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Ein letztes Mal

Summary:

Eigentlich möchte Adam Saarbrücken verlassen. Es ist leichter gesagt als getan.

Notes:

DfL, Tatort-Episode of all time, bzw. der Spatort wird 5. No time like the present, um damit anzufangen Spatort-Fanfiction zu schreiben.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

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Heute ist der Tag, an dem Adam endlich geht.

Es ist ein Samstag und die Sonne scheint. Er ist mit Leo verabredet. Ein letztes Mal.

Er hat es vor Wochen schon geplant, irgendwann zwischen der ersten und zweiten Woche nach der Garage. Er hat den Entschluss ganz fest gepackt, irgendwo zwischen den leeren Weinflaschen seiner Mutter und Leos Armen, die sich jedes Mal fester um ihn zu winden scheinen, wie eine Schlinge, die sich langsam zuzieht.

Seine Tasche ist schon gepackt, liegt unter seinem Bett und wartet auf heute Abend. Den Busfahrplan hat Adam sich in einer Freistunde in der Schulbibliothek ausgedruckt. Er nimmt einen der letzten Busse aus der Stadt, die weiteste Strecke, die er sich von seinen mickrigen Ersparnissen und dem geklauten Geld aus dem Portemonnaie seiner Mutter leisten kann, ohne gleich alles zu verschwenden.

Den Plan hat er immer dabei. Als Erinnerung daran, dass er das wirklich tut. Immer wieder nimmt er ihn hervor und faltet ihn auseinander, so oft, dass er bereits brüchig scheint.

Aber bevor er geht, trifft er sich noch ein letztes Mal mit Leo. Um sich von ihm zu verabschieden, wenn auch nicht mit diesen Worten. Nein. Leo darf auf keinen Fall wissen, dass Adam geht. Er würde versuchen ihn davon abzuhalten. Oder schlimmer. Mitzukommen. Und Adam würde einknicken, weil er Leo nichts abschlagen kann, noch nie konnte. Er schuldet Leo sein Leben, in mehr als nur einer Hinsicht. Und Adam kann ihm das nicht antun, kann nicht von ihm verlangen, dass er ihn weiter ansehen muss, und auch nicht, dass er Saarbrücken und alles, was er kennt und liebt, hinter sich lässt.

Als Adam in die Küche kommt, stehen auf dem Tisch eine leere Weinflasche oder zwei. Ein Zeichen dafür, dass er sich keine Sorgen machen muss, seiner Mutter heute Morgen zu begegnen.

Er kann also in Ruhe durch Kühlschrank und Küchenschränke wühlen. Ein bisschen was an Verpflegung hat er bereits gepackt, aber er hätte nichts gegen einen Apfel oder zwei und ein paar frisch belegte Brote.

Die Milch ist sauer und er wirft gleich den ganzen Karton in den Mülleimer. Zwischen anderen Abfällen liegen die Scherben eines Weinglases.

 

*

 

Adam läuft die Straße runter, in Richtung des alten Angelplatzes. Die Katze der Nachbarn sitzt auf einer Gartenmauer. Als sie ihn kommen sieht, springt sie hinunter und läuft auf Adam zu, um ihm schnurrend um die Beine zu streichen.

Adam bleibt kurz stehen, um sie hinter den Ohren zu kraulen. Katzen waren ihm schon immer lieber als Hunde.

 

*

 

Leo steht schon am Seeufer auf ihn zu warten, als Adam ankommt. Leos Fahrrad steht ein paar Schritte entfernt an einen Baum gelehnt. Auf dem Gepäckträger ist ein Korb festgezurrt, in dem Adam Proviant vermutet.

Leo dreht sich zu ihm um als er den Hang hinunterkommt, ein Lächeln auf den Lippen, das sein Gesicht immer für den ersten Moment erhellt, wenn er Adam sieht. Ganz unwillkürlich sitzt es dann einen Moment da, so als würde es einen Moment dauern, bis die Realität aufholt und das Lächeln verschreckt wie einen aufgescheuchten Vogel. Und jedes Mal lächelt Adam mindestens genauso unwillkürlich zurück und wundert sich, ob es vielleicht sein eigener Herzschlag ist, der viel zu laut Leos Vogel-Lächeln vertreibt.

Auch jetzt wird Leos Blick schnell wieder ernst. Das waren seine Augen schon immer: ernst, und ein bisschen traurig. Aber seit der Garage wirken sie ernster, trauriger. Adam fragt sich, ob andere Leute den Unterschied auch sehen, ob sie lange genug zu Leo hinschauen, um es zu merken. Adam selbst schaut Leo ständig in die Augen und versucht vergeblich in ihnen den Übergang zu erkennen, die Stelle, an der Leo aufhört und die Garage beginnt.

 

*

 

Es ist ein träger Tag am See. Mit vollen Bäuchen, mit Füßen im Wasser, mit Sonnenlicht, das wie Sommersprossen durch die Baumkronen fällt.

Sie reden nicht viel, genießen einfach nur das Wetter und die Gesellschaft des anderen. Adam ist fast schon froh drum. Er war noch nie groß im Reden, schon gar nicht, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge geht, und gerade heute hat er Angst, dass er, wenn er bis einmal anfängt, Leo alles erzählen wird. Stattdessen liegt er da und versucht sich alles genau einzuprägen. Den See im Sonnenschein und das Gefühl des Angelplatzes im Rücken, den Geruch von Wasser und Luft und Erde (ganz ohne Feuer, Feuer, Feuer), das Rauschen der Blätter, das Vogelgezwitscher, den Rhythmus von Leos Atem.

Irgendwann niest Leo in die Stille hinein und stöhnt entnervt auf. „Wenn Caro mich mit ihrer blöden Erkältung angesteckt hat… Ernsthaft. Wie kriegt man es hin, sich bei dem Wetter was einzufangen?“

Adam muss unwillkürlich grinsen. Seit der Garage passiert das nicht mehr oft, nicht einmal mehr in Leos Gegenwart. Aber zu hören, wie Leo sich über seine Schwester aufregt, die noch keinen Tag ihres Lebens etwas anderes war als kompliziert, und umständlich, und „so am Rumnerven, Adam, kannst du das glauben?“, ist so herrlich normal, dass Adam gar nicht anders kann. Er genießt die Momente, in denen es einfach ist wie vorher, in denen Leo nicht traurig oder ängstlich ist. Seit der Garage sind auch diese Momente selten geworden. Und es ist allein Adams Schuld.

Adam verbiegt den Mund zu einem schiefen Lächeln, hört Leo dabei zu wie er erzählt und erzählt, als wäre irgendein Damm gebrochen, und prägt sich auch diese Dinge ein: den Klang von Leos Stimme, die Farbe seiner Wangen, den Geschmack der Limonade, die sie sich vorhin geteilt haben und die immer noch an seinen Zähnen klebt. Kurz vermisst er den Geruch von Leos Jeansjacke, die er seit dem Tag nicht mehr trägt, die nicht mehr tröstlich nach Jeansstoff, Frau Hölzers Waschmittel und einfach nur Leo riecht, sondern nach Feuer, Feuer, Feuer.

 

*

 

Viel zu schnell geht der Tag vorbei. Es ist Adams letzter Tag mit Leo und er geht viel zu schnell vorbei und Adam wünscht sich, er hätte mehr Zeit und er wünscht sich, er könnte bleiben und er wünscht sein ganzes Vorhaben Saarbrücken zu verlassen zum Teufel.

„Wir sehen uns am Montag,” sagt Leo mit einfacher Zuversicht und Sonnenbrand auf der Nase, weil er immer vergisst sich einzucremen. Denn natürlich sagt Leo das. Natürlich sieht er Adam am Montag. Natürlich sieht er Adam wieder.

Adam sollte gehen. Es wäre das Beste für Leo. Bevor Adam ihn noch weiter infiziert. Ihn vergiftet.

Doch Adam ist schlecht und Adam ist selbstsüchtig und Adam ist ein Feigling und weich und all die tausend Dinge, die sein Vater ihm an den Kopf geworfen hat. Immer noch an den Kopf wirft, wenn Adam alleine ist, wenn die Dunkelheit in seinem Zimmer wächst und Adam die gehässige Stimme seines Vaters immer noch hören kann.

Adam ist schlecht und selbstsüchtig, ein Feigling und weich. Der Fahrplan brennt ein Loch in seine Hosentasche. Leos Augen brennen ein Loch in sein Herz.

Und Adam bringt es nicht über sich.

„Bis Montag,“ verspricht er Leo, und obwohl sein Entschluss Saarbrücken den Rücken zu kehren bei Leos Anblick nicht nur wankt, sondern in sich zusammenfällt, schmeckt es wie eine Lüge.

 

 

0

Irgendetwas ist heute mit Adam.

Leo weiß nicht genau, was es ist. Adam ist irgendwie unruhig. Er ist zu still. Beides war er davor natürlich auch schon oft. Aber heute ist es irgendwie anders. Es ist nicht Adams übliche Stille. Es ist auch nicht seine übliche Unruhe. Es ist nicht das „Was, wenn er uns erwischt?“ von davor, und auch nicht das „Was, wenn er aufwacht?“ von danach. Leo bildet sich gerne ein, dass keiner Adam besser kennt, als er, doch aus diesem Adam von heute wird selbst er nicht so ganz schlau.

Also versucht er ihn, und wenn er ehrlich ist, auch sich selbst, abzulenken.

Er niest und nutzt das als Gelegenheit sich über Caro aufzuregen. Das ist normal, oder? Das hat er davor jedenfalls auch immer getan. Von all seinen Problemen war Caro schon immer das Sicherste. Andere Jungs haben keine Klassenkameraden, die sie auf Schulhöfen verprügeln. Andere Jungs haben keine besten Freunde, die von ihren Vätern halbtot geschlagen werden. Andere Jungs nehmen keine Spaten und… Aber was andere Jungs haben, sind nervige Schwestern.

 

*

 

Als sie sich verabschieden, schlingt Adam seine Arme ganz fest um Leo. Und Leo wünscht sich sie könnten für immer so hier stehen bleiben.

„Wir sehen uns am Montag,” sagt Leo, mit einfacher Zuversicht.

 

 

1

Heute ist der Tag, an dem Adam endlich geht.

Es ist ein Samstag und die Sonne scheint. Er ist mit Leo verabredet. Ein letztes Mal.

Kurz runzelt Adam die Stirn. Irgendwie fühlt sich sein Entschluss nicht so gefestigt an wie gestern, als er mit Leo… Er schüttelt den Kopf, um den Gedanken loszuwerden. Er wird heute gehen, das hat er sich fest vorgenommen.

Seine Tasche ist schon gepackt. Der Busfahrplan ist ausgedruckt. Zusammengefaltet steckt er in Adams Hosentasche. Immer griffbereit, wenn Adam sich versichern muss, dass er das wirklich tut.

Auf dem Küchentisch stehen eine leere Weinflasche oder zwei.

Als er den Karton mit saurer Milch in den Mülleimer wirft, liegen darin zwischen anderen Abfällen bereits die Scherben eines Weinglases. Sowohl die Milch als auch das Glas kommen ihm vage bekannt vor, als hätte er das schon einmal erlebt, aber Gläser gehen bei ihnen im Haus oft kaputt, das war schon immer so. Aber immerhin ist es dieser Tage keine Absicht mehr.

 

*

 

Als Adam auf dem Weg zum alten Angelplatz die Straße runterläuft, sitzt die Katze der Nachbarn auf einer Gartenmauer. Sie erhebt sich und läuft ihm entgegen, um ihm um die Beine zu streichen.

Das weiche Fell unter seinen Finger, als er sie am Kopf krault, fühlt sich warm und tröstlich vertraut an.

 

*

 

Leo wartet schon am Seeufer auf ihn als Adam ankommt. Er lächelt. Dann lächelt er nicht mehr.

Der Tag vergeht langsam und zäh und wohlig warm wie Honig. Adam versucht ihn zu genießen und sich alles genau einzuprägen. Dabei stellt er fest, dass all die Eindrücke bereits in seinem Kopf vorhanden sind. Vielleicht ist es eine Art Déjà-Vu. Vielleicht liegt es daran, dass er und Leo bereits so viele Nachmittage genau auf diese Weise verbracht haben und nichts Adam vertrauter sein könnte als der Angelplatz bei warmem Wetter und Leos Profil im Sonnenschein.

Dass Leo in die Stille hinein niest, kommt Adam nicht weiter komisch vor. Was ihn aufhorchen lässt, ist Leos Tirade, die daraufhin folgt. Adam hat im Laufe seiner Freundschaft mit Leo schon viele „Caro nervt“-Ausbrüche mitbekommen, aber dieses Mal kommt es ihm vor, als hätte er jedes dieser Worte in genau dieser Reihenfolge schon einmal gehört.

Leo redet munter weiter, nimmt richtig Fahrt auf, als er dieses erzählt und jenes, während Adam ihn einfach nur anstarren kann und jeden Themenwechsel voraussagen kann.

Leo wirft ihm manchmal besorgte Seitenblicke zu. Vermutlich, weil Adam nicht so auf seine Geschichten reagiert, wie er sollte. Aber er fragt nicht. Vermutlich hat er Angst vor einer Antwort, vermutet die Garage hinter Adams komischer Stimmung. Doch Adam denkt überhaupt nicht an die Garage, er denkt nicht einmal an den Busfahrplan, der in seiner Hosentasche immer schwerer wird. Adam denkt nur an heute und das komische Gefühl in seinem Bauch, das ihn schon den ganzen Tag über verfolgt. Und daran, dass ihm alles vorkommt, als wäre es schon einmal so passiert.

 

*

 

„Wir sehen uns am Montag,” sagt Leo mit einfacher Zuversicht.

Adam starrt auf den Sonnenbrand auf Leos Nase und fragt sich, ob das Bild von Leo mit Sonnenbrand ihm so bekannt vorkommt, weil Leo ständig vergisst sich einzucremen. Das Licht des späten Nachmittags hüllt Leo in ein unwirkliches Leuchten.

„Bis Montag,“ würgt Adam hervor und hofft, dass es in Leos Ohren nicht zu kratzig klingt. Ihm ist gar nicht mehr danach Saarbrücken zu verlassen.

Statt also wie geplant seine Tasche unter dem Bett hervorzuziehen und sich an seiner Mutter vorbei auf den Weg ins Unbekannte zu machen, liegt Adam auf seiner Matratze und schaut grübelnd an die Decke. Seine Gedanken drehen sich im Kreis und das komische Gefühl bleibt. So lange bis er einschläft.

 

 

2

Adam wacht auf und es ist Samstag. Die Sonne scheint träge durchs Fenster seines Schlafzimmers.

Die Milch ist sauer. Im Mülleimer liegen die Scherben eines Weinglases.

Die Nachbarskatze streicht um seine Beine.

Leo niest und gibt Caro die Schuld.

Dutzende Kleinigkeiten, die Adam alle schon einmal erlebt, gesehen, gehört hat.

Ihm kommt ein Verdacht, der so unmöglich scheint, dass Adam fast schlecht wird.

Er ist den ganzen Tag über abgelenkt. Hört Leo gar nicht richtig zu, als dieser von Caro erzählt, die trotz Erkältung genug Energie hat, um ihm auf die Nerven zu gehen, oder von seinen Großeltern, bei denen es morgen Kaffee und Kuchen gibt. Muss er eigentlich auch nicht. Denn alles, was Leo sagt, hat er schon einmal gehört.

Er ignoriert Leos besorgten Blicke und versucht ein bisschen aufmerksamer zu erscheinen, ein bisschen fröhlicher. Alles damit Leos Augen nicht trauriger werden.

Als er sich von Leo verabschiedet, gibt er sich Mühe nicht gehetzt zu wirken. Den Sonnenbrand auf Leos Nase ignoriert er. Kaum ist Leo außer Sichtweite, rennt er los, so schnell als wäre sein Vater hinter ihm her.

Um sicherzugehen, entscheidet Adam sich dazu, heute draußen zu schlafen, auf einer Liege beim Pool. Er wartet, bis seine Mutter in ihrem Zimmer verschwindet, sperrt sich selber aus, damit er nicht riskiert in der Nacht doch noch im Halbschlaf in sein Bett zurückzukehren. Er ignoriert die Galle, die dabei in ihm hochsteigt. Er muss sichergehen, dass sein Experiment funktioniert.

 

 

3

Als Adam aufwacht, liegt er in seinem Bett.

Es ist Samstag und die Sonne scheint und er befindet sich in einer Zeitschleife.

 

 

0

Leo wartet vergeblich am alten Angelplatz.

Davor ist das häufiger vorgekommen. Da konnten sie nie wissen, ob Adam es zu ihren Verabredungen schafft.

Aber danach ist das noch nie passiert.

Was gleichgeblieben ist, ist, dass Leo sofort anfängt sich Sorgen zu machen.

Trotzdem wartet er erst eine Stunde, dann zwei, bevor er sich auf den Weg zu den Schürks macht, nur um sich dort von Adams Mutter an der Tür sagen zu lassen, dass Adam nicht da ist.

Leo kommt nicht umher enttäuscht zu sein. Er kann sich nicht vorstellen, wo Adam an einem Samstag sein sollte, wenn nicht zuhause oder bei Leo.

Er ist weg, sagt eine Stimme in seinem Kopf. Abgehauen. Hält es nicht mehr aus mit dir.

Leo hört nicht hin. Stattdessen lächelt er Heide Schürk an und bedankt sich, auch wenn ihm nach keinem von beiden so wirklich ist. „Ist nicht so schlimm, wir sehen und ja am Montag.“

 

 

24

Es dauert zwei Dutzend Durchläufe, bis Adam sich das erste Mal dazu durchringt, seine Verabredung mit Leo sausen zu lassen.

Eigentlich will er keinen Tag mit Leo verpassen, aber er braucht Zeit zum Nachdenken.

 

 

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„Ich bin in einer Zeitschleife gefangen.“

„Du bist… Was?“ Zu sagen, dass der Satz Leo überrumpelt, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Es kommt aus dem Nichts und Leos Gedanken bleiben stehen, der Anfang einer Anekdote, zu der er gerade ansetzen wollte, bleibt irgendwo in seinem Hals stecken, und lässt die drei Worte nur mit Mühe vorbei. Und dann, schiebt er, irgendwo zwischen be- und entgeistert, hinterher: „Eine Zeitschleife?“

Und Adam fängt an zu erzählen, ein bisschen stockend auf der Suche nach den richtigen Worten, ein bisschen stolpernd in seiner Hast, wenn er sie findet.

Leo glaubt ihm. Natürlich glaubt er ihm. Würde ihm alles glauben. Auch wenn für Leo gestern Freitag war. Später wenn er im Bett liegt und die Sekunden zählt, während er darauf wartet, dass die Zeitschleife sich zurücksetzt, dass er einen ganzen Tag verliert, wer weiß zum wievielten Mal, wird er vergeblich versuchen sich daran zu erinnern, wie Adam diesen ersten Satz gesagt hat. War es aufgeregt, wie ein erstes Geständnis? Oder doch routinierter, etwas das sie schon dutzende Male durchgespielt haben? Ein Tanz, bei dem nur Adam die Schritte kennt?

Aber bevor es so weit ist, haben sie noch den ganzen Tag vor sich und Leo kann nicht anders als zuzuhören und zu nicken und Adam zu geben, was auch immer er bei diesem Durchlauf von Leo braucht.

Dieses Mal ist es wohl das Bedürfnis Lösungsansätze durchzusprechen, auch wenn Adam auf die meisten von Leos Fragen nur mit einem Schulterzucken reagiert. Leo versucht es sich nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, immerhin wissen sie beide nicht, was für Regeln für die Zeitschleife gelten. Vielleicht ist es so wie mit anderen Arten von Zeitreisen auch, bei denen man anderen Leuten nicht zu viel über die Vergangenheit oder Zukunft sagen darf. Auch wenn sie beide nicht sicher sind, ob die anderen Samstage überhaupt als Leos Vergangenheit oder Zukunft gelten. Sie sind für ihn ja irgendwie nicht wirklich passiert, werden passieren und irgendwie auch nicht.

Adam behauptet, er würde von dem ganzen Zeitreisekram Kopfschmerzen bekommen. Leo bekommt eher ein komisches Flattern in der Brust.

Als er zu Adam rüber schaut, leuchten dessen Haare im Sonnenschein und zwischen seinen Augen befindet sich eine kleine Falte, die immer dort auftaucht, wenn er konzentriert nachdenkt. Seine Augen wirken in dem Licht noch blauer als sonst, als wollten sie mit der glitzernden Wasseroberfläche und dem wolkenlosen Himmel um die Wette strahlen. Gewinnen würden sie auf jeden Fall. Leo versucht sich das Bild einzuprägen, obwohl er genau weiß, dass er es vergessen wird, wenn sie es heute nicht schaffen, die Zeitschleife zu durchbrechen.

Er denkt lieber nicht zu sehr an all die kleinen Momente, die er nicht vergessen wollen würde, die für ihn bereits unwiderruflich im Äther verschwunden sind. Stattdessen widmet er sich wieder ihrem gegenwärtigen Problem.

„Wenn wir dich aus der Zeitschleife ausbrechen wollen, dann müssen wir herausfinden, was sie ausgelöst hat.“ Es juckt Leo in den Fingern. Nur zu gerne hätte er jetzt sein Notizbuch dabei. „Versuch dich an den ersten Samstag zu erinnern. Was ist da passiert? Was hast du da gemacht?“

„Keine Ahnung, Mensch!“ Adams Worte wirken defensiv. „Es war ein ganz normaler Samstag!“

Leo hebt beschwichtigend die Arme. „Vielleicht ist es ja auch etwas, das du nicht gemacht hast? Vielleicht hätte es kein normaler Samstag sein sollen?“

Adams Gesicht wird bleich.

 

 

28

Adam beschließt, die Zeitschleife als Geschenk zu sehen. Eine Freikarte, die ihm unendlich viel Zeit mit Leo erkauft. Solange, bis er doch bereit ist, Saarbrücken zu verlassen. Denn das muss er, das weiß er jetzt, wusste das vorher schon, tief in sich drin.

Aber bis es so weit ist, ist jeder Samstag eine neue Möglichkeit alle möglichen Dinge zu machen, egal wie lächerlich.

Leo lacht, Leo schaut ihn an, als hätte er den Verstand verloren, Leo lässt sich von Adam mitreißen. Als wäre er zu allem bereit, einfach nur weil er es mit Adam tut.

 

 

59

Leo glaubt Adam jedes Mal.

„Eine Zeitschleife?“, fragt er dann fast schon ehrfürchtig und mit leuchtenden Augen.

Adam ist sich sicher, dass das von den vielen Comics kommt, die sie zusammen lesen. Da sind solche Dinge nämlich auch möglich.

 

 

62

Adam erzählt Leo nicht immer von der Zeitschleife.

Manchmal durchlebt er einfach den Tag, so wie er auch das erste Mal abgelaufen ist.

Manchmal macht er kleine oder große Dinge anders. Einfach, um zu sehen was passiert.

„Heute Abend hau‘ ich ab,“ wirft Adam Leo irgendwann vor die Füße. Einfach um zu sehen, was Leo dazu sagt.

Leo fleht Adam an, zu bleiben. Leo fleht Adam an, ihn mitzunehmen. Seine Antworten sind davon abhängig, wann Adam es sagt, wie er es sagt. Seine Antworten verraten Adam, wie sehr Leos Herz brechen wird, wenn Adam ihn zurücklässt, wenn Adam ihn bittet mitzukommen.

Also geht Adam nirgendwo hin. Also nimmt Adam Leo nirgendwo hin mit.

Stattdessen bleiben sie beide, wo sie sind; in Saarbrücken, an einem sonnigen Samstag.

 

 

87

Adam küsst Leo. Wie alle Dinge, die Adam nur für sich selbst tut, schmeckt es bitter und süß, nach Scham, Widerstreben, Angst, nach Rhabarber, Sommer und Waldluft, nach Übermut und Herzklopfen und Melancholie.

Leos Lippen sind weich und nachgiebig, selbst als Leo den Kuss mit Nachdruck erwidert. Der raue Stoff von Leos Jacke ist rau unter Adams Fingern und fühlt sich später in Adams Erinnerung an wie Denim, obwohl er genau weiß, dass Leo eine andere Jacke trug. Leos Lächeln danach ist träge und seine Augen glänzen und für einen Moment wirkt er sorgloser als je zuvor. Und von allen guten Dingen ist das vielleicht das Beste.

Dieser Kuss ist nur für Adam. Etwas, was er sich nimmt und das Leo ihm gibt, wie er ihm schon so vieles gegeben hat. Morgen wird Leo sich bereits nicht mehr hieran erinnern. Weil Adam es ihm wegnimmt, weil Adam es ihm nicht lassen will, nicht einmal die Erinnerung daran. Und von allen schlechten Dingen ist das vielleicht das Schlimmste.

Es bedeutet alles, weil Leo alles bedeutet.

Es bedeutet nichts, weil es nie passiert sein wird.

 

 

0

Adam klingt viel zu müde für einen Samstagvormittag, als er beginnt zu erzählen.

Doch je mehr er erzählt, desto mehr Sinn ergibt die Müdigkeit in seiner Stimme. Zeitschleife. Endlose Samstage. Nur eine Möglichkeit den Zyklus zu brechen.

Etwas Vorsichtiges, Zerbrechliches schleicht sich in Adams Stimme, als er Leo erzählt, dass er die Stadt verlassen wird, verlassen muss. Nicht nur, wenn er der Zeitschleife ein Ende setzen will. Sondern auch, weil er es bereits vorher kaum mehr ausgehalten hat. Dass Hierbleiben auf mehr als nur einer Ebene keine Option für Adam ist.

Und Leo hört all diese Worte und weiß nicht, was er zu irgendetwas von alledem sagen soll. Seine Gedanken bleiben mal an diesem, mal an jenem Wort hängen. Zuletzt an diesem: Hierbleiben. Und es verfängt sich in den Dornen in Leos Kopf, wird von ihnen aufgerissen und ausgeweidet.

„Wenn man etwas liebt, dann kommt man zurück.“ Leos Stimme hallt hohl in seinen eigenen Ohren wider. Er will den Satz schreien, will sichergehen, dass Adam ihn hört. Er will den Satz unausgesprochen lassen, ihn in der Sekunde zurücknehmen, in der er verklingt. Er will nicht, dass Adam zurückkommt, weil er nicht will, dass Adam überhaupt erst geht.

Aber Adam wird gehen. Leo würde lügen, wenn er leugnen würde, dass es so vielleicht sogar am besten wäre. Saarbrücken erstickt sie beide. Und Leo will nichts mehr, als dass Adam lebt. Selbst wenn der Wind Leo den eigenen Atem aus den Lungen stehlen muss, damit Adam fliegen kann.

Er kann ihn nicht festhalten, hier in dieser Stadt, in der es nichts gibt, was ihn hält. Leo weiß das. Und trotzdem hofft er, dass es etwas gibt, das ihn irgendwann zurückbringen wird.

Leo kann nicht entfliehen, aber vielleicht kann Adam es. Leo kann nicht frei sein, aber vielleicht kann Adam es. Leo kann nicht gehen, aber er kann hoffen, dass Adam zurückkommt.

„Wenn man etwas liebt, dann kommt man zurück,“ wiederholt Leo und versucht seine Stimme nicht zu beschwörend klingen zu lassen. Trotzdem fühlt es sich an wie ein Mantra. Eines, das er die nächsten Jahre immer wieder wiederholen wird, für sich, für Heide Schürk, für die Schatten an der Wand, wenn er schlaflos im Bett liegt.

Mehr als diesen Satz bringt er gar nicht über die Lippen. Er hofft, dass Adam dennoch versteht.

Ich will, dass du glücklich bist.

Wenn du das Gefühl hast, Saarbrücken verlassen zu müssen, dann werde ich dich nicht aufhalten.

Ich kann nicht mitkommen.

Ich werde bleiben.

Ich will, dass du bei mir bleibst.

Und wenn du nicht bei mir bleiben kannst, dann will ich, dass du zu mir zurückkommst.

Komm zurück, komm zurück, komm zurück.

 

 

91

„Wenn man etwas liebt, dann kommt man zurück.“

Das erste Mal klingt Leos Stimme hohl, als könnte er Adams Worte gar nicht erst begreifen.

Das zweite Mal klingt Leos Stimme, als wolle er, dass Adam sie verinnerlicht.

Leo bringt ihn zuerst nach Hause und dann zum Bus. Auf dem Gepäckträger seines Fahrrads.

Und Adam glaubt zu verstehen.

Leo lässt ihn gehen.

Leo bittet ihn zurückzukommen. Wann auch immer das sein mag.

Leo verspricht ihm, wonach Adam sich nicht zu fragen traut.

Leo wird auf ihn warten.

Adam weiß es und wird die Worte trotzdem wiederholen, wenn er heute, morgen, wann auch immer, im Bus sitzt. Immerzu. Im Gleichschritt mit seinem klopfenden Herzen.

Warte auf mich. Warte auf mich. Warte auf mich.

 

 

92

Adam wacht in seinem Bett in Saarbrücken auf, obwohl er gestern mit ziemlicher Sicherheit im Bus eingeschlafen ist. Kurz überlegt er, ob Saarbrücken verlassen und die Zeitschleife verlassen, nicht doch zwei unterschiedliche Dinge sind. Doch dann fällt ihm ein, was ursprünglich unumstößlicher Teil seines Plans war, und er fragt sich stattdessen, ob das Universum ihn dazu zwingen will, die Stadt zu verlassen ohne Leo Bescheid zu sagen.

Und eigentlich glaubt Adam nicht an Schicksal oder Fügung. Aber das hier ist nicht Zukunftsmalerei auf Glückskekszettelchen, es ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, der ins Zeit-Raum-Gefüge eingreift. Verbringe den Samstag wie im allerersten Durchlauf. Verlasse Saarbrücken. Lass Leo zurück. Verrate ihm nichts.

So grausam ist das Universum. Grausam wie sein Vater. Und vielleicht auch grausam wie Adam.

Adam seufzt und gibt sich geschlagen.

Auf dem Weg nach draußen greift er nach einer kleinen Tube aus dem Schränkchen in der Diele.

Und womöglich ist das Universum gnädig. Denn es ist Samstag und die Sonne scheint. Adam ist mit Leo verabredet. Und es gibt schlechtere letzte Male.

 

*

 

Adam und Leo verbringen den Tag am See. Adam reicht Leo eine Tube mit Sonnencreme. Adam umarmt Leo zum Abschied.

Diesmal hat er keinen Sonnenbrand.

„Bis Montag“, sagt Adam, und dieses Mal schmeckt es nicht nur wie eine Lüge.

 

 

0

„Bis Montag“, sagt Adam und drückt Leo bei den Worten so fest an sich, wie zuletzt an dem Tag, an den Leo am liebsten gar nicht mehr denken würde.

 

 

0 +2

Es ist ein Montag und die Sonne scheint.

Leo steht am Schultor und wartet auf Adam. Auf Adam, der nicht kommen wird.

Nicht heute und nicht morgen und auch nicht nächste Woche. Die nächsten 15 Jahre nicht.

Trotzdem wird Leo auf ihn warten. Am Schultor, in Saarbrücken, am Krankenbett von Roland Schürk. Solange bis Adam wieder da ist.

Morgen schon wird ihn die Zuversicht verlassen haben. Morgen schon wird er wissen, was Heide Schürk ihm heute Abend erzählen wird. Dass Adam fort ist und nicht wiederkommt.

Aber vorerst ist Montag und die Sonne scheint. Er ist mit Adam verabredet. Ein letztes Mal.

Notes:

Adam steht in Berlin übrigens 20 Minuten vor dem Regal mit Waschmittel und schnuppert an allen, um exakt das Gleiche zu kaufen, das Leos Mama auch benutzt, um seine Jeansjacke damit zu waschen. Seit seiner Rückkehr nach Saarbrücken, wartet er auf eine Gelegenheit Leo seine Jacke zu leihen, weil a) romantisch und b) die Jacke muss auch noch nach Leo riechen.

Mein Kater ist beim Schreiben über meine Tastatur geklettert, und weil er auch Leo heißt, in ein paar Tagen Geburtstag hat und überhaupt der mausigste Tiger unter der Sonne ist (sorry Hölzerchen), ist hier was er zu sagen hat: „nmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm“ (macht damit, was ihr wollt)

Schreibt mir gerne Kommentare, Anmerkungen, Glückwünsche für meinen Kater (und seinen Bruder). Hier oder auf tumblr (@hellsfryingpan, wo ich natürlich auch an den Feierlichkeiten zum Spatiläum? Spativersary? Spativersaire? (Geburtsspat???) teilnehme).