Chapter Text
Adam war soeben mit dem Abwasch fertig geworden, als er ein “Nur noch eine Geschichte, Onkel Leo.” und ein lang gezogenen “Bitteeeeee” aus dem Gästezimmer hörte. Wobei es eigentlich längst kein Gästezimmer mehr war, sondern das Reich von Sophie und Vincent -- Caros und Thorstens fünfjährigen Zwillinge -- die seit heute mal wieder für ein Wochenende bei Ihnen aufgeschlagen waren. Damit sich Ihre Eltern “erholen konnten” ... Adam grinste, denn er hatte eine ziemlich genaue Ahnung, wie diese Erholung aussehen würde. Den Schlafmangel würden die Beiden so jedenfalls nicht ausgleichen können.
Sacht stieß Adam die Tür zum Zimmer auf, um alle Anwesenden auf die fortgeschrittene Uhrzeit hinzuweisen, aber dann stockte ihm der Atem.
Rein theoretisch wusste er, dass Leo diesen wunderbar flauschigen, beigen Pulli nach der Arbeit angezogen hatte, weil es in den Nachmittagsstunden merklich abgekühlt hatte. Und er wusste auch, dass Leo eine Lesebrille besaß, die er vor allem nachts und in der Dämmerung brauchte. Aber das alles zusammen in Kombination mit Caros wirklich entzückenden Vorschulkindern zu sehen, eingetaucht in das warme Licht des Nachtlicht-Sterns, gab ihm ein bisschen den Rest.
Hinter Leos Rücken quetschte die Taube, die er vor einer Weile beim Team-Schrottwichteln gezogen hatte, und in der Hand hielt er das große Drachenbuch, das die Kinder von ihnen zu Weihnachten bekommen hatten. Es war manchmal etwas sehr aufregend, aber Sophie hatte ihnen mitgeteilt, dass sie ja schon groß waren -- immerhin fünf Jahre alt! -- und deswegen durchaus bereit für ein bisschen Gefahr. Vincent hatte die Hand seiner Schwester gehalten und eifrig genickt. Also musste Leo, denn der war für die ernsthaften Geschichten und Adam für die Quatsch-Geschichten zuständig, ein Kapitel nach dem anderen vorlesen, wie der Drache auf der Suche nach dem goldenen Ei das Schloss mit seinem Feueratem bedrohte.
Leo prustete gerade den Atem, während die Kinder versuchten, die Prinzessin zu warnen und Adam wusste gar nicht, wohin mit der Welle an Wärme, die ihn gerade überflutete. Da saß der wichtigste Mensch in seinem Leben unter einer grünen Decke mit Kindern, für die Adam ohne zu zögern sein Leben opfern würde.
Und mit einmal dachte Adam wieder an die kleine Schatulle, versteckt hinter alten Turnschuhen von ihm. Dort, wo Leo garantiert nie nachschauen würde, und er fand, dass nur noch eine Klitzekleinigkeit in dem Bild, das sich ihm hier bot, fehlte. Etwas goldenes. Er sollte bei Gelegenheit mal Sophie und Vincent fragen, die hatten bestimmt Ideen, wie er das an den Mann bringen könnte.
Er lächelte, als er schließlich ins Zimmer ging und mit lautem Widerstand begrüßt wurde, dass es ja noch gar nicht so spät sei und könne er nicht den bösen König sprechen, der das Drachenei versteckt hatte?
Natürlich konnte er, also quetschte er sich auch noch irgendwie auf das Bett, drückte Leo einen kurzen Kuss auf das weiche Haar, und begann mit tiefer Stimmlage und unter dem Gegiggel der Kinder, den König vorzulesen.
