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Erst als der Schmerz in sein Gehirn vordrang, merkte Justus, wie fest seine Fingernägel sich in seine Arme bohrten. Aber er konnte sie nicht lösen. Seine Muskeln schienen in Flammen zu stehen.
Das Blaulicht tat ihm in den Augen weh. Jede Stimme stach in seinen Ohren, obwohl sie gar nicht laut waren, im Gegenteil. Um ihn herum sprachen alle nur ganz leise. Aus irgendeinem Grund machte es das schlimmer. Das Flüstern zischte auf einer zu hohen Frequenz. Zu gern hätte Justus sich die Ohren zugehalten, aber er konnte sich nicht bewegen.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter, wurde aber von einer energischen Stimme sofort wieder weggescheucht. “Nicht anfassen! Das kann er nicht leiden, wenn er so ist.”
Mathilda. Die Frau, mit der er nicht blutsverwandt war und die ihn trotzdem ohne Zögern in ihr Leben gelassen hatte.
“Nein, braucht er nicht, es ist ihm gerade bloß alles zu viel!”
Die Schatten auf dem Boden zu seinen Füßen verrieten Justus, dass seine Tante sich vor ihn gestellt hatte und ihn abschirmte.
“Nein, das verstehen Sie nicht! Der Junge musste sich schon viel zu früh von seinen Eltern verabschieden und jetzt muss er dabei zusehen, wie sein letztes direktes Familienmitglied ins Krankenhaus gebracht wird - nein, ich bin noch nicht fertig! Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie schwer mein Neffe es hat! Ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn sie uns jetzt alleine ließen. Ich komme später nach.”
Justus wusste nicht, wie Mathilda es angestellt hatte, doch nach und nach wurde es ruhiger um sie. Das Blaulicht verschwand. Das Stechen in seinen Ohren ließ nach. Und - Mathilda sei Dank - niemand versuchte mehr, ihn zu berühren.
Das erste, was er wieder fühlte, war Mathildas knochige Hand, die behutsam seine Finger von seinen Armen löste und stattdessen um einen Stressball legte. Es war der Stressball mit den kleinen Gelkugeln darin, den man quetschen konnte, sodass die einzelnen Kügelchen sichtbar wurden. Mathilda musste ihn aus der Küche geholt haben.
Justus blinzelte und hob den Kopf. Sein Nacken tat weh. Er konnte nicht ansatzweise sagen, wie lange er in dieser gekrümmten Haltung auf den Verandastufen gehockt hatte.
“Ich fahre jetzt mit Kenneth ins Krankenhaus, in Ordnung, Justus?” Sie hatte es raus, in welcher Lautstärke sie reden musste, damit es nicht zu viel und nicht zu wenig war. “Patrick ist auf dem Hof, wenn etwas ist. Wir rufen an, sobald wir Näheres von Titus wissen, ja?”
