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Süße Stückchen

Summary:

Bäckereifachverkäufer Thomas Jopson stellt sich auf einen ganz normalen Arbeitstag ein - die Elektrik hat andere Probleme.
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might do a translation of this at some point, but so far there's none planned.

Notes:

das hätte eigentlich viel früher fertig sein sollen, aber was solls.
willkommen in meiner rarepairhölle.

Work Text:

6:27 Uhr

Thomas steht, in der perfekten Balance zwischen professionell steif und zugänglich entspannt, an seinem üblichen Platz und wartet. Eine Papiertüte liegt neben ihm in Griffweite bereit und er hat gerade eben noch mal die Schneckennudelauslage hergerichtet.

6:28 Uhr

Bis auf Thomas ist der Laden noch leer. Normalerweise stört ihn das recht wenig - normalerweise findet er in solchen Momenten auch irgendwelche Aufgaben, mit denen er sich die Zeit vertreibt. Trotzdem bleibt er fest verwurzelt auf der Stelle stehen, die Ladentür im Blick.

6:29

Er spürt, wie in Zeitlupe diese eine verflixte Strähne in sein Gesicht rutscht. Mit einem Routinegriff wird sie zurück an ihren Platz befördert. Ob er vielleicht mal wieder ein neues Stylingprodukt probieren sollte? Bisher hat er noch nichts gefunden, mit dem er seiner Frisur den perfekten Halt geben kann, ohne dass er seinen Schopf komplett zubetoniert, oder aussieht, wie einmal ordentlich abgeschlotzt. Vielleicht sollte er sich mal mit der Konkurrenz austauschen - bei dem ist nie auch nur ein Haar nicht genau da, wo es sein soll. Vielleicht könnte er ihn irgendwo abfangen, wo sein Chef das ganze nicht mitbekommt - wer weiß wie Francis dass sonst auffassen-
6:30 Uhr
Ein für Thomas inzwischen wohlbekannter Schopf Locken ist durch die breite Fensterfront der Bäckerei zu sehen. Die Strähne fällt zurück Richtung Auge, als die Türglocke läutet, und verschwindet wieder an ihren vorgesehenen Platz, als ein Kunde den Laden betritt. Der Kunde.
Gott sei Dank ist Blanky heute nicht in der Backstube.

Wie jeden Werktagmorgen breitet sich der gute Mann - Henry Collins laut seinem dunklen Blaumann - vor den Schneckennudeln aus.
"Guten Morgen!" Thomas schenkt ihm ein Lächeln, das weit über seine übliche Kundendienstmaske hinausgeht.
"Was darf es denn heute Morgen sein?"

Es sind - wie immer - 10 Schneckennudeln: Drei Mohn, drei Nuss, drei Zimt und eine Einsame mit Rosinen. Und weil sich Thomas heute ein bisschen verwegen fühlt, schiebt er noch einen Streusel mit in die Tüte. Edward hatte das Tablet erst vor 10 Minuten aus der Backstube mitgebracht.
Alles andere ist gewohnter Smalltalk. Collins geht es soweit gut, momentan gibt es weniger Aufträge, aber das kann seinen Jungs gerade recht sein, nachdem sie letzten Monat so viel zu tun hatten. Es gäbe aber Gemunkel, dass bald etwas Großes auf sie zukommt.

Thomas wünscht ihm viel Erfolg und einen schönen Tag und muss sich ein bisschen am Tresen festklammern, als Collins den Laden wieder verlässt.
Peinlich, dass er sich in seinem Alter noch so furchtbar verknallt, aber Collins ist nunmal absolut sein Typ: Verlässlich, solide gebaut, mit Locken, die gut aussehen, egal wie sie liegen.
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Es ist fünf vor halb sieben und Thomas steht im Halbdunkel. Er hört Blanky von der Backstube her noch laut fluchen, dann hört er seine ungleichen Schritte auf sich zukommen.
"Hör ma', da is' wohl ne Sicherung rausgeflogen. Schauste nach'm Sicherungskasten?" Er klopft Thomas auf die Schulter. "Ich brauch jetz’ erstma' ne Kippe."
Der Sicherungskasten befindet sich in der hintersten Ecke im Lager, eingequetscht zwischen zwei Wällen aus Mehl- und Zuckersäcken, was weder arbeitsschutzrechtlich legal noch gehbehindertengerecht sein kann. Eventuell nicht einmal lebensmittelsicher, aber das ist momentan nicht sein Problem. Thomas stößt ein leises Gebet gen Himmel, dass er doch bitte von einer Sacklawine verschont werde, und zwängt sich durch den Spalt.

Mit einem Knall klappt der Sicherungsschalter wieder nach unten.
"Verdammte Scheiße!"
"Kann ich behilflich sein?"
Thomas fährt schier aus der Haut. Im Eingang zum Lager steht eine Silhouette, die er sofort erkennt, obwohl die Person ihm fast mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtet.
"Ich hab’ den Eindruck, bei euch ist irgendwas defekt. Lass mich mal nachschauen."

Mit einem angestrengten Grunzen hieft Collins sich in die Sackschlucht und schiebt sich dann an Thomas vorbei, um einen Blick auf den Sicherungskasten zu werfen. Im Halblicht der Taschenlampe wirkt es fast so, als wären die Säcke um sie herum gefährlich ins Schwanken gekommen, aber alles bleibt still.
Collins Gesicht hingegen durchgeht eine ganze Reihe an Emotionen, während er den Sicherungskasten genauer unter die Lupe nimmt.
“Gute Nachricht,” Thomas kann sich nach der langen Stille gerade noch vom Zusammenzucken zurückhalten,” ich kann einschränken, wo genau das Problem ist. Schlechte Nachricht,” und Collins wendet sich schon wieder zum Gehen, “Wer auch immer hier die Installation verbrochen hat, gehört verklagt.” Thomas sagt lieber nicht, dass Blanky sehr viel selbst Hand angelegt hat.

Thomas quetscht sich, Collins direkt hinterher, wieder zurück in den Vorratsraum. Er kann nicht mal richtig genießen, wieder Platz um sich zu haben, denn Collins geht schnurstracks auf die Backstube zu.
“Sie scheinen wohl zu wissen, wo das Problem liegt!”
“Ach, nenn mich doch einfach Henry. Und ich hab’ da so ‘ne Vermutung.” Thomas möchte noch Einspruch einlegen, sie können sich doch nicht einfach so das Du anbieten, aber Collins - Henry! - lässt längst seinen analytischen Blick durch die Backstube schweifen. Aber selbst ohne Henrys Expertise ist es recht eindeutig, dass das Problem irgendwo hier liegen muss - der Geruch von verschmortem Plastik treibt Thomas Tränen in die Augen.
Henry ist derweil kopfüber hinter einer Arbeitstheke verschwunden.

Zu Thomas großen Glück hängt die Taschenlampe mit ihm hinter der Theke. Denn so, wie Henry da über der Theke hängt, weiß Thomas nicht so recht, ob er sich zusammenreißen könnte. Nicht wenn Henrys Hintern so auf dem Präsentierteller liegt.
“Aha!” tönt es dann auch recht schnell von Henry, der triumphierend eine Reihensteckdose empor hebt, die im Schein der Taschenlampe nass schimmert.
“Da kann man ja von Glück reden, dass wegen diesem Ding nicht der ganze Laden in Flammen steht.” Während er sich am Kabel entlang hangelt, um den Stecker aus der Wand zu ziehen, gibt er Thomas einen kleinen und absolut automatischen Vortrag über die Gefahren von Reihensteckdosen, wie schnell man die Elektrik überfordert kann, wenn zu viele Geräte angeschlossen werden, und noch ein paar wichtige Dinge, aber Thomas kann leider nicht mehr wirklich zuhören.

Er trottet brav Henry hinterher, zurück ins Lager, und wartet ganz brav vor dem Spalt, während Henry die Sicherungen wieder rein macht. Und tatsächlich, über Thomas gehen die Lichter an. Endlich kehrt nach dem ganzen Stress wieder der Alltag ein.
“So, jetzt passt’s wieder. Aber sag deinem Chef auf jeden Fall mal, dass mal jemand über die Elektrik drüber schauen sollte. Und ein paar Regale für die ganzen Säcke wär’n bestimmt auch ne super Idee.”

“Meine Theorie ist, dass er das Bein unter einer Mehllawine verloren hat. Ich sag schon seit Jahren, dass da mal was gemacht werden muss, aber glaubst du, irgendwas passiert? Ich frage mich jedes Mal, wie wir durch die ganzen Kontrollen kommen.” Henry lacht leise in den Kaffee hinein, den Thomas ihm zum Dank gemacht hat. Die Bäckertüte voller Schnecken liegt noch zwischen ihnen auf dem Tresen, natürlich aufs Haus, und obwohl Thomas sich sicher ist, dass Henry schon längst im Betrieb sein müsste, lässt er sich ziemlich viel Zeit mit seinem Heißgetränk. Er lässt sich nicht einmal aus der Ruhe bringen, als sich ein Kunde in den Laden verirrt.

Aber irgendwann ist der Becher dann doch leer.
“So! Ich glaub ich hab meine Jungs jetzt lange genug auf mich warten lassen.”
“Aber ich hab dich gar nicht richtig für deine Hilfe entlohnt!” Zur Antwort hält Henry einfach die Bäckertüte hoch. Thomas schüttelt den Kopf.
“Ich mein’s ernst. Lass deine Kontaktdaten da, dann stell ich’s dem Chef in Rechnung.”
Und Henry tippt tatsächlich seine Nummer in Thomas Kontakte, als er ihm sein Handy reicht. Irgendwie fühlt sich das falsch an - Thomas schwört sich hoch und heilig, die Nummer nur für den vorgesehenen Zweck zu verwenden.
“Ne du, lass mal. Lad’ mich doch einfach zu nem Kaffee ein, wenn du nicht arbeiten musst.”

Erst als die Tür klingelt, als sie hinter Henry zufällt, kommt bei Thomas an, was Henry damit gemeint hat. Aber da ist er schon die Straße hinunter verschwunden. Ein Date?!
Er ist noch in Schockstarre, Handy noch in der Hand, als Blanky wieder zurückkommt. Trotz seiner ausgedehnten Raucherpause riecht er kaum nach Zigaretten. Thomas wünscht sich gerade eine. Blanky betrachtet ihn einen Moment, dann macht sich ein breites Grinsen in seinem Gesicht breit. Ah.
“Na, hast jetzt endlich seine Nummer? Wird auch Zeit.”
Arschloch.