Chapter Text
Er bekam keine Luft. Tränen rannen ihm stätig über das Gesicht, er hatte schon lange aufgegeben, sie weg zu wischen. Seit sie die Grenzen zu Saarbrücken überquert hatten, war der Damm gebrochen und er schaffte es nicht, sich zu beruhigen.
Heute wäre vermutlich der glücklichste Tag seines Lebens gewesen – er fieberte schon seit Wochen darauf hin –, aber jetzt wo er Realität war, konnte er nur noch an Leo denken, der einzige Mensch, der wirklich wusste, was in ihm vorging, oder zumindest das, was er zeigen konnte, ohne seinen Freund ebenfalls in Gefahr zu bringen. Leo, der einzige Mensch, der ihm in seinem Leben Halt gegeben hatte, bei dem Adam er selbst sein und bei dem er sich hatte fallen lassen können, ohne Angst vor schmerzhaften Konsequenzen. Der Einzige, der ihm wirklich das Gefühl gab, gemocht zu werden, während er selbst so ein Scheiß-Freund war. Hatte er sich doch nicht einmal verabschiedet, weil ihm bewusst war, dass er es sonst nicht geschafft hätte zu gehen. Er wäre geblieben. Wegen Leo. Für Leo.
Fliehen schien aber nun mal wie die beste Lösung, die seinem Freund die Möglichkeit bot, seinen Vater und auch ihn zu vergessen. Wenn er nicht mehr in Leos Leben war, konnte er dieses nämlich auch nicht weiter zerstören. Die Dreckssau hatte alleine schon genug ruiniert, da konnte er nicht zulassen, dass er weiterhin Einfluss auf sie beide hatte, wenngleich dies bedeutete, dass er selbst nie wieder mit Leo sprechen durfte.
Dass er dabei eigentlich keine Ahnung hatte, wie es mit ihm selbst weiterging, war ihm herzlich egal. Wenn ihm der Alte etwas gelehrt hatte, dann war es sich durchzuschlagen, egal wie gering seine Chancen waren. Adam hütete sich jedoch davor, so etwas wie Dankbarkeit zu empfinden, immerhin war sein Vater der Grund, warum er sich überhaupt in dieser Situation befand. Er atmete zitternd ein und betrachtete, wie Saarbrücken hinter dem Horizont verschwand.
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Seit er Saarbrücken verlassen hatte, hatte Adam das Gefühl, nicht mehr richtig Atmen zu können. So, als ob ihm jemand die Lungenflügel zusammenquetschte. Er schob es auf das Heimweh, dass ihn nachts plagte und seine Schuldgefühle seines besten Freundes gegenüber, den er von Tag zu Tag mehr vermisste.
Irgendwann waren die körperlichen Beschwerden selbst für Adam zu viel geworden und er war endlich zu einem Arzt gegangen, auch wenn er wusste, dass er wie so oft nicht ernst genommen werden würde. Wann hatte ein Erwachsener ihm den jemals wirklich zugehört? Und trotzdem, trotzdem saß er jetzt hier in dieser Praxis und wartete auf die Diagnose der Ärztin. Rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her, während sie in den Akten vor sich blätterte, bis sie irgendwann entschuldigend aufblickte und ihm mitteilte, dass seine Befunde unauffällig waren. Obwohl er es erwartet hatte, sank sein Herz, denn jetzt konnte er sich nicht einreden, dass alles gut werden würde. Stattdessen stand er wieder ohne Lösung da und musste sich mit seinem kaputten Körper abfinden.
Er versuchte es zwar noch ein weiteres Mal, bei einem anderen Arzt, in einem anderen Land, aber als auch dieser zu dem gleichen Schluss kam, beschloss er das zu tun, was er am besten konnte: es ignorieren.
Wenn ihm die Dreckssau etwas beigebracht hatte, war es Schmerzen zu unterdrücken. Auf perfide Art und Weise war er in diesem Moment dankbar dafür.
Als Ausgleich und in einem kläglichen Versuch der Ablenkung hetzte er stattdessen durch die Weltgeschichte, besuchte Ländereien und Orte, über die er mit Leo gesprochen hatte und nahm sich heimlich vor, diese Leo irgendwann zu zeigen. Gemeinsam. Auch, wenn er wusste, dass er sich damit selbst belog, fühlte er sich zumindest für einen Moment besser und das Brennen in seiner Lunge und in seinem Herzen wurden leichter.
Zum Glück wurden die Symptome nach und nach immer weniger und alsbald waren sie kaum noch zu bemerken; dass er dabei auch immer seltener an seinen ehemals besten Freund dachte, schien ihm gar nicht aufzufallen. Zu beschäftigt war er damit, im Überlebensmodus sein Leben zu bestreiten. Er hatte einfach keine Energie um über seine Träume und Wünsche nachzudenken.
Sein jüngeres ich hätte ihm das nie geglaubt und anfangs, als ihm das schlechte Gewissen noch schwer im Magen lag, waren seine Gedanken gefüllt von Leo und der Idee, einfach wieder zurückzugehen, mit einer fadenscheinigen Ausrede im Gepäck und Geschichten von all den fernen Ländern, die er bisher gesehen hatte.
Der Junge, aus dem inzwischen ein Mann geworden war, verwarf diese Hirngespinste jedoch immer und immer wieder. Wenn ihm der Alte etwas beigebracht hatte, dann war das, dass seine Gefühle nebensächlich waren, eben genauso wie seine Träume.
Die Monate und Jahre zogen so ins Land, er bereiste weiterhin die Welt, so, wie Leo und er es ursprünglich nach ihrem Abi tun wollten und verdrängte alles, was irgendwie mit seiner Gefühlswelt zu tun hatte. Inzwischen war er darin immerhin Voll-Profi geworden. Jeder Therapeut hätte ihn bemitleidet.
Irgendwann aber, landete er doch wieder in Deutschland und fing an, wider seiner eigenen Gewohnheiten Wurzeln zu schlagen. Freundete sich mit den Leuten in seiner WG an und schaffte es sogar, in der Arbeit zumindest so etwas wie Kollegialität zu finden.
Adam wäre aber nicht Adam, wäre er irgendwann nicht doch unruhig geworden und als er das Tauschgesuch für Saarbrücken sah, konnte er nicht anders und ließ sich zurück ins Saarland versetzen. Natürlich machte er sich dabei keine großen Gedanken, wie denn auch, dann müsste er zu geben, wie kolossal er verkackt hatte und die Sehnsucht nach Leo war inzwischen so groß, dass er nicht schon wieder riskieren wollte, kalte Füße zu bekommen.
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Er hätte damit rechnen müssen, dass das Universum es nicht gut mit ihm meint. Dass ein Zusammenhang zwischen Saarbrücken und seinen Symptomen bestand, war aber wirklich sehr weit hergeholt und so viel Pech konnte nicht mal er haben, hatte er zumindest gedacht. Wie falsch er damit lag sollte er noch merken. Vorerst musste er sich aber den Folgen seiner eigenen Entscheidungen stellen.
Nervös und mit leicht zitternden Händen zündete er sich eine Zigarette an, er war sich immer noch nicht sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, zurückzukommen. Aber als er das Tauschgesuch gesehen hatte, war etwas in ihm durchgebrannt.
Er konnte nur hoffen, dass Leo ihm nicht sofort wieder hochkant rausschmiss – wenngleich das auch sein gutes Recht gewesen wäre.
Der blonde Mann atmete einmal schwer aus, während er die Zigarette an dem Mülleimer ausdrückte und sie dann hineinwarf. Viel länger konnte er es nun auch nicht hinauszögern, bevor er sich seinem ehemaligen besten Freund stellen musste.
Als Leo ihm nach mehr als 15 Jahren wieder in die Augen sah, konnte er das erste Mal wieder richtig Atmen.
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Das erste Mal, als er die kleinen weißen und lila anmutenden Blüten in der Hand hielt, war er verwirrt, wie konnte etwas so Schönes, so viel Schmerz bereiten? Vorsichtig führte er seine Hand näher an sein Gesicht, um die einzelnen Blütenblätter genauer betrachten zu können. Vor allem, wie konnte es sein, dass er anfing Blumen zu husten? Verlor er nun endgültig den Verstand? Hatten seine Rückkehr und sein Vater es vollends geschafft, in seinen Kopf zu gelangen? Das der Alte aufwachte war ja nun wirklich lächerlich und nicht einmal Adam – der Pessimist in Person – war je davon ausgegangen, dass das passieren würde. Jetzt hatten sie den Salat. Ha, Salat. Der Blonde schüttelte den Kopf über sich selbst. Das alles würde ihm kein Mensch glauben … außer Leo, brachte sich die Stimme in seinem Kopf ein. Ja, außer Leo pflichtete er der nörgelnden Stimme in seinem Kopf bei, aber mit dem konnte er nicht reden, selbst wenn er wollte, er hatte ihm ja nicht mal gesagt, dass der Bastard wieder aufgewacht war.
Alles woran er denken konnte, wenn er darüber nachdachte, mit ihm zu reden, war Leos Gesicht, kurz nachdem er der Drecksau den Spaten über den Kopf gezogen, und kurz bevor Adam seine Arme um ihn gelegt hatte. Dieser Schmerz – diese Angst in den grün-grauen Augen seines besten Freundes. Nie wieder wollte er diesen Ausdruck in ihnen sehen, und wenn es Adam das Leben kostete. Er schluckte also um den Kloß in seinem Hals, wie er es schon sein ganzes Leben tat, warf die kleinen Blätter in die Toilette und drückte die Spülung, dann trat mit eiserner Miene auf den Flur des Präsidiums zurück. Immerhin hatten sie einen Fall zu lösen.
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Auch über die kommenden Wochen und Monate ging es ihm nicht sonderlich besser und er wusste nicht, wie er es überhaupt schaffte, auch das noch vor Leo und seinen Kolleginnen zu verheimlichen. Was hätte er sagen sollen? Ich huste Blumen und manchmal tut’s so weh, dass mir der Atem wegbleibt? Kein Arzt oder Ärztin bei dem ich je war hat mich ernst genommen, oder konnte mir helfen? Lächerlich, geradezu obszön. Er war ein erwachsener Mann, da sollte er doch mit ein paar Wehwehchen klarkommen, immerhin hatte er schon weitaus schlimmeres durchgestanden. Ein Schaudern lief Adam über den Rücken, als Bilder aus seiner Kindheit vor seinem geistigen Auge aufflimmerten, bevor er sie unterdrücken konnte. Was für ein Weichei er geworden war. Wenn der Alte ihn so sehen könnte, hätte er ihn windelweich geschlagen.
Stattdessen hustete und spie er still und heimlich Blüten, die ihm immer wieder die Luft zum Atmen nahmen. Tat so, als sei alles in Ordnung, und versuchte wie gewohnt, seine Probleme mit sich selbst auszumachen.
Manchmal, spät abends, in schwachen Momenten wie jetzt, wenn er alleine in irgendeinem Bett lag oder über der Toilette hing, fragte er sich, ob er je über seine Vergangenheit hinwegkommen würde. Ob er endlich aufhören würde, sich selbst innerlich zu zerfressen, wie Ouroboros, die ihren eigenen Schwanz fraß. Vielleicht hatte seine Mutter recht, und er war wirklich mehr wie sein Vater, als ihm lieb war und er war dazu verdammt, die Muster immer und immer wieder zu wiederholen.
Immerhin schaffte er es ja auch wie der Wichser wiederholt, dass zu zerstören, was ihm lieb war. Wenngleich er sich nicht sicher war, ob sein Vater je etwas oder jemanden geliebt hatte. Weder seine Mutter, seine Hobbys, seinen Job und geschweige denn seinen eigenen Sohn. Stattdessen war alles nie gut genug gewesen. Dass er damit Adam und seine Mutter mit in den Abgrund riss, schien ihm ebenso gleichgültig gewesen zu sein.
Aber auch seine Mutter schien irgendwann den Glauben an eine bessere Zukunft aufgegeben zu haben. Adam konnte sich nicht vorstellen, dass ihr seine blauen Flecken, oder die Schreie nie aufgefallen waren. Diese Frau hatte sich bewusst dazu entschieden, der Wahrheit blindlinks aus dem Weg zu gehen, auch wenn sie dafür Opfer bringen musste, selbst wenn dieses ihr eigener Sohn war.
Er war also tatsächlich mehr wie seine Eltern, als ihm lieb war, schoss es ihm durch den Kopf, während er also mal wieder mit dem Kopf über der Toilette im Bunker hing. Er würde es auch nie lernen.
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Leo, dessen Kopf auf seinem Schoß lag. Adem der versuchte panisch genügend Sauerstoff in seine Lungen zu kriegen. Esther, die versuchte, Leo wieder zu Bewusstsein zu bekommen. All das konnte er sehen, während er sich von außen beobachtete. Es fühlte sich alles einfach so unwirklich an. Er durfte Leo nicht verlieren. Nicht so. Nicht, bevor er ihm endlich gesagt hatte, wie viel er ihm wirklich bedeutete. Das Universum durfte ihm diese Chance nicht nehmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Adam versuchte, sich auf seinen Atem zu konzentrieren, auf das gewohnte Brennen, dass durch den Dreck im Bunker nur noch verstärkt wurde. Auf das Ringen, in seinen Ohren, als die Panik langsam abebbte und einer unangenehmen Leere platzmachte. Esther neben ihm war inzwischen dazu übergegangen, seinen Namen zu brüllen, während er immer noch auf Leo starrte, wie er da lag, vor ihm. Wie tot. Aber er war nicht tot. Er durfte nicht tot sein.
„Adam! Adam! Komm, verdammt, wir müssen hier raus.“
Er brauchte noch einige Sekunden, bevor er es schaffte, Esther zu antworten.
„Sollten wir nicht auf Hilfe warten? Was wenn wir ihn bewegen und etwas kaputt machen?“, er schaffte es nicht, die Panik aus seiner Stimme zu verbannen. Leo. Sein Leo.
Esther schüttelte den Kopf: „Ich denke, es ist besser, wenn wir ihn an die Luft bringen. Glaubst du, du kannst ihn tragen?“
Adam war sich alles andere als sicher, nicht mal, ob ihn seine eigenen Beine selbst tragen würden, aber er musste. Vorsichtig ließ er Leos Kopf von seinem Schoß gleiten, um sich aufrappeln zu können, bevor er den normalerweise deutlich stärkeren Mann hochhob.
„Er hat…“, kam es leise von Pia, „er hat sich einfach vor mich geworfen. Um mich zu schützen.“
Adam wagte es kaum, den Blick von Leo zu wenden, trotzdem warf er einen Blick hinüber zu seinen Kolleginnen. Das Licht war schlecht, und dennoch glaubte er Tränen in Pias Augen schwimmen zu sehen. Natürlich gab sie sich die Schuld. Esther, die inzwischen einen Arm um Pia gelegt hatte, um diese zu stützen, schien ein bisschen fester zu zudrücken.
Schnell wandte er den Blick wieder auf Leo, und dann auf den Weg vor sich.
„Was machen wir mit den Beiden?“, fragte Esther in die Stille hinein, während sie an Beatrice und ihrer Tochter vorbeiliefen. Adam konnten sie gerade nicht egaler sein.
„Die gehen sowieso nirgendwo mehr hin“, antwortete er deshalb und stieg an ihnen vorbei. Als sie endlich — nach einer gefühlten Ewigkeit — den Eingang des Bunkers erreichten, konnte Adam bereits Blaulicht erkennen, dass von der Umgebung abgestrahlt wurde. Sobald auch er mit Leo im Arm in die Freiheit trat, kamen ihm bereits Sanitäter mit einer Trage entgegen. Vorsichtig, um seinen besten Freund nicht zu verletzen, legte er ihn darauf. Als er sich wieder aufrichtete, fühlten sich seine arme seltsam leer und sein Körper eiskalt an. Er wusste, dass das der Schock sein musste, der sich nun endlich ungestört durch seinen Körper bahnte, doch bevor er wieder in Panik verfallen konnte, war bereits eine weitere Sanitäterin an seiner Seite, die ihn fragte, ob er Okay sei – als ob das gerade irgendeine Relevanz hätte – wenn Leo doch gerade in den RTW verfrachtet wurde. Adam schüttelte den Kopf.
„Ich bin okay“, antwortete er beinahe automatisch, und begann sich auf den Wagen zuzubewegen. Natürlich ließ die Sanitäterin nicht so einfach locker. Immerhin war das ihr Job, aber Adam war das herzlich egal.
Endlich erreichte er den Rettungswagen, er versuchte nicht zu sehr auf Leo zu achten, oder zumindest nicht darauf, wie er da lag; so leblos und ruhig als würde er einfach nur schlafen. Stattdessen stieg er zu dem Rettungspersonal und ließ sich auch nicht von ihren leicht geärgerten Blicken beirren. Bis Esther plötzlich in seiner Peripherie auftauchte und etwas auf Französisch sagte, bevor sie sich an ihn wandte.
„Sie bringen Leo ins nächstgelegene Unfallkrankenhaus, ich bringe Pia selbst dorthin. Wir sehen uns dort. Schaffst du das?“
Adam nickte. Er war wahrscheinlich noch nie so froh über Esthers direkte Art. Mühsam atmete er ein, während sie wieder verschwand und die Sanitäter endlich die Tür zuwarfen.
Die Fahrt ins Krankenhaus war überraschend ereignislos, zwei der Sanitäter überwachten Leos Vitalwerte, schienen aber nicht sonderlich besorgt, weshalb Adam sich erlaubte, ein wenig hoffnungsvoller zu sein. Sie kamen nach wenigen angespannten Minuten beim Krankenhaus an und wurden von verschiedenstem Personal empfangen, die sich eilig um seinen besten Freund kümmerten. Er konnte also weiterhin wenig tun, und trottete so nur automatisch neben der Trage und dem Personal hinterher, bis er von einer jungen Pflegerin aufgehalten wurde.
„Sie müssen hier warten, während wir ihren Partner untersuchen“, sprach sie mit leichtem französischem Akzent und sah ihn dabei freundlich an. Adam nickte. Er war inzwischen einfach zu schwach, um groß Widerstand zu leisten, außerdem wusste er, dass er Leo nur mehr schaden würde, wenn er jetzt einen Streit anzettelte.
Da er also nichts weiter tun konnte, ließ er sich auf einen der harten Stühle fallen. Unruhig knetete er seine Finger. Jetzt, wo er alleine war, konnte er sich nicht mehr ablenken und die Bilder der letzten Stunden flimmerten vor seinem inneren Auge auf. Es viel im dementsprechend zunehmend schwerer, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Wenn er jetzt in einen Hustenanfall ausbrauch würden sie ihn vielleicht doch noch untersuchen wollen und darauf konnte er geflissentlich verzichten. Es grenzte eh schon an ein Wunder, dass sie ihn ohne weiteres hier sitzen ließen, ohne ihn zu einer Untersuchung zu zwingen. Er hatte wenig Lust, ihnen seine Krankengeschichte zu erklären, er würde sowieso wieder nur die üblichen Floskeln hören und sonst war er sich sicher, dass er nicht verletzt war. Wieder einmal war er glimpflich davongekommen, während Leo mit den Konsequenzen zu leben hatte.
Ehe er sich jedoch zu sehr in seine Panik steigern konnte, ließ sich Esther neben ihm auf einen Stuhl fallen.
„Wie geht’s Pia?“, fragte er nach einigen Momenten.
„Den Umständen entsprechend, sie scheint gut davon gekommen zu sein“, sie seufzte. Adam konnte ihr ihre Müdigkeit ansehen. „Dank Leo“, fügte sie leise hinzu. Adam verzog den Mund. Leo und sein elendiger Beschützerinstinkt, verdenken konnte er es ihm nicht wirklich, immerhin hatte er Pia inzwischen auch ziemlich liebgewonnen und war froh, dass es seiner Kollegin gut zu gehen schien.
„Ich würd ja sagen, ich hätt‘s auch gemacht, aber-“
Das erntete ihm ein zynisches Lachen von Esther und ein leises Lächeln schummelte sich auf sein Gesicht.
Die Anspannung des Tages lag ihm schwer auf den Knochen, und er spürte inzwischen das Stechen in seiner Lunge mehr als sonst, gerade wollte er sich aber keine Schwäche erlauben, also versuchte er möglichst flach zu atmen. Nicht hier und schon gar nicht vor Esther.
„Natürlich hättest du das, Schürk.“
„Ja. Ich mag Pia auch, Baumann“
„Mmmh“, plötzlich wirkte sie so müde wie Adam sich fühlte.
„Vielleicht hat Leo recht, und wir sollten zu einem dieser Teambildungskurse gehen.“
Adam konnte die leichte Belustigung in Esthers Stimme hören: „Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“
Er starrte auf seine Schuhe; der Dreck des Bunkers klebte noch an ihnen. Irgendwie hatte er plötzlich das Verlangen, sich neu einzukleiden, sobald Leo hier raus war. Nur, um nicht mehr an den heutigen Tag erinnert zu werden. Adam war sicher, dass dieser Tag in der Beschissenheits-Skala ziemlich weit oben war. Er räusperte sich und versuchte das Brennen in seinen Augen zu ignorieren.
„Hey.“, kam es von rechts und eine Hand legte sich sanft auf seinen Oberschenkel: „der wird schon wieder, Leo ist mindestens genauso stur, wie du.“
Kurz blickte er in das Gesicht seiner Kollegin und er vorsichtig nickte. Hoffentlich hatte Esther recht.
„Und Pia ist mindestens genauso stur, wie du.“
Danach saßen sie erstmal eine Weile schweigend nebeneinander, die Stille zwischen ihnen beinahe schon freundschaftlich und komfortabel. Unter anderen Umständen zumindest. Irgendwann hielt Adam die Schmerzen aber nicht mehr aus, das Brennen verwandelte sich von einem leichten Brodeln zu einem Feuer, dass seine Lunge einnahm, er tat also das, was er in solchen Fällen immer tat, und entschuldigte sich, um eine zu rauchen. Das Zigaretten ihm mit seinen Symptomen halfen, hatte er schon früh gelernt, dass er dabei seine restliche Gesundheit auf’s Spiel setzte, war dabei egal und warum auch? Die Blüten in seiner Lunge würden ihn vermutlich früher oder später sowieso den Atem rauben.
Als er zurückkam, unterhielt sich Esther gerade mit einer Ärztin. Instant durchfuhr ihn Panik, aber als er sich näherte und die Mimik der beiden Frauen besser deuten konnte, merkte er, dass Esther leicht lächelte. Keine schlechten Nachrichten. Gut. Sie nickte und die Ärztin verabschiedete sich auf Französisch.
Fragend hob Adam die Augenbrauen und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen. Esther sah ihn kurz an, bevor sie sich erneut neben ihm niederließ.
„Pia geht es gut, sie hat eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar Kratzer, aber ansonsten … leider konnte sie mir nichts zu Leo sagen.“
„Schon gut.“
„Ich geh gleich zu ihr, sie schläft zwar, aber ich muss …“
„Ich versteh schon … geh.“ Das tat er wirklich. Er würde gerade nichts lieber tun als bei Leo sein.
„Sicher?“
„Ja, ich halt hier die Stellung.“
„Wenn was is‘-“
„Meld‘ ich mich.“, antwortete er, mit möglichst viel Nachdruck: „Sag Pia liebe Grüße. Sie soll sich nicht zu viele Vorwürfe machen.“
Esther legte ihm eine Hand and auf die Schulter, während sie wieder aufstand und in die Richtung, in der er Pias Zimmer vermutete, verschwand. Erschöpft ließ Adam den Kopf gegen die Wand fallen und schloss die Augen, doch bevor er einschlafen konnte, schwebte ihm die Stimme der Schwester entgegen, die ihn vorhin gebeten hatte zu warten.
„Herr Schürk?“, ihr Akzent war besonders zu hören, als sie seinen Nachnamen aussprach. Sofort riss er die Augen auf.
„Wir sind fertig mit den Untersuchungen. Ich darf ihnen nicht allzu viel sagen, aber ihr Partner hatte Glück im Unglück. Wenn Sie wollen können Sie-“
Ehe sie fertig gesprochen hatte, sprang er bereits auf und bewegte sich in die Richtung, die sie mit ihrer Hand angedeutet hatte.
Die junge Krankenschwester schien dadurch aber nicht sonderlich beirrt, stattdessen sagte sie: „Zimmer 1028, rechts.“
„Danke.“, antwortete er. Sie hatte seine Unfreundlichkeit nicht verdient, aber gerade konnte er an nichts anderes außer Leo denken. Schnell und routiniert suchten seine Augen die Beschilderung ab, bis er das Zimmer gefunden hatte und leise die Türe aufschob.
Zu seiner Überraschung, war Leo ansprechbar – oder, soweit er beurteilen konnte – wach.
„Solltest du nicht schlafen, Hölzer?“
„A-dam“, kam es schwach aus Richtung des Krankenbettes und Adam blieb kurz die Luft weg. Leo so schwach zu sehen war wie ein Schlag in die Magengrube, oder auch ein über den Kopf gezogener Spaten. Er ballte die Fäuste zusammen, warum war überall um ihn herum Chaos? Das konnte doch kein Zufall mehr sein.
„Adam.“, drang es erneut zu ihm durch, dieses Mal etwas kräftiger.
Schnell schritt er zum Bett seines Freundes, die Wunde an seinem Kopf war inzwischen versorgt und in seiner Hand steckte eine Kanüle, die zu dem Tropf führte, die über seinem Bett befestigt war. Adam bemühte sich, Leo ins Gesicht zu sehen.
„Willst du was trinken?“, fragte er, da er nicht wusste, was er mit sich anfangen sollte. Was sagt man auch in so einer Situation, in der die Person, die man liebte, vermutlich nur knapp dem Tod entronnen war? Kurz fragte er sich, ob es Leo damals ähnlich ging, als er dessen Nicken wahrnahm und das Glas, welches auf dem Nachtisch hinterlassen wurde, mit Wasser aus der sich daneben befindlichen Flasche befüllte. Mondäne Tätigkeiten, an die er sich gerade klammerte, um sich an das Hier und Jetzt ankern zu können und nicht in Panik zu verfallen.
Vorsichtig führte er das Glas an Leos Lippen, der sich inzwischen mithilfe der Fernbedienung im Bett aufgesetzt hatte.
Als sein Freund fertig war, stellte der Blonde das Glas zurück und sah ihm wieder in die Augen. Müde wirkte er, stellte Adams Gehirn scharfsinnig fest.
„Setz dich.“, und in diesem Halbsatz konnte er bereits wieder die ersten Schimmer seines besten Freundes erkennen. Da er selbst auch viel zu ausgelaugt war, um zu widersprechen, und er sowieso nicht vor hatte zu gehen, zog er sich einen der Plastikstühle ans Bett, die um einen kleinen Klapptisch standen.
„Wie geht es Pia?“, natürlich war das, das Erste, was sein Partner fragte.
„Besser als dir.“ Er schenkte Leo ein müdes Grinsen, „Esther ist bei ihr.“
„Gut.“
Leo musterte ihn so aufmerksam, wie es ihm in seinem Zustand möglich war.
„Und dir?“
„Hab‘ Schlimmeres erlebt.“
Das erntete ihm wie erwarten ein leises Seufzen und Adam hätte sich nicht mehr freuen können. Es war so schön, diese inzwischen so lieb gewonnenen Angewohnheiten zu sehen. Was aber auch bedeutete, dass er ihn zu gut kannte, weshalb Adam versuchte, seiner Tirade zuvorzukommen. Er sollte sowieso lieber seine Kräfte schonen.
„Ehrlich, ich hab nur ein paar Kratzer abbekommen und du solltest schlafen. Du kannst mich auch morgen noch zur Schnecke machen.“
Erneut seufzte der Mann vor ihm, schloss aber die Augen.
„Bleibst du? Ich weiß-“
Doch er ließ ihn gar nicht erst ausreden: „Wo soll ich denn hin, hab ja nur dich.“, dem Blonden war klar, wieviel Wahrheit tatsächlich in diesem Satz mitschwang, und wie zur Strafe stach es in seiner Brust, aber er hatte gerade keine Lust, sich eine passendere Antwort einfallen zu lassen. Leo konnte sich morgen vermutlich eh nicht mehr daran erinnern. Adam blieb.
