Chapter Text
Es war ein Fall, der sie berühmt machen könnte. Ein Fall, der, wenn sie ihn lösen würden, sie über Ländergrenzen hinweg bekannt machen würde. Monate-, jahre-, wenn nicht jahrzehntelang würde dieser Fall in Dokumentationen, True-Crime-Podcasts und Polizeischulen besprochen werden - unter Nennung ihrer Namen selbstverständlich.
Raik Homann. Ein Name, der Vincent und Adam seit Wochen begleitete. Ein Mann, der wahrscheinlich ein Tyrann und ein kriminelles Genie sondergleichen war. Ein Mann, dem sie bislang absolut nichts nachweisen konnten, außer, dass er einige verschwenderische Partys schmiss.
Dabei waren die Umstände recht einfach: Jedes Mal, wenn Raik Homann im Namen seiner Firma eine große Feier für die Crème de la Crème der Umgebung ausrichtete, kam jemand ums Leben. So weit, so gut.
Das Problem war nur, dass die Opfer meist keine direkte Verbindung zu Homann oder seiner Firma hatten und augenscheinlich nur zufällig eingeladen worden waren. Auch gab es nie Augenzeugen für das Verbrechen und wenn doch, hielten die artig den Rand oder verschwanden auf mysteriöse Weise.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte Pawlak darauf bestanden, dass sie diesen Fall weiter untersuchten. Ein Verbrechen von solchem Ausmaß, besonders wenn sie keine Fortschritte lieferten, wurde normalerweise umgehend von der Bundespolizei oder zumindest größeren Kommissariaten übernommen. Aber nein, die Ermittlung blieb an Vincent und Adam hängen.
Zwar war der Fall schwierig, das musste selbst Adam eingestehen, aber er reizte ihn auch ungemein. Seine grauen Zellen anzustrengen und seine Zähne an diesen diffusen Fakten auszubeißen machte eben auch irgendwie Spaß und erinnerte ihn daran, weshalb er seinen Job so sehr liebte.
"Ich glaube, das wird euch nicht gefallen", murmelte Wiktor, als er mit einem seltsamen Blick an ihre Tischgruppe trat.
Adam, der zuvor mit beiden Händen in seinen Haaren die Akten zum tausendsten Mal gebüffelt hatte, in der Hoffnung, dass es doch noch irgendein kleines Detail gab, was ihm entgangen war, blickte auf.
"Was denn?" fragte Vincent, der einen ähnlich missmutigen Blick aufgesetzt hatte.
"Wiktor, nun malen Sie doch bitte nicht gleich den Teufel an die Wand", klang nun auch Pawlaks tiefe Stimme hinter ihnen.
"Geht's um den Homann-Fall?" fragte Adam hoffnungsvoll, "oder wollen Sie uns jetzt doch abziehen?"
Vincent grinste in seine Richtung und Adam musste sich selbst auf die Lippe beißen, um den strahlenden Blick nicht sofort zu erwidern. Was ihm wie immer schwer fiel.
"Nein nein", schmunzelte Pawlak, "im Gegenteil. Ich möchte, dass Sie und Herr Ross noch tiefer reingehen. Eine andere... Ermittlungsstrategie, wenn man so will."
"Gut, was schlagen Sie vor?" fragte Vincent diplomatisch.
Wiktors nervöser Blick neben ihrem Chef entging Adam gar nicht. Was wusste der denn schon wieder, was sie nicht wussten?!
"Wie wir ja herausgefunden haben, lädt Homann am kommenden Samstag erneut zu einer Feier, diesmal in Berlin, im Hotel Adlon."
Adam pfiff anerkennend.
"Nicht schlecht", erwiderte auch Vincent mit gehobenen Augenbrauen.
"Und wenn ich einige Strippen ziehe, könnte ich Sie beide dort undercover einschleusen. Als Gäste, versteht sich, aber so könnten Sie sich umhören und vielleicht einige Details herausfinden."
Adam schluckte. Das war hier ja wie im Film.
"Undercover? Wirklich?" fragte Vincent verunsichert.
"Wir haben bisher ja gemerkt, dass Zeugen befragen und sonstige Überwachung von Homann nichts bringt. Wir wissen lediglich, dass die Opfer bei oder direkt nach seinen Partys getötet werden. Also ist der beste Ansatz, direkt bei eben so einer Party dabei zu sein."
"Und selber getötet zu werden", murmelte Adam.
"Selbstverständlich werden wir Sie mit sämtlichen Sicherungsmaßnahmen ausstatten und das Hotel entsprechend überwachen lassen. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Wir erwarten auch keine Festnahme an dem Abend, lediglich, dass sich einige neue Hinweise ergeben."
"Würde ja Sinn machen", überlegte Vincent laut, "keiner von denen würde mit der Polizei reden, besonders wenn Homann eine ordentliche Stange Schweigegeld zahlt. Aber bei anderen Partygästen, besonders nach ein paar Gläschen Alkohol..."
"...vielleicht werden die dann gesprächig", führte Adam zu Ende.
"Das ist die Idee", bestätigte Pawlak, "ich weiß, ich verlange viel von Ihnen. Aber Sie beide sind nunmal die besten Ermittler, die mir zur Verfügung stehen und ich vertraue, dass Sie das meistern."
Ein kleines Lächeln stahl sich auf Adams Lippen. Es kam nicht oft vor, dass sie so ausführliches Lob von ihrem Chef genießen durften. Klar, würde Pawlak ihnen schon sagen, wenn er mit ihrer Arbeit nicht zufrieden war, aber ihre Egos etwas anzufüttern könnte sicherlich nicht schaden.
Auch auf Vincents Gesicht hatte sich ein selbstbewusster Ausdruck breitgemacht, der ihm ganz exzellent stand, fand Adam.
"Wie genau soll der Einsatz denn ablaufen?" fragte Vincent.
"Ganz nach dem Regelwerk", beschwichtigte Pawlak, "pünktlich zu Beginn der Feier verkabeln wir sie mit Mikrofon und schusssicheren Westen. Wir melden Sie vorher an, Sie nehmen an der Party teil, versuchen die Teilnehmer etwas auszuhorchen und beenden den Einsatz zeitnah. Die gesamte Zeit über lassen wir das Adlon beobachten, SEK stellen wir ebenfalls ab und wir machen ein Codewort aus, damit wir eingreifen können, falls etwas schieflaufen oder sich eine Gefahrensituation anbahnen sollte."
"Das klingt plausibel", seufzte Adam.
"Aber Moment... Wiktor, wieso meintest du, uns würde das nicht gefallen?" fragte Vincent neben ihm.
Wiktor und Pawlak warfen sich einen nervösen Blick zu.
"Ah, ja, da... ist ein kleines Detail, was ich Ihnen noch nicht mitgeteilt habe... Wiktor?" meinte Pawlak verlegen.
Wiktor, der augenscheinlich genervt war, dass Pawlak ihn das erklären ließ, setzte an: "Nun, ich habe herausgefunden, dass Homanns Feiern immer einem bestimmten Zweck dienen oder unter einem bestimmten Motto stattfinden. Und dieses Mal- also, die kommende Feier.... naja..."
"Jetzt spuck's schon aus?" meinte Adam ungeduldig.
"...diese Feier ist nur für Paare und steht wohl ganz unter dem Zeichen der Romantik."
Adam schluckte, als die Worte in sein Gehirn sickerten.
"Du meinst...?" murmelte Vincent.
"Ich würde Sie normalerweise nie um so etwas bitten", klinkte sich Pawlak nun wieder in die Unterhaltung ein, eine zarte Röte umspielte seine Wangen, "es ist wahrlich etwas unprofessionell und wahrscheinlich auch gegen den Verhaltenskodex oder ähnliches, aber ich bin verzweifelt. Wir alle sind verzweifelt."
"Sie wollen, dass ich und Vincent ein Paar spielen?!"
"Wir haben gerade jetzt das Privileg, vorab Informationen über die Veranstaltung zu haben. Und ich kann und will nicht ein nächstes Mal abwarten, nicht, wenn es bedeutet, dass noch mehr Leute sterben. Zumal wir uns nie sicher sein können, dass es ein 'nächstes Mal' gibt. So wohlhabend wie Homann ist, der könnte sich, wenn er wollte, morgen ins Ausland absetzen und wir würden ihn nie wieder sehen", erklärte Pawlak.
"Da haben Sie natürlich recht, Herr Pawlak", meinte Vincent versöhnlich, auch wenn Adam den nachdenklichen Ausdruck seines Partners nicht ignorieren konnte, "für mich wäre das... kein Problem. Adam?"
"N- Nein", stammelte Adam schnell, "natürlich ist das kein Problem."
Doch, doch das war es. Ein Riesen-Problem sogar. Aber das konnte Adam ja nicht sagen. Denn wie würde er seine Zurückhaltung begründen, Bitteschön?
'Nein, Herr Pawlak, ich kann nicht Vincents Partner spielen, weil ich seit Monaten in ihn verknallt bin und Angst habe, dass dadurch alles ans Licht kommt?' oder 'Nein, Herr Pawlak, ich kann nicht, weil man als Paar ja auch Händchen halten oder sich küssen muss und ich wahrscheinlich tot umkippen würde, wenn ich Vincent so nah komme'? oder 'Nein, Herr Pawlak, lieber gehe ich in einer Schießerei drauf als zu riskieren, dass ich diese Situation schamlos für meine eigenen Gefühle ausnutze und Vincent damit belästige'?
Adam wurde bei dem Gedanken ganz heiß unter dem Kragen. Vincent würde natürlich der Professionelle sein, so wie immer. Aber er selber würde wahrscheinlich - wegen schlechter Schauspielkünste und romantischen Gefühlen für seinen Kollegen - irgendwie den Einsatz versauen. Wie war Pawlak überhaupt darauf gekommen?
