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Language:
Deutsch
Series:
Part 4 of Kiss, Marry, Kill
Stats:
Published:
2024-01-19
Words:
6,759
Chapters:
1/1
Comments:
5
Kudos:
3
Hits:
129

Kiss, Marry, Kill - Eine letzte Reise für dich

Summary:

Ein Kuss, ein Heiratsantrag und eine letzte Reise.

Notes:

Es ist mal wieder eine dieser Geschichten, wo ihr damit leben müsst, dass es historische Ungenauigkeiten gibt. Ihr könnt euch sogar mal wieder aussuchen, ob es vor fast 200 Jahren oder in der heutigen Zeit spielt, aber es gibt auf jeden Fall keine Handys und sie reisen alle per Schiff. Und Männer dürfen heiraten.
Wenn ihr das in eurem Kopf miteinander vereinen könnt, dann viel Spaß beim Lesen! (oder naja, vielleicht hasst ihr mich danach zumindest nicht)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Kiss

 

Grimmig sah Aimé auf die Flasche in seinen Händen. Sie war leer und er noch nicht betrunken genug für diese Situation.

Es schüttete und Alexander und er waren auf einer Insel mitten in einem Fluss gestrandet. Ihr Boot war bereits vor einiger Zeit von den Fluten mitgerissen worden und bis jetzt hatten sie weder eine Möglichkeit gehabt, von dieser Insel runterzukommen, noch gab es irgendeine Hoffnung auf Rettung.

Der Regen hatte in den letzten Minuten auch nicht nachgelassen. Oder waren es sogar schon Stunden? Er hatte das Gefühl für die Zeit verloren. Immerhin stürmte es nicht mehr so stark wie noch zu Beginn und man musste auch keine Angst mehr haben, gleich vom Wasser hinfort gespült zu werden.

Neben ihm saß Alexander und starrte auf den Fluss und den Regenwald auf der anderen Seite. Aimé konnte nicht sagen, ob er über etwas bestimmtes nachdachte oder irgendwelche Berechnungen darüber führte, wie lange es jetzt schon regnete, wie lange es wahrscheinlich noch regnen würde und was das für das Alter der Bäume hier bedeutete. Oder so ähnlich zumindest. Vielleicht war er doch schon betrunken.

Fluchend warf Aimé seine Flasche in die reißenden Ströme des Flusses. Das schien seinen Kollegen aus seinen Gedanken zu reißen, denn plötzlich hob der den Kopf und sah Aimé verwirrt an. Dann kehrten seine Gedanken zurück in die Wirklichkeit und er sah seufzend auf seine Uhr.

„Wie lange sind wir schon hier?“ Aimé zwang sich, Alexander nicht anzuschauen, sondern geradeaus zu blicken. Er hätte den Anblick eines nassen Alexander von Humboldt gerade wirklich nicht ertragen. Dessen Hemd schmiegte sich bestimmt sehr deutlich an seinen gut definierten Oberkörper und war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch wieder einmal beinahe durchsichtig. Wie schon so oft, wenn es geregnet hatte. Und jedes Mal hatte Aimé sich von diesem Anblick fast nicht lösen können. Zumal er fest vorhatte, weiter auf Alexander sauer zu sein. Schließlich war es seine Schuld, dass sie hier gestrandet waren. Da war sich Aimé zumindest ziemlich sicher.

„Ich weiß es nicht.“

„Du hast doch gerade auf deine Uhr geschaut.“ Er konnte und wollte eigentlich auch nicht verhindern, dass er etwas gereizt klang, als er das sagte.

Alexander schien das jedoch vollkommen kalt zu lassen. Zumindest reagierte er in keiner Weise auf Aimé Tonfall. „Ich weiß nicht, seit wann wir hier sind“, sagte er stattdessen abgeklärt.

„Wie spät ist es dann?“

„Halb neun.“

Aimé nickte nur kurz, sah dann wieder auf die reißenden Fluten vor sich und überlegte, ob es wohl möglich wäre, aufs Festland hinüberzuschwimmen und Hilfe zu holen. Er verwarf den Gedanken jedoch sehr schnell wieder.

Plötzlich sprach Alexander neben ihm leise. „Manchmal frage ich mich, wie ich hier gelandet bin.“

Aimé fuhr zusammen. Er war es nicht gewöhnt, dass sein Partner einfach so das Wort ergriff, wenn er nicht gerade einen tollen neuen Stein gefunden hatte.

Dennoch hob er unbeeindruckt die Augenbrauen, sah ihn jedoch immer noch nicht an. „Ich mich auch.“

„Ich hätte ein vollkommen anderes Leben haben sollen.“

Aimé hörte ihm nicht wirklich zu, wie er gestehen musste und sagte deshalb auch nur halb interessiert. „Ach ja?“

„Ich hätte Frau und Kinder haben sollen und in Berlin in einem Schloss leben sollen. Ich hätte regelmäßig mit Goethe und Schiller Briefe geschrieben und Goethe und ich hätten gemeinsam über das Ganzheitliche der Natur diskutiert.

Was war das denn jetzt? Seit wann redete Alexander denn so viel über Privates? Nicht, dass Aimé das schlimm fand. Er hatte sich schon oft gefragt, wie sein Reisegefährte wohl aufgewachsen war. Er hatte schon immer mehr über ihn wissen wollen.

„Warum bist du dann hier? Klingt doch nicht schlecht.“

Alexander antwortete nicht und Aimé dachte schon, dass der plötzliche Moment der Wahrheit vorbei war und Alexander nicht mehr auf seine Frage eingehen würde.

„Es kam mir nie in den Sinn.“

Jetzt sah Aimé ihn doch überrascht an. „Nicht? Aber ein Schloss, eine Familie, von so etwas können viele nur träumen.“

Alexander sah ihn an und lächelte leicht. Ein verlegener Ausdruck stahl sich auf sein Gesicht, den Aimé so noch nie zuvor an ihm bemerkt hatte. „Ich nicht.“

Aimé wurde ganz warm bei diesem Anblick. Er schalt sich natürlich sofort für diese Gefühle. Das war nicht richtig. Wegen Alexander war er hier. Wegen Alexander war er auf dieser gottverdammten Insel, während um sie herum scheinbar gerade die Welt unterging. Wegen Alexander würde er hier vielleicht sterben, ohne noch ein letztes Mal seine Familie gesehen oder ihnen auch nur geschrieben zu haben. Und trotzdem kam er nicht umhin, dass diese ganze Situation beinahe romantisch sein könnte, wäre Alexander nicht Alexander und Aimé nicht er selbst. Er räusperte sich.

„Wieso nicht?“

Er zuckte mit den Achseln. „Mein Traum war schon immer das hier.“

„Das Forschen?“

„Und das Reisen. Ich wollte schon immer weg. Außerdem kann man die Einheit der Natur nur erfahren und nicht diskutieren.“ Bei diesen Worten richtete Alexander seinen Blick wieder auf die Bäume vor ihnen.

Aimé sah ihn noch immer an. „Warst du glücklich? In Deutschland?“

„Andere würden sicherlich sagen, dass ich viel Glück hatte.“

„Das war nicht meine Frage.“

Alexander zögerte, schüttelte dann mit dem Kopf. „Nein. Ich wollte schon immer weg.“

Aimé lächelte leicht und nickte, auch wenn Alexander das nicht sehen konnte, der seinen Blick noch immer auf das Dickicht geheftet hatte.

Für eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden, doch dann musste Aimé einfach die Frage stellen, die ihm schon seit sie hier gestrandet waren auf der Seele brannte.

„Glaubst du, wir kommen hier wieder runter?“

Alexander antwortete klar und einfach und ohne ein Zögern in seiner Stimme. „Ich weiß es nicht.“

Aimé nickte, zögerte bevor er die nächste Frage stellte. „Glaubst du, wir kommen lebend zurück?“

„Ich weiß es nicht.“

Aimé schluckte, doch er nickte wieder nur. Diese Tatsache war keine Überraschung für ihn. Schon oft hatte er sich darüber Gedanken gemacht, er hatte es nur noch nie ausgesprochen.

Wieder versanken beide in Schweigen. Aimé meinte, der Regen hätte etwas nachgelassen während ihres Gesprächs, doch vielleicht war es auch nur Einbildung.

Vor ihnen im Wald hörten sie das Knacken eines Astes und ein Knurren und zwischen den dichten Blättern und Baumstämmen meinte Aimé das schwarz glänzende Fell eines Pumas zu sehen.

Den Blick auf das Raubtier geheftet, fragte Aimé leise: „Hast du es jemals bereut? Hier zu sein? Anstatt zuhause in Sicherheit?“ Er warf Alexander einen Blick aus den Augenwinkeln zu.

Der schien erst nicht zu reagieren und Aimé dachte schon, er hätte ihn nicht gehört, starrte er doch noch immer auf die reißenden Fluten und den Puma, der sie von der anderen Seite des Ufers aus misstrauisch beäugte.

„Nicht eine Sekunde.“ Er drehte seinen Kopf, sah Aimé direkt in die Augen und lächelte ehrlich und direkt. Der Blick ließ Aimé für einen Moment den Atem stocken und eine Gänsehaut zog sich über seinen Körper. Diese verdammten blau-grünen Augen, die ihm scheinbar direkt in die Seele sehen konnten. Erst nach einigen Sekunden konnte er das Lächeln erwidern.

„Hast du es denn bereut?“

Aimé dachte für einen Moment nach, schüttelte dann allerdings auch den Kopf und lächelte Alexander an. „Nein.“

Keiner von ihnen wagte es, den Blickkontakt zu unterbrechen und Aimé merkte, wie ihm Schauer über den Rücken liefen. Ob das jetzt von den Regentropfen kam, die noch immer auf sie niederprasselten oder doch vielleicht einen ganz anderen Grund hatte, vermochte er nicht zu sagen.

Alexanders Augen huschten kurz zu seinen Lippen. Dann wandte er allerdings schnell den Blick ab und erst jetzt merkte Aimé, dass er sich unbemerkt etwas zu ihm gelehnt hatte. Ein Stich fuhr durch sein Herz und er zog sich wieder zurück und senkte etwas den Blick. Natürlich, es war falsch und Alexander sah das offensichtlich genauso.

Er hörte, wie Alexander tief durchatmete und sah, wie er nach oben in den Regen blinzelte. Aimés Blick fiel auf Alexanders Hand, die sich um den Stein, auf dem er saß, gekrallt hatte und er meinte, ihn leicht zittern zu sehen.

Aimé hob seinen Blick erneut und sah in Alexanders Gesicht, dessen Wangen leicht gerötet waren.

Ohne auch nur eine weitere Sekunde darüber nachzudenken, legte er seine Hand auf die Alexanders, die den Stein umklammert hielt. Alexander sah ihn erschrocken aus geweiteten Augen an. Sein Blick huschte kurz zu Aimés Lippen, bevor er ihm direkt in die Augen sah.

Erst jetzt realisierte er, dass es das wirklich gewesen sein konnte. Sie könnten hier auf dieser Insel sterben und dann wäre alles egal. Dann würde niemand etwas erfahren. Vielleicht war das die letzte Chance, die er hatte. In Alexanders Augen meinte er, die gleiche Erkenntnis sehen zu können, also lehnte er sich einfach vor und küsste ihn.

Ja, es konnte sein, dass er die Zeichen falsch gedeutet hatte und dass Alexander ihn gleich von sich stoßen würde. Vielleicht würde er ihn die Fluten des Flusses werfen und ihn jämmerlich ertrinken lassen. Doch jetzt in diesem Moment war ihm das egal. Für ihn zählte nur das hier und jetzt und die Nähe Alexanders, die dafür sorgte, dass sich eine unbeschreibliche Wärme in ihm ausbreitete.

Doch hielt das nur für wenige Sekunden an. Denn für einige grauenvolle Momente tat Alexander gar nichts und Aimé wollte sich schon wieder zurückziehen, sich entschuldigen, einfach in den Fluss springen und für immer verschwinden, doch dann spürte er, wie sich Alexanders Hand unter seiner bewegte und sie mit klammen Fingern umschloss. Dann legte sich auch seine andere Hand an Aimés Wange und der Kuss wurde erwidert. Jetzt erst traute Aimé sich, vorsichtig einen Arm um seinen Freund zu legen, ihn noch näher zu ziehen und den Kuss zu vertiefen.

Er wusste nicht, wie lange sie sich so küssten, doch als sie sich wieder voneinander lösten, breitete sich auf seinem Gesicht ein Grinsen aus und auch Alex musste lächeln.

Es regnete noch immer, aber das war Aimé egal. Es hätte ewig regnen können. Er nahm Alex‘ Gesicht in beide Hände und küsste ihn noch einmal sanft. Wieder erwiderte Alex und für den Moment schien die Zeit stillzustehen. Für den Moment schien es nur sie beide zu geben und nichts anderes zählte mehr.

Nein, sie würden es niemals bereuen, nicht zu Hause geblieben zu sein.

 

Marry

 

Sie waren auf dem Weg nach Hause. Oder was sie vor vielen Jahren ihr Zuhause genannt hatten. Es war so viel Zeit vergangen, seit sie von dort aufgebrochen waren, um Amerika zu erkunden. Und sie waren eigentlich immer noch nicht fertig. Doch den Rest hatten wohl andere zu erledigen. Sie hatten genug geforscht für ein Leben. Es war genug. Sie hatten beinahe alles aufgeschrieben, was man über Südamerika und den Regenwald hatte herausfinden können. Hatten jeden Berg bestiegen und vermessen. Sie hatten mehrere hundert Kisten mit Pflanzen, Gesteinsproben, Tieren und allem, was sie sonst noch hatten finden können, gemeinsam mit ihren Aufzeichnungen nach Europa verschifft.

Und jetzt waren auch sie auf dem Weg dorthin zurück.

Aimé stand am Bug des Schiffes und sah hinaus auf das Meer, das in der Sonne funkelte. Er atmete tief die frische Seeluft ein. Er war sich nicht sicher, ob er Europa vermisst hatte. Amerika war anstrengend gewesen und gefährlich und sie wären nicht nur einmal beinahe gestorben. Aber es war ein Abenteuer gewesen und im Nachhinein war es etwas, das er nicht hätte vermissen wollen. Auch wenn er ehrlicherweise froh war, dass es jetzt vorbei war. Die Jahre, die sie in der Wildnis gelebt hatten, hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie waren älter geworden.

Sein Blick fiel auf Alex, der neben ihm an der Reling stand und aufs Meer hinaussah, doch im Gegensatz zu Aimé hatte dieser wie immer ein Notizbuch in der Hand und dokumentierte alles, was ihm auffiel und gelegentlich bestimmte er ihre Position, um später den Kapitän berichtigen zu können.

Aimé musste schmunzeln. Es war so typisch Alex, dass er gar nicht anders konnte, als ihn dafür zu lieben. Auch wenn der Kapitän einmal sogar kurz davor gewesen war, ihn von Bord schmeißen zu lassen und Aimé erst im letzten Moment die aufgeregten Gemüter hatte beschwichtigen können. Seitdem hatte Alex auf seinen Wunsch hin weitestgehend davon abgesehen, seine Überlegenheit darzustellen und war einfach dazu übergegangen, sich im Stillen über die Unfähigkeit des Kapitäns zu beschweren. Oder zumindest nur vor Aimé und nur gelegentlich vor anderen Passagieren des Schiffs. Aber mehr konnte man von ihm wahrscheinlich auch nicht erwarten.

Aimé lächelte und betrachtete weiter seinen Freund, dessen Haare von der Sonne in goldenes Licht getaucht wurden. Er brütete anscheinend gerade über einer Berechnung. Eine Seite seines Gesichts war in Schatten gehüllt und Aimé konnte sehen, wie sich seine Stirn angestrengt in Falten legte.

Unwillkürlich musste er an alles denken, was sie in den letzten Jahren gemeinsam durchgemacht hatten, wie oft sie nur knapp dem Tod entronnen waren, sei es durch Naturgewalten oder Ureinwohner gewesen. Bei ihrer Reise auf den Chimborazo oder über die Anden, als sie mehrfach fast erfroren oder in die Tiefe gestürzt wären. Oder auf dem Orinoco, wo er Alex gerade so vor dem Ertrinken hatte reden können. Oder ihre Begegnung mit den kannibalischen Stämmen im Urwald. Oder als Alex beschlossen hatte, dass er Curare, eines der stärksten Nervengifte überhaupt, trinken würde, um zu beweisen, dass es ihn auf diese Art nicht töten würde. Oder als sie giftige Tiere und Pflanzen gesammelt hatten, die sie manchmal nur durch eine falsche Bewegung hätten töten können.

Sie hatten sich einen Namen gemacht. Sie waren die Erforscher eines ganzen Kontinents geworden. Und jetzt waren sie wieder auf dem Weg nach Hause. Zurück von ihrer Jahre andauernden Reise. Eine Reise, die sie zusammen begonnen hatten und zusammen beenden würden.

Noch immer war Aimés Blick auf Alex gerichtet und seine Hand glitt langsam in die Tasche seines Mantels und befühlte den kleinen schmalen Ring, der sich darin befand. Es war kein teurer Ring und er sah auch nicht wertvoll aus. Er war Silber, eigentlich nur ein schmales Band, für mehr hatte er kein Geld gehabt. Und mehr hatte er auch nicht finden können, in dieser kleinen Stadt, von der aus sie aufgebrochen waren. Aimé hatte den Ring an ihrem letzten Abend dort gekauft.

Er wusste, dass Alex kein Fan von Hochzeiten war. Aimé erinnerte sich, dass Alex einmal meinte, dass ein verheirateter Mann ein verlorener Mann wäre. Aimé hatte ihn dabei nicht wirklich ernst genommen, doch jetzt, so kurz, bevor er die entscheidende Frage stellen wollte, ging es ihm noch einmal im Kopf herum und brachte ihn beinahe dazu, den Ring einfach ins Meer zu werfen und das alles zu vergessen. Doch Aimé wollte nicht riskieren, dass etwas zwischen sie kommen könnte. Letztendlich waren es doch andere Umstände, die in Europa herrschten, als noch in Amerika. Letztendlich konnte doch keiner von beiden garantieren, was geschehen würde, würden sie an Land gehen. Doch für eine Sache wollte Aimé Garantie haben. Vielleicht war es naiv, doch sie beide hatten so viele Jahre ihres Lebens miteinander verbracht. Und Aimé konnte sich nicht vorstellen, dass er noch einmal so etwas wie mit Alex erleben würde, dass er noch einmal so fühlen würde, dass er noch einmal einer Person so vertrauen würde, wie der, mit der er durch die Hölle gegangen war.

Es war noch eine Woche bis sie an Frankreichs Küste landen würden. Er wollte es noch zuvor machen, doch bisher hatte er es sich noch nicht getraut. Fest umschlossen seine Finger den Ring in seiner Tasche, ohne ihn herauszunehmen.

Weiterhin betrachtete er Alex, der noch immer angestrengt über seinen Berechnungen brütete. Aimé lächelte leicht, sah noch einmal auf den Ozean, verbarg den Ring in seiner Hand und holte ihn hervor. Dann räusperte er sich leise.

Alex sah von seinem Notizbuch auf, wandte sich ihm zu und lächelte ihn sanft an. Seine Züge umspielte ein fragender Ausdruck.

Aimé nickte zu seinem Notizbuch. „Bist du bald fertig?“

Alex sah wieder auf sein Notizbuch. „Naja, es wäre sicherlich einfacher, wenn der Kapitän navigieren könnte, dann müsste ich gar nicht erst so viel rechnen, aber-“

Aimé schmunzelte leicht. „Lass gut sein, Alex. Wir werden schon ankommen.“

„Aber die Route ist ineffizient.“

„Ich weiß.“

„Das muss er doch sehen.“

„Ich weiß.“

„Ich dachte, man muss navigieren lernen, bevor man ein Schiff über den Ozean segeln darf, aber anscheinend geben sie heutzutage jedem beliebigen Stümper die Erlaubnis dazu.“

„Alex…“ Aimé legte eine Hand auf Alex‘ Arm und lächelte ihn beschwichtigend an. Der war gerade dabei, sich in Rage zu reden, hielt nun jedoch inne. „Lass es sein.“

Alex sah ihn einen Moment unschlüssig an, steckte dann jedoch widerwillig das Notizbuch und den Stift in die Innentasche seines Mantels.

„Entspann dich einfach mal ein bisschen. Wir haben Urlaub.“ Aimé lächelte Alex beruhigend an.

Der seufzte nur ergeben und wandte sich nun wie Aimé zuvor dem Meer zu und lehnte sich lässig an die Reling.

Noch einen Moment betrachtete Aimé seinen Freund und dessen Züge, die von der Sonne in ein Spiel aus Licht und Schatten getaucht wurden. Er musste lächeln und ihm wurde ganz warm. Er könnte ihn ewig so ansehen. Er atmete tief durch.

„Alex? Ich wollte dir etwas sagen.“ Er wartete, bis er ihn ansah, bevor er fortfuhr.

„Ich liebe dich.“

Auf Alex‘ Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das in Aimés Magen ein seltsames Kribbeln auslöste, als wäre er immer noch frisch verliebt.

„Ich liebe dich auch.“

Auch Aimé lächelte jetzt. „Und ich wollte dich etwas fragen.“

Interessiert blickte Alex ihn aus seinen blau-grünen Augen an, die Aimé immer wieder gefangen nahmen, wartete geduldig darauf, dass er fortfuhr.

Aimé sah ihm fest in die Augen. Er versuchte, seiner Stimme einen sicheren Klang zu geben und sich die bereitgelegten Worte in Erinnerung zu rufen. Schlussendlich war er doch zu nervös, um sich an jede Einzelheit zu erinnern, also redete er einfach drauflos.

„Ich will dir einen Vorschlag machen und ich weiß, du wirst wahrscheinlich nicht begeistert davon sein. Aber es ist mir wichtig, dass du mir zuhörst und darüber nachdenkst. Ich erwarte nicht einmal unbedingt sofort eine Antwort. Nur, dass du es zumindest in Betracht ziehst.“ Zitternd atmete er aus, sah Alex etwas verlegen an. Der schien etwas verwirrt zu sein.

„Aimé, was ist los? Du kannst mir alles sagen.“

„Ich- Ich liebe dich.“

Ein leichtes Schmunzeln umspielte Alex‘ Gesicht. „Ich weiß, das sagtest du gerade eben erst.“

„Ja, natürlich, entschuldige, ich bin nur-“

„Ich dich auch.“

Verständnislos sah Aimé seinen Freund an, der ihn sanft anlächelte. „Was?“

„Ich liebe dich auch. Tut mir leid, ich wollte dich nicht unterbrechen.“ Noch immer schmunzelte Alex ganz leicht und der zugleich sanfte und liebevolle Ausdruck in seinen Augen machte Aimé aus irgendeinem Grund nur noch nervöser. Er versteckte die Hand mit dem Ring diskret hinter seinem Rücken und begann, ihn nervös zwischen seinen Fingern zu drehen.

Bevor er fortfuhr, zögerte Aimé noch kurz und atmete noch einmal tief durch. „Ich will dich nicht verlieren. Und ich will nicht, dass sich etwas zwischen uns verändert, wenn wir wieder an Land gehen.“ Unsicher sah Aimé Alex an. Der wollte gerade dazu ansetzen, etwas zu sagen, doch Aimé unterbrach ihn sogleich, indem er einfach weiterredete. „Ich weiß, dass es vielleicht etwas paranoid ist, zu denken, dass du mich sofort vergisst, sobald wir wieder in Frankreich sind. Aber vielleicht ist es auch etwas naiv, zu denken, dass alles so bleiben könnte, wie es bisher war. Und vielleicht ist es auch naiv, zu hoffen, dass du genauso denken würdest. Aber ich will sichergehen, dass egal wie und egal wo, wir immer zusammenbleiben. Weil ich dich liebe und mir nicht vorstellen kann, dass ich jemals wieder jemanden finden könnte, für den ich das Gleiche fühlen könnte wie für dich.

Und ich weiß, du hältst das für kitschig und befindest es für unnötig und sinnlos, aber ich liebe dich einfach zu sehr, um es nicht doch zu versuchen.“

Aimé schluckte und holte den Ring hervor, hielt ihn zitternd in seiner Hand. Er sah Alex unsicher an. „Ich gehe auch extra nicht auf die Knie, um es nicht noch kitschiger zu machen, als ohnehin schon.“

In Alex‘ Gesicht spiegelten sich Überraschung und Erstaunen. Sein Blick wechselte zwischen dem Ring und Aimé und für einige Momente schien er sprachlos.

Bevor er irgendwie antworten konnte, setzte Aimé noch hastig hinzu: „Wie gesagt, du musst auch nicht jetzt antworten und es ist auch in Ordnung, wenn du Nein sagst. Es ist nur-“

Mit einer Handbewegung unterbrach Alex ihn, richtete seinen Blick wieder auf Aimé und lächelte ihn liebevoll an.

„Ja.“

Kurz glaubte Aimé, sich verhört zu haben. „Ja?“

Alex nickte. „Ja.“

Ungläubig lachte Aimé auf. „Wirklich?“

Alex lächelte ihn sanft an, trat einen Schritt auf ihn zu. „Ja, wirklich. Ich will dich heiraten, Aimé.“

Jetzt breitete sich ein glückliches Grinsen auf Aimés Gesicht aus und er konnte einfach nicht anders, als Alex zu küssen. Alex legte seine Arme um Aimé und erwiderte sanft und liebevoll.

Erst nach einer ganzen Weile lösten sie sich wieder voneinander und Aimé strahlte ihn an. „Ich liebe dich so sehr.“

„Ich liebe dich auch.“

Alex lächelte liebevoll und jetzt nahm Aimé auch den Ring und steckte ihn endlich an Alex‘ Finger. Alex sah lächelnd auf seine Hand, verschränkte dann ihre Hände miteinander und lehnte sich noch einmal vor, um seinen Verlobten in einen liebevollen Kuss zu ziehen, den dieser natürlich ebenso liebevoll erwiderte.

 

Kill

 

„Bist du sicher, dass du nicht schon gleich mitkommen kannst?“

„Ich fürchte nicht. Du kennst doch meinen Bruder.“

„Ich kann auch noch auf dich warten.“

„Blödsinn, wir haben das doch schon längst alles besprochen.“

„Ja, ich weiß, aber es wären zwei Monate.“

„Und dann bin ich schon da. Du weißt, ich nehme das frühstmögliche Schiff.“

Aimé seufzte. „Na gut. Ich erwarte dich.“

Alex lächelte ihn an. „Nichts anderes hatte ich erwartet. Und jetzt los. Das Schiff wartet nicht.“

Aimé lächelte nun auch leicht, aber etwas bedauernd und schulterte seinen Rucksack. Der Rest des Gepäcks und ein Teil ihrer benötigten Utensilien befanden sich bereits auf einem anderen Schiff in Richtung Amerika. „Ich werde dich vermissen.“

„Ich komme so schnell wie möglich nach.“

Aimé lehnte sich vor, um seinem Ehemann einen kurzen Kuss zu geben. „Ich liebe dich.“

Alex lächelte. „Ich liebe dich auch.“

„Bis bald.“

„Bis bald.“

Noch einmal lehnte Aimé sich vor. Dieses Mal, um Alex in einen längeren und innigeren Kuss zu ziehen. Der erwiderte liebevoll, brach ihn jedoch bald wieder ab. „Du musst los.“

Aimé seufzte leise. „Ich weiß.“ Er nahm Alex‘ Hand und drückte sie fest. „Bis in zwei Monaten.“

Alex lächelte und erwiderte den Druck. „Auf Wiedersehen.“

Dann wandte Aimé sich endgültig ab und ging hinaus auf die Straße. Alex dagegen blieb in der Haustür stehen.

Kurz bevor Aimé außer Sichtweite war, drehte der sich noch einmal kurz um und winkte ihm zu. Alex winkte ebenfalls und sah ihm nach, wie er um die nächste Ecke verschwand. Auf dem Weg zum Schiff, das ihn zum zweiten Mal in seinem Leben in die neue Welt bringen sollte. Wobei sie eigentlich gar nicht mehr so neu war. Sie hatten sie schließlich erforscht. Für sie war sie ein Teil ihres Lebens geworden. Eine zweite Heimat im Herzen.

Alex stand noch eine Weile draußen, auch als Aimé bereits längst verschwunden war. Es würde nicht lange dauern und er würde nachkommen. Nur ein paar Wochen sollten reichen, um alle Geschäfte hier erledigen zu können. In zwei Monaten wollte er schon längst wieder bei seinem Ehemann sein. Nur zwei Monate Trennung, dann würden sie sich wiedersehen.

 

Sie waren alt geworden in den letzten Jahren und dennoch hatten sie den Entschluss gefasst, noch einmal forschen zu gehen. Noch einmal nach Südamerika. Sie hatten damals nicht alles sehen können. Das planten sie nun, nachzuholen. Aimé war vorgefahren, um alles vorbereiten zu können. Sobald Alex angekommen wäre, wollten sie loslegen. Noch einmal die alten Zeiten aufleben lassen, noch einmal sich jung fühlen. Nur zwei Monate.

 

Es dauerte länger. Eigentlich hätte er sich das denken können. Es dauerte immer länger. Er war bei weitem nicht nach zwei Monaten fertig. Immer wieder kam etwas anderes dazwischen und immer wieder kam ein neuer Termin, den er nicht verpassen durfte. Er hatte Aimé geschrieben und ihn um Geduld gebeten. Er würde bald kommen, dessen sei er sich sicher.

Aimé hatte geantwortet, dass er Alex vermisse, er wolle ihn bald wiedersehen und er würde ihn lieber auf einem Schiff wissen als noch immer in Europa, aber er wusste sich zu gedulden. Ohnehin sei er gerade krank, da wäre eine Weiterreise unmöglich. Doch es werde schon alles wieder in Ordnung gehen. Bis Alex eingetroffen sei, sei er sicher wieder genesen und dann würde alles nach Plan verlaufen. Er hätte sich bereits um alles Wichtige gekümmert, dass sie besprochen hatten.

Natürlich machte Alex sich Sorgen, aber er war sich sicher, dass es Aimé gut gehen würde. Er hatte sich schließlich schon immer wieder aufgerappelt, auch vom schlimmsten Fieber. Zudem plante Alex, bald loszufahren. Nach seinem Plan würde alles nur noch wenige Wochen dauern, vielleicht einen Monat und dann könnte er sich endlich das nächste Schiff suchen, das nach Amerika fuhr. Und dann würde es nicht mehr lange dauern, bis er Aimé wiedersehen konnte und sie endlich wieder aufbrechen konnten. Nur sie zwei, die einzige Konstante für eine lange Zeit. Keine Verpflichtungen mehr, keine Termine, nur sie und die Natur, wie in alten Zeiten.

 

Die nächsten Wochen war er immer beschäftigt gewesen. Er war so damit beschäftigt, alles so schnell wie möglich erledigt zu kriegen, dass er nicht einmal bemerken konnte, dass eine Zeitlang keine Briefe mehr von Aimé kamen. Wahrscheinlich dachte er sich auch nichts dabei. Was hätte schon sein sollen? Aimé war vermutlich auch nur beschäftigt. Und er würde ja bald kommen. Denn endlich zeichnete sich ein Ende in seinen unzähligen Terminen und Verpflichtungen ab und er konnte es sich erlauben, sich einen Platz auf einem Schiff nach Amerika in einer Woche zu sichern. Bis dahin waren seine Tage zwar noch voll und wenn es schlecht lief, würde er auf dem Schiff noch einige Briefe schreiben müssen und sie von Amerika aus wieder zurück nach Europa senden müssen. Doch das machte ihm nichts aus, denn es bedeutete, dass er zumindest dort wäre. Endlich angekommen, nach vier vergeblichen Monaten des Wartens auf sich ständig verzögernde Termine. Endlich wieder bei seinem Mann.

 

Eines Tages bemerkte er auf seinem Tisch einen Brief aus Amerika. Instinktiv musste er lächeln. Es würde ein Brief von Aimé sein. Der hatte seit zwei Wochen nicht geschrieben. Alex war so beschäftigt gewesen, dass es ihm zuerst gar nicht aufgefallen war, aber jetzt, wo er den Brief sah, freute er sich natürlich umso mehr auf die Nachricht von seinem Mann. Alex hatte bereits einen Brief mit seinem voraussichtlichen Ankunftsdatum vorgeschickt. Er würde in spätestens drei Wochen dort sein. Die Koffer und noch einige letzte Instrumente hatte er bereits eingepackt. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, der von Dokumentenstapeln überfüllt war, die sich in den letzten Wochen allerdings bereits deutlich gelichtet hatten und sich nun auch noch hoffentlich verflüchtigen würden.

Er holte seinen Brieföffner heraus und nahm den Brief in die Hand. Ihm fiel auf, dass die Schrift auf dem Absender nicht die seines Mannes war. Er stutzte. War der Brief doch nicht von Aimé? Der Name der Stadt war jedenfalls der Gleiche wie der, in der Aimé auf ihn wartete und in der er in drei Wochen ankommen sollte. War etwas vorgefallen?

Vorsichtig öffnete er den Brief und nahm ein beschriebenes Blatt Papier heraus. Es waren nur wenige Sätze darauf in einer Handschrift, die er nicht kannte. Es sah offiziell aus, hatte sogar einen Stempel der Behörde der Stadt.

Alex runzelte die Stirn und begann die Worte zu entziffern, die da geschrieben standen.

Zuerst glaubte er es nicht richtig zu verstehen. Das war nicht unwahrscheinlich. Es war lange her, dass er in Amerika gewesen war, geschweige Spanisch gelesen hatte. Er las es noch einmal und als die Worte immer noch keinen Sinn ergeben wollten, noch ein drittes Mal. Erst da formten sich die Wörter in seinem Kopf zu Sätzen. Und doch schien er noch nicht verstehen zu wollen, nicht verstehen zu können. Es war, als wäre eine Blockade in seinem Kopf, die es ihm unmöglich machte, aufzunehmen, was dort geschrieben stand.

Nur drei Wörter stachen ihm immer wieder deutlich ins Auge und er konnte nicht anders, als sie anzustarren, bis sie vor seinen Augen verschwammen. Er war nicht in der Lage, irgendeine andere Information aufzunehmen, nur diese drei Wörter, immer und immer wieder, bis sie sich in seinem Kopf zu einem Mantra geformt hatten.

Aimé Bonpland. Muerto.

Langsam ließ er den Brief sinken, die Worte standen ihm noch immer deutlich vor Augen. Jeder einzelne Schwung der Buchstaben des Namens war ihm bewusst, jede einzelne Silbe der Wörter. Alles stand ihm klar vor Augen und er glaubte nicht, dass er es jemals wieder vergessen könnte. Vor seinen Augen verschwamm plötzlich alles, doch er wischte sich energisch über die Augen. Weigerte sich, jetzt zu weinen. Vielleicht war es ein Versehen, nur ein Missverständnis.

Aimé musste ihm geschrieben haben, er hatte es bestimmt getan. Eilig durchwühlte er den Stapel Briefe, der noch vor ihm lag, untersuchte jeden einzelnen genau auf einen Absender aus Südamerika, doch so sehr er auch suchte, er fand keinen. Wieder wollten ihn Tränen der Verzweiflung überkommen. Doch energisch blinzelte er sie weg. Es konnte noch immer ein Missverständnis sein. Dann hatte Aimé ihm eben nicht geschrieben. Na und? Das hieß nicht, dass er tot war. Das musste es nicht heißen. Sicher, er war krank gewesen und sie beide waren nicht mehr die Jüngsten, aber er war doch zäh. Er hatte in seinem Leben bereits so viel ausgehalten. Er war nicht tot. Er durfte es nicht sein. Er würde es nicht sein. Er war nicht tot.

Sofort setzte er einen Brief auf. Er schrieb an Aimé, wollte ihm noch einmal schreiben, dass er bald kommen würde, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass er ihn vermisse, dass er ihn liebt. Doch er schaffte es nicht, mehr als zwei gerade Wörter zu schreiben. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen und seine Hände zitterten zu stark.

Er musste den Stift weglegen und vergrub den Kopf in seinen Händen. Er atmete zittrig aus und fuhr sich durch die schon längst grau gewordenen Haare. Dabei fiel sein Blick auf den schmalen, goldenen Ring an seinem Finger und wieder überkamen ihn fast die Tränen.

Er musste es wissen. Er musste nach Amerika. Jetzt sofort. Er hatte ohnehin schon zu lange gewartet. Er hatte doch eigentlich schon vor zwei Monaten dort sein wollen. Seine Sachen waren schon längst gepackt. Er musste nur ein Schiff finden, das ihn dorthin bringen würde. Und das sollte er ja wohl schaffen.

Kurzentschlossen nahm er sich sein Gepäck und machte sich auf den Weg zum Hafen. Die ganze Zeit über war er kaum in der Lage, über irgendetwas anderes nachzudenken, als das, was er soeben gelesen hatte. In seinen Gedanken geisterten noch immer die drei Wörter herum, die sich nun in seinem Gehirn festgebrannt hatten. Besonders eines stach immer wieder heraus. Muerto.

Endlich am Hafen angekommen fand er wie in Trance ein Schiff, das nach Amerika fuhr, zwar in eine andere Stadt, als die zu der er wollte, aber er würde dort schon irgendwie hinkommen. Zudem sollte dieses Schiff eine ganze Woche schneller sein als das, mit dem er ursprünglich gefahren wäre. Im Grunde war es ihm egal. Es war seine einzige Chance, also verhandelte er nur kurz mit dem Kapitän, der ihm sofort eine Kabine zuwies und ihn aufgehen ließ. Alex erinnerte sich im Nachhinein nur noch an die Hälfte des Gesprächs. Er hatte kaum etwas um sich herum wahrgenommen. Es war ihm auch egal, dass der Kapitän scheinbar ein großer Bewunderer von ihm war. Er wollte einfach auf die andere Seite dieses Ozeans. Dafür hätte er es auch in Kauf genommen, wenn er auf einem Piratenschiff hätte mitfahren müssen, solange sie ihn in Amerika abgesetzt hätten.

Als er erzählte, in welchen Hafen er eigentlich wollte, versicherte ihm der Kapitän sogar, dass er extra für ihn dort halt machen würde. Es sei ja kein großer Umweg. Er würde einfach danach seinen eigentlichen Zielhafen ansteuern. Das sei natürlich kein Problem. Es wäre ja nur ein Tag Umweg. Verspätungen dieser Art sei man in jedem Hafen gewöhnt. Besonders bei so langen Fahrten über einen ganzen Ozean.

Alex bedankte sich höflich, brachte jedoch nur ein gezwungenes Lächeln zustande und war froh, als der Kapitän sich von ihm abwandte, um seiner Crew den Befehl zum Ablegen zu geben. Alex verschwand sogleich in seiner Kabine und redete für die nächsten zwei Tage mit kaum jemandem ein Wort.

Erst am dritten Tag auf dem Meer begann er, seine Kabine auch mal für mehr als nur den Gang zur Toilette zu verlassen. Das ständige Vorbeten, dass das alles schon nur ein Missverständnis sei, hatte anscheinend geholfen und er ging nun wieder häufiger an Deck, ließ sich öfters sehen, wechselte sogar noch das ein oder andere kurze Wort mit dem Kapitän.

Nur arbeiten konnte er nicht und in seiner Kabine tat er nichts anderes, als wahlweise die Wand oder ein leeres Blatt anzustarren. Und immer wieder drehte er an seinem Ring, oft, ohne es zu merken, in Gedanken versunken. In seinem Kopf ein ständiges Hin und Her der Gedanken.

Es ist ein Missverständnis.

Er ist nicht tot.

Muerto.

Er darf nicht tot sein.

„Ich warte auf dich“

Ich hätte eher kommen sollen.

Er kann nicht tot sein.

Es war nur ein Versehen.

„Ich vermisse dich, wann kommst du?“

Er wird mich erwarten, sobald ich ankomme.

„Wie lange dauert es noch, bis du kommst? Ich vermisse dich.“

Ich werde ihn überraschen, sobald ich ankomme.

Er wird auf mich warten.

Er ist nicht tot.

Muerto.

Er ist nicht tot.

Er ist nicht tot.

„Ich liebe dich.“

Muerto.

Er ist nicht tot.

„Bis bald.“

 

Alex wurde beinahe verrückt. Immer wieder meinte er, Aimés Stimme zu hören. Die Zeilen seiner Briefe verfolgten ihn bei Tag und Nacht. Und sobald er die Augen schloss, meinte er sein Gesicht zu sehen, sein Lächeln, seine strahlenden Augen. Der Tag als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten, und der als sie sich verlobt hatten. Ihre Hochzeit, klein und schlicht, aber wunderschön. Aimé war schon immer so unfassbar schön gewesen. Er hatte Alex schon aus so vielen dunklen Zeiten geholfen. Wie hatte er nur denken können, vier Monate Trennung würden sie schon schaffen.

Gott, er hatte ihn vermisst, das wurde ihm erst jetzt so richtig bewusst.

 

Muerto.

 

Endlich kamen sie an. Der Kapitän verabschiedete Alex. Dieser bedankte sich nur mit ein paar knappen Worten. Die Unruhe, die sich in den letzten Tagen auf See wieder etwas gelegt hatte, war nun zurückgekehrt und er konnte es kaum erwarten, dass der Kapitän seine Rede beendet hatte und ihn endlich entließ. Er hatte keine Zeit.

Kaum war der Kapitän fertig, hatte Alex das Schiff auch schon verlassen und war schnellen Schrittes zum Ratsgebäude der Stadt gegangen. Mit gebrochenem Spanisch, er hatte es lange nicht mehr sprechen müssen, sagte er seinen Namen und weshalb er hier war.

Er hörte sich kaum reden, geschweige denn denken. Alles, was er wollte, waren Antworten. Wo wohnte Aimé? Wo war das Haus, das er bezogen hatte? Wo würde er hingehen müssen, um ihn endlich wiedersehen zu können?

Er hätte den anderen Mann angeschrien, doch aus seinem Mund kam kein Wort. Er konnte ihn nur anstarren, sprachlos, die Tasche abstellen und ihm folgen.

Der Mann führte ihn nach draußen, zur Kirche, auf den Platz dahinter, der Friedhof.

Alex wollte protestieren. Das konnte nicht richtig sein. Das war unmöglich. Der Mann musste sich vertan haben.

Und doch führte er ihn zielsicher an ein paar Grabsteinen entlang, bis in eine Ecke nahe der Mauer. Alex verstand nicht, wollte nicht verstehen, konnte nicht verstehen.

Dort stand ein Grabstein, ein frisches Grab. Darauf lagen ein paar Blumen, sie waren schon fast verwelkt. Es waren Astern, so viel konnte Alex‘ Gehirn noch verarbeiten. Dann fiel sein Blick jedoch auf den frischen Grabstein.

Aimé Bonpland.

Mehr nicht, nur das. Nur sein Name, keine Lebensdaten, nichts. Alex kämpfte mit den Tränen. Das konnte nicht wahr sein. Das konnte einfach nicht sein.

„Wir mussten ihn begraben, der Geruch, Sie verstehen?“ Der Mann klang entschuldigend und etwas unsicher, doch Alex antwortete nicht. Er starrte weiter auf den Grabstein und die einfache Gravur.

„Sie können natürlich einen anderen Grabstein verlangen, wir wollten ihn nur nicht ohne alles hier begraben. Und wir würden natürlich einen Gedenkgottesdienst organisieren, wenn sie das wünschen.“

Alex konnte noch immer nicht ganz glauben, was ihm dieser Mann hier erzählen wollte. Er spürte, wie sich in seinen Augen wieder Tränen sammelten, doch er weigerte sich. Er wollte jetzt nicht weinen. Nicht hier. Nicht jetzt. Er nickte nur abwesend.

„Ich hätte hier auch noch den Schlüssel zum Haus. Er hat im letzten Haus an der Hauptstraße gewohnt, nahe beim Wald. Ich schätze, Sie wollen ihn haben.

Jetzt wandte Alex seinen Blick doch wieder dem Mann zu. Er zögerte, doch dann nahm er den Schlüssel an. Seine Finger zitterten und er steckte seine Hände schnell in seine Tasche. Er flüsterte: „Danke.“ Er bemerkte, dass seine Stimme brüchig war. Er räusperte sich, schwieg aber.

Der Mann schien auch nichts mehr sagen zu wollen, sondern musterte ihn nur mit einem besorgten Blick, also drehte Alex sich schweigend um und ging. Er ging direkt zu dem beschriebenen Haus und schloss die Tür auf. Der Schlüssel passte.

Alex zögerte, bevor er dann doch eintrat.

Es war still. Zu still. Aimé sollte auf ihn zukommen und ihn begrüßen, ihn umarmen, ihn anlächeln, ihn küssen. Vier Monate waren schließlich eine lange Zeit. Eine zu lange Zeit.

Er hätte schon vor zwei Monaten hier ankommen sollen. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Aber er hatte es nicht geschafft. Er hatte Aimé vertröstet, ihn gebeten, dass er auf ihn warten solle und Aimé hatte ihm versprochen zu warten, so lange es nötig war.

Und dennoch war er zu spät gekommen.

Kaum betrat er das Wohnzimmer, brach er auch schon zusammen. Es sah noch so aus, als würde hier noch jemand wohnen. Als wäre dieser Jemand nur gerade in der Küche oder auf dem Klo. Als wäre alles in bester Ordnung. Nur die dünne Staubschicht, die sich mittlerweile auf alles gelegt hatte, sprach etwas anderes.

Auf dem Sofa lag ein Buch, mit einem Lesezeichen in der Mitte. Auf dem Tisch stand eine Teekanne. Daneben lagen Stifte und Papier. Aimé musste noch gearbeitet oder Briefe geschrieben haben, kurz bevor er-

Er hatte auf Alex gewartet.

Über Alex‘ Wangen strömten mittlerweile die Tränen und er stolperte zum Sofa. Er hatte das Gefühl, seine Beine würden ihn nicht mehr tragen. Auf dem Sofa lag noch eine zerwühlte Decke und als er die anhob, fand er eines von Aimés Hemden. Er wusste nicht, warum es hier lag, aber es roch noch leicht nach ihm als Alex es aufhob und ein neuer Schwall Tränen überkam ihn.

Direkt am Rand des Tisches lag ein Zettel und Alex hob ihn auf. Es war Aimés Handschrift, doch sie war krakelig, kaum zu erkennen. Wie schlecht war es ihm wirklich gegangen? Hatte Aimé ihn vielleicht nur angelogen, um ihn nicht zu beunruhigen? Oder war es wenigstens schnell gegangen?

Er sah auf den Zettel, versuchte zu entziffern, was da stand.

„Hey, Alex, wenn du das liest, dann bist du tatsächlich nach Südamerika gekommen. Leider heißt das auch, dass ich dich nicht begrüßen konnte. Das tut mir leid. Ich habe es wirklich versucht, glaub mir. Aber ich bin schwach.

Es tut mir leid. Ich weiß, ich hätte dir das schreiben sollen, aber ich wollte dich nicht beunruhigen. Ich dachte, ich schaffe es. Aber ich bin mir nicht mehr sicher.

Alex, wenn du das liest, dann glaub mir bitte, dass ich mir nichts sehnlicher als deine Anwesenheit gewünscht habe. Ich vermisse dich.

Aber Alex, bitte gib nicht auf. Ich weiß nicht, wann und ob du das lesen wirst, aber wenn, dann gib bitte nicht auf. Mach weiter. Verfolge unseren Traum. Verfolge deinen Traum. Du darfst nicht wegen mir aufgeben. Das würde ich mir niemals verzeihen können.

Denn ich liebe dich, Alex. Und ich vermisse dich.

Ich weiß nicht, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube und ich weiß, du tust es nicht, aber ich hoffe, wir werden uns eines Tages einmal wiedersehen.

Ich liebe dich, Alexander von Humboldt.“

Alex konnte nicht mehr. Sein Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Er las die Worte immer und immer wieder, bis sie vor seinen Augen verschwammen.

Irgendwann rollte er sich auf dem Sofa zusammen, die Decke über sich gezogen, in einer Hand den Brief, in der anderen Aimés T-Shirt. Er war hier, in dem Haus, in dem Aimé die letzten vier Monate gewohnt hatte und auf ihn gewartet hatte. Aber Aimé war nicht mehr hier.

Aimé. Tot. Muerto.

Er hatte auf ihn gewartet. Alex hätte einfach nur früher kommen müssen.

Notes:

Es gibt zu wenig Fanfiktions zu Alex und Aimé und ich plane, das zu ändern. Das hier war der Anfang. (kein besonders fröhlicher zugegeben, aber immerhin ein Anfang) Ich habe weiteres mit den beiden geplant und wenn ihr auf dem Laufenden gehalten werden wollt, dann folgt mir gerne auf tumblr! (@legerescriptor)

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