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Noch einmal mit Gefühl

Summary:

Das ist das Ding. Wenn Leo trinkt, dann macht es ihn melancholisch und nachdenklich, anstatt einfach nur sturzbesoffen, und es nervt gewaltig. Ihm wäre es viel lieber, er wäre einer dieser Leute, die am nächsten Morgen mit Filmriss aufwachen und dann ungerührt ihrer Wege gehen. Stattdessen sitzt er hier, nimmt einen weiteren Schluck, und denkt an all die Was wäre, wenn, die sich da über die Jahre in seinem Kopf angehäuft haben.

Ich hab' dich vermisst, hat Adam ihm gesagt.

Ich hab' mich nach dir gesehnt, hat Leo zurück gedacht.

Notes:

Ich hab' mir DfL noch mal reingezogen und wie jedes Mal gehofft, es endet dieses Mal damit, dass Leo Adam einfach mit zu sich nach Hause nimmt, anstatt ihn beim Bunker abzuladen, but no dice.

TW: Leo ist ein ganz bisschen beschwippst, aber jederzeit in der Lage, vollen Consent zu zeigen. Consent ist sexy!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Das einzige, was noch lauter die Nachtluft durchschneidet als die grölenden Passanten hinter ihm auf der Promenade, ist der Reggae, der von der hell erleuchteten Maria-Helena herüberschallt. Leo ist eigentlich niemand, der gerne alleine trinkt, wenn er denn überhaupt mal zum Glas greift, aber die stickige Luft und die Lautstärke im Inneren des Partyboots haben ihn schlussendlich dann doch noch ins Freie gejagt. Ihn und sein halb volles Glas Whisky.

Lautes Gelächter schallt zu ihm herüber, vermischt sich mit Danny Livingstones weicher Stimme und dem lässigen Klang von Posaunen, während vor ihm die Saar weiter unbeirrt vorbei fließt, ungerührt vom Partyvolk an ihren Ufern. Leo sitzt etwas abseits vom Trubel auf dem Gras der Uferböschung, ins Halbdunkel der fahlen Laternen getaucht und beobachtet gedankenverloren, wie sich die bunten Lichter auf der Wasseroberfläche spiegeln. Das Glas mit dem Whisky musste er umständlich am Türsteher vorbei schmuggeln, aber das ist es ihm wert gewesen. Er braucht ein paar Minuten für sich, nach allem, was die letzten Tage vorgefallen ist. Lida Tellmanns Blick, als sie den Mord an Erik Hofer gestanden hat, spukt ihm immer noch im Kopf herum und zum ersten Mal seit langem verspürt er keine Genugtuung nach dem erfolgreichen Abschluss eines Falls und das, obwohl er nach der verkorksten Sache mit dem Jaschke eigentlich so dringend mal wieder ein kleines Pick-Me-Up vertragen könnte. Keine Ahnung, ob Adams unverhoffte Rückkehr jetzt stattdessen dafür herhalten muss.

Adam.

Leo kann immer noch nicht richtig fassen, dass er echt wieder da ist. Vielleicht sitzt er deshalb jetzt hier draußen, allein mit seinem Whisky, während der Rest seines Teams gerade im Inneren der Maria-Helena den Einstand ihres neuen Kollegen feiert. Vielleicht sollte es genug sein, sich wenigstens darüber zu freuen. Darüber, dass Esther und Pia offenbar endlich das Kriegsbeil begraben haben, das seit dem Weggang von Leos altem Partner die Stimmung im Team bei jeder Gelegenheit kurz und klein gehackt hat. Vielleicht muss Leo also einfach wieder lernen, für die kleinen Wunder dankbar zu sein. Ein halbwegs funktionales Team und ein Adam, der, entgegen Leos schlimmster Befürchtungen, doch noch nicht dem Kriegsbeil unter der Erde Gesellschaft leistet.

Ein müdes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Scheiße nochmal, aber er hat das echt schon lange nicht mehr gespürt. Dieses kleine Flattern in seiner Brust, das nur Adam in ihm auslösen kann und das sich die letzten Jahre kein bisschen mehr gerührt hat, betäubt und eingeschläfert, ein fast vergessener Begleiter in seiner Brust. Jetzt regt es sich wieder, wie die letzten Tage schon, bereit für irgendwas, einen Neuanfang vielleicht oder wenigstens die Hoffnung darauf, keine Ahnung. Es ist am Leben jedenfalls und atmet, füllt seine Lungen mit Sauerstoff und kribbelt und prickelt in den Gliedern. Leo hat sich lange nicht mehr so lebendig gefühlt.

Die letzten 15 Jahre waren nicht immer nur schlecht, das kann er zugeben. Er hatte Zeit über sich nachzudenken, über das, was Adam in ihm ausgelöst hat, was er losgetreten hat. Hat es genommen und für sich ein Ich geformt, eins, das damit im Reinen ist, dass er neben schönen Frauen eben auch gerne schöne Männer küsst. Eins, das gelernt hat, seine Ängste und seine Schuldgefühle so gut es geht zu akzeptieren und daraus das Beste zu machen, seine regelmäßigen Besuche an Roland Schürks Bettkante sind Beweis genug dafür. Wenn er trotzdem aber ab und an noch schweißgebadet aus dem Schlaf aufschreckt, dann ist das zwar nicht ideal, aber es ist wohl menschlich.

Vielleicht ist er aber einsam, manchmal.

Leo nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Der Alkohol brennt in seiner Kehle, wandert heiß bis in die Fingerspitzen. Er ist nicht mal halb so betrunken, wie ein guter Teil der Gäste auf der Maria-Helena, aber ihm ist warm und vielleicht auch ein bisschen schummrig hinter den Augen, macht ihn anfällig für die Nostalgie. Das ist das Ding. Wenn Leo trinkt, dann macht es ihn melancholisch und nachdenklich, anstatt einfach nur sturzbesoffen, und es nervt gewaltig. Ihm wäre es viel lieber, er wäre einer dieser Leute, die am nächsten Morgen mit Filmriss aufwachen und dann ungerührt ihrer Wege gehen. Stattdessen sitzt er hier, nimmt einen weiteren Schluck, und denkt an all die Was wäre, wenn, die sich da über die Jahre in seinem Kopf angehäuft haben.

Ich hab' dich vermisst, hat Adam ihm gesagt.

Ich hab' mich nach dir gesehnt, hat Leo zurück gedacht.

Das mit Adam ist...kompliziert. Er hat sich so oft gefragt, wie sein Leben wohl bis hierher verlaufen wäre, wenn Adam nicht Hals über Kopf aus Saarbrücken geflohen wäre. Wenn er sich wenigstens ab und zu gemeldet hätte. Wenn Leo auf die Suche nach ihm gegangen wäre, wie er es so oft vorgehabt hat, nur um dann doch schon nach dem ersten Schritt aufzugeben. Was wäre, wenn und all das...

„Hier treibst du dich also rum“, ertönt es plötzlich hinter ihm, so als hätte Adam geahnt, über wen Leo sich hier allein im Halbdunkeln den Kopf zerbricht, nur um dann ungefragt aufzutauchen und ihn aus seinen komplizierten Gedanken zu reißen. Bevor er etwas darauf erwidern kann, lässt sich Adam schon umständlich neben ihm ins Gras fallen, in einer Hand sein leeres Glas und in der anderen die angebrochene Flasche Whisky, die Leo bei ihm in der Bar zurückgelassen hat. Keine Ahnung, wie er die am Türsteher vorbei geschmuggelt hat.

Das Flattern schaltet gleich einen Gang höher, als Leo ihn ansieht. Adams Wangen sind rosig im fahlen Licht, vielleicht von der Wärme in der Bar oder auch vom Alkohol. Die Haare hängen ihm ein bisschen in die Stirn, so viel länger als früher, aber immer noch derselbe blonde Farbton. Bartstoppeln dort, wo früher nur babyglatte Haut war. Die kleinen Fältchen um seine Augen und Mundwinkel sind auch neu. Leo würde sie gerne mit den Fingerkuppen nachzeichnen, die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen glätten.

Er sieht stattdessen weg, zurück zur Saar. Hört dabei zu, wie Adam neben ihm in seiner Jackentasche kramt, dann erklingt das leise Klicken des Feuerzeugs und kurz darauf ein tiefes Inhalieren. Rauchschwaden steigen auf und es riecht nach verbranntem Tabak. Auch das ist neu, denkt Leo, das mit dem Rauchen. Roland Schürk hätte seinem Sohn vermutlich jede Zigarette einzeln aus dem Leib geprügelt, wenn er das mitbekommen hätte. Vielleicht macht Adam es deshalb jetzt, weil es ihm frei steht, weil er es kann.

Leo seufzt leise und sieht zu ihm herüber.

„Ich brauchte mal ein bisschen frische Luft“, erwidert er schließlich doch noch, „Was ist deine Ausrede?“

„Ohne dich komm' ich mir da drin vor wie das fünfte Rad am Wagen, so hart wie die beiden am Flirten sind.“

„Wer? Esther und Pia?“, fragt Leo ungläubig und starrt Adam an, der nur spöttisch schnaubt und einen erneuten Zug von seiner Kippe nimmt.

„Sag' mir nicht, das ist dir echt entgangen, Hölzer. Ich glaub', die haben nicht mal gemerkt, dass ich abgehauen bin, so wie die sich gegenseitig angehimmelt haben. Die beiden sind schlimmer als zwei Schimpansen zur Paarungszeit.“

„Huh“, macht Leo nur.

Adam schaut daraufhin zu ihm auf und als sich ihre Blicke treffen, verformt sich das Grinsen in seinem Gesicht auf einmal zu einem verspielten Lächeln, der Ausdruck in seinen Augen warm.

Was wird das hier?, fragt er sich selbst.

Manchmal, da ist Leo sich nicht sicher gewesen...Ein schüchterner Seitenblick im Baumhaus, Adam warm und echt und an seine Seite gepresst. Der Blick, als der alte Schürk sie dort oben erwischt hat. Und dann 15 Jahre Ungewissheit, was wäre, wenn...

Er weiß, er wird nie etwas von Adam kriegen, dass er Leo nicht freiwillig geben will. Aber Adams Augen, jetzt und hier, sagen...

Leo war noch nie gut in der Liebe. Anfang 30 und kaum je eine richtige Beziehung, zumindest keine mit Tiefgang, keine, die für die Ewigkeit gemacht sein könnte. Immer der Gedanke im Hinterkopf, dass da etwas fehlt, jemand fehlt, und wie hätte er sich da je wirklich jemand anderem öffnen können?

Sie sind beide beschädigte Ware, Adam und er. Vielleicht kommen sie deshalb auch nie so richtig von einander los.

Leo sieht ihn an, Adams Gesicht halb in Schatten gehüllt. Schön ist er. Wirklich schön und hier bei ihm.

Er hebt sein Glas und leert es mit einem Zug.

„Hier“, sagt Adam, schnippst seine aufgerauchte Kippe davon und greift nach der Whiskyflasche im Gras, beugt sich zu ihm rüber und füllt Leos Glas auf. Er riecht nach Aftershave und kaltem Zigarettenrauch, und fast versteckt darunter, nach warmer Haut. Als er Anstalten macht sein eigenes Glas zu füllen, hält Leo ihn auf. Legt seine eigene Hand auf die von Adam, nimmt ihm die Flasche ab und füllt nun selbst nach und stellt den Whisky dann zurück ins Gras. Sie schauen sich an.

„Warum bist du zurückgekommen, Adam?“

„Ahh“, entgegnet der nur mit einem kleinen Lächeln und nimmt einen Schluck von dem Whisky, ohne von ihm wegzusehen, „Vielleicht war mir einfach nur danach, als ich das Tauschangebot deines Kollegen gesehen habe.“

„Und du machst ja eh immer nur genau das, wonach dir gerade ist, oder?“

„Ich versuche es zumindest.“

Und dann greift er seinerseits nach Leos Hand, umschließt sie um das Glas und hebt sie an, trinkt von Leos Whisky und hält den Blick. Leo kann nichts machen, außer ihn anzustarren. Wie sich sein Kehlkopf mit jedem Schluck hebt und senkt, seine Lippen da, wo Leos gerade noch waren, feucht und rot und gefährlich. Ein Ruck geht durch seinen Körper, spannt seine Schultern, ein Beutetier vor dem Jäger.

„Dein Glas ist noch so gut wie voll“, flüstert Leo in die Stille zwischen ihnen, für Adam vermutlich nur noch hörbar, weil sie sich eh schon so nah sind.

„Schmeckt aber eindeutig besser aus deinem.“

„Adam-“

„Warum bin ich zurückgekommen, Leo?“, fragt Adam dazwischen, fordernd und mit einer Dringlichkeit, die jede Flucht verbietet. Die Spannung in der Luft dem Zerreißen nah. Adams Augen stechend-scharf, nur auf ihn gerichtet, Leo unter ihnen fest gepinnt.

„Sag' es mir.“

Fuck. Fuck, fuck, fuck. Leo hat keine Lust mehr, ihre Zeit mit Zweifeln zu verschwenden.

Also zieht er lieber seine Hand unter Adams weg, stellt das Glas hastig zur Seite und greift mit der anderen in Adams Nacken, zieht ihn noch näher zu sich heran, bis sich ihre Lippen endlich treffen.

„Weil du mich vermisst hast“, haucht er in Adams Mund und dann, ja dann, gibt es für sie beide kein Halten mehr.

Leo küsst ihn, hart und tief, leckt seinen Whisky aus Adams Mund, während der ihn noch näher zu sich heran zieht, den Arm um ihn legt und dabei das halbvolle Glas in seiner Hand einfach weg wirft, irgendwohin ins Gras, ungesehen und egal, vergessen.

Adam schmeckt nach Zigaretten und Alkohol, aber Leo ist auch das egal, kann nicht genug davon bekommen, Adams warmer Mund und seine verspielte Art ihn zu küssen, ihm neckisch in die Unterlippe zu beißen, nur um kurz danach sanft darüber zu lecken, das raue Gefühl von Bartstoppeln auf Leos empfindlicher Haut. All die verlorene Zeit zwischen ihnen, Jahr um Jahr, verschwendet an zu viele Sorgen und die Einsamkeit. Er vergräbt die Finger in Adams Haaren, krallt sich fest, nistet sich ein und versucht sich zu besinnen nicht zu fest daran zu ziehen, aber dann stöhnt Adam leise auf und Leo verliert endgültig jede Zurückhaltung.

Adams Hände in seinem Rücken schieben sich unter seine Jacke, unter sein Shirt, hinauf, hinauf, bis zwischen die Schulterblätter, wieder hinab, Leos Seiten entlang, zwei Daumen, die sich in seinen Hüftknochen verankern, kurz verweilen und zupacken, dann zurück in den unteren Rücken und die Fingerspitzen schon unter dem Hosenbund. Leo keucht auf, keucht gegen Adams Mund und dann löst der sich von ihm, schiebt sein Gesicht in Leos Halsbeuge und küsst ihn dort, heiß und feucht, beißt zu, hebt eine Hand, krallt sie in den Stoff und schiebt ungeduldig die Jacke und das Shirt zur Seite, so gut es geht, und beißt erneut zu, irgendwo zwischen Schulter und Schlüsselbein, Leos Atem nur noch ein unregelmäßiges Desaster.

„Fuck“, flucht Adam gegen seine Haut und alles dreht sich, Leos Sinne im Limbo, und dann liegt er plötzlich rücklings im Gras, Adam über ihn gebeugt und so unfassbar schön. Die Haare wirr in der Stirn, die Wangen rot, sein Atem schwer und heiß auf Leos geschwollenen Lippen.

Ein anerkennendes Pfeifen durchreißt den Moment, lässt sie beide spürbar aufschrecken und dann folgt ein Schwall dumm blödes Gegröle über ihnen auf der Promenade, von dem Publikum, das sie gar nicht bemerkt haben.

„Yeah, baby!“

„Sucht euch nen Zimmer, Jungs!“

„Ficken, Ficken, Ficken!“

„Halt's Maul, ihr Lackaffen!“, brüllt Adam über ihm genervt zurück, hebt den Stinkefinger zum Gruß und dann wildes Gelächter, bevor der ganze Trupp unter lautem Getöse und Gepfeife endlich von Dannen zieht.

Leos Wangen sind ganz heiß und diesmal nicht nur vom Alkohol oder ihrer kleinen Makeout-Session, aber er kann trotzdem nicht anders, als plötzlich selbst loszulachen. Adam, immer noch über ihn gebeugt, schaut ihn einen Moment verdutzt an, grinst und kommt dann wieder näher, stupst ihn an mit der Nasenspitze und küsst ihm das Lachen aus dem Mund, sanft und ohne jede Dringlichkeit, bevor er wieder von ihm ablässt und lächelt.

„Du bist so besoffen, Hölzer.“

„Ach leck mich, Schürk“, gluckst Leo zurück und legt die Arme um ihn, zieht ihn näher zu sich heran, bis Adam so gut wie auf ihm drauf liegt, sein Gewicht schwer aber willkommen, beruhigend.

„Lässt sich einrichten“, murmelt Adam in seine Halsbeuge und tut dann genau das.

Der Schauer, der daraufhin durch Leos Körper jagt, ist gemeingefährlich.

„Vielleicht aber lieber nicht hier?“, fragt er atemlos zurück und spielt derweil mit den feinen Härchen in Adams Nacken.

„Lädst du mich etwa ein die Nacht zu bleiben, Leo?“, fragt Adam leise, hebt den Kopf aus seiner Halsbeuge und schaut ihn an, immer noch viel zu nah und trotzdem nicht nah genug.

„Ist so was wie meine gute Tat des Tages“, gibt Leo schmunzelnd zurück und streichelt ihm zärtlich über die Wange, „Schließlich bist du ja noch immer obdachlos.“

„Wie gütig von dir.“

Leo lächelt. Da ist noch genug Zeit, um die verlorenen Jahre zwischen ihnen wieder aufzuholen. Heute Nacht ist nur der Anfang.

„So bin ich. Und jetzt bring' mich ins Bett.“

„Mit Vergnügen.“

Notes:

"Rudy, a Message to You" von Danny Livingstone ist der Song, der in DHdW spielt, als Adam sich mit dem Team zum Kickern auf der Maria-Helena trifft.

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