Work Text:
BESSERUNGSANSTALT
Der Glockenturm schlug ein Viertel vor sechs. Dankbar stand der Deutschlehrer von seinem Schreibtisch auf. Nach einem ganzen Nachmittag Korrekturarbeit roch die Luft in seinem Büro nach verrenktem Satzbau und in Wörterbüchern getarnten Spickzetteln. Er ging zum Fenster, um es aufzumachen, und alle Schulgeräusche bekam er sofort mit: die singenden Knaben bei der Chorprobe; das Knistern und Raschen der Oberstufenschüler in den Werkstätten; das endlose Krächzen und Zwitschern von den nach Südost wandernden Vögeln, die sich jedes Jahr im Herbst auf einem bestimmten Baum vor dem Burgeingang versammelten, zum Vergnügen der jüngeren Jahrgänge, die noch lauter waren, als die Vögel selbst.
Dann ging er, die elektrische Lampe einzuschalten, und seufzend kehrte er zu seinem Tisch zurück, um wieder die Aufsätze zu sich zu nehmen. Die erste Klassenarbeit des neuen Schuljahres. Nochmal blätterte er durch. Gerne hätte er Tjaden eine bessere Zensur gegeben, da er seit seinem Schulwechsel viele Fortschritte gemacht hatte, dafür klangen aber die letzten zwei, drei Absätze wie gepeitscht. Hingegen hätte sich Erwin Rabeneick über sein Drei freuen sollen, denn es war offensichtlich, dass ihm Reinmar der Alte kein Begriff war, und er habe wohl improvisieren müssen, mit desaströsen Ergebnissen. Friedrich hatte ihn hingegen positiv überrascht. Obwohl er immer noch dazu neigte, den Dativ mit dem Akkusativ zu verwechseln, schrieb er ganz mutig und deutlich, und dem Empfänger war jederzeit klar, was er meinte.
Und von wem er seinen klaren Schreibstil abgeschaut hatte, war es ersichtlich.
Friedrichs Aufsatz wurde auf den Stapel Heft wieder hingelegt. Vogler ging, das Fenster wieder zu schließen, dann kehrte er zu seinem Schreibtisch zurück und nahm Albrechts Aufsatz wieder zu sich.
Gerade zwei Tage vor Schulanfang wurde ihm mitgeteilt, dass noch ein weiterer Neuankömmling seiner Schulklasse zugeteilt worden war. „Der Sohn des neu ernannten Gauleiter Stein wird ab sofort unsere Schule besuchen“, hatte der Ich-Wort-Liebhaber Curt Walter, Schulleiter der NaPolA Allenstein, ihm per Telefon höchstpersönlich mitgeteilt. „Da Torben Send sich freiwillig gemeldet hat, wird seine Stelle als Chefredakteur der Schulzeitung frei. Es ist von Albrecht Stein umgehend zu besetzen“, waren es exakt seine Worte, und als Ansprechpartner der Schülerzeitung hatte er sich darüber geärgert, dass seine Autorität dermaßen untergraben worden war. Nicht mal hatte er den Jungen kennenlernen können; nicht mal wusste er, ob er überhaupt dazu fähig war. Das Wunderkind hatte er erst direkt am Frühstückstisch am Tag nach seiner Ankunft sehen können. Und er hatte sich gedacht, dass wohl ein Irrtum vorliegen musste.
Den Gauleiter Stein hatte Vogler schon mehrmals gesehen, einmal sogar angesprochen; groß, blond, ein Selbstdarsteller, genauso umgänglich mit seinen Freunden wie gnadenlos gegen Feinde und Parteirivalen. Sein Sohn war hingegen dunkelhaarig, klein, mit sonnenscheu blasser, fahler Teint; er sah viel jünger als ein 16-Jähriger aus, und durch die voller Bewunderung Blicke seiner Schulkameraden völlig verunsichert.
Gewiss musste es ausschließlich auf Vitamin B liegen, auf seinen Vaters Anstrengungen und auf sein Engagement für die Anstalt, dass dieser Junge durch die Aufnahmeprüfung irgendwie durchgekommen war. Immerhin war Siegfried schon mit 14 über ein Meter achtzig groß gewesen, Erwin war bärenstark, Hefe ein guter Schütze, Tjaden, mit seinen langen Beinen, einer der schnellsten Läufer seines Jahrgangs. Aber dieser Junge!, hatte er sich verdutzt gedacht. Was hatte ein Junge wie er in einer NaPolA überhaupt zu suchen?
Nochmal blätterte der Deutschlehrer im Heftchen, seine Augen sprangen von einem Satz zu den anderen. Und dann gab es ein leises, fast unhörbares Klopfen an seiner Tür.
Er hob den Kopf.
„Herein“, sagte er, und Albrecht Stein persönlich betrat den Raum. Aus der Nähe gesehen schien der Junge noch kleiner zu sein, aber ausdrucksstark, zwar feinfühliger, aber genauso unbezähmbar wie sein Vater.
„Guten Abend, Albrecht. Nimm bitte Platz“, sagte Vogler, und sofort veränderte sich Albrechts Gesichtsausdruck, er war in seiner Verblüffung völlig offen. Wahrscheinlich war er nicht daran gewöhnt, mit Vornamen angesprochen zu werden. Er ging zum Stuhl und setzte sich, beinahe hockte er sich darauf wie ein Greifvogel.
„Was kann ich für Sie tun?“, sagte er. Im Gegensatz zu Friedrich sprach er voll akzentfrei, seine Stimme zwar leiser, aber unverwechselbar.
„Bin gerade fertig mit der Aufsatzskorrektur …“, begann der Deutschlehrer, aber dann passierte das Undenkbare, nämlich, der Schüler unterbrach ihn.
„Ist das nicht gut?“, fragte er. Der Lehrer blickte ihn baff, beinahe irritiert, von wem, dem er als falsche Bescheidenheit wahrgenommen hatte; dann musste er jedoch bestürzt anerkennen, dass dem nicht der Fall war. Albrechts hellblaue Augen starrten ihn voller Sorge und Kümmer an.
Er war ehrlich. Er war voll ehrlich in seiner Unsicherheit, und der Lehrer wurde zum einen zärtlichen Lachen bewegt.
„Doch“, erwiderte er.
Schon beim allerersten Satz war der Deutschlehrer wie vom Donner gerührt. Den acht Seiten langen Aufsatz hatte er dann in einem Zug überflogen. Zum ersten Mal in jenem Nachmittag, von Vogelgeschrei und dem Jubel der jüngsten Schüler, die mit Schleudern auf die Wandervögel schießen, ständig gestört, hatte er das Zeitgefühl verloren. Zum ersten Mal hatte er gelesen!
„Es ist brillant.“
Dieser Junge! Dieser Junge war ein Genie, ein Schöpfergeist! Mit 16 schon ein Meister in seinem Fach!
„Es ist ja einer der besten Aufsätze, die ich von einem Schüler je gelesen habe.“
Allmählich verschwand jeder Trübsinn aus Albrechts Augen, und dann, siehe!, Selbstachtung war doch Familiensache!, und frech lächelte der einst so unsicher wirkende Junge ihn jetzt an!
Aber sein Lächeln blieb diesmal unerwidert.
„Deswegen möchte ich dich fragen“, sagte der Deutschlehrer, „welches der wahre Grund für deine Versetzung in dieser Anstalt ist.“
Nun trat auf Albrechts Gesicht ein neuer Ausdruck zum Vorschein. Die äußerst neutrale Miene eines Postbeamten.
„Der Grund ist“, begann er mit ungewöhnlicher Härte, jetzt des Gauleiters eiserner Seite zeigend, „dass mein Vater sich wünschte, dass ich in selbem Gau wohne, wofür er vor einem Monat aus Führerbefehl“ und das Wort nahm er offensichtlich mit Absicht im Mund, um seine eigene Aussage zu bekräftigen, „Leiter ernannt wurde, und sich damit die lange Fahrzeiten bis zur meinen vorhigen Schule zu sparen. Vor allem jetzt, dass jeder Tropfen Benzin an die Front gebraucht wird.“
Vogler nickte zu. Eine Antwort wie aus dem Lehrbuch. Aber es war doch nicht, was er von Albrecht hören wollte.
„So, und nicht aus anderen Gründen“, sagte er.
„Nein. Welche anderen Gründe soll es sonst geben?“, streite der Junge ab.
Er war äußerst hartnäckig.
„Du hast doch Recht“, erwiderte der Deutschlehrer ruhig. „Einem neu angekommenen Schüler sollte man keine unangenehmen Fragen stellen.“
Jetzt könnte Vogler Albrechts brennenden Blick auf seinem eigenen Leib spüren.
„Welche denn?“, fragte er laut, und nur dann sah der Lehrer ihm in die Augen an.
„Albrecht“, sagte er. „Du bist doch klug. In einer anderen NaPolA-Anstalt warst du schon. Bestimmt hast du bereits bemerkt, dass deine neuen Schulkameraden aus dem ganzen Reich kommen.
Berlin. Hamburg. Jena. Wittenberg. Lübeck. Nürnberg. Dies ist verglichen mit dem aus örtlichen und regionalen aufgebauten Aufnahm- und Ausleseprinzip der anderen Anstalten alles sehr ungewöhnlich.“
Albrecht sagte nichts, noch nicht. Aber jetzt zeigte er bereits eine Grimasse. Er nickte zu, überrascht sah er nicht ganz aus, eher enttäuscht, von sich selbst enttäuscht, dass er sich so leicht auf die Wand hatte stellen lassen.
„Verstehst du?“, betonte der Deutschlehrer. „Hier in Allenstein landet man nur, wenn man gute Gründe dafür hat.“
Noch versuchte Albrecht, die Worte zu finden. Schniefte er dann, und beim Anblick seines zitternden Halses begriff Vogler, dass er nicht böse war, weil sein Geheimnis entlüftet wurde; denn ein Geheimnis war es sowieso nicht. Der Vermerk musste sowieso in seinen Akten eingetragen worden sein. Möglichst hatte ein Disziplinarverfahren stattgefunden, obwohl bestimmt nichts Konkretes gegeben hatte, sonst wäre der Junge gleich rausgeflogen. Vogler vermutete zwar, dass der Junge sich bloß auffallend verhalten hatte; dass seine Neigung zur Dichtung ungerecht als Schöngeisterei abgestempelt wurde. Aber Albrecht war doch nicht wie Jaucher. Seine eigene zarte Disposition ärgerte ihn nicht, jedenfalls nicht so stark; nein, es war alles wegen Friedrich, anstelle Friedrichs war er wütend darauf, dass er auch darin reingezogen wurde.
„Sie haben Friedrich eine armselige Besserungsanstalt zugemutet“, sagte er schließlich, und bei seinem vorwurfsvollen Ton verspürte Vogler gleich einen Stich in der Brust.
„Das ist ja … nicht ganz gerecht, Albrecht“, erwiderte der Lehrer. Seine zögernde Stimme drückte schon sein Mitgefühl aus, aber Albrecht antwortete nicht. Sein Gesichtsausdruck genügte.
Vogler fühlte sich auf einmal in Erklärungsnot gebracht:
„Für Friedrich ist es nur halb so schlimm. Für ihn und für viele andere ist es hier sein zu dürfen ein Wendepunkt. Nimm es bitte nicht von ihm ab.“
Jetzt starrte Albrecht ihn bloß an. Wenigstens hörte er zu.
„Übrigens hast du ja keine Ahnung, unter welchen Umständen er aufgewachsen ist“, fügte er hinzu, als Friedrich ihm aus dem Winkel seines Geistes zuwinkte. Als Vogler ihn zum ersten Mal sah, waren seine blonden Haare von Ruß des Schmelzofens geschwärzt, seine Klamotten liebevoll geflickt. Seine Schuhe waren abgewetzt, von seinem Vater schon jahrelang getragen. Und doch - wie lebensfreudig wirkte er! Als sie dann unter vier Augen sprechen konnten, platzte er vor Wünschen, Zukunftsplänen, Träumen, und dabei putzte er ein hartes Brötchen vom Vortag weg, das er aus der Tasche seiner einen Nummer zu kleinen Jacke herausgenommen hatte.
Albrechts Reaktion auf seine Anmerkung war äußerst gereizt, vielleicht wurde er durch die Behauptung des Lehrers verunsichert:
„Doch! Ich weiß es ja! Ich weiß doch alles!“, entgegnete er. Vogler wusste, dass er sich jetzt die undankbare Aufgabe übernehmen musste, die felsenfesten Überzeugungen eines jungen Mannes ins Wanken zu bringen.
„Hat er dir auch erzählt, in was für einer Bude er mit seiner Familie lebte?“, fragte er ihn mit sanfter Stimme. „Dass er sein Zimmer mit den Eltern teilen müsste, sein Bett mit seinem jüngeren Bruder und das Wasser in der Badewanne mit der ganzen Familie?“
Er sah, dass Albrecht ein Schauder über den Rücken lief. Augenblicklich runzelte der Junge die Nase, dann schüttelte er den Kopf. Bei dem Anblick empfand Vogler trotz Widerwillen einen Hauch von Schadenfreude in der Brust. Albrecht war Einzelkind. Obwohl sein Vater eigentlich von ganz unten ausgekommen war, war der Deutschlehrer sicher, dass Albrecht immer in seinem eigenen, beheizten Zimmer geschlafen hatte und in Seidenbettwäsche.
„Sowas hätten Sie mir nicht erzählen sollen, Herr Vogler“, sagte er. Seine Stimme war voll Entmutigung, sein Blick verletzt. „Das ist ja Vertrauensbruch.“
Der Deutschlehrer sah ihn überrascht an. Zuerst hatte er gedacht, dass Albrecht sich von Friedrichs Umständen angewidert hatte, aber es hatte sich offensichtlich schon wieder über ihn getäuscht. Von seinem Freund angeekelt war er nicht. Stattdessen war er wegen des von ihm wahrgenommenen Verrats an seinem Freund bedrückt.
Wieder wurde dem Mann ein Stich in die Brust verpasst.
„Liegt dir denn eure Freundschaft wirklich so viel am Herzen?“, fragte er überrascht und auf einmal voller Zärtlichkeit, aber Albrecht zuckte bloß mit den Achseln. In dem Augenblick kam Vogler zu der Erkenntnis, dass diese in Albrechts Ansicht eine weitere Frage war, die er eigentlich nicht hätte stellen sollen. Denn sowas zu fragen bedeutete nur, dass man Friedrich nicht gut kannte. Denn es war, eigentlich, selbstverständlich. Jedes Mal, wenn Vogler seinen Schützling fragte, wohin er nach dem Turnen ging, mit wem er plante, den Sonntagsabend zu verbringen, wem er bei den Hausaufgaben geholfen hatte, wer auf ihn auf der Tribüne wartete, wer ihm von irgendwelchen Ereignissen aus der Welt erzählt hatte, lautete seine Antwort immer gleich:
»Albrecht«.
Der Deutschlehrer stieß einen tiefen Seufzer aus. Albrecht erwiderte sein Starren, Vogler schüttelte den Kopf. Dafür war er schon einmal ausgelesen worden; ein zweites hätte bestimmt nichts gebracht. Durch ein zweites, schwereres Disziplinarverfahren würde die ganze Anstalt ins Ausruf gesetzt, der Ich-Wort-Liebhaber und der Gauleiter in Ärger gelegt, die Schülerschaft schon wieder zum Spott der anderen NaPolA-Schulen preisgegeben; vor allem aber würde Friedrich verstimmt. Nach dem Turnen hätte er dann niemanden mehr gehabt, wohin er gegangen wäre; niemanden, der ihm die Welt entschlüsselt hätte; seinen Sonntagsabend hätte er mit irgendwem verbracht; vielleicht mit dem Christoph und den anderen, aber Christoph hatte schon jemanden, mit dem er eng befreundet war. Niemand hätte Friedrich bei den Hausaufgaben mehr geholfen, seine Sprache wäre für immer unverfeinert geblieben, nie hätte er gelernt, die Kasus zu benutzen. Schrecklich einsam hätte er sich auf einmal gefühlt in der Burg Allenstein, und gleich verlockend wäre das Zurück an sein altes, aussichtsloses Leben geworden; wieder hartes Brötchen vom Vortag, wieder geflickte Klamotten, wieder Ruß und Staub und die Abgase aus dem Schmelzofen. Niemals!, dachte er sich. Jetzt ging es ja um Schadensbegrenzung.
„Dann hör mich zu“, sagte der Deutschlehrer. „Du sollst nichts unternehmen, was Friedrichs sozialer Aufstieg gefährden könnte. Denn Friedrich hat bloß seinen Mut und seine Fäuste. Mehr nicht.“
Albrecht hatte ungewöhnlich lange, seidige Wimpern.
„Mich hat er doch auch“, wisperte er, ohne damit zu zucken.
„Dann beginnt ihr nichts, das ihr später bereuen werdet“, wies Vogler zurück, und auch er flüsterte jetzt, denn das Gespräch war jetzt brisant geworden, viel mehr, als es hätte sein dürfen. „Ich weiß, es ist einfach, große Gefallen an ihm zu finden. Aber verhalte dich so, dass deine Verfehlung nur noch ein Vermerk am Rande deines glänzenden Lebenslaufs bleiben wird. In Ordnung?“
Albrecht sah ihn mit seinen großen, traurigen, entgeisterten Augen an. Er musste ihn ja beruhigen, dachte er sich.
„In Ordnung?“ wisperte er aufgeregt. „Dir gehört irgendwann die Welt, Albrecht. Du wirst Schriftsteller. Es ist ja nur ein Fleck. Der muss nicht größer werden.“
Albrecht sagte nichts mehr, jetzt sah er nur verwirrt aus. Vielleicht wollte er bloß den Raum verlassen.
„Du darfst jetzt gehen“, sagte dann Vogler, und erleichtert nahm der Junge dann Abschied. Der Lehrer wartete ab, dass er das Zimmer verlassen hatte, und ging dann wieder zum Fenster, um ihm mit dem Blick zu folgen; er eilte zur Steinbrücke, die der Neu- mit dem Altbau verband, und dabei ging er an der kleinen Runde des Jüngsten vorbei, die sich alle um Kleindienst versammelt hatte.
„Ey!“, rief der Lehrer auf, nachdem er das Fenster wieder geöffnet hatte, und es war, wie einen Stein ins Wasser zu werfen; die Schüler schrien gellend und sprangen in allen Richtungen wie Katzen, sich einander auslachend. „Was treibt ihr da mit dem toten Vogel? Fallen lassen!“
***
„Du wurdest aus einer anderen Anstalt verlegt, oder, Albrecht?", fragte ihn Christoph am selben Abend vor Bettruhe, als sie schon in die Stube zurück waren und sich für die Nacht umzogen. Albrecht nickte bloß zu. "An welcher NaPolA warst du denn?"
"Was juckt's dich denn, Schneider?" rief Hefe aus seiner Ecke.
"Misch dich doch nicht ein, Hauptmann."
"Pass mal auf, Albrecht, es ist ja eine Falle" ergänzte Hefe anschließend.
Albrecht war äußerst gereizt, zweimal in Folge darüber verhört zu werden. Aber er wusste zu gut, dass der Versuch, die Frage abzuwimmeln, nur noch mehr Neugier geweckt hätte, als er sich leisten konnte. In diesem gefährlichen Spiel blieb ihm keine Wahl, als mitzugehen.
"Ich komme aus Backnang", antwortete er trocken, und Christoph stieß eine lange Pfeife aus.
"Oh, noch ein Stück weiter" sagte er.
"Wo ist es ja denn?“, fragte Hefe verblüfft.
"Im Württemberg, du Dosenfleisch!" erwiderte Christoph.
"Dann ist es ja gar nicht weiter als bei dir!" entgegnete der Hefe. Christoph ignorierte ihn und wandte sich wieder gen Albrecht.
"Und weshalb bist du denn in Allenstein gelandet?
„Vorsicht“, schnaubte Hefe.
„Ruhe jetzt! Das ist ja das Übergangsritual.“ Und damit war einen Zahn zugelegt. So sehr Albrecht sich auch darüber aufregte, wusste er, dass er die Frage nicht abwenden durfte. Sein Blick kreuzte sich dann mit dem Friedrichs, der ihn verblüfft ansah, da ihm solche Fragen gar nicht gestellt worden waren. Hingegen legte sich Siggi schon ins Bett und rollte sich zusammen. Er hatte noch kein einziges Wort gesprochen.
„Na?“, rief Christoph, aufdringlicher. Grinste er auf einmal, Hefe war hingegen am Kopfschütteln.
„Das war bloß eine Entscheidung meines Vaters“, antwortete Albrecht, und Christoph zog sich enttäuscht zurück. Er ging zu seinem Spind, um eine saubere Hose anzuziehen.
„Und? Reicht’s dir jetzt?“ fragte Hefe ihn eifrig. „Was hättest du denn vom Gauleiters Sohn erwartet?“
Christoph zog die Hose an. „Ganz bestimmt keine Verwicklung mit der Lebensmittellieferung in unserer Schule“, erwiderte er.
„Was … Was hat’s jetzt damit zu tun“, sagte Hefe beleidigt, und Christoph grinste. „Wieso … wieso sagst du immer das Gleiche. Es ist doch ja … ein ehrlicher Betrieb! Und … und ich bin doch ein guter Schütze!“ Jetzt hob er die Stimme. Christoph grinste weiter, hingegen sah Tjaden ziemlich bedrückt aus.
„Oh, dies scheint ins Blaue getroffen zu haben“, sagte Christoph.
„Du … du trägst doch auch keinen Engelbart, Schneider, du Abzocker!“ wies Hefe mit Affront zurück. Christophs Lachen verstarb auf der Stelle, denn es war ab jetzt nicht mehr lustig. „Wenigstens hat meine Familie in Plön keine Betrugsmasche laufen lassen!“
Schrie er, und dann senkte er sofort den Blick. Er eilte sich ins Bett. Erst zuckte Christoph mit den Achseln, als wäre nichts gewesen; doch dann kreuzte sich sein Blick mit dem von Albrecht, dem Gauleiters Sohn, und er platzte heraus.
„Halt doch mal die Fresse, du Geldsack“, zischte er bitter.
Diesmal reagierte Hefe nicht. Christoph kletterte dann in sein Bett. Siggi zuckte zusammen, als er auf einmal sein Kissen gegen die Wand schmiss.
„Ey“, sagte Tjaden. „So geht’s doch nicht. Was soll das jetzt, wir sollen doch zusammenhalten. Jetzt sitzen wir ja alle in gleichen Boot. Ich wurde selbst wegen Gesundheitsproblemen nach einem Jahr vom Naunburg ausgelesen …“
Hefe äußerte sich nicht dazu, Christoph nahm hingegen das Kissen wieder zu sich und schüttelte es auf.
„Wir wissen’s doch, du Faultank“, grummelte er. „Kannst du auch mal nachts leiser furzen?“
Tjaden zuckte bloß mit den Schultern.
„Übrigens“, führte er fort, „jetzt hat sich das Blatt zu unseren Gunsten gewendet.“ Dann schaute er Friedrich an, der ihn ernst anstarrte, und kein einziges Wort verpasst hatte.
„Friedrich" sagte er. "Jetzt, dass du da bist, haben wir doch wieder eine Chance." Alle, außer Siggi, hatten sich jetzt auf einmal zu ihm gewandt. "Wir zählen auf dich. Kapiert´s?“
Albrecht sah, wie Tjadens Worten Friedrich einen Schauder auf dem Rücken gaben.
„Ja, Friedrich, hau die Plöner Bastarde eine runter!“, brummelte Christoph vor sich selbst. Sie alle dann, außer Siggi, erbrachen in dumpfen Gelächtern, ehrgeiziger, voller Hoffnung Gelächtern.
Albrecht legte sich ins Bett mit einem fahlen Grinsen im Gesicht. Wenn Christoph oder Tjaden gewusst hätten, welcher Art von Verfehlungen ihm beschuldigt worden war! Aber er war kein Spaßverderber. Friedrich sah ihn fragend an, besorgt vielleicht. „Alles in Ordnung“, formte er mit den Lippen und hoffte, geglaubt zu werden.
In der Stube herrschte jetzt Mausestille. Laut marschierend kam Jaucher dann vorbei, um alle Lichter auszuschalten. Schon wieder stank er nach Tabak. Siggi versteckte sich unter der Bettdecke. Zum letzten Mal an dem Tag schaute Albrecht nach Friedrich, aber er war schon im Halbschlaf. In dem Moment beschloss er, ihm beizustehen. Wie Tjaden gesagt hatte, jetzt müssen sie ja zusammenhalten. Denn Friedrich hatte den letzten Schuss nicht gehört.
DAS ENDE
