sah nicht überzeugt aus.
Nach zwei Stunden Unterricht, die sich sehr gezogen hatten, konnten sie endlich in die Pause. Kevin ging unten direkt zu den Anderen, die den neuen Typen, dessen Name Basti immer noch nicht wusste, schon aufgenommen hatten. Schnell ging Basti ihm hinterher.
Kevin machte es sich direkt zur Aufgabe sich mit dem Neuen anzufreunden. “Hi, ich bin Kevin, das ist Basti” er deutete mit beiden Händen in Richtung Basti, als würde er ein Geschenk präsentieren. “Und du?”
“Ich bin Veni” erwiderte Veni mit einem Lächeln.
“Veni?” kam es von Kevin in einem zweifelnden Tonfall. Warum stellte er solche Sachen eigentlich immer in Frage, Veni würde ja wohl wissen, wie er hieß?
“Naja, eigentlich heiß ich Rafi, aber so nennen mich nur meine Eltern. Veni heiß ich aber in Minecraft und so”
“Das wirst du jetzt nicht glauben, aber Basti spielt auch gern Minecraft. Ihr könnt ja mal zusammen spielen, oder Basti?” sagte Kevin enthusiastisch.
“Ne, passt schon” versuchte Basti so nett wie möglich zu sagen, was ihm nicht ganz gelang. Er kannte Veni nicht einmal, warum sollte er jetzt mit ihm Minecraft spielen? Kevin versuchte immer wieder ihn mit neuen Leuten bekannt zu machen und obwohl es nett gemeint war, fand Basti es nie wirklich toll.
“Wieso denn nicht, Basti?” fragte Veni mit einem Grinsen.
“Äh, also wir könnten schon, mal schauen. Ich hab nur wahrscheinlich viel zu tun, jetzt wo Schule wieder angefangen hat”
“Okay, cool” sagt Veni, jetzt wieder nett lächelnd.
“Schau Basti, dein Freunde-Score ist grad um eins gestiegen. War gar nicht so schwer” schaltete Kevin sich jetzt wieder ein. Basti spürte, wie sein Gesicht warm wurde. Zum Glück war Veni schon wieder abgelenkt, weil jemand anderes ihn angesprochen hatte.
“Digga, sag das doch nicht, der denkt noch ich hab keine Freunde. Das ist voll peinlich” sagte Basti leise an Kevin gewandt.
“Nein, mach dir mal keine Gedanken. Und selbst wenn, hast du immer noch mich, den besten Freund, den du dir wünschen könntest”
“Ich wünsch mir grad eher ‘nen Freund, der mich nicht bloßstellt”
“Ich hab dich gar nicht bloßgestellt” Kevin klang sehr empört. Sie redeten noch ein bisschen, auch mit den Anderen, bevor sie wieder hoch mussten, in den nächsten Unterricht.
Weil der erste Schultag war, hatten sie zum Glück nur bis zur sechsten Stunde. Basti packte gerade seine Stifte zusammen, als Veni vor ihm auftauchte.
“Hi”
“Hi?”
“Fährst du auch Bus?”
“Ja”
Wollte Veni jetzt mit ihm zusammen fahren, oder was? Wobei, am Morgen war er nicht im gleichen Bus gewesen, also konnte das schlecht sein.
“Gehen wir zusammen zur Haltestelle? Kein Bock allein zu gehen, und du bist der einzige hier, den ich zumindest ein bisschen kenne”
“Oh. Ja, klar. Safe” Basti scheiterte ein bisschen daran, eine anständige Antwort herauszubringen. Er sprach nicht so oft mit neuen Leuten, daran musste es liegen.
“Außerdem hab mich heute schon so drei mal verlaufen, also geh ich jetzt lieber mit wem, der actually den Weg kennt” lachte Veni.
“Äh, ja ist dann vielleicht besser so” mit Kevin reden war irgendwie leichter.
Schnell packte er noch seine restlichen Sachen zusammen, um sich dann mit Veni auf den Weg zu machen. In Gedanken ging er neben dem Blonden her, weil er jetzt schon unglaublich erschöpft war, aber auch, weil er einfach nicht wusste, wie er mit ihm eine Konversation aufbauen sollte. Zum Glück nahm Veni ihm dies im nächsten Moment ab.
“Kannst du mir noch deine Nummer eigentlich geben?”
“Wieso?” fragte Basti ein wenig verwirrt.
“Nur so. Bisschen Kontakte knüpfen und so, sonst find ich ja schlecht Freunde, oder?” erklärte Veni fragend und mit einem Unterton, den Basti nicht ganz identifizieren konnte. Irgendetwas schwang im letzten Teil des Satzes mit. Er dachte nicht weiter darüber nach, wahrscheinlich war es nichts.
“Achso, ja klar”
Veni blieb mitten im Flur stehen, um sein Handy rauszuholen. Er gab es Basti, während irgendein Mädchen fast in sie reinlief, weil sie eben mitten im Flur standen.
“Hier gib einfach deine Nummer ein. Und deinen Namen”
Nachdem Basti sich selbst eingespeichert hatte, gingen sie endlich zur Bushaltestelle, wo sie auch auf Kevin trafen. Sie unterhielten sich noch kurz miteinander, bevor der Bus kam, den Kevin und er nehmen mussten.
Kevin erzählte ihm, wie langweilig alle Kurse waren, und informierte ihn ausgiebig über jene, die sie nicht zusammen hatten. Nach einer kurzen Fahrt hielt der Bus endlich bei ihnen und sie verabschiedeten sich, da sie in unterschiedliche Richtungen nach Hause mussten.
Zuhause legte Basti sich erstmal in seinem Zimmer auf den Boden, weil er noch Straßenklamotten trug und keine Lust hatte, sich umzuziehen, und checkte sein Handy. Er hatte eine Nachricht von Kevin bekommen, der wissen wollte, ob er ‘auch zum Ding am Freitag käme’.
‘Was ist am Freitag?’ antwortete er schnell, wahrscheinlich hatte Kevin wieder vergessen, ihn über irgendetwas zu informieren, was relativ oft vorkam.
‘Hausi’
‘bei Rewi’
‘kommst du?’ kam Kevins Antwort (die sicher auch in eine Nachricht gepasst hätte) sofort zurück.
Eigentlich war Basti wirklich kein Party-Mensch, aber irgendetwas in ihm bewegte ihn dazu zuzusagen. Er hatte keine Ahnung, ob er am Freitag überhaupt Lust haben würde, aber für jetzt konnte sich Kevin erstmal über seine Zusage freuen.
An diesem Tag machte Basti nicht mehr viel, außer sich ein bisschen auf den nächsten Schultag vorzubereiten und am Abend noch mit Kevin mitzukommen, als er mit seiner Hündin raus ging (Basti musste fast immer mit, weil es alleine ‘voll lame’ wäre).
“Ey, also freut mich, dass du mitkommst am Freitag” begann Kevin das Gespräch nachdem sie etwa zehn Minuten leise nebeneinander her gegangen waren.
“Ja, kein Plan ob ich dann wirklich Bock hab, aber hat sich irgendwie richtig angefühlt”
“Hab mich erst gewundert, ehrlich gesagt” lachte Kevin. “Aber wird safe cool”
“Mhm”
Nach einer kurzen Stille sprach er weiter. “Was hälst du eigentlich von diesem Neuen?”
“Veni? Der scheint ganz korrekt. Crazy, dass ihn einfach alle bei seinem Gamertag nennen, das hat irgendwie was, you know?”
“Oh ja, das ist wirklich super cool, Papaplatte” Basti konnte sich das Lachen zum Ende hin nicht mehr verkneifen und auch Kevin musste lachen.
“Man, halt die Fresse. Du checkst doch, was ich meine”
Sie verfielen wieder ins Schweigen. Nach einer Weile kamen sie wieder zuhause an und verabschieden sich noch schnell voneinander, bevor Basti endlich rein konnte.
Er schlief innerhalb weniger Minuten ein, ein Skill, den er sich über die Jahre antrainiert hatte, aber natürlich trug seine heutige Müdigkeit (er hatte vorhin schon gemerkt, dass er irgendwie langsamer ging, als sonst) auch dazu bei.
