Chapter Text
“Little things I should have said and done. I never took the time.
You were always on my mind.”
An dem Tag, an dem der Blonde vor seiner Tür steht, wartet Leo in den Stunden zwischen Früh- und Spätnachmittag im Waschkeller vom Turm auf den Brief der Disziplinarstelle. Zwischen den kaltfeuchten Betonwänden will die Zeit nicht vergehen, wie Zeit nie vergehen will, wenn man zu sehr darauf wartet, weil man sonst nichts mit sich anzufangen weiß, und weil man plötzlich so alleine ist.
In der Trommel taumeln seine weißen T-Shirts mit den alten Küchentüchern seiner Mutter monoton miteinander in großen Bögen um die Wette. Leo sitzt daneben und guckt zu, guckt sich dabei schwindelig, wie das schäumende Wasser den Schmutz aus den Fasern löst. Er sitzt auf einem dreckigen Vorsprung unter den kalten Leuchtstoffröhren, die ein ungemütliches Lagerhallenlicht auf seine blasse Haut werfen. Sein Handy in der Hand – das alte private Modell mit dem Kopfhöreranschluss, der nicht zu seinen Kopfhörern passen will. Weil er für das Diensthandy jetzt ja kaum noch Verwendung hat. Gerade liegt es zusammen mit seinem Dienstausweis in seiner Schreibtischschublade, während er darauf wartet, möglichst bald wieder Verwendung dafür zu finden. Seine Waffe hat man ihm direkt abgenommen, aber vermissen tut er sie nicht. Nach dem, was vorgefallen ist, ist Leo nicht scharf darauf, so bald wieder eine in der Hand zu halten.
Aus den blechernen Lautsprechern kommt eine Stimme – Pias Stimme – und schlägt weite Echos über die harten Fliesen des Waschkellers.
»Hast du dir schon einen Anwalt geholt?«, fragt sie mit künstlich sanfter Stimme. Tonlage Weichspüler. Um Leo bloß nicht an seinem verletzten Ego zu kratzen. Nett von ihr. »Weil, wenn nicht… Ich hätte einen Kontakt in Saarlouis.«
Leos Stimme ist ein bisschen brüchig, weil er sie heute noch nicht benutzt hat. »Lass gut sein. Wir wissen doch gar nicht, ob das noch größere Kreise zieht.«
So ein Scheiß, denkt Leo. Und er will sagen: »Kein Polizist wird fürs Nicht-Schießen gefeuert. Nicht mal fürs Schießen.« Aber er tut’s nicht. Weil Pia ja auch nichts dafür kann.
Auf Pias Seite des Hörers raschelt es. Leo stellt sich vor, wie sie um Diskretion bemüht vom Besprechungsraum in den Flur tritt. Vielleicht machen sie gerade auch schon Mittagspause. Sie und Baumann. Und der Neue, den sie vor ein paar Wochen mal in einer Verteilermail angekündigt haben, als Leo sich während seiner Beurlaubung schon an den hohen, weißen, sterilen Wartezimmerwänden seiner neuen Wohnung sattgesehen hat. Sie haben einen Neuen bestellt, irgendwo aus Berlin oder Brandenburg oder so, weil Woite nach dem Vorfall mit der Schussverweigerung und dem Disziplinarverfahren auch nicht mehr bei ihnen im LKA-1 bleiben wollte.
Verständlich, denkt Leo jetzt.
Pia räuspert sich und dann macht ihre Stimme sich breiter, als würde sie das Gerät jetzt ganz nah an ihre Wange drücken. Jetzt kommt ein geheimer Pia-Rat. So gut kennt er sie inzwischen schon. »Okay, aber Leo… Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich hab das vor ein paar Jahren schon mal mitbekommen, das ging nicht gut aus. Gib denen nichts, was die noch gegen dich verwenden. Am besten, du sagst fürs Erste einfach gar nichts.«
Leo seufzt und bleibt stumm. Hört erstmal nur Pias Räuspern und dem Brummen seiner Waschmaschine zu, die vom Hauptwaschgang in den Schleudergang springt. Sie rüttelt und ächzt und donnert geräuschvoll gegen ihre Nachbarmaschinen, die unbeeindruckt weiter schweigen. Sie stehen nur still nebeneinander in einer Reihe auf dem weißen Fliesenboden und warten darauf, dass sie jemand benutzt. Aber außer Leo kommt natürlich niemand hier runter. Nur manchmal, seit kurzem, brummt die Maschine ganz links in der Ecke und wäscht fremde Bettwäsche – dunkelgrün mit Karomuster. Manchmal wartet Leo stundenlang hier unten, bis die Maschine aus dem Schleudergang umspringt, weil er gerne wissen würde, dass er doch nicht alleine ist, hier im Wohnhaus, aber bisher ist noch nie jemand gekommen, um die Wäsche wieder abzuholen.
»Das kann ich nicht«, gesteht er schließlich. »Du weißt genau, dass das nicht geht. Ich mach mich doch nur noch verdächtiger.«
Pias Seufzen schickt ein lautstarkes Rauschen durch den Hörer. »Du bist kein Verdächtiger, Leo.«
»Ich bin verdächtig, falsch gehandelt zu haben. Ich bin verdächtig, eine Gefahr für meine Kollegen darzustellen. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, meine Seite vom Ganzen zu schildern.« Leo ist immer noch schwindelig, deswegen läuft er kleine Runden über den kalten Fliesenboden.
»Ich versteh das, Leo«, murmelt sie, doch sie klingt wenig überzeugt. »Aber ich will nur nicht, dass du’s am Ende bereust.«
Und das ist auch wieder nett von ihr, aber auch nicht besonders hilfreich. Weil er doch sowieso schon in einer Lose-Lose-Situation steckt: Rechtfertigen und sich angreifbar machen. Oder nichts sagen und die Kontrolle verlieren.
»Danke, Pia«, brummt er. Er hat sich sowieso schon längst für eine Stellungnahme entschieden. Schon in dem Moment, in dem er die Waffe vor Jaschke gesenkt hat. Weil er doch irgendwie gewusst hat, was noch kommt. Als er den Gesichtsausdruck seines Partners gesehen hat. Voller Empörung und Enttäuschung und Fassungslosigkeit. Und Leo hat nicht zurückgucken können. »Aber ich weiß schon, was man sagt und was man nicht sagt. Ich bin ja nicht komplett blöd.«
Pia schnalzt mit der Zunge. »Das sind die wenigsten.«
Auf den Treppenstufen zwischen erstem und zweitem Stock fragt Leo sich nicht zum ersten Mal in diesen Tagen, wie lange er es hier wohl noch aushalten wird. Seine Beine sind lahm, weil er heute schon entlang der Saar gelaufen ist, und nur innegehalten hat, um zu sehen, wie die Dienstwagen auf dem Parkplatz des Polizeipräsidiums gehalten haben. Viel zu lange hat er dort verweilt, bis nur noch der Stellplatz vor dem Blechschild mit der Aufschrift ‘KHK L. Hölzer’ unbesetzt war. Dann ist er zurück nach Hause, über Schotterwege und vorbei an Matschgruben, bis seine Schienbeine voller Dreck und sein Kopf vor Anstrengung rot gewesen sind. Keuchend und nach Luft ringend hat er in der Empfangshalle seines Wohnhauses auf den Fahrstuhl gewartet, denn all die Stockwerke hätte er zu Fuß nicht mehr bewältigen können – so diszipliniert er auch ist.
Wenn Leo gewusst hätte, was in diesem Jahr noch auf ihn zukommt, hätte er den Mietvertrag sicher nicht unterzeichnet. Eigentlich hätten sie hier zu zweit einziehen sollen, irgendwann im Frühling, wenn der Vertrag für Magdalenes kleine Zweizimmerwohnung ausgelaufen und der ganze Turm fertiggestellt sein würde. Noch ist hier nichts fertig – Baugruben durchlöchern den schlammigen Boden vor den rostroten Hauswänden – und letztendlich ist Magdalene dann doch in der Wohnung im Nauwieser Viertel wohnen geblieben, weil es ohne Leo dann ja auch gar nicht mehr so eng war. Kampflos hat Leo sich vor die Tür schieben lassen, mit leeren Händen, weil sie sowieso nichts besessen haben, das nicht ihnen beiden gehört hat. Nur die Fußmatte mit den zwei Spatzen auf der Telefonleitung und dem Spruch »Hier wohnen wir«, die hat er sich noch unter den Arm geklemmt, als er so unglücklich im stickigen Hausflur gestanden und sich gefragt hat, was er jetzt machen würde, wo er kein Teil dieses Wirs mehr war. Er weiß gar nicht mehr, wie man alleine ist.
Heute liegt die Fußmatte vor einer Wohnungstür im achten Stock des Neubauprojekts am Schanzenberg, das sie innerhalb der Stadt nur ‘den Turm’ nennen. Auch, wenn hier – im Solitärbau aus Glas und Stahlbeton – kein Wir mehr wohnt. Der Turm, beziehungsweise ‘Baufeld Neun’, war das ambitionierteste Bauprojekt im Rahmen der Stadtmodernisierung am alten Messegelände und sprießt als einziges Wohngebäude aus dem Boden des Gewerbequartiers heraus wie hoher Schilf. Was mal ein neues westliches Eingangstor zur Landeshauptstadt werden sollte, hat nur noch wenig gemein mit den Konzeptskizzen, die vor Baubeginn in den Landesberichten publiziert wurden – dicht bewachsene Parkflächen, kupferfarbene Hauswände aus Cortenstahl sowie breite Fahrradwege neben unbefahrenen Straßen und ebenen, sauberen Fußwegen. Das Quartier am Schanzenberg liegt am Stadtrand, eingeschlossen von Waldfläche im Südwesten und von Autobahn und Saar im Norden, dahinter Bahngleise. Und ohne aus der Stadt zu ziehen, war der neueste der einundzwanzig Saarbrücker Stadtteile eben am weitesten von der Wohnung entfernt, die Leo sich vor ein paar Monaten noch mit Lene geteilt hat. Sein Neuanfang riecht nach Baustaub und klingt nach Betonmischern. Vor dem Eingang zum Turm ist der Boden noch aufgerissen, wo im kommenden Frühling eine der vielen künstlich angelegten Grünflächen erblühen soll. Ansonsten zieren seine neue Wohngegend rostfarbene Plattenbauten, die nur in den richtigen Lichtverhältnissen eine gewisse Wärme abgeben.
Früher, als er noch Tage und Nächte auf der Arbeit verbringen konnte, ist er nie viel in seiner kleinen Wohnung im Stadtzentrum gewesen. Hätte den Strom in der Küche abdrehen können, weil er ja sowieso nie zum Kochen gekommen ist. Heute hat er dafür mehr als genug Zeit, ist er doch nur noch zuhause, ganz allein.
Leo lädt seine saubere Wäsche ab, sortiert die gefalteten Oberteile fein säuberlich in den Wandschrank im Schlafzimmer, verräumt die Küchentücher unter der Spüle und schiebt den leeren Wäschekorb hinterher. Kurz schielt er auf das offene Dokument auf seinem Laptop, worauf die weißen, unbeschriebenen Seiten vor sich hin leuchten. Hier muss irgendwann in der nächsten Zukunft der Bericht über den Schusswechsel stehen. Der Schusswechsel, der keiner war. Dann läuft er die acht Stockwerke im Treppenhaus wieder nach unten, wie immer – hoch mit Fahrstuhl, runter zu Fuß – obwohl heute jeder Schritt ein bisschen schmerzt.
Auf dem Weg zum Briefkasten trifft er niemanden, hört niemanden, niemand grüßt ihn freundlich, niemand fragt ihn, wie sein Tag war. Die Post zieht er aus dem einzigen Fach, auf dem ein Name steht. Denn niemand wohnt hier, außer ihm.
In seine Hände fallen Werbeprospekte von Discounterläden, Flyer von einer lokalen Kirchengemeinde und schließlich ein Umschlag mit einem ‘Vertraulich’-Stempel. Leo muss den Absender nicht lesen, um zu wissen, dass das der Brief von der Disziplinarstelle ist. Er reißt den Umschlag noch im Flur auf und lässt das Unbehagen auf ihn einprasseln.
Im Zusammenhang mit dem polizeilichen Einsatz vom 05.10.2019 in Einsatz Saarbrücken-Malstatt, Gefahrenlage mit Schusswaffe, bei dem es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kam, wird derzeit ein disziplinarrechtlicher Prüfvorgang eingeleitet. Vor diesem Hintergrund werden Sie hiermit aufgefordert, als Teil des laufenden Verfahrens eine schriftliche dienstliche Stellungnahme zu dem oben genannten Einsatz vorzulegen.
Leo wird ein bisschen übel, obwohl er doch eigentlich nichts anderes erwartet hat.
Ganz am Anfang, als die Anschuldigungen seines Kollegen Woite eingeschlagen sind, hat Leo für einen kurzen Moment geglaubt, dass er wohl das größte Verbrechen begangen haben muss, das ein Polizist so begehen kann. Nicht schießen. Anderswo kann man froh sein, wenn ein Polizist ausnahmsweise nicht schießt. Gerade bahnt sich dieses Schuldgefühl wieder einen Weg in seinen Kopf. Sein Herz rast unangenehm, obwohl er weiß, dass ein ordentlicher Bericht sein Ticket zurück ist. Wenn er es klug anstellt, dann kann er schon bald wieder wesentlich unpersönlichere Briefe an seinem Schreibtisch im Kommissariat öffnen.
Irgendwo hinter ihm hört er plötzlich Geräusche, die ihn herumfahren lassen, den Brief gegen seine Brust gedrückt. Kurz denkt Leo, dass er es ist. Er, der Blonde, den er in den letzten Wochen ein paar Mal gesehen hat, wie er sich vor dem Hauseingang Zigaretten dreht, wie er in den Fahrstuhl steigt und nach oben fährt. Wie er, ohne herzusehen, an Leo vorbeifliegt. Vermutlich ist er es auch, dessen Wäsche ab und zu in der Maschine taumelt. Er, den er vom Hof aus weit oben im Fenster hat stehen sehen, im elften Stock, wo bis vor kurzem noch nie ein Licht gebrannt hat, so wie in den anderen Stockwerken auch nie ein Licht brennt. Leo ist schon alle Ebenen abgelaufen, hat nach seinem Namen auf den Klingelschildern gesucht und doch nichts gefunden. Er sieht ihn immer nur von Weitem und fragt sich dann, ob er ihn sich vielleicht nur einbildet, weil er immer weg ist, wenn Leo nach ihm sucht, wenn er ihn vom Fenster aus unten stehen sieht und die acht Stockwerke nach unten läuft. Wie ein Geist. Wie Rauch, der verfliegt, bevor man danach greifen kann. Es ist wie mit den Handwerkern, die er mehrmals täglich im Flur oder im Treppenhaus arbeiten hört. Sobald er die Tür aufschließt und nach draußen schaut, sind sie immer schon wieder weg und der Geruch von Schweiß und kaltem Rauch schnell wieder verflogen.
Aber es ist nicht der Blonde. Es ist nur das dumpfe Geräusch von Wasser auf Plastik. Von der Klimaanlage über der Eingangstür tropft es auf einen gelben Warnaufsteller. Achtung, Rutschgefahr. Denn Leo lebt in der feucht-schmutzigen Grube einer halbfertigen Baustelle.
Als Leo wieder oben ankommt, wartet das offene Dokument immer noch unbeschrieben auf ihn. Mit einem Seufzer lässt er sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen. Der Cursor blinkt, als er zögerlich den ersten Entwurf herunterschreibt.
Wir trafen den Verdächtigen in seiner Werkstatt an, wo Jaschke bereits im Begriff war, relevante Beweise zu verbrennen. Wir sprachen den Verdächtigen an, doch der ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, sodass sich die Situation verschärfte. Nachdem Jaschke mit seiner Waffe auf den Kollegen Hauptkommissar Woite zielte, zog ich den Spaten.
Nein, denkt Leo. So ein Unsinn. In der Garage ist es der Spaten gewesen, in der Werkstatt war es die Dienstwaffe.
Die Garage. Fast kann er sich einreden, dass er schon eine Ewigkeit nicht mehr daran gedacht hat. An die Garage und an das peitschende Geräusch vom Ledergürtel auf weicher Haut. An hilflose Schreie. An den Spaten. An das Gefühl von dem schweren Griff in Leos Hand, als er ihn in die Höhe gehoben hat. An das Dann, an das Danach. An Adams Blick – dunkle, große, kugelrunde Augen. Keine Tränen. »Ist er…?« An den Rauch in der Luft. Er kann nicht mehr sagen, ob Roland da schon nicht mehr geatmet hat. Es macht keinen Unterschied für das Herzrasen, das er so viele Jahre später beim Gedanken an diesen Tag noch immer bekommt. Seine Hände werden schwitzig und seine Atmung geht zu schnell. In Jaschkes Werkstatt hat es sich genauso angefühlt. Aber zumindest ist dort niemand gestorben.
Auf einmal tut ihm wieder alles schrecklich leid. Das Gefühl wird er auch nie wieder los.
Er steht am Fenster hinter der limettengrünen Couch, die früher mal seinen Eltern gehört hat. Leo hasst sie ein bisschen, aber nach der Trennung und dem Umzug gab es eben ein paar Ecken, an denen er sparen musste.
Er dem Glas so nah, dass die Kälte von draußen auf sein Gesicht trifft. Die Fensterfront erstreckt sich vor ihm von seinen Fußspitzen bis weit über seinen Kopf, sodass er das Gefühl hat, er könnte einfach einen weiteren Schritt wagen und wäre draußen, über allem schwebend. Unter den Wolken. Es ist dunkel geworden, sodass die vielen kleinen und großen Lichter der Stadt das Bild zum Leuchten bringen. Auf der Wasseroberfläche tanzen sie zur monotonen Melodie des Straßenverkehrs. Die Geräusche der Autobahn ziehen gedämpft zu ihm herein. Er stört sich nicht weiter daran, denn in der Nacht ist es oftmals so still im Haus, dass es kaum auszuhalten ist. So fernab von allem, was lebt und läuft, kommt Leo sich ab und an vor wie ein Ausgesetzter. Die Stadt streckt sich vor ihm, unter ihm, um ihn herum aus. Und er ist so weit weg von allem. Wenn Leo so hinunter guckt, die acht Stockwerke in die Tiefe, dann liegt ihm ein schwarzes Loch zu Füßen, aus dem der Turm entsprossen ist wie Unkraut. Hier brennt kein Licht, in keinem Fenster, an keiner Straßenlaterne. Vor dem Gürtel der Saar, die wie ein Graben vor seinen Füßen liegt und ihn von dem Rest Saarbrückens trennt, ist die Stadt wie tot. Außerhalb der Arbeitszeiten treibt sich auf dem Gelände am Schanzenberg niemand mehr herum. Von Freitag achtzehn Uhr bis Montag um sieben ist das Gewerbequartier eine Geisterstadt, in der außer ihm niemand umherstreunert.
Leo steht reglos dort und denkt an all das Leben in der Stadt, das er von hier aus nur anhand von Lichtern und Geräuschen erahnen kann. Er fröstelt. Vom Radio in der Küche kommt leise die blecherne Musik von britischen Rockbands aus den frühen Zweitausendern, als er sich noch für Musik interessiert hat. Wenn Leo sich ein bisschen besser mit den Interpreten auskennen würde, dann könnte er sich jetzt erschließen, ob der alte Schürk zu der Zeit noch gelebt hat, oder schon nicht mehr. Ob Leo sich noch nichts hat zuschulden kommen lassen, als das Lied zum ersten Mal durch die Kopfhörer seines MP3-Players lief. Oder ob er es in den Nächten im Radio-Nachtprogramm gehört hat, in denen er nicht mehr geschlafen hat, weil das letzte Bild von Rolands starren toten Augen ihn im Schlaf heimsuchte. Er wüsste es gerne.
Für eine ganze Weile steht Leo mit der Stirn gegen die kalte Glasfront gelehnt und lässt die Musik stumpf auf ihn einrieseln.
Und dann klingelt es an der Tür. Benommen und verwundert dreht Leo herum, schleicht in den Flur und bedient den Schalter zur Gegensprechanlage.
»Ja, hallo?«
Aber das Klingeln scheint vom Flur zu kommen, dabei kann das eigentlich gar nicht sein, weil da außer ihm noch nie jemand durchgelaufen ist. Ihm wird ein bisschen unwohl, als er vorsichtig die Tür aufstößt. Er hält die Luft an und schielt durch den Spalt, bevor er ganz heraustritt.
Im dunklen Flur steht der Blonde. Er hält ein längliches Paket in einer Hand und seinen Schlüsselbund in der anderen, er klimpert nervös zwischen seinen langen Fingern. Seine Augen sind trüb und sehr blau. Sie springen nervös über Leo hinweg, der nichts weiter tun kann als zu starren und nichts zu sagen.
»Ist ein Wein drin«, sagt der Blonde und drückt Leo das Paket in die Hände. »Hat ein Postbote vorhin unten für dich abgegeben. Ich hätt ihn behalten, aber ich trink nicht.«
Leos Kopf ist leer, da ist nicht mehr als die vier Buchstaben, die sich um seine Synapsen wickeln und ihn erstarren lassen. Adam. Er ist älter geworden, die Gesichtszüge schärfer, die Haare länger, blonder, aber irgendwie steht da trotzdem noch der großgewachsene Sechzehnjährige vor ihm, der Leo so gut gekannt hat, wie sonst niemand.
Adam verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, dann drückt er Leo das Paket in die Hände. Leo nimmt es wortlos an sich. Dann räuspert Adam sich und macht einen kleinen Schritt auf ihn zu. Er riecht nach Rauch und schwarzem Kaffee. »Wenn ich darf, komm ich rein. Okay?«
Leo nickt nur und macht einen Schritt zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Für einen Moment stehen sie nur so da, sich musternd, und Leo wartet darauf, dass ihm irgendwas einfällt, was er sagen könnte. Aber es kommt nichts. Also schaut er ihn nur weiter an, schaut ihm dabei zu, wie er in Leos Flur steht, mit nackten Füßen aus den Straßenschuhen schlüpft und seine Augen über die Möbel im Wohnzimmer wandern lässt.
»Wie geil«, sagt Adam und meint damit Leos limettengrüne Couch. Mit lässigen Schritten läuft er weiter in die Wohnung hinein, wirft einen kurzen Blick zurück zu Leo, der immer noch einfach da steht, und lässt sich ins Sofapolster fallen. Die Füße legt er auf dem gläsernen Couchtisch ab. An Adams Hosenbeinen klebt unten Schmutz, braune Spritzer, bestimmt von der großen Pfütze vor dem Eingangstor, wo die Lastwagen morgens auf das Gelände fahren.
Leos Mund ist ganz trocken, dabei hat er noch gar nichts gesagt. Unsicher schiebt er die Hände in seine Hosentaschen.
»Noch von deinen Eltern, oder?«, fragt Adam und streicht mit einer Hand über den weichen Bezug der Lehne, zeichnet mit einer Fingerspitze die Musterung nach.
Leo nickt nur und versucht, sich nicht daran aufzuhängen, dass Adam das noch weiß, und schleicht sich ganz langsam weiter ins Wohnzimmer, als wäre er selbst Gast darin.
Adam schaut zu ihm hoch, für einen Moment, erwartungsvoll. Dann seufzt er unzufrieden. »Okay, jetzt sag halt was.«
Leo weiß nicht, was er sagen soll. Wenn er es wüsste, hätte er es schon getan. Hätte gefragt, was das hier soll, ob er vielleicht träumt, ob er ihn verarscht. Weil das wirklich keine Art ist, nach fünfzehn Jahren Funkstille einfach so wieder aufzutauchen und so zu tun, als wär nichts. Und davon auszugehen, dass Leo jetzt einfach wissen würde, wie er damit umgehen soll.
Leo schluckt unsicher. »Willst du was trinken?«, bringt er nur hervor.
Adam blinzelt. Irgendwie wirkt er plötzlich auch ganz nervös. Seine blassen Finger fahren noch über die Naht der Sofalehne. »Ja, okay.«
Leo reicht ihm ein Glas Leitungswasser aus dem Hahn in der Küche, dann kommt er dem Drang nach, sich einen Schluck von dem Rotwein einzuschenken. Als der Korken poppt, kommt ihm der süß-saure Geruch von mittelteurem Wein aus Frankreich entgegen, der laut unpersönlicher Absenderkarte eine kleine Aufmerksamkeit aus der Gerichtsmedizin ist. Von Henny mit aufmunternden Worten unterzeichnet. Vielleicht könnte Leo sich darüber freuen, wenn sie irgendetwas an dem Ganzen ändern könnte. Aber gerade hat er für diese Situation sowieso keinen Kopf, weil gerade schon eine andere auf seiner Couch sitzt und an seinem Wasser nippt.
Mit dem Weinglas in der Hand setzt Leo sich ihm gegenüber auf den Sessel, damit er Adam in die Augen gucken kann, damit Adam ihm in die Augen gucken muss.
»Also«, sagt er schließlich und schlägt ein Bein über das andere. »Du lebst.«
Adam nickt nur, sagt dann aber nichts, meidet nur seinen Blick, plötzlich wortkarg.
Leo lehnt sich vor, stützt beide Ellenbogen auf seine Oberschenkel. »Und seit wann bist du wieder in Saarbrücken? Oder besser: Wie lange wohnst du schon hier im Haus?« Er fühlt sich ein bisschen wie in einer seiner Vernehmungen. Vielleicht steckt er auch noch mit dem ganzen Kopf tief in der Arbeit, die ihn ja niemand mehr machen lässt.
Da schaut Adam wieder hoch zu ihm und sieht ganz unschuldig aus. »Übermorgen sind’s drei Wochen.«
Leo lacht trocken auf, weil Adam ihn ja doch irgendwie verarscht. »Aha. Und meinen Namen am Klingelschild hast du nicht gesehen?«
»Doch, hab ich gesehen«, gesteht Adam. »Hab gewusst, dass du das bist.«
Das ist ein bisschen wie ein Schlag in die Magengrube. Adam, der wochenlang da gewesen ist, in Reichweite, im gleichen Haus, zwischen den gleichen Wänden, und nur hätte klingeln müssen, nur in den gleichen Fahrstuhl hätte steigen müssen, und es einfach nicht getan hat. Obwohl er gekonnt hätte.
»Und wieso kommst du jetzt erst an?«
Adam legt den Kopf auf die eine Schulter, dann auf die andere, als müsse er die Gedanken darin erst einmal umsortieren, damit sie besser ins Gesamtbild passen. »Ich hatte gedacht, dass es anders abläuft. Ich hab ja nicht gewusst, dass du… Naja, also ich dachte halt, ich seh dich im Präsidium, dass ich dich da überrasche und so. Das hatte ich mir so überlegt.«
Seine Augen sind ganz scharf, als sie den Moment auffangen, in dem Leo es kapiert. Woites Tauschgesuch. Der neue Kollege. Hauptkommissar Irgendwer aus dem LKA-Irgendwas in Berlin. Vielleicht hätte er trotz Disziplinarverfahren doch mal irgendeine Akte aufschlagen sollen.
»Adam…«, stöhnt Leo und lässt sich kraftlos zurück ins Sesselpolster fallen. »Du bist nicht wirklich auch Polizist geworden? Bei der Kripo?«
Adam nickt vorsichtig. »Ja, doch. Und jetzt bin ich ja hier bei euch. Und dann hätten wir gleich zusammenarbeiten und ich dir alles erzählen können. Aber du warst ja nicht da.«
»Ich bin beurlaubt.«
Adam nickt. »Ja, das haben die anderen mir schon erzählt.«
»Ich will gar nicht wissen, was die genau gesagt haben«, murmelt Leo. Er kennt Baumann gut genug, um sich vorstellen zu können, wie vorteilhaft ihre Berichte ausfallen können, besonders bezüglich Leo. Trotzdem wird sie wie immer irgendwie recht haben.
»Die haben mir gar nichts gesagt«, beschwichtigt Adam ihn. »Außerdem würd ich’s sowieso lieber von dir hören.«
Leo nickt, schaut an ihm vorbei, verschränkt schützend die Arme vor der Brust. Weil er eigentlich gar nicht über die Arbeit reden will, geschweige denn über das Verfahren. Er will nicht über sich reden, und Adam schuldet ihm ja noch mindestens eine Erklärung für jeden Tag, an dem er sich nicht gemeldet hat, seit dem Einzug im Turm und jeden Tag davor. Weil er ja entgegen Leos schlimmsten Vorstellungen doch noch am Leben ist, und er in der Zwischenzeit noch irgendwie seinen Weg gefunden hat, ohne Leo, aber zu Leo. Er weiß nicht, was er davon halten soll.
Adam lehnt sich auch vor, sodass sie sich plötzlich wieder ganz nah sind. Vielleicht steckt er auch schon im Verhörmodus. »Also? Was hast du gemacht?«
»Nichts«, sagt Leo.
»Wie?«
»Ich hab nichts gemacht, als ich was hätte machen sollen.« Er denkt an Roland Schürk, an die Garage, an den Spaten. An die Dinge, die er schon gemacht hat, wenn er vielleicht besser gar nichts gemacht hätte. Und jetzt hat er einmal nichts gemacht, und das war auch nicht richtig. Leo kommt nicht mehr mit.
»Okay, verstehe.« Adam stellt sein Glas auf dem Glastisch ab. Leo verkneift es sich, einen Untersetzer darunter zu schieben, obwohl er weiß, dass ein Wasserring darauf zurückbleiben wird.
Adam schiebt sich auf der Couch noch ein Stück nach vorne, sodass sein Knie gegen Leos Bein stößt. Dann lässt er das Disziplinar-Thema fallen, als könnte er alles Ungesagte auch einfach so aus Leos Augen herauslesen. Vielleicht kann er das auch, hat er es doch damals schon gekonnt. Er wirkt ganz ernst, plötzlich, ganz nahbar. »Ich wollte nicht, dass du denkst… Also, dass ich nicht mehr lebe. Das wollte ich nicht.«
»Dann hättest du ja mal was sagen können. Oder was schreiben, eine Mail, ein Rauchzeichen, mir egal.« Leo nimmt einen Schluck aus seinem Glas und lässt den sauer-fruchtigen Wein auf seiner Zunge vergehen. Er schmeckt nach den unregelmäßigen Wochenenden ohne Bereitschaft, aber auch ein bisschen nach Kopfschmerzen.
Adam seufzt. »Ich weiß. War scheiße. Wollte ich auch.«
»Aber?«
»Ja, aber halt.«
Genervt leckt Leo sich den Wein von den Lippen, keucht irritiert auf. »Was soll das heißen?«
»Keine Ahnung. Ging einfach nicht.« Adam zuckt mit den Schultern. Er sieht ganz klein aus, plötzlich, als wäre er wirklich wieder sechzehn und ganz verloren in seinem eigenen Körper. Der Junge mit dem toten Vater. Seine Augen sind groß und rund, als er Leo anguckt. »Aber freust du dich denn?«
Leos Herz schmerzt ein bisschen. Er will überhaupt nicht sauer sein, hat auch überhaupt keinen Anlass. Heute ist doch der Tag, auf den er damals so sehnlich gewartet hat, obwohl er schon längst die Hoffnung hätte verlieren müssen. Weil kein Brief kam, keine E-Mail, kein Rauchzeichen. Aber jetzt ist Adam hier, und er lebt, und er ist zu ihm zurückgekommen, wie ein entlaufener Hund zu seinem Besitzer. Nach Hause.
»Keine Ahnung«, murmelt Leo. »Ja. Ja, schon.«
»Nicht so viel Enthusiasmus auf einmal, Hölzer.«
»Bin nur ein bisschen überwältigt gerade«, gesteht er, nimmt noch einen Schluck aus seinem Weinglas und stellt es dann zur Seite. Ihre Beine berühren sich noch, ganz leicht. Unter seinen blauen Jeans ist Adams Haut ganz warm. »Und du? Freust du dich denn?«
»Sonst hätte ich ja nicht sofort auf das Stellenangebot reagiert, oder?«, meint Adam nur, ganz selbstverständlich. »Als ich deinen Namen da gelesen hab, da hat auf einmal irgendwie alles wieder Sinn gemacht. All der Scheiß der letzten Jahre.«
Leo fragt nicht nach dem Scheiß, so sehr er auch will, weil Adam ja auch nicht weiter nach dem Verfahren gefragt hat. Also nickt er nur, als wisse er genau, wovon er redet. Obwohl er eigentlich überhaupt keine Vorstellung von dem hat, was Adam in all den Jahren getrieben hat. Was ihn umgetrieben hat. Für eine Weile sehen sie sich nur wieder an und wissen beide nicht, was sie sagen sollen. Dann hört Leo Adams Bauch knurren und dann müssen sie beide lachen.
»Soll ich uns was kochen?«, schlägt Leo vor und erntet ein kleines dankbares Kopfnicken.
Adam schleicht hinter Leo in die Küche. Dort fällt Leo auf, dass er diesen neuen Adam ja gar nicht kennt, und nicht weiß, was er so isst. Was ihm noch schmeckt und was schon längst nicht mehr. Früher haben sie Tacos aus harten Schalen gegessen. Mit Hack und Kidneybohnen. Aber Leo isst schon seit zehn Jahren kein Fleisch mehr und Bohnen hat er auch nicht mehr da. Also schmeißt er ein paar gewürzte Kartoffeln mit Zucchini und Paprika in den Ofen und versucht dabei Adam zu ignorieren, der barfuß im Türrahmen steht und ihn beobachtet.
»Riecht gut«, sagt er. Dabei wandern seine Augen über die offenen Schränke der Einbauküche, über den Gewürzschrank und das Proteinpulver und die uralten Geschirrtücher mit Gänseblümchen-Aufdruck. »Auch noch von Zuhause?«, fragt er, obwohl er schon selbst die Antwort kennt.
»Hab beim letzten Umzug nicht mehr so viel eigenes Zeug gehabt«, sagt Leo nur. Vermutlich wäre das jetzt ein guter Zeitpunkt, um mal etwas von seinem Leben zu teilen, aber über die Trennung will er eigentlich lieber nicht reden. Über das alte Leben, das plötzlich entzwei gerissen wurde. Über die andere Hälfte, die noch irgendwo auf der anderen Seite der Saar liegt und nicht mehr darauf wartet, dass er sie wieder einsammelt. Ist vermutlich auch besser so, schließlich waren er und Magdalene zum Ende hin schon ziemlich unglücklich gewesen. Es war dann auch irgendwie absehbar, dass einer von ihnen früher oder später die Reißleine ziehen muss. Und dass es Leo nicht sein würde, das haben sie beide gewusst.
Mit den dampfenden Schüsseln in den Händen sitzen sie zwischen den Möbeln auf dem Boden, Adam mit dem Rücken gegen die Couch, Leo mit seinem gegen den Sessel. Die Knie haben sie beide angezogen, wie damals, als sie genau so in Leos Kinderzimmer gehockt und sich alle Sorgen von den Seelen gesprochen haben. Leos Angst, wegen seiner Migräneattacken durch die Deutschklausur zu rasseln. Adams Angst, niemals von der Stadt wegzukommen, in der ihn außer Leo niemand wirklich versteht.
Adam schaufelt sich das heiße Ofengemüse rein, als hätte er tagelang nichts Essbares gesehen und Leo hat kurz Angst, dass er sich noch den ganzen Gaumen verbrennt.
»Hat schon lange niemand mehr für mich gekocht«, meint Adam, als seine Schüssel leer ist.
Leo schiebt ihm noch den Rest seiner Kartoffeln zu, weil er heute eigentlich gar nicht mehr so viele Kohlenhydrate essen wollte. »Hab auch schon ne Weile niemanden mehr bekocht.«
Adam grinst in die Schüssel mit den Kartoffeln hinein. Leo findet auf seinem Gesicht die Grübchen wieder, an denen er sich schon damals nicht hatte satt sehen können. Er bemerkt zum ersten Mal wirklich, wie schön Adam geworden ist. Markantere Gesichtszüge, die sich noch genauso verhalten wie damals schon. Blaue Augen, die meist viel dunkler erscheinen, als sie eigentlich sind. Die kleine Narbe auf dem Nasenrücken, die sein Vater damals mit dem Gürtel hineingezogen hat. Lippen, auf denen sich immer fast ein Grinsen versteckt. Seine Schultern sind schmaler geworden, aber er ist nicht zart. Er wirkt deutlich sicherer in seiner Haut, als er es damals je gewesen ist. Als Kind hat er immer den Rücken krumm gemacht, wenn ihn niemand geradegeschrien hat.
Leo schaut ihn an, so richtig, weil er ihn jetzt wirklich wiedererkennt. Diesen Adam, den er für verloren gehalten hat. Jetzt sitzt er wieder vor ihm, neben ihm, seine Beine gegen Leos gedrückt in dem kleinen Raum auf dem Teppich zwischen Sofa und Sessel.
Adam lehnt sich vor. »Weißt du, worauf ich mich am meisten gefreut habe, als ich beschlossen habe, wieder herzukommen? Auf Pizza Hawaii von Da Marco. Weißt du noch?«
Bei Da Marco gab es früher Selbstbedienungs-Buffets mit Plastiktabletts. Leo denkt zurück an klebrigen Laminatboden, abgewetzte Kunstlederbänke und Spielautomaten im Kellerraum. Da hat er seine erste Kirsch-Cola geklaut.
»Am meisten?«, fragt Leo in Gedanken an den fettigen Pizzateig skeptisch.
Adam grinst, sodass seine Augen funkeln. »Am zweitmeisten.«
»Gut, weil das gibt’s auch gar nicht mehr. Die hatten irgendwann mal nen größeren Wasserschaden, danach waren die bis zum Nacken in Schulden. Und dann hat’s kein Jahr mehr gedauert.«
Adam legt sich enttäuscht die Hand auf die Brust. »Tragisch. Der Gedanke an Dosen-Ananas um halb elf hat mich durch ein paar echt schlimme Tage gebracht.«
Für einen Moment schwelgen sie beide in nostalgischen Kindheitserinnerungen. Eigentlich hatten sie auch viel Spaß, damals, bevor alles den Bach runtergegangen ist. Auf Adams Lippen liegt ein kleines Lächeln. Leo fragt sich, woran er wohl gerade denkt. Vielleicht an Filme ab 18 im kleinen Programmkino beim Stadttheater, in das sie sich regelmäßig reingeschlichen haben. Ans Baden am See im Hochsommer. Das erste Mal hitzefrei.
Leo denkt auch an das Danach. Danach ist er nie wieder bei Da Marco gewesen, weil er alleine hätte gehen müssen. Danach haben die Gedanken ihn nachts wach gehalten. Wochenlang. Danach hat er Ängste entwickelt, die vorher nicht da gewesen sind – Feuer, Spinnen, Dunkelheit. Selbst vor dem Fliegen hat er Angst, immer noch. Danach hat das Leben ein ganzes Stück weniger Spaß gemacht.
Auf einmal traut Leo es sich zu fragen. »Warum bist du weg, Adam? Er war doch… Er war doch nicht mehr da. Wovor hattest du Angst?«
Adam schüttelt den Kopf. »Keine Angst. Im Gegenteil. Es war eher so… Plötzlich war da nichts mehr, was mich gehalten hat. Ich war endlich frei. Deinetwegen. Und ich wusste, wenn ich’s nicht sofort mache, wenn ich nicht sofort meine Koffer packe, dann schaff ich’s nie raus. Es musste so sein. Von einem Tag auf den anderen. Anders hätte ich mich das nie getraut.«
»Aber ging’s dir denn gut?«
Adam legt seinen Kopf schief und sucht mit seinen Augen die Wohnzimmerdecke ab, als ob er dort eine Antwort finden könnte. »Schwierige Frage. Grundsätzlich schon. Also es ging mir nicht so schlecht – nicht so wie vorher zumindest. Aber auf so eine Frage hat man jeden Tag eine neue Antwort, aber das macht sie auch nicht wahrer. Also ja… Mal so mal so.«
Leo schaut ihn nur an und weiß nicht, was er dazu sagen kann.
»Und du?«
»Ja«, meint Leo nur. »Irgendwie genauso.«
Die Luft zwischen ihnen ist wärmer geworden. Unter Leos Brust ist es auch ganz warm, von der Luft und vom Wein und von was Anderem. Es ist gemütlich, hier auf dem Boden zwischen den Möbeln. Adam macht keine Anstalten, sich aufzumachen und zurück in seine Wohnung im elften Stock zu verschwinden, und Leo macht keine Anstalten, ihn darum zu bitten. Es ist nett. So wie früher. Ein bisschen ernster und ein bisschen bedeutsamer, aber trotzdem wie früher. Aus dem Radio in der Küche dudelt noch die gleiche Musik.
Kurz nickt Adam ein – dann hängt sein Kopf schlaff auf der Sitzfläche des Sofas – aber die meiste Zeit reden sie einfach. Als müssten sie alles Ungesagte der letzten fünfzehn Jahren in dieser ersten Nacht nachholen. Dabei wird Adam noch bleiben. Fürs Erste.
Leo erzählt ihm von dem Haus seiner Eltern, das jetzt leer steht, seit sie Caro und den Enkeln nach Griechenland hinterhergezogen sind, von dem Rauhaardackel, den er in seinen Zwanzigern für ein paar kurze Jahre gehalten hat, bevor der an einem epileptischen Anfall gestorben ist, und von der dicken Luft zwischen ihm und den Hauptkommissarinnen Baumann und Heinrich. Adam erzählt ihm ein bisschen was von Berlin, Madrid und Buenos Aires, aber nicht alles. Leo hakt wieder nicht nach, weil er nicht will, dass Adam doch wieder kehrt macht und wieder dahin verschwindet, wo er hergekommen ist. Sie reden die ganze Nacht hindurch, halten nur kurz inne, um am Fenster zu stehen und der Sonne zuzusehen, wie sie langsam über die Stadt klettert und die kleine Welt am Fuße des Turms in kupferfarbenes Licht tunkt. Sie stehen dort, aneinander gedrängt wie Magneten, bis Adam zur Arbeit muss und Leo nicht.
