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Mein Herz ein Kompass

Summary:

„Caro, ich habe echt keine Zeit für Dates. Der Job-“

„Der Job hier, der Job da“, unterbricht ihn seine Schwester und schaut ihn dann so durchdringend an, dass Leo das unbändige Verlangen verspürt, sich irgendwo ganz tief einzugraben und für die nächsten zehn Jahre nicht mehr aufzutauchen, „Es gibt auch noch was anderes im Leben als nur die Arbeit.“

So langsam wird Leo das hier echt zu blöd.

„Nur weil du verlobt bist, heißt das noch lange nicht, dass du-“

„Leo, Mensch, es geht hier doch jetzt gar nicht um mich.“

„Ach ja?“

„Ich will einfach nicht, dass du dein Leben für jemanden wegschmeißt, der es dir mit immer noch mehr Problemen dankt.“

oder: Leo hat ein Date, Adam versucht sich damit abzufinden, ein Cold Case wird neu aufgerollt und eine alte Rechnung endlich beglichen.

Notes:

Wie viele super offensichtliche Anspielungen auf den Dialog in DKdE kann man in einer einzigen Fanfic verbraten? Ich: Ja.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

~

Da ist das Geld, da ist das scheiß Geld und Leo kann sich nicht länger einreden, dass er es nicht die ganze Zeit gewusst hat. Von wegen Bauch, Beine, Po.

Leo schmeißt die Tasche vor sich hin auf den staubigen Boden der Industriebrache, sieht auf in Adams blutverschmiertes Gesicht und fragt sich, ob für sie je der Zeitpunkt kommen wird, an dem nicht alles unter ihren Füßen zusammenbricht.

~

Caro hat für sie beide gekocht, Rinderfilet mit sautierten Pilzen, dazu einen herben Côtes du Rhône, und Leo weiß, dass sie etwas auf dem Herzen haben muss, wenn sie so auffährt. Vermutlich etwas, von dem sie glaubt, dass es ihm nicht schmecken wird, dem Preisschild des Rotweins nach zu urteilen.

Leo nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Glas und schaut seiner Schwester dabei zu, wie sie stirnrunzelnd die Pilze auf ihrem Teller hin und her schiebt, bevor sie schließlich aufgibt und das Besteck zur Seite legt und zu ihm aufsieht. Leo geht schon mal mental in Deckung.

„Erinnerst du dich an meine Kollegin Christine? Die ist jetzt frisch geschieden.“

Ah, daher weht der Wind also. Leo nimmt erneut einen tiefen Schluck, um nicht gleich antworten zu müssen.

„Die mit der Knopfnase?“

Caros zaghaft hoffnungsvolles Gesicht verdunkelt sich im Sekundentakt.

„Sie hat eine völlig normal geformte Nase, Leo, also echt jetzt.“

„Ich hab' ja nicht gesagt, dass sie nicht normal ist, nur eben knopfartig.“

Caro rollt als Antwort nur mit den Augen und greift jetzt auch nach ihrem Weinglas, um nun ihrerseits einen herzhaften Schluck zu nehmen. Über den Rand des Glases hinweg mustert sie Leo nachdenklich.

„Ich glaub' einfach es würde dir vielleicht guttun mal wieder jemanden zu daten. Deine letzte Verabredung ist doch schon ewig her.“

„Hast du deinen Verlobten deshalb heute rausgeschmissen? Um mich in Ruhe zu bearbeiten?“

Caro seufzt und stellt ihr Glas so schwungvoll vor sich ab, dass ein bisschen was von dem Wein überschwappt und einen unansehnlichen Rotweinfleck auf der Tischdecke hinterlässt.

„Ich verstehe echt nicht, warum du gleich so auf die Barrikaden gehst.“

„Caro, ich habe echt keine Zeit für Dates. Der Job-“

„Der Job hier, der Job da“, unterbricht ihn seine Schwester und schaut ihn dann so durchdringend an, dass Leo das unbändige Verlangen verspürt, sich irgendwo ganz tief einzugraben und für die nächsten zehn Jahre nicht mehr aufzutauchen, „Es gibt auch noch was anderes im Leben als nur die Arbeit.“

So langsam wird Leo das hier echt zu blöd.

„Nur weil du verlobt bist, heißt das noch lange nicht, dass du-“

„Leo, Mensch, es geht hier doch jetzt gar nicht um mich.“

„Ach ja?“

„Ich will einfach nicht, dass du dein Leben für jemanden wegschmeißt, der es dir mit immer noch mehr Problemen dankt.“

Leo erstarrt. Caros Augen sind so unermesslich traurig, aber da liegt auch etwas hartes in ihnen. Der Blick, den sie immer aufsetzt, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat und sich weigert davon abzulassen. Leo kennt diesen Blick nur zu gut, kennt ihn von seinem eigenen Spiegelbild, wenn er mal wieder für Adam Kopf und Kragen riskiert. Adam. Er hätte es Caro nicht erzählen dürfen, das mit dem Geld. Das mit dem Spaten. Leo hat es nie laut ausgesprochen, was er für Adam fühlt. Nicht gegenüber Caro und auch nicht gegenüber sich selbst. Er hätte wissen müssen, dass seine Schwester es trotzdem versteht.

„Ich will einfach, dass du glücklich bist, Leo“, setzt Caro erneut an und greift dann nach einigem Zögern über den Tisch nach seiner Hand, „Du verdienst es mehr als jeder andere, den ich kenne. Und das mit dir und Adam, das-, naja-, das scheint immer nur im Elend zu enden.“

Leo betrachtet stumm Caros Hand auf seiner, spürt ihre Wärme und versucht sich dabei nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihre Worte ihn treffen, da, wo es so richtig weh tut.

„Ich weiß, dass Adam dir alles bedeutet, Leo. Aber das heißt doch nicht, dass du auch alles für ihn aufgeben musst.“

Das Geld in der Sporttasche, halbherzig versteckt unter Adams Sportklamotten. Adams störrische Miene dazu und kein Funken Reue darin zu erkennen. Ein Lügengespinst, dass sie wieder nur haarscharf über dem Abgrund hält, nur notdürftig vor dem Absturz bewahrt. Was hatte Pia noch mal zu ihm gesagt?

„Wenn ihr ein Paar wärt, dann würde man sagen ihr habt ne' toxische Beziehung.“

Toxisch. Ungesund. Gefährlich. So langsam weiß Leo selbst nicht mehr, warum sich sein ganzes Leben und alles was er ist noch immer und immer nur um Adam dreht, warum er hartnäckig und unablässig seine Kreise zieht wie die Erde um die Sonne. Pass auf dich auf, Leo, hat Pia gesagt. Vielleicht ist es doch allmählich an der Zeit, dass er sich selbst aus Adams Umlaufbahn schießt.

„Erzähl' mir ein bisschen was über Christine.“

Caros Lächeln ist wie ein Sonnenaufgang. Er fühlt, wie sie sanft seine Hand drückt, bevor sie sich zurückzieht auf ihre Seite des Tisches und wieder nach ihrem Weinglas greift.

„Ihre Brownies sind wie ein Geschenk des Himmels...“

Leo lächelt schwach und lässt Caro erzählen. Nippt an seinem Glas und versucht sich nicht zu fühlen, als wenn er hier etwas Elementares von sich aufgibt.

~

Zwei Wochen nach Alina Barthels Festnahme herrscht gähnende Langeweile im Präsidium, so als hätten die Saarbrücker Kapitalverbrechen im Kollektiv beschlossen eine Pause einzulegen. Adam hängt über den staubigen Akten eines Cold Case im Archiv, aber die Worte auf dem alten Papier wollen sich einfach nicht zu ganzen Sätzen formen. Das Licht der Lupenleuchte brennt ihm in den Augen und der feine Staub auf den vergilbten Seiten löst einen penetranten Juckreiz in seiner Nase aus, lässt ihn alle paar Minuten niesen. Die Schramme an seiner Stirn ist mittlerweile so gut wie verheilt, aber juckt trotzdem noch wie der Teufel. Genervt klappt er mit einem dumpfen Knall die Akte zu, sodass der Staub aufwirbelt und im Schein der Lampe flimmert. Dann lehnt er sich in dem unbequemen Plastikstuhl zurück und schließt die Augen.

Nach einer Weile hört er die Tür aufgehen und als er aufschaut, steht Pia vor ihm und grinst ihn amüsiert an.

„Bist du in Wirklichkeit deshalb hier unten? Für ein Powernap?“

Adam grinst und legt schwungvoll die Füße übereinander verschränkt auf die Tischplatte, schiebt den Stapel alter Akten darauf mit den Sohlen seiner Sneaker zur Seite bis dieser bedrohlich wackelt und droht hinten über zu fallen. Pia macht daraufhin einen Satz nach vorne und schafft es geradeso das alte Papier vor dem Absturz zu bewahren. Mit einem entrüsteten Schnaufen hebt sie die Akten vom Tisch und ordnet ihn dann in einem fein säuberlichen Stapel auf einem freien Plastikstuhl, bevor sie zu Adam aufschaut und vorwurfsvoll mit den Augen rollt.

Adam grinst und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Du müsstest mich doch mittlerweile besser kennen, Heinrich. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“

„Vielleicht wird da schneller was draus als dir lieb ist, wenn die Archivarin dich erwischt“, Pia deutet auf Adams Füße, die es sich immer noch auf dem Tisch bequem gemacht haben, „Frau Kanton hat echt Haare auf den Zähnen, wenn es um ihre Schätze geht.“

„Kann ich dir mit irgendwas helfen, Pia?“, fragt Adam nur als Antwort, lässt aber dabei die Füße wie beiläufig wieder zu Boden sinken, was Pia nur mit einem amüsierten Grinsen quittiert.

„Ich wollte nur sichergehen, dass du noch lebst. Hast dich ja seit Stunden nicht mehr oben blicken lassen.“

„Aus gutem Grund, Heinrich. In dem Terrarium, das Saarbrücken ein Polizeipräsidium nennt, sind gefühlte 100 Grad. Da staub' ich lieber hier unten ein, hier gibt’s wenigstens ne Klimaanlage.“

Was nicht mal gelogen ist. Dank einer seit zwei Tagen andauernden Hitzewelle hat sich ihr lichtdurchflutetes Büro zu einer Sauna entwickelt, die jedes konzentrierte Arbeiten unmöglich macht. Adam schwört, dass ihm da oben noch das Gehirn übergekocht wäre, wenn er sich nicht nach der Mittagspause hier runter in den Keller verzogen hätte. Hier bei den alten staubigen Akten bei wohltemperierten 18 Grad. Und außerdem muss er Pia ja nicht unbedingt auf die Nase binden, dass ihm die Stimmung da oben noch eine Migräne verpasst, wenn das so weitergeht. Die höflich distanzierte Stimmung zwischen ihm und Leo, wenn man es genau nehmen möchte. Seit zwei Wochen geht das schon so. Seit sie den Fall mit den Hools aufgeklärt haben und Adam zum Dank ein paar lila-blaue Blutergüsse davongetragen hat. Seit Leo ihn über das Geld hinweg angesehen hat mit diesem enttäuschten Blick, der kurz darauf in blanke Resignation umschlug. Seitdem ist es, als hätte Leo eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen errichtet, die alles abblockt außer höfliche Floskeln und oberflächlichen Smalltalk. Über das Geld haben sie seitdem nicht mehr gesprochen. Nicht darüber oder sonst etwas anderes, was nicht ausschließlich mit der Arbeit zu tun hat. Und als Pia sie wenig später im Präsidium abgefangen hat, um nach Updates zu Adams Besuch bei Manuela Baron in der Heimatschenke zu fragen, da hat Leo nur abgeblockt und versichert, die Spur sei kalt. Und Adam hat sich hartnäckig ausgeschwiegen, so wie nur er es kann, bis Pia schließlich mit einem irritierten Seufzen aufgegeben hat. Die Migräne klopft schon dumpf gegen seine Schläfen, wenn er nur daran denkt. Daher zieht er es lieber vor unter dem Vorwand, dem drohenden Hitzetod zu entkommen, sich hier unten einzunisten für die nächste Zeit. Zumindest so lange, bis auch das Saarbrücker Kapitalverbrechen wieder aus dem feuchtwarmen Dornröschenschlaf erwacht.

„Kann ich dich trotzdem dazu bringen wieder aus deinem Bunker hier hervorzukriechen, um mit mir ein Bier trinken zu gehen? Esther sagt, sie hat keine Zeit.“ Pias Mundwinkel verziehen sich für einen kurzen Augenblick zu einem gequälten Lächeln. Ah, scheint so, als wenn Baumann noch immer die beleidigte Leberwurst spielt wegen dem Geld. Adam kann es ihr nicht mal sonderlich verübeln. An ihrer Stelle würde Adam auch einen riesengroßen Bogen um seinen eigenen Bullshit machen. „Du kannst mir die ganzen schmierigen Typen vom Hals halten, die nicht kapieren was 'Nein' bedeutet. Dein Miesepetergesicht hält selbst die super verzweifelten Böcke ab.“

Pia legt ihre Handflächen gegeneinander wie zum Gebet und formt ihre Lippen zu einem stummen 'Bitte, Bitte', bevor sie lachend eine Schnute zieht.

„Was ist mit Leo? Ist der nicht sonst dein Anstandswauwau?“

Ein spitzbübisches Grinsen macht sich auf Pias Gesicht breit, bevor sie ihre Hände sinken lässt und in die Hüften stemmt.

„Der hat ein heißes Date“, antwortet Pia mit einem verschwörerischen Augenzwinkern, so als wenn sie ihn einweiht in eines der ganz großen Geheimnisse des Universums. Adam schafft es nur mit viel Mühe sich seine Überraschung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Seit wann geht Leo auf Dates?

„Seit wann geht Leo auf Dates?“, platzt es dennoch aus ihm heraus und Pias Grinsen wird noch eine Spur breiter, bis Adam nicht anders kann, als sich hilflos ertappt zu fühlen.

„Wusst ich's doch! Dir hat er also auch nichts erzählt. Interessant“, sinniert Pia vor sich her und dann auf einmal schärft sich ihr Blick, als sie ihn kalkulierend mit ihren blauen Augen fixiert. „Erzählt ihr euch nicht sonst immer alles? Wie kommt's, dass ausgerechnet du auch nichts davon wusstest?“

Adam kann sich schon genau denken warum, aber da kann Pia warten bis sie blau anläuft, bevor er irgendwas davon preis gibt. Lieber verbringt er die nächsten 48 Stunden in ihrem überhitzten Glasgefängnis von einem Büro in enger Umarmung mit der Stimmung. Pia und Esther wissen nicht, dass Adam das Geld aus dem Banküberfall die ganze Zeit in seiner Sporttasche mit sich herumgetragen hat. Sie wissen nicht, was in den Wochen nach Adams Haftentlassung zwischen Leo und Adam vorgefallen ist, oder besser gesagt, noch nicht vorgefallen ist. Ihre Umarmung auf dem Parkplatz der Lerchesflur hat da etwas umgepolt zwischen ihnen, etwas großes und bedeutsames und Adam ist sich sicher, dass sie es beide in diesem Moment gespürt haben, diese Kraft zwischen ihnen. Wie ein Magnet, Leo der Südpol zu seinem Nordpol. Gegensätze ziehen sich an. Irgendwann werden sie unweigerlich aufeinandertreffen und aneinander haften bleiben, hat Adam dort auf dem Parkplatz beunruhigt gedacht. Ein Naturgesetz, dass keine Ausnahmen kennt. Noch am selben Tag ist er mit Rolands Spaten losgezogen, welche Ironie, und hat einen Schatz gehoben, von dem Leo bis vor kurzem noch nichts wusste. Und jetzt geht Leo auf Dates, von denen Adam nichts weiß, mit Leuten, die nicht Adam sind. Wenn man Magneten nur weit genug von einander fernhält, sind auch sie machtlos.

„Gehen wir jetzt ein Bier trinken oder was?“, entgegnet Adam daher nur ausweichend und steht dann auf, um sich den Staub von der Jeans zu klopfen. Aus den Augenwinkeln kann er beobachten, wie Pia in Protest die Backen aufbläst, aber kurz darauf schon wieder seufzend ausatmet und sich offenbar geschlagen gibt. Zumindest für den Moment.

„Mir nach, Schürki. Der Abend ist noch jung.“

Und damit dreht sich Pia auf dem Absatz um und verschwindet zur Tür hinaus ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen. Adam stemmt die Hände in die Hüften und atmet erleichtert aus, bevor er sich in dem kleinen Kabuff umsieht, dass das Saarbrücker Polizeipräsidium einen Lesesaal schimpft. Frau Kanton würde nicht begeistert sein, wenn er die Akten hier einfach so rumliegen lässt, aber was soll's. Adam braucht jetzt echt dringend ein Bier. Er knipst die Lupenleuchte aus und folgt Pia zur Tür hinaus.

~

Das Restaurant ist trendy, aber bodenständig. Kleine Lampenschirme wie aus Omas Mottenkiste zieren die Tische und spenden ein warm gelbes Licht in dem ansonsten nur mäßig beleuchteten Raum. Die Wände aus rotem Backstein sind geschmückt mit alten schwarz-weiß Fotos vom Saarbrücker Schloss, dem Gloria-Palast, Menschenmengen, die sich um die Straßenbahn vor dem Haus der Gesundheit tummeln. Leos Augen schweifen immer wieder wie von allein zu dem Foto eines Pärchens, dass sich vor der Karosserie eines VW-Käfer posierend aneinander schmiegt, ihre Blicke miteinander verwoben und für die Ewigkeit auf Zelluloid gebannt.

Christine erzählt mit ausschweifenden Gesten von ihrer Kindergartengruppe und Leo betrachtet dabei stumm ihr Gesicht. Caro hatte schon recht, ihre Nase ist gar nicht knopfartig, eher stubsig. Ganz flach zwischen den grünen Augen endet sie in einer spitz zulaufenden Wölbung, die fast etwas puppenhaftes hat. Das honigblonde Haar reicht ihr bis knapp über die Schultern und wenn sie lacht, dann bilden sich charmante Fältchen um ihre Augen. Ihr dunkles Kleid ist eng, aber geschmackvoll und darunter zeichnet sich die sanfte Rundung ihrer Brust ab. Sie ist hübsch und vielleicht sogar sexy, eindeutig klug und aufgeweckt, aber Leo spürt nichts, wenn er sie ansieht und ist fast etwas traurig darüber. Vor einer Weile noch, da hätte er nichts dagegen gehabt sie wiederzusehen, sie vielleicht sogar gleich hier im Anschluss mit zu sich nach Hause zu nehmen, um ihr das Kleid vom Körper zu streifen und sie gegen die Tür zu pressen, ihre Schenkel um seine Hüfte geschlungen und sein Gesicht in ihrem lieblich duftenden Haar vergraben, während er in sie eindringt.

Leo nimmt einen Schluck Wein und versucht sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

„-und dann hat Damien mir lang und breit erklärt, was der neuste Tik Tok Trend ist, irgendeine furchtbar komplizierte Tanznummer, kannst du das glauben? Ein Vierjähriger weiß mehr über das Internet als ich.“

Christine greift nach der Weinflasche auf dem Tisch und schenkt sich nach. Ihre Dessertteller hat der Kellner schon vor einer Weile abgeräumt, sodass sie nur noch den Wein leeren müssen, bevor die Rechnung kommt. Leo hat sich vorgenommen sie heute einzuladen, als stille Geste der Entschuldigung sozusagen, dafür, dass er hier wirklich ein maximal passables Date abgibt. Er ist ehrlich erstaunt, dass sie überhaupt Dessert bestellt haben. Leo hat keine Ahnung, ob Christine wirklich nicht merkt wie einseitig ihre Unterhaltung den ganzen Abend schon verläuft oder ob sie einfach beschlossen hat aus Verzweiflung das Gespräch komplett an sich zu reißen und hier durch zu powern.

Als die Rechnung schließlich kommt und Leo dem Kellner seine Kreditkarte hinhält, schlägt ihm zu seiner Erleichterung von der anderen Seite des Tisches keinerlei Protest entgegen. Ein gekünsteltes Hin und Her um die Rechnung wäre echt die Krone der Peinlichkeit. Aus den Augenwinkeln kann er sehen, wie Christines Dauerlächeln verschwindet, sobald sie sich unbeobachtet fühlt. Mit einem tiefen Schluck leert sie ihr Weinglas und hinterlässt einen feucht-roten Film auf ihren Lippen, die daraufhin glänzen wie eine reife Frucht. Verzweifelt versucht Leo bei dem Anblick irgendwas zu empfinden, aber vergebens.

Ihr Abschied vor dem Restaurant ist höflich und kurz. Christine fragt ihn nicht, ob sie sich wiedersehen und Leo ist froh drüber.

~

[Caro, 22:17 Uhr] Und??

[Leo, 22:39 Uhr] Tut mir Leid, Caro...da hat einfach nichts gefunkt zwischen uns

[Caro, 22:45 Uhr] Ach Leo, das braucht dir doch nicht Leid tun

[Caro, 22:47 Uhr] Ich bin stolz auf dich, dass du es probiert hast

[Caro, 22:47 Uhr] Ich hab dich lieb, Leo, ich hoffe du weißt das

[Leo, 22:52 Uhr] Ich weiß, Caro

[Leo, 22:53 Uhr] Ich dich auch

[Caro, 22:55 Uhr] <3

~

Es ist immer noch viel zu heiß im Büro. Leo sitzt vor seinem PC und klickt sich lustlos durchs Intranet, während der Ventilator neben ihm dröhnend am Werk ist die warme Luft von Rechts nach Links im Raum zu verteilen. Der Schweißfilm in seinem Nacken treibt ihm jedes Mal ein Schauer durch den Körper, wenn die Zugluft des Ventilators im Vorbeifahren darauf trifft. Genervt dreht er sich weg aus der Schusslinie und sieht sich stattdessen im Büro um.

Esther sitzt an ihrem Schreibtisch und tippt irgendeinen Bericht, für den sie in den turbulenten letzten Wochen vermutlich keine Zeit gefunden hat. Die kurzen Ärmel ihrer Seidenbluse flattern im Wind ihres Ventilators und Leo beobachtet amüsiert, wie sie gedankenverloren ihre Ballerinas von den Füßen streift und die nackten Zehen im Teppich vergräbt.

Pia hängt mehr in ihrem Stuhl, als das sie sitzt, und kümmert sich um ihre vernachlässigte Ablage. Die Rückstände aus ihrem Locher haben sich schon wie Konfetti um ihren Sitzplatz ausgebreitet und sehen von weitem aus wie kleine Sterne auf dem dunklen Teppich.

Als wenn sie seinen Blick im Nacken spürt, schaut Pia plötzlich auf und dreht sich zum ihm um.

„Sag mal, Leo, wie war denn eigentlich dein Date gestern?“

Bei Pias Worten hebt auch Esther den Kopf und das rhythmische Geräusch ihres Tippens verstummt. Jetzt sind es beide Frauen, die ihn neugierig mustern und Leo stöhnt innerlich genervt auf. War wohl naiv von ihm zu glauben, dass er das mit seinem Date ohne Nachfragen unter den Tisch kehren kann. Pia und Esther haben ihn ja gestern schon endlos gelöchert mit ihren Fragen, nachdem er endlich zugegeben hat, dass er keine Zeit für ein Bier hat, weil er zu einem Abendessen erwartet wurde, das ausnahmsweise mal nicht seine Schwester auftischt.

Irgendwas muss in seinem Gesicht ohne sein Zutun passieren, denn Pia guckt plötzlich mitleidig und verzieht dann das Gesicht zu einer Grimasse.

„So mies, was?“

„Nicht mies, ganz und gar nicht, aber es hat einfach nicht gefunkt“, antwortet Leo und hat das seltsame Bedürfnis dabei Christine in Schutz zu nehmen, obwohl vermutlich weder Pia noch Esther sie jemals kennenlernen werden und es damit eigentlich egal wäre, was seine Kolleginnen von ihr halten. Aber es ist nicht Christine, die das Date versaut hat und Leo ist es ihr wohl schuldig das auch klarzustellen.

„Was meintest du nochmal, woher du sie kennst?“, fragt nun Esther und scheint ihren Bericht endgültig vergessen zu haben, „über deine Schwester?“

„Ja, genau“, antwortet Leo, „Christine ist Caros Kollegin aus der Kita.“

„Wird das dann jetzt nicht peinlich?“, hakt Pia nach und tippt sich dabei mit ihrem Kuli gegen die Lippen, „Wenn sie deine Schwester kennt und ihr euch vielleicht nochmal über den Weg lauft?“

Darüber hat Leo gestern Abend auch kurz nachgedacht, aber den Gedanken dann schnell wieder verworfen. Caro hat ja schließlich gewusst an wen sie Christine da vermittelt und vermutlich schon einkalkuliert, dass er eventuell noch gar nicht so weit ist für ein ernsthaftes Date. Eher unwahrscheinlich also, dass Caro und Christine sich nah genug stehen, dass Leo ihr bei der nächsten Grillparty unverhofft über den Weg läuft. Und selbst wenn, sie haben das Date ja wie zwei Erwachsene beendet und im stillen Einvernehmen beschlossen, dass das nichts wird zwischen ihnen. Hofft er, zumindest.

„Da mache ich mir eigentlich keine Sorgen“, antwortet er daher und belässt es dabei.

„Hm“, macht Pia nur nachdenklich und bläst sich dabei die Ponysträhnen aus dem Gesicht. Als er herüberschaut zu Esther, treffen sich ihre Blicke.

„Vielleicht passt es ja beim nächsten Mal“, sagt Esther und lächelt dann aufmunternd.

Nächstes Mal. Leo graut es ein bisschen bei dem Gedanken an ein nächstes Mal.

„Ja, vielleicht“, entgegnet er ausweichend, womit sich Esther offenbar zufrieden gibt, da eine Sekunde später wieder das Klackern ihrer Tastatur den Raum erfüllt.

Leo ist froh, dass Adam gerade nicht hier ist und sich stattdessen wieder irgendwo herumtreibt. Er hatte ihm von seinem Date nichts erzählt, auch wenn Leo sich schon denken kann, dass Adam längst Bescheid weiß. Immerhin ist er gestern mit Pia noch einen Trinken gegangen und hat ohne Zweifel bei ihr nachgehakt, warum Leo sie nicht begleitet. Bei dem Gedanken daran breitet sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengrube aus, das sich verrückter Weise anfühlt wie Schuld. Adam und er sind nie über die kleinen Momente hinweggekommen, nicht mal geküsst haben sie sich, auch wenn Leo den Verdacht hat, dass sie mehr als nur einmal in den letzten Monaten kurz davor waren. Und jetzt, nach der Sache mit dem Geld und Adams harschen Worten, da ist jede weitere Annäherung unermässlich weit in die Ferne gerückt. „Du weißt, ich würde mit dir bis ans Ende der Welt gehen.“ „Dann muss ich vielleicht alleine gehen, huh?“ Leo hat keinen Grund sich zu fühlen, als hätte er Adam betrogen, aber das Gefühl bleibt, hartnäckig festgewachsen irgendwo zwischen Galle und Leber.

„Wo steckt Adam eigentlich schon wieder?“, fragt er in die Runde.

„Immer noch im Archiv, vermute ich mal“, antwortet Pia und schiebt sich dann eine handvoll Goldbären in den Mund, deren Tüte sie irgendwo unter ihrem Papierberg hervor gefischt haben muss, „Als ich vorhin das letzte Mal da unten war, da hat er sogar ganz konzentriert ausgesehen und ziemlich genervt auf die Unterbrechung reagiert.“

Pia verzieht den Mund ein wenig beleidigt bei ihren Worten, bevor sie sich erneut die Tüte mit den Gummibären greift, um die dunkelroten Exemplare zuerst herauszupicken.

„Wer weiß, am Ende löst er den Cold Case noch, den er da seit Tagen durcharbeitet.“

Esther schnaubt nur als Antwort auf Pias Worte ohne sich von ihrem Bildschirm wegzudrehen, aber Leo kann nicht anders, als ein bisschen erleichtert zu sein. Wenigstens scheint Adam sich wirklich ins Archiv verzogen zu haben, um zu arbeiten, anstatt ihm nur aus dem Weg zu gehen. Da ist es wieder, das verrückte Gefühl. Warum kann denn nie mal etwas glatt laufen zwischen ihnen? Er weiß nicht einmal, was Adam mit dem Geld gemacht hat. Die Sporttasche ist jedenfalls seit der Festnahme von Alina Barthel nicht wieder aufgetaucht.

Als er sich gerade wieder seufzend dem Intranet zuwenden will, geht plötzlich die Glastür ihres Büros schwungvoll auf und dann steht Adam im Raum, die blauen Augen so intensiv wie eh und je und ein Berg Akten in den Armen und etwas, das aussieht wie in Plastiktütchen verpacktes Beweismaterial oben drauf.

Für einen kurzen Moment rührt sich keiner im Raum und dann löst sich Adam zuerst aus seiner Starre, knallt die Akten mit einem Ruck auf seinen Schreibtisch, sodass Pia leicht zusammenzuckt, und dreht sich dann mit in die Hüften gestemmten Händen zu ihnen um.

„Ich glaub, ich weiß, wie wir den Pisser doch noch dran kriegen.“

Adam deutet auf das Wirrwarr aus Altpapier und Beweismitteln auf dem Tisch und verschränkt dann demonstrativ die Arme vor der Brust und sieht sie erwartungsvoll an. Leo kann sehen, wie sich Schweißperlen an seinem Haaransatz bilden dank der Wärme im Büro.

„Hallo? Seit ihr noch geistig anwesend oder hat euch die verdammte Affenhitze hier drin schon alle Gehirnwindungen weggeschmolzen?“, fragt er schließlich ungeduldig in die Runde, nachdem niemand Anstalten macht seine dramatische Kundgebung zu kommentieren.

„Vielleicht verrätst du uns erst mal wovon du überhaupt redest?“, entgegnet Esther schließlich mit hochgezogener Augenbraue, „Du vergräbst dich doch schon seit Tagen da unten im Keller, woher sollen wir wissen, woran du die ganze Zeit arbeitest?“

„Ich will's dir verraten, Baumann“, antwortet Adam spöttisch und lehnt sich dann gegen den Aktenschrank hinter seinem Schreibtisch, bevor er nach den Beweismitteln auf seinem Tisch vor sich greift und ein Foto aus dem Aktenstapel zieht und dann für sie hoch hält. Das Foto ist eins dieser typischen Porträts im 13x10 Format, wie sie einmal jährlich in der Schule gemacht werden. Es zeigt ein lächelndes Mädchen, vielleicht sechzehn oder siebzehn, mit wilden braunen Locken und Aknenarben auf den Wangenknochen. Der Qualität der Aufnahme nach zu urteilen, ist es bestimmt schon dreißig Jahre alt.

„Darf ich vorstellen, Anna Riemann, sechzehn, Schülerin des Gymnasiums am Rotenbühl und seit dem 10. Mai 1993 spurlos verschwunden.“

Leo erinnert sich vage daran, wie der Fall auch Jahre später immer mal wieder durch die landesweite Presse gegangen ist, als er selbst noch Schüler war. Anna Riemann, die eines Abends nach dem Training nicht mehr nach Hause kam und seitdem verschwunden blieb. Der Fall hatte eine regelrechte Schlammschlacht in den Talkshows der Privatsender und der bunten Presse verursacht, vermutlich, weil er so schön skandalös dahergekommen ist. Eine sechzehnjährige Schülerin eines Sportgymnasiums, dass gut zehn Jahre später das Prädikat 'Eliteschule des Sports' vom Deutschen Olympischen Sportbund verliehen bekommen sollte. Eine sechzehnjährige Schülerin mit außerordentlichem Talent fürs Tennis, die mutmaßlich von ihrem Lehrer sexuell missbraucht wurde und dann, wenige Wochen nachdem sich das an der Schule herumgesprochen hat, spurlos verschwand. Ein Lehrer, der bis heute beteuert das Mädchen niemals angefasst zu haben und sich nicht erklären könne, wo Anna abgeblieben ist. Geradezu hollywoodreif. Falls Adam in dem Fall tatsächlich ein Durchbruch gelungen sein sollte, dann wäre das so was wie eine kleine Sensation.

„Annas Leiche hat man nie gefunden, aber dafür einige persönliche Gegenstände von ihr in der Nähe des Schwarzenbergturms, nur circa drei Kilometer vom Tennisclub entfernt. Darunter ihren Tennisschläger und ihre Trainingsjacke, auf der ein paar kurze, blonde Haare sichergestellt werden konnten.“

Adam greift erneut nach dem Stapel und zieht eines der Tütchen für Beweismittel hervor. Als er es hochhält, kann Leo darin ein paar filigrane Haare erkennen, die im flimmernden Tageslicht kaum zu erkennen sind von weitem.

„Schon damals ist man davon ausgegangen, dass die Haare vom Täter stammen könnten, aber die forensische DNA-Analyse steckte damals in Deutschland noch in den Kinderschuhen und wurde noch recht selten angewandt zur Aufklärung von Straftaten“, fährt Adam unermüdlich fort, während er das Foto und das Tütchen zurück auf seinen Stapel legt und sich dann mit verschränkten Armen wieder ihnen zuwendet.

„Der Englischlehrer, ein Timothy McCarthy -wohlgemerkt ein natürlicher Blondschopf- wurde erst Jahre später um Abgabe einer Speichelprobe gebeten, als man 2003 den Fall wieder aufrollte. Er hat sich natürlich geweigert. Eine richterliche Anordnung für die Speichelprobe konnte aber auch nicht erwirkt werden, weil die Beweise gegen ihn nicht ausreichten und seine damalige Ehefrau ihm netterweise für den Abend von Annas Verschwinden ein Alibi gegeben hat. Sein Verhältnis zu dem Mädchen war an der ganzen Schule ein offenes Geheimnis, aber niemand aus den Reihen der Lehrerschaft und der Schulleitung wollte offiziell gegen ihn aussagen aus Angst einen handfesten Skandal zu provozieren und dem Image der Schule weiter zu schaden. Seitdem ist man kein Stück weitergekommen in den Ermittlungen.“

Adam blickt sie alle der Reihe nach an, offensichtlich in Erwartung irgendeiner Reaktion. Leo schaut zu Pia und dann zu Esther, die beide nachdenklich drein schauen. Er lässt sich das Gesagte durch den Kopf gehen, kann aber beileibe nicht erkennen, wo genau Adam einen Durchbruch erzielt haben will.

„Das ist ja alles gut und schön, Adam, aber wie genau willst du diesen McCarthy nun überführen? Ich bezweifle mal, dass sich seine Meinung zum Thema Speichelprobe in den letzten zwanzig Jahren geändert hat“, spricht Pia schließlich Leos eigenen Gedanken aus. Adam aber grinst nur bei ihren Worten.

„Was ist, wenn ich dir sage, dass wir seine Speichelprobe gar nicht brauchen, Heinrich? Zumindest noch nicht.“

Pia runzelt daraufhin nur fragend die Stirn. Esther aber rollt mit den Augen und wirft Adam einen ungeduldigen Blick zu, bevor sie sich in die Diskussion einmischt.

„Jetzt spann' uns mal nicht unnötig auf die Folter, Schürk.“

„Die Antwort ist eine kleine aber feine Website namens myheritage.com. Da kann jeder Dödel seine DNA-Probe einsenden und die wird dann in einer riesengroßen Datenbank abgespeichert, ein wahrer Albtraum für jeden Datenschützer. Mithilfe der Proben zeigt dir die Website dann User aus aller Welt an, die entfernt mit dir verwandt sind. Die Website wird in Deutschland zwar nur wenig genutzt, aber McCarthy ist der Sohn einer Deutschen und eines US-amerikanischen Soldaten, Leutnant Timothy McCarthy Sr., der bis 1966 in Saarlouis stationiert war. Da war McCarthy Jr. gerade fünf Jahre alt. Der Vater hat sich dann bald darauf zurück ins Amiland verpisst, aber klein Timmy ist mit seiner Mutter in Deutschland geblieben und hat den Namen des Vaters behalten.“

„Und das hilft uns jetzt wie genau?“, hakt Pia nach und zieht die linke Braue skeptisch hoch.

„Ist doch glasklar, Pia. McCarthy Jr. ist vor einigen Jahren in die USA migriert, lebt da bei irgendwelchen Verwandten in Montana. Die Website ist in den Staaten außerordentlich beliebt. Die Chancen stehen mehr als gut, dass die amerikanische Verwandtschaft der McCarthys oder sogar McCarthy Jr. selbst da drin zu finden ist“, entgegnet Adam und steht jetzt von der Kante des Aktenschranks auf, nur um daraufhin im Büro hin und her zu tigern. Leo hat ihn vermutlich das letzte Mal so energetisch bei der Arbeit erlebt, als sie sich über ihre Ermittlungsansätze im Fall Hofer gestritten haben.

„Alles was wir machen müssen, ist die DNA der Haare auf Annas Trainingsjacke mit der Datenbank von myheritage zu vergleichen und ich wette mit dir um einen Kasten Bier, dass da mehr als ein McCarthy als Match aufploppt.“

„Moment mal, Adam“, mischt sich nun Leo selbst ein, woraufhin Adam endlich neben Pias Schreibtisch stehen bleibt und ihn erwartungsvoll anschaut, „Es ist in Deutschland nicht zulässig solche Websites als Beweismittel zuzulassen. Das knallt dir bei einer Gerichtsverhandlung jeder Richter um die Ohren.“

Aber selbst dieser Einwand scheint Adam nicht sonderlich zu beeindrucken.

„Mag schon sein, Leo, aber es ist trotzdem nicht verboten so eine Abfrage zu machen. Das Ergebnis an sich ist wertlos vor Gericht, aber kann uns trotzdem dabei helfen eine Speichelprobe von McCarthy zu erwirken. Vor allem dann, wenn wir vorher seine Ex-Frau damit konfrontieren, die ihm damals ein Alibi gegeben hat.“

„Ex-Frau?“, fragt Esther.

„Ja, Ex-Frau. Eine Doris Eckert. Hat sich ein paar Jahre nach Annas Verschwinden von ihrem lieben Ehemann getrennt und dann kurz nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen.“

„Und du meinst die Scheidung hat was mit dem Fall zu tun?“

„Wäre doch möglich, oder?“, fragt Adam in die Runde, „Hat es vielleicht nicht mehr ausgehalten mit einem Kinderficker und Mörder zuhause, der allein ihretwegen noch auf freiem Fuß ist.“

„Selbst wenn das stimmt, warum ist sie dann in den letzten dreißig Jahren nicht zur Polizei gegangen, um ihren Ex doch noch zu verpfeifen?“, hakt Esther skeptisch nach, „klingt für mich ziemlich spekulativ das alles.“

„Keine Ahnung, Baumann“, antwortet Adam ungeduldig, „Das gilt es doch jetzt herauszufinden. Wir lassen die Haare untersuchen auf DNA-Spuren und vergleichen diese dann mit der Datenbank von myheritage. Währenddessen knöpfen wir uns Doris Eckert vor und wer weiß, vielleicht ist sie ja dieses Mal bereit zu reden.“

„Für den Abgleich mit der Datenbank brauchen wir die Erlaubnis des Dienststellenleiters und der Staatsanwaltschaft“, gibt Leo zu bedenken, muss aber innerlich zugeben, dass Adams Plan nicht komplett aus der Luft gegriffen ist.

„Dann hab' ich hier gleich mal die erste Aufgabe für dich, lieber Teamleiter“, entgegnet Adam spöttisch und zieht daraufhin ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Gesäßtasche seiner Jeans und drückt es Leo schwungvoll in die Hand. Als Leo es auseinander faltet, kommt eins dieser Standardformulare zum Vorschein, die für die Beantragung von besonderen Ermittlungswegen benutzt wird. Hilfreicher Weise schon komplett ausgefüllt, fehlt nur noch die Unterschrift der Teamleitung und des Dienststellenleiters, sowie des zuständigen Staatsanwalts. Leo schaut von dem Formular auf und direkt in Adams grinsendes Gesicht. Der feine Schweißfilm hat sich mittlerweile von seinem Haaransatz auf die ganze Stirn ausgebreitet und ein paar seiner Haarsträhnen kleben ihm feucht an den Schläfen, knapp unter der fast verheilten Schramme auf seiner Stirn. Seine Wangen sind rot von der Wärme im Zimmer und der Kontrast lässt seine blauen Augen noch mehr aufleuchten als sonst. Ein aufgekratzter Adam in Action ist jeden Blick wert. Sexy, denkt Leo wie von selbst und beißt sich dann auf die Zunge. Dreht sich lieber schnell um zu seinem Schreibtisch, greift nach dem Kuli und unterschreibt das Formular. Als er wieder aufschaut, gibt ihm Pia hinter Adams Rücken ein Thumbs up und Esther nickt ihm wohlwollend zu. In Adams Augen dagegen brennt ein Feuer, dass Leo so bisher nur selten an ihm gesehen hat. Sein Mund verzieht sich zu einem gemeinen Grinsen, wie ein Hai der Blut gerochen hat und jetzt auf Jagd geht. Leo ist sich auf einmal ziemlich sicher, dass McCarthys Tage in Freiheit gezählt sind.

„Lasst uns einen verdammten Kindermörder einbuchten.“

~

Die Haarprobe ist schon im Labor, als sie sich am nächsten Tag auf den Weg machen zu ihrem Bruder, um ihn als Annas nächsten Verwandten über ihre neuen Ermittlungsansätze zu informieren. Der Vater ist bereits vor einigen Jahren verstorben, Leberzirrhose infolge jahrelangen exzessiven Trinkens. Die Mutter ist schon lange davor geflohen, weg aus Saarbrücken und irgendwohin ins Ausland. Timothy McCarthy Jr. hat an jenem 10. Mai 1993 mehr als nur ein Leben zerstört.

David Riemann wohnt immer noch im Stadtviertel Am Homburg in seinem Elternhaus, einer Stadtvilla unweit von eben jenem Tennisclub entfernt, in dem seine Schwester vor dreißig Jahren das letzte Mal gesehen wurde. Adam betrachtet die Fassade und fragt sich, wie Riemann das macht hier zu wohnen mit all den schlechten Erinnerungen um sich herum, die er hier unweigerlich gesammelt haben muss wie andere Pokémonkarten. Adam weiß, wie sich das anfühlt, jeden Abend, wenn die grauen Wände des Betonbunkers das letzte sind, was er sieht vor dem Einschlafen.

Leo neben ihm starrt ebenfalls nachdenklich auf die weißen Sprossenfenster mit den grünen Fensterläden, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben. Vielleicht denken sie gerade dasselbe, aber vielleicht auch nicht. Er und Leo funken schon seit Wochen nicht mehr auf der selben Frequenz. Adam weiß nicht mal, wie sein Date vorgestern gelaufen ist mit dieser Arbeitskollegin von Caro, Christine Irgendwas, wie Pia in der Bar zu berichten wusste. Ob Leo sie wiedersehen wird oder nicht. Ob er sie vielleicht sogar am selben Abend noch mit zu sich nach Hause genommen hat, jetzt, wo er nicht mehr auf Adams Schlafsofa haust. Adam ist es nicht gewöhnt, dass Leo Geheimnisse vor ihm hat. So langsam dämmert es ihm, wie Leo sich in den letzten fünfzehn Jahren gefühlt haben muss. Adams Verschwinden, sein unangekündigtes Wiederauftauchen, Rolands Auferstehung, Rolands Tod. Onkel Boris. Das Geld. Wer weiß, ob da je wieder ein klarer Sound zwischen ihnen erklingt oder für immer nur Rauschen.

Adam vertreibt den Gedanken daran und klingelt endlich, direkt unter dem Schild, dass in stolzem Messing proklamiert: Dr. med. David G. Riemann, Sportmediziner und Orthopäde.

Kurz darauf sitzen sie in David Riemanns Wohnzimmer und warten auf den Kaffee, den ihnen der Hausherr versprochen hat. Adam sieht sich um. Die Einrichtung ist minimalistisch, aber geschmackvoll. Weniger Kitsch und alte Platzdeckchen, als er erwartet hat. Stattdessen sitzen sie auf einem modernen Sofa im skandinavischen Stil und ein alter Holzschrank steht neben dem Panoramafenster, die Griffe und Scharniere aus Messing fein säuberlich aufgearbeitet. Das Holz der Dielen ist auf Hochglanz poliert, sodass man sich fast darin spiegelt. Eine komplizierte Lichtinstallation baumelt von der hohen Altbaudecke und hier und da hängt ein modernes Gemälde an der Wand, alles Originale und keine billigen Kunstdrucke. Adam hat keine Ahnung von Kunst, aber selbst er kann erkennen, dass man so etwas nicht auf dem Flohmarkt kauft, sondern eher im Anschluss an irgendeine aufgeblasene Vernissage in den Szenevierteln von London oder New York. Die Arztpraxis vom Riemann muss offenbar ordentlich Schotter abwerfen.

„Entschuldigen Sie bitte die Verzögerung. Ich fürchte, meine Espressomaschine ist schon im Feierabend.“

Riemann stellt lächelnd das Tablett vor ihnen auf dem Couchtisch ab, bevor er sich in einem der beiden Skandi-Sessel gegenüber dem Sofa fallen lässt und ihnen dann mit einer Geste verdeutlicht, dass sie sich bedienen sollen. Adam greift nach der Keramiktasse, irgendein japanisch inspiriertes Design, und Leo neben ihm tut es ihm eine Sekunde später gleich.

„Kein Problem, Herr Riemann“, antwortet Leo mit einem kleinen Lächeln und nimmt dann einen Schluck aus seiner Tasse, „Und vielen Dank für den Kaffee. Der schmeckt wirklich hervorragend.“

Riemanns Lächeln wird eine Spur wärmer bei Leos Worten. Adam mustert ihn über den Rand seiner Tasse hinweg. Riemann ist noch recht jung, nur wenige Jahre älter als er und Leo und gute zehn Jahre jünger als seine Schwester. Ungeplanter Nachzügler, schätzt Adam. Seine dunklen Haare werden langsam grau an den Schläfen, aber sind immer noch voll. Der klassische Short-Cut verleiht ihm etwas jugendliches, vor allem dann, wenn ihm einige der welligen Strähnen verspielt in die Stirn fallen. Seine Augen sind eine Mischung aus Grün und Braun oder auch Blau, undefinierbar im Licht der Nachmittagssonne. Seine Wangen und die Mundpartie sind glattrasiert, kaum Bartstoppeln zu erkennen. Wenn er lächelt, dann graben sich kleine Grübchen in seine Wangen. Eindeutig attraktiv, denkt Adam und wirft einen schnellen Blick auf Leo neben sich, der seinem Blick nach zu urteilen offenbar zur selben Erkenntnis gelangt ist.

Riemanns Augen ruhen immer noch auf Leo, der unentwegt zurück starrt. Hm.

„Herr Riemann“, mischt sich Adam schließlich ein und als Leo daraufhin blinzelt, löst sich endlich Riemanns Blick von ihm und wandert zu Adam herüber, „Wir sind hier, um sie über die neuesten Ermittlungsergebnisse zum Verschwinden ihrer Schwester zu informieren.“ Und nicht zum Flirten, denkt Adam insgeheim und nimmt einen letzten Schluck aus seiner Tasse, bevor er sie etwas zu schwungvoll zurück auf das Tablett stellt, sodass es überlaut klirrt in dem sonst stillen Zimmer.

„Wissen Sie, Sie können ruhig Mordfall sagen“, entgegnet Riemann mit einem etwas gequälten Lächeln, „Sie haben die Akten ja sicher gelesen. Wir alle wissen doch, was Anna zugestoßen ist. Oder besser, wer ihr zugestoßen ist.“

„Ändert nichts daran, dass dieser jemand noch frei herum läuft, anstatt im Knast zu verrotten“, antwortet Adam und Leos Seitenblick verrät ihm, dass sein Tonfall wohl eine Spur zu forsch geraten ist, „Das muss doch in Ihrem Interesse sein oder nicht?“

Riemann antwortet nicht sofort. Greift stattdessen zu seiner bisher unberührten Kaffeetasse, aber anstatt davon zu trinken, dreht er sie nur nachdenklich zwischen seinen Handflächen hin und her. Adam merkt, wie ihm bald der Geduldsfaden reißt. Leo muss es auch spüren, dem eindringlichen Blick nach zu urteilen, mit dem er Adam von der Seite traktiert. Adam tut so, als würde er es nicht bemerken.

„Also?“, platzt es unwirsch aus ihm heraus.

„Adam-“, geht Leo dazwischen, aber die beschwichtigende Geste Riemanns in seine Richtung lässt ihn automatisch verstummen.

„Schon gut, Kommissar Hölzer“, sagt Riemann zu Leo und stellt dann seine unberührte Kaffeetasse wieder vor sich ab, bevor er sich Adam zuwendet und ihm mit festem Blick direkt in die Augen sieht, „Ich verstehe schon, dass Ihnen das befremdlich erscheint, aber Sie müssen wissen, dass ich gerade mal Acht war, als meine Schwester ermordet wurde. Ich kann mich kaum noch an sie erinnern, ihre Stimme-“, Riemann stockt kurz und fährt dann fort, „Ich kann mich nicht an ihre Stimme erinnern oder daran, wie sie geredet hat. Anna ist wie ein Geist, mit dem ich aufgewachsen bin und ich habe die Jahre danach mit ansehen müssen, wie meine Eltern an ihrem Tod zugrunde gegangen sind.“

Riemann schluckt schwer, aber er weicht Adams Blick nicht aus, gibt sich nicht geschlagen.

„Ich habe gelernt mit der Tat zu leben, Kommissar Schürk, ja sogar damit, dass Annas Mörder noch frei herumspaziert. Und wollen Sie wissen, warum? Weil ich nicht enden will wie meine Eltern, irgendwo verschollen im Ausland oder immer nur sturzbetrunken mit einem Fuß im Grab.“

Schweigen legt sich über sie wie ein schwerer Schleier. Adam mahlt mit den Zähnen und starrt Riemann finster an, aber der gibt nicht nach. Im Schatten seiner Brauen sehen seine Augen mehr braun als grün-blau-grau aus. Adam würde sie ihm am liebsten aus dem Gesicht kratzen.

Er steht so ruckartig auf, dass das Geschirr auf dem Tablett anfängt zu klirren.

„Einen schönen Tag noch, Herr Riemann“, hört er sich noch sagen, bevor er zur Tür hinaus marschiert. Hört durch das laute Pfeifen in seinen Ohren den Kies in der Einfahrt nur dumpf unter seinen Schuhsohlen knirschen und dann, einen Augenblick später, sitzt er schon im Fahrersitz seines Dienstwagens und zieht die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu, sodass die ganze Karosserie vibriert. Er hat gerade mal Zeit für ein, zwei tiefe Atemzüge, dann wird die Beifahrertür aufgerissen und ein aufgebrachter Leo lässt sich in den Sitz neben ihm fallen.

„Kannst du mir mal verraten, was das eben sollte, Adam?“

Adam umklammert krampfhaft das Lenkrad bis seine Fingerknöchel weiß anlaufen.

„Typen wie der kotzen mich echt an, okay?“, presst er zwischen den Zähnen heraus. Leos Augen funkeln vor Wut.

„Was für Typen? Typen, die nicht so sind wie du? Die nicht alles in sich hinein fressen, um dann alles und jeden um sie herum mit in den Abgrund zu reißen?“

Da ist er wieder, Onkel Boris' Schatten, der sie seit Wochen in Dunkelheit hüllt.

„Ich dachte, gerade du müsstest jemanden wie Riemann doch verstehen. Seit fünfzehn Jahren machst du doch nichts anderes, als vor dem wegzulaufen, was dir dein Vater damals angetan hat.“

Rolands Schatten, noch viel größer und übermächtiger und einfach nicht tot zu kriegen. Komm' endlich über deinen Vaterkomplex hinweg, hat Esther vor ein paar Wochen zu ihm gesagt.

Etwas Ekelhaftes setzt sich in seiner Lunge fest, verätzt ihm die Luftröhre und platzt dann schließlich aus ihm heraus.

„Dann geh' doch wieder da rein, Leo, wenn du unbedingt willst. Flirte noch ein bisschen mehr und vielleicht springt das nächste Date für dich dabei raus.“

Leo zittert, Adam kann es deutlich sehen an seinen Händen, die sich krampfhaft in den Stoff seiner Jeanshose krallen. Der bittere Geschmack in seinem Mund schmeckt nach Schadenfreude, die sich ungefragt in ihm breit macht. Nur Adam weiß, wie man Leo wirklich trifft, dort wo es richtig schlimm wehtut. Hat da schon so oft in der Wunde herum gestochert und sie jetzt endgültig zum Bluten gebracht.

„Manchmal bist du echt unerträglich, Adam“, sagt Leo in die Stille. Adam antwortet nicht. Startet nur stumm den Wagen und tritt dann aufs Gas bis die Reifen quietschen.

~

Doris Eckert ist eine harte Frau, deren Los im Leben sich in jede Faser ihrer Haut gegraben zu haben scheint bis nur noch Furchen übrig geblieben sind. Ihre knorrigen Hände liegen auf der Handtasche in ihrem Schoß, irgendein konservatives italienisches Modell. Sie trägt einen Perlenring am rechten Ringfinger und die dazu passenden Ohrringe. Ihr kurz geschnittener Bob sieht je nach Lichteinfall mal Blond mal Silbergrau aus. Die Bitterkeit in ihren Augen ist selbst über den Videostream gut zu erkennen. Sie sitzt in einem der videoüberwachten Befragungsräume gegenüber von Esther und Pia, während Leo und Adam das Gespräch live von ihren PC-Bildschirmen aus im Büro verfolgen.

„Frau Eckert, ich vermute sie können sich schon denken, warum wir Sie heute hergebeten haben“, eröffnet Esther das Gespräch und Leo kann beobachten, wie Eckerts kalter Blick zu ihr schnellt.

„Lassen Sie mich raten, es geht mal wieder um die Tochter der Riemanns“, entgegnet Eckert genervt, „wie oft will mich die Polizei denn noch dazu befragen? Die Sache ist dreißig Jahre her!“

„Mord verjährt nicht, Frau Eckert“, antwortet Esther ungerührt, „Und die Polizei hat die Pflicht den Fall so oft neu aufzurollen wie sie es für nötig hält. Schildern Sie uns doch bitte die Ereignisse am Abend des 10. Mai 1993 aus ihrer Sicht.“

Eckert seufzt und streicht sich eine Haarsträhne hinters linke Ohr, aber antwortet nicht.

„Also?“, hakt Esther etwas unwirsch nach, „Umso schneller Sie uns sagen, was wir wissen wollen, desto schneller sind Sie uns wieder los, Frau Eckert.“

„Ich war bis circa 18 Uhr bei einer Freundin zu Besuch, Simone Kreutz. Sie hat damals noch in St. Johann gewohnt, ganz in der Nähe vom Friedhof. Ich bin von dort aus ungefähr zwanzig Minuten nachhause gelaufen, das Haus meines Ex-Mannes ist im Kohlweg.“

„Und dann?“

„Wie ich es schon mehrmals zu Protokoll gegeben habe, was sonst? Mein Ex-Mann war zu Hause, wir haben Entrecôte mit grünen Bohnen zum Abendessen gegessen und haben dann den Abend vor dem Fernseher verbracht. Erst die Tagesschau und dann ein Spielfilm im ZDF, 'Ein unvergessliches Wochenende' mit der Christiane Hörbiger. Der ging bis kurz vor 22 Uhr. Dann sind wir ins Bett und ja, ich bin mir sicher, dass mein Ex-Mann die ganze Nacht das Bett nicht verlassen hat.“

Bisher alles stimmig mit der Aktenlage, denkt Leo. Anna Riemann wurde um circa 18 Uhr das letzte Mal lebend gesehen, als sie sich vom Tennisclub aus auf den Weg nachhause gemacht hat. Zu wenig Zeit für McCarthy, um sie zu ermorden und verschwinden zu lassen und sich dann wieder aufs Sofa zu fläzen, bevor seine Frau heimgekommen ist. Zumindest, wenn man Eckerts Aussage für bare Münze nimmt.

„Gibt es noch andere Zeugen, die bestätigen können, dass Ihr Mann den ganzen Abend zuhause war?“, fragt Pia nun.

„Nein“, antwortet Eckert nur knapp.

Leo ruft sich den Inhalt der Ermittlungsakten ins Gedächtnis. McCarthy ist damals nur in den Fokus der Ermittlungen geraten, weil eine Freundin von Anna ausgesagt hatte, dass sie glaube, ihr Englischlehrer habe ein sexuelles Verhältnis mit Anna, nur um wenig später ihre Aussage überraschend zurückzuziehen. Beweisen konnte man diese These so oder so nicht, da die Lehrerschaft des Gymnasiums jeden Vorwurf in diese Richtung rigoros abgestritten hatte und auch sonst niemand bereit war zu Reden. Zu wenig Grundlage also, um McCarthy zur Abgabe einer Speichelprobe zu zwingen oder sein Alibi durch seine Ehefrau ernsthaft in Frage zu stellen. Niemand hat McCarthy zur Tatzeit in der Nähe des Tennisclubs gesehen und bis auf die wenigen Habseligkeiten Annas, die in der Nähe des Schwarzenbergturms gefunden wurden, bleibt das Mädchen bis heute spurlos verschwunden. Wäre die ganze Sache damals nicht so hochgekocht in den Medien, dann hätten die allermeisten sich vermutlich einfach mit der Erklärung zufrieden gegeben, dass Anna von Zuhause ausgerissen ist und niemand würde sich noch groß an den Vorwurf gegen McCarthy erinnern.

Leo betrachtet diese harte, kleine Frau dort auf seinem Bildschirm und weiß, dass Doris Eckert vermutlich bis heute mit den Vorwürfen gegen ihren Ex-Mann und auch sich selbst zu kämpfen hat. Wenn sie wirklich gelogen hat, um sich und ihren Ex-Mann vor einem Skandal zu bewahren, dann sind all ihre Mühen trotzdem im Sande verlaufen.

„Warum haben Sie sich eigentlich ein paar Jahre später von Ihrem Ex-Mann getrennt, Frau Eckert?“, schaltet sich nun Esther wieder ein und verschränkt die Arme vor der Brust.

Eckerts Blick schnellt zu ihr wie ein Gummiband und die Kälte darin ist wie ein Eissturm.

„Sie wissen ja gar nicht wie das ist“, sagt Doris Eckert nun und sieht dabei Esther und Pia eine nach der anderen herablassend an, „wenn sich die Medien wie Harpyien auf Sie stürzen und ihr ganzes Leben auseinander nehmen. Wochenlang haben die jeden Tag angerufen, geklingelt, ich konnte nicht mehr aus dem Haus gehen ohne überfallen zu werden. Manchmal melden sie sich heute immer noch, immer dann, wenn sich das Verschwinden des Mädchens wieder jährt. Und die Nachbarn erst, unsere ganzen Freundschaften, alle haben sich von uns abgewendet, diese treulosen Hunde.“

Eckerts kalter Blick kann jetzt nur noch schwer den Schmerz überdecken, den Leo dahinter zu erkennen glaubt.

„Sie wissen nicht, wie es ist, mit dem bestgehassten Menschen in Saarbrücken verheiratet zu sein. Lügenschlampe haben sie mich genannt, Mitwisserin, Mörderin im Geiste.“

Eckerts grimmiger Mund verzieht sich zu einem spöttischen Lächeln.

„Also verraten Sie es mir doch, Frau Kommissarin. Warum wohl habe ich mich von meinem Mann getrennt?“

Die Stille im Verhörraum ist erdrückend und Leo kann erkennen, dass Pia sich nur schwer zusammenreißen kann nicht nervös auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Esther aber sitzt da wie in Stein gemeißelt und verzieht keine Miene, schaut ihre Zeugin nur kalkulierend an, bevor sie schließlich wortlos ein Blatt Papier aus der Aktenmappe zieht, die vor ihr auf dem Tisch liegt, und langsam zu Doris Eckert rüber schiebt.

„Was ist das?“, fragt Eckert und betrachtet die Striche und Balken auf dem Blatt vor sich.

„Ein genetischer Fingerabdruck“, antwortet Esther gelassen und lächelt ein bisschen, als Eckerts Blick hochschnellt und den ihrigen über den Tisch hinweg findet, „von dem mutmaßlichen Täter. Wir haben ihn aus Haaren des mutmaßlichen Täters auf Annas Trainingsjacke generiert.“

„Und das soll mir jetzt was genau sagen?“, fragt Eckert forsch, aber Leo glaubt zu erkennen, dass da ein nervöser Unterton mitschwingt.

„Erstmal nicht viel, Frau Eckert“, entgegnet Esther und lehnt sich dann ein bisschen in ihrem Stuhl zurück, „aber vielleicht interessiert es Sie zu hören, was wir damit vorhaben. Kennen Sie die Website myheritage.com?“

„Nein, kenne ich nicht.“

„Dann will ich es ihnen erklären, was es damit auf sich hat...“

Und das tut Esther dann auch, während Leo über seinen Monitor beobachten kann, wie Eckert bleicher und bleicher wird mit jedem Wort. Er sieht kurz rüber zu Adam, der wie er ganz gebannt vor seinem PC-Bildschirm hängt und seinen Blick gar nicht bemerkt. Sieht fast so aus, als würde Adams Plan hier tatsächlich noch Früchte tragen.

Doris Eckert wirkt nervös, als Esther und Pia sie zur Tür des Verhörraums begleiten. Sie hat nach Esthers Erläuterung nichts weiter mehr gesagt, aber Leo glaubt, dass sie sie immerhin zum Nachdenken gebracht haben. Vielleicht würde sich das noch auszahlen für sie.

„Einen schönen Tag noch, Frau Eckert“, sagt Esther und reicht ihrer Zeugin die Hand, „Und wenn Ihnen doch noch was einfällt, dann melden Sie sich. Manchmal erinnert man sich ja erst Jahre später an wichtige Details, soll ja vorkommen.“

Eckert nickt nur verbissen und wendet sich dann zum gehen.

Leo schließt den Stream und lehnt sich mit einem Seufzen zurück in seinen Stuhl. Jetzt heißt es wohl abwarten, ob Doris Eckerts Gewissen am Ende doch noch die Oberhand erlangt. Geheimnisse können einen manchmal auch nach Jahren noch in die Knie zwingen, das weiß Leo besser als jeder andere. Als er nochmal zu Adam rüber sieht, starrt der nur mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster auf die Saar.

~

Es ist früher Abend als Leo vor dem Haus mit den grünen Fensterläden parkt und sich einredet, dass das hier nicht ganz und gar unprofessionell ist. Als sie vor zwei Tagen hier waren, da hatte Leo keine Zeit gehabt sich vernünftig bei David Riemann für Adams Verhalten zu entschuldigen. Dafür ist er jetzt hier und für nichts anderes. Leo lehnt seine Stirn gegen das Lenkrad und schließt die Augen, um sich zu sammeln.

Plötzlich klopft es gegen das Fenster der Beifahrertür und lässt ihn vor Schreck hochfahren. Riemann steht dort mit einem entschuldigendem Lächeln und als Leo nicht reagiert, macht er eine Geste um ihm zu bedeuten, dass er das Fenster herunterkurbeln soll. Es dauert einen Moment, aber dann löst sich Leo aus seiner Starre und betätigt den Knopf auf der Mittelkonsole und dann fährt das Fenster geräuschlos nach unten.

Riemann beugt sich vor und legt die Unterarme auf den Rahmen, damit sie sich angucken können. Er lächelt immer noch, was seine Grübchen betont. Seine Haare hängen ihm verschwitzt in der Stirn und seine Wangen sind ganz rot. Erst jetzt bemerkt Leo, dass er Sportkleidung trägt. Basketballshorts und ein enges T-Shirt, dass ihm an der verschwitzten Brust klebt und seine breiten Schultern betont. Leo kann seine Nippel durch den dünnen Stoff erkennen und merkt, wie ihm ganz heiß wird im Gesicht.

„Tut mir Leid, wenn ich Sie erschreckt habe“, sagt Riemann amüsiert und wischt sich mit der Rechten das feuchte Haar aus der Stirn, bevor er sich wieder ins Fenster lehnt. Leo schluckt.

„Ich bin grade von meiner Joggingrunde zurück und da hab' ich Sie in meiner Einfahrt stehen sehen. Ich dachte, ich sag' mal Hallo?“

„Herr Riemann, ich-“

„David“, unterbricht Riemann mit einem feinen Lächeln und als Leo Anstalten macht zu protestieren, fügt er schelmisch hinzu: „Ich bestehe darauf.“

Leo seufzt und gibt sich geschlagen.

„Nun gut, äh, David“, antwortet er etwas verlegen und dann nach kurzem Zögern: „Leo.“

Fasziniert kann er beobachten, wie Davids Lächeln noch breiter wird bis schließlich seine weißen Schneidezähne hervorblitzen. Der Ausdruck in seinen Augen ist warm und Leo hat verrückter Weise das Gefühl, dass er David ohne es zu merken um seinen kleinen Finger gewickelt hat.

„Freut mich, Leo.“

Davids Augen sind fast schon hypnotisierend. Was für eine Farbe ist das bloß? Er ertappt sich dabei, wie er starrt. Leo blinzelt benommen. Er ist doch mit gutem Grund hergefahren und nicht, um ihren Zeugen zu beglotzen.

„Ich wollte mich nochmal für das Verhalten meines Kollegen neulich entschuldigen“, sagt Leo daher eindringlich und sieht dabei zu, wie Davids Lächeln bei dem Gedanken an Adam sichtbar verblasst, „Kommissar Schürk-, Adam-, ist ein ziemlicher Hitzkopf, aber einer der besten Polizisten, die ich kenne. Und dieser Fall-“, Leo unterbricht sich selbst und fährt sich dann einmal fahrig durchs Haar, bevor er erneut ansetzten kann, „Das Schicksal deiner Schwester geht ihm wohl echt nah. Er hat tagelang über den Akten gehangen und dann diese Idee gehabt mit der Website-, ich schätze, er will einfach, dass die Welt endlich weiß, was Anna wirklich zugestoßen ist.“

David schaut ihn eine ganze Weile nachdenklich an, bevor sich seine Lippen wieder in ein schwaches Lächeln verziehen, dass seltsam nostalgisch aussieht.

„Ihr kennt euch wohl ziemlich gut, du und Kommissar Schürk.“

„Alte Schulfreunde“, gibt Leo zu.

Davids Blick lässt erahnen, dass er dahinter eine Story wittert, fragt aber zu Leos Erleichterung nicht weiter nach.

„Ich bleibe bei dem was ich gesagt habe“, räumt David schließlich ein und klopft dann ein-, zwei-, dreimal mit den Fingerknöcheln gegen die Karosserie, bevor sein Blick wieder den Leos findet, „Aber ich verstehe Kommissar Schürks Sichtweise auf die Dinge. Du schuldest mir jedenfalls keine Entschuldigung, Leo.“

„War mir trotzdem ein Bedürfnis.“

David lächelt nur als Antwort und scheint kurz zu zögern, bevor es dann doch aus ihm heraus bricht.

„Sag mal, Leo, würdest du mit mir ausgehen?“

Irgendwas muss da passieren in seinem Gesicht, denn David lacht plötzlich laut auf.

„Kein Grund so schockiert zu gucken! Oder ist es der Geruch?“

David macht eine kleine Showeinlage daraus, wie er sich selbst unter den Achseln riecht, bevor er sich wieder grinsend Leo zuwendet.

„Ich verspreche dir, ich dusche auch vorher und tausche den alten Fummel hier gegen mein bestes Date-Hemd ein.“

Leo starrt ihn an wie eine Erscheinung. David ist attraktiv und erfolgreich und charmant, aber was am Wichtigsten ist, ganz und gar kompromisslos in seiner offensichtlichen Zuneigung zu Leo. Er ertappt sich selbst dabei, wie er kurz ernsthaft darüber nachdenkt einfach 'Ja' zu sagen, bevor er sich daran erinnert in welchem Rahmen genau sie sich überhaupt erst kennengelernt haben.

Leo seufzt und lächelt David dann entschuldigend an.

„Bitte glaub' mir, dass ich unter anderen Umständen 'Ja' sagen würde, aber-“

„-der Fall“, ergänzt David.

„Wäre einfach nicht so super professionell.“

Kurz herrscht betretendes Schweigen zwischen ihnen, bevor sich Davids Miene wieder etwas aufhellt.

„Vielleicht nach dem Fall?“, fragt er nun hoffnungsvoll und Leo denkt, dass das Universum einen seltsamen Sinn für Humor hat. David ist alles, was Adam nicht ist und vielleicht gerade deshalb genau das, was er jetzt braucht. Aber daten darf er ihn vorerst trotzdem nicht.

„Vielleicht nach dem Fall“, bestätigt Leo daher nur sanft.

Super professionell, Hölzer.

~

Drei Tage später sitzt Leo allein im Büro und starrt auf die Saar hinaus, die im Licht der Abendsonne gemächlich vorbeizieht. Neben ihm auf seinem Laptop läuft das Video aus dem Verhörraum in Dauerschleife. Er hat es jetzt oft genug gesehen, dass er Doris Eckerts Gesichtsausdruck im Moment ihrer Beichte vor sich sieht ohne hinzugucken.

„Ich war zu Besuch bei meiner Freundin Simone Kreutz, bis circa 18 Uhr. Als ich zwanzig Minuten später nachhause kam, da war mein Ex-Mann Tim nicht da.

“Also haben Sie gelogen bei Ihrer Vernehmung?“

“J-Ja.“

“Warum?“

Ein Zittern in der Stimme.

“Ich dachte, ich könnte damit Schaden von meiner Familie abwenden.“

“Was ist dann passiert?“

Ein Schaudern.

“Es war vielleicht kurz nach 20 Uhr, die Tagesschau lief schon, daran erinnere ich mich, ich- ich hab' mich gewundert, wo Tim ist. Wollte gerade in der Schule anrufen und nachfragen, ob er noch dort ist. Manchmal hat er gerne dort das Lehrerzimmer noch bis spät abends genutzt für seine Stundenvorbereitung.“

Ein erneutes Schaudern, tiefer als das erste.

„Dann plötzlich ging die Haustür auf und Tim kam zur Tür herein, er- er hatte diesen wahnsinnigen Blick in seinen Augen. Und sein Hemd-, sein Hemd-“

Ein Schluchzen geht durch den Raum.

“Da war so viel Blut.“

“Und was ist dann passiert, Frau Eckert?“

“Er hat mich angesehen und gefragt, ob ich das Blut wieder heraus gewaschen bekomme.“

Ein entsetztes Lachen, das gleich wieder verschluckt wird durch ein Schluchzen.

“Das sei sein Lieblingshemd, hat er gesagt. Ich hab' gefragt, was passiert ist und er-, er hat nur so gemein gegrinst und dann geantwortet, ich solle ihn lieber nicht danach fragen, sonst würde es mir genauso ergehen wie der kleinen Schlampe.“

Stille. Und dann:

“Das Mädchen war schwanger.“

“Anna Riemann?“

Ein stummes Nicken.

“'Ich hab' es weggemacht', hat Tim gesagt, 'und die tratschende Göre gleich mit'.“

Ein heftiges Schluchzen ganz tief aus der Brust.

“Ich wollte nur meine Familie schützen, bitte glauben Sie mir das.“

Und schließlich:

“Es tut mir alles so Leid.“

Leo drückt auf Pause ohne hinzusehen und lehnt sich weiter zurück in seinem Stuhl. Für sie gibt es jetzt erst mal nichts weiter zu tun. Mit der Hilfe von myheritage.com haben sie tatsächlich mehrere Treffer erzielen können, darunter eine Ms. Henrietta Ford, geborene McCarthy aus Great Falls, Montana, Cousine dritten Grades von Timothy McCarthy Sr.. Den Haftbefehl gegen dessen Sohn haben sie schon an die US-Behörden übermittelt. Für eine Auslieferung bestehen gute Chancen, hat der Staatsanwalt ihnen versichert. Adams Spürnase hatte am Ende also tatsächlich den richtigen Riecher gehabt. Es würde ein langwieriger Indizienprozess folgen, soviel ist klar, denn Annas Leiche bleibt erst mal weiter verschwunden, aber einen Etappensieg haben sie allemal errungen.

Plötzlich geht die Glastür zum Büro schwungvoll auf und Pia lukt herein. Als sie das pausierte Video auf Leos Bildschirm erblickt, verzieht sie das Gesicht.

„Guckst du das schon wieder an, Leo?“, fragt sie gespielt vorwurfsvoll, „Kannst du da nicht bald mitsprechen?“

Jedes Wort, denkt Leo, aber spricht es nicht laut aus. Stattdessen dreht er sich lieber zu Pia um und lächelt verschwörerisch.

Pias linke Augenbraue wandert ihre Stirn hinauf, bevor sie sich geschlagen gibt und eine winkende Handbewegung macht in Richtung Ausgang.

„Kommst du dann? Esther und Schürk warten schon unten auf uns.“

Leo nickt nur und schließt den Videostream, wobei er einen letzten Blick auf Doris Eckerts schmerzverzerrtes Gesicht wirft.

„Kann echt nicht glauben, dass wir Adam jetzt einen Kasten Bier schulden“, murmelt Pia hinter ihm und bringt Leo damit zum Lachen.

„Musst du aber zugeben, dass er sich den ausnahmsweise mal verdient hat, Heinrich“, sagt Leo beim Aufstehen und klappt seinen Laptop zu, bevor er mit Pia im Schlepptau das Büro verlässt.

„Aber echt nur ausnahmsweise“, grinst Pia und dann treten sie kurz darauf aus dem Präsidium auf den Parkplatz, da, wo Esther und Adam schon im Licht der untergehenden Sonne auf sie warten. Leos Blick wandert wie von allein zu Adam. Der schaut ihn an aus seinen blauen Augen, die eine Braue gehoben, die unter fast verblassten Schramme, so als wolle er fragen Alles okay zwischen uns?. Leo schaut zurück und nickt nur schwach.

~

Die Bar ist schon brechend voll, aber sie können noch mit Glück einen Vierertisch in der hintersten Ecke ergattern. Der wackelt ein bisschen, aber dann bastelt Pia zur allgemeinen Belustigung eine kleine Stütze aus Bierdeckeln und dann kann es endlich losgehen.

„Auf Adams Spürnase!“, verkündet Pia enthusiastisch, sobald sie die erste Runde in den Händen halten und dann stoßen sie an auf einen weiteren gelösten Fall.

„Ich fahre morgen zu David, um ihm die guten Neuigkeiten zu verkünden. Ich will nicht, dass er davon aus der Presse erfährt“, sagt Leo unbedacht und beißt sich gleich darauf auf die Zunge, als ihn die neugierigen Blicke seiner Teamkollegen treffen.

„David?“, fragt Pia.

„David Riemann“, gibt Leo nach kurzem Zögern zu. Pias Augen werden ganz groß und Esthers sichtliche Überraschung weicht kurz darauf einem kleinen Schmunzeln in ihren Mundwinkeln. Leos Blick schnellt zu Adam neben sich, aber der sitzt mit unbewegter Miene da. Schwer zu erkennen, was er denkt.

„Ihr seid also schon per Du, was?“, fragt Pia grinsend und lehnt sich dabei ein bisschen über den Tisch, „Wann ist die Hochzeit? Ich gebe eine super Trauzeugin ab.“

„Ha, ha“, macht Leo nur, aber muss jetzt selbst ein bisschen schmunzeln bei Pias offensichtlicher Freude bei dem Thema. Im Grunde ist es ja auch okay, denkt er. Leo hat sich während ihrer Ermittlungen durch und durch professionell verhalten und jetzt, nachdem sie den Fall gelöst haben, steht es ihm frei das mit David weiterzuverfolgen, wenn er es denn möchte. Die Frage ist nur, möchte er? Leo sieht wieder flüchtig rüber zu Adam, aber der starrt nur konzentriert in sein Bierglas.

„Aber mal Scherz beiseite, Leo“, sagt Pia und als er sich ihr wieder zudreht, ist ihr Blick warm, „Läuft da was, mit dir und Riemann?“

Leo seufzt und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas, um nicht gleich antworten zu müssen.

„Keine Ahnung“, fängt er an, „Vielleicht.“

Und dann, weil er jetzt eh schon mittendrin steckt, entscheidet er sich für noch ein bisschen mehr Ehrlichkeit.

„Er hat gefragt, ob ich mit ihm ausgehe, als ich neulich nochmal bei ihm Zuhause war.“

„Und was hast du geantwortet?“, fragt Esther jetzt.

„Ich hab' gesagt vielleicht nach dem Fall.“

Für einen Moment sagt keiner was. Dann erhebt sich Adam neben ihm.

„Muss mal pissen“, verkündet er nur und ist dann kurz darauf im Gedränge verschwunden. Leo sieht ihm kurz nach, bevor er sich wieder seinen Kolleginnen zuwendet. Das Bier schmeckt jetzt seltsam schal in seinem Mund.

„Ich denke, dass ist eine gute Idee“, sagt Pia jetzt und lächelt dabei sanft. Esther neben ihr starrt immer noch mit gerunzelter Stirn in die Richtung, in die Adam gerade verschwunden ist, bevor ihr Blick zurückschnellt bei Pias nächsten Worten.

„Das mit dem Date, meine ich“, setzt Pia nach.

„Ja, vielleicht“, antwortet Leo nur und als er Esthers Blick auffängt, verzieht sie nur ihren Mund in ein kaum merkliches schiefes Lächeln und zuckt ein bisschen mit den Schultern, so als wolle sie sagen Der kommt schon drüber hinweg.

Leo nimmt erneuten einen Schluck aus seinem Glas und wechselt dann lieber das Thema. Pia und Esther, würdevoll wie sie sind, lassen ihn.

~

Es ist schon dunkel, als Leo sich vom Rest des Teams verabschiedet und aus der überfüllten Kneipe auf die Straße tritt. Die kühle Abendluft tut gut auf seinen überhitzten Wangen und lässt ihn leicht frösteln in seiner dünnen Jacke. Sein Auto steht ein ganzes Stück entfernt, weil es wie immer unmöglich war hier irgendwo im Umkreis einen Parkplatz zu finden. Mit den Händen in den Jackentaschen vergraben, macht er sich auf den Weg in Richtung Auto.

Morgen fährt er zu David, um ihn über die Lösung des Falls zu informieren. Und was dann? Nach dem misslungenen Date mit Christine hat er sich eigentlich geschworen alles erst mal ein bisschen langsamer angehen zu lassen, zumindest solange Adam immer noch in seinen Gedanken herumspukt wie ein besonders unangenehmer Poltergeist. Aber andererseits, das weiß Leo nur zu gut, hat er zu sehr die Angewohnheit es sich im Status Quo bequem zu machen. Wenn er nicht langsam anfängt ernsthaft an sich selbst zu arbeiten, dann wird er über das Vielleicht mit Adam nie hinwegkommen. Und David ist eine gute Chance auf so viel mehr als nur ein Vielleicht.

Leo ist so in Gedanken versunken, dass er den Angriff nicht kommen sieht. Ein brutal fester Griff mit der Armbeuge um seine Kehle, dann drückt ihm jemand ein Tuch vor Mund und Nase. Kurz darauf sind alle Lichter aus und er sinkt bewusstlos zu Boden.

~

Das Geld ist immer noch da. Als Leo ihn über die Sporttasche hinweg angesehen hat mit diesem Blick, da hat Adam gedacht, das war's dann jetzt. Ein Anruf beim LKA und schon sitzt Adam wieder einmal am falschen Tischende im Verhörraum. Vielleicht hätte er es besser wissen müssen. Immerhin hat Adam bei ihrem Streit in der Klinik nicht gelogen.

„Adam Schürk, der Mittelpunkt der Welt.“

„Deiner Welt vielleicht.“

Leos Loyalität ist auf seltsame Weise ein verdammt bittersüßes Konstrukt. Ständig im Weg und fehlgeleitet, ganz und gar unverdient, aber Adam lechzt trotzdem nach ihr wie die halbe Saarbrücker Unterwelt nach dem scheiß Geld. Leo ist in Wirklich derjenige, der immer die falschen Fragen stellt. Oder wie kommt es sonst, dass er Adam nie gefragt hat, warum er wirklich nach Saarbrücken zurückgekehrt ist?

Adam sitzt in seinem Morgenmantel auf dem Schlafsofa im Bunkerhaus und blinzelt in die Morgensonne, als er hört, wie sich jemand an der Wohnungstür zu schaffen macht. Komisch eigentlich, dass es so lange gedauert hat. Zwei Wochen ist definitiv mehr Geduld, als er Onkel Boris zugetraut hat. Keine zehn Sekunden später stürmen zwei maskierte Typen mit ihren Knarren im Anschlag ins Wohnzimmer, stellen sich vor ihm auf und zielen. Gut, dass Heide gerade nicht da ist, um das alles hier noch zusätzlich zu verkomplizieren.

Adam legt langsam, ganz langsam die Hände hinter den Kopf. Die Typen starren ihn an hinter ihren Skimasken, die bulligen Körper auf Hochspannung. Natürlich Anabolikaopfer, denkt Adam. Was für ein fucking Klischee.

Als er die gemächlichen Schritte im Flur näher kommen hört, sieht er auf. Manuela Baron ist außerhalb ihrer Heimatschenke eine ganz und gar schlichte Gestalt, ein Allerweltsgesicht, von der nicht viel mehr im Langzeitgedächtnis haften bleibt als nur eine wage Erinnerung an zu protzigen Goldschmuck. Sie sieht lachhaft mickerig aus zwischen den zwei Schrankwänden, die sich vor Adam aufgebaut haben. Aber die tödlichsten Raubtiere sind mitunter nur unter dem Mikroskop zu erkennen, das weiß Adam nur zu gut. Manuelas kalte Augen fixieren ihn schmunzelnd, als sei er ein ganz besonders saftiges Beutetier. Der Hunger darin lässt nichts Gutes erahnen.

„Schön, dich wiederzusehen, Königssohn“, sagt sie gespielt beiläufig, so als wären sie hier beim Kaffeeklatsch. Dann macht sie eine stumme Geste durch den Raum, woraufhin sich einer ihrer Bodyguards ohne Umschweife daran machen, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen, was nicht einmal besonders lange dauert. Der Bunker ist nur spärlich eingerichtet, minimalistischer Chic oder so ein verdammter Dreck.

Von Richtung seines Schlafzimmers ertönt ein grunzender Laut des Triumphs und einen Moment später lässt Anabolikaoper Nr. 1 eine schwarze Sporttasche vor ihnen auf den Couchtisch fallen. Zieht kurz darauf den Reißverschluss auf und fummelt die beiden Enden der Tasche ruppig auseinander, sodass der Inhalt hervorquillt und Anstalten macht, sich auf dem Couchtisch zu ergießen.

„Was zum-“, raunt das Arschloch und beugt sich nun weiter vor, kramt wie wild in der Tasche bis schließlich Adams Gymshorts zu Boden segeln. „Das sind nur die muffigen Sportsocken von dieser Schwucke.“

„Hey!“, wirft Adam dazwischen und kassiert dafür einen unsanften Stoß mit dem Lauf der Waffe von Opfer Nr. 2 gegen seine Schläfe, „Die sind frisch gewaschen. Riecht man doch, oder haben dir die Steroide schon deine ganzen scheiß Synapsen im Hirn weggefressen?“

Anabolikaopfer Nr. 2 zieht ihm dafür den Lauf so unsanft über den Kopf, dass zum Dank die schon fast verheilte Schramme auf seiner Stirn von neuem aufplatzt. Adam fühlt den stechenden Schmerz und das warme Blut, dass ihm langsam sickernd die Schläfe hinab läuft.

Manuelas feixendes Gesicht verzieht sich bedrohlich zur Fratze.

„Lass mich sehen“, herrscht sie Opfer Nr. 1 an und beugt sich jetzt selbst über die Tasche. Als nächstes fliegen Adams Gymschuhe und seine Trinkflasche durchs Zimmer.

Als sie aufschaut, treffen sich ihre Blicke. Adam hat Mühe das Gesicht nicht zu verziehen, als sie unsanft nach seinem Kinn greift und sein Gesicht so nah an ihres heranzieht, bis er jedes Detail ihrer kalten grauen Augen erkennen kann.

„Wo ist das Geld, Königssohn?“, presst sie hervor, „wir wissen, dass du es die ganze Zeit in deiner Sporttasche mit dir herumgetragen hast. Hast du etwa wirklich geglaubt, das fällt nicht irgendwann auf? Ein Bulle, der an jedem Tatort auftaucht, als wäre er gerade auf dem Weg zum Pilateskurs? Du müsstest doch mittlerweile kapiert haben, dass dein lieber Onkel Boris überall seine Augen und Ohren hat.“ Adam schmeckt das Blut der Platzwunde in seinem Mundwinkel gerinnen. „Raus damit, oder wir sind hier gleich nicht mehr so freundlich. Oder glaubst du etwa wirklich, dass dieser Trottel Moritz sich die Finger selbst abgesägt hat? Sieht der für dich aus wie jemand, der mal eben aus Spaß auf die Idee kommt ne Kreissäge zu bedienen, hm?“

Adam leckt sich verächtlich das Blut von den Lippen.

„Soll mir das jetzt Angst machen oder was? Du warst es doch, die gesagt hat, dass ich immer die falschen Fragen stelle. Also spitz mal jetzt ganz schnell die Ohren, Baronin: Glaubst du etwa ich hab nicht längst geschnallt, dass ihr alle so richtig schön am Arsch seit, wenn mir ernsthaft was zustößt? Hast du doch grade selbst gesagt, Onkel Boris hat überall seine Augen und Ohren.“

Manuela schnaubt aber nur spöttisch und drückt noch fester zu bis ihm ihre Fingernägel wie feine Nadelstiche ins Fleisch schneiden. Zwingt ihn den Kopf zu heben, wie ein bettelnder Hund vor seinem Herrchen. Ihre eiskalten Augen durchbohren ihn wie ein giftiger Speer.

„Wenn ich du wäre, Königssohn, würde ich mal ganz schnell anfangen die Welt nicht nur in schwarz und weiß zu sehen. Mag sein, dass Boris uns die Hölle heiß macht, wenn du ein Finger verlierst oder auch zwei. Aber nicht jede Wunde schneidet ins eigene Fleisch.“

Waren sie hier bei einem gottverdammten Quiz der schlechten Floskeln oder was?

„Ich mag dich, Adam, wirklich“, sagt Manuela und lächelt dabei gutmütig, „aber meinst du nicht, du bist langsam zu alt, dir noch Geschichten auszudenken?“

Mit diesen Worten drückt Manuela noch einmal fest zu, bevor sie ihn unsanft wegstößt und sich daraufhin wieder aufrichtet.

„Du hast 24 Stunden, um das Geld aufzutreiben.“

Manuela nickt in Richtung Tür, woraufhin sie und ihre Handlanger sich zum Gehen wenden.

„Und versuch' besser keine Tricks, Königssohn. Ich glaube nämlich nicht, dass dir die richtige Antwort auf deine Frage gefallen wird.“

Einen Augenblick später fällt die Haustür mit einem Wumps ins Schloss. Adam lässt langsam die Hände sinken.

„Fuck!“

~

Das alte Baumhaus ist windschief und modrig wie eh und je. Es knarrt und ruckelt, als Adam hastig die Leiter erklimmt. Der Saum seines Morgenmantels bleibt an einem hervorstehenden Nagel hängen und katapultiert ihn beinahe rücklings ins Laubbett unter ihm. Nur mit Mühe kann er das Gleichgewicht halten. Fluchend reißt er sich los und kriecht kurz darauf auf allen Vieren in die kleine Hütte, wobei er sich noch zum Dank die blanken Knie auf dem rauen Holz aufschürft. Bei dem Anblick der dunkelblauen Sporttasche mit roten Griffen atmet er erleichtert aus. Das Geld ist noch da. Er lässt sich neben der Beute auf den Hosenboden fallen, den Rücken an die Bretterwand gelehnt und versucht nachzudenken.

Irgendwas muss Onkel Boris gegen ihn in der Hand haben. Anders ist nicht zu erklären, dass er jetzt nach zwei Wochen Funkstelle die Kavallerie schickt. Irgendwas hat sich geändert, irgendwas-

Die frische Wunde auf seiner Stirn pocht wie verrückt. Adam wischt sich genervt die Haare aus der Stirn. Sein Blick verschwimmt ein bisschen, keine der Konturen sind mehr richtig scharf, als würde sein Leben im 8-mm-Format ablaufen. Wenn das hier alles vorbei ist, würde er seinem malträtierten Kopf mal eine Pause gönnen müssen.

Und er muss verdammt noch mal endlich raffen, was hier abgeht und zwar schnell.

Fieberhaft denkt er zurück an seinen letzten Besuch bei Onkel Boris. Damals war er vor allem genervt gewesen davon, dass Leo wegen der Sache mit dem Geld an ihm geklebt hat wie eine Klette und sich dann auch noch bei der ersten Gelegenheit verplappert hat. Wenn Schlangen wie Onkel Boris nur die kleinste Gelegenheit wittern, dann schnappen sie zu. Und die Tatsache, das Leo von dem Geld weiß, muss Onkel Boris erst recht in dem Glauben bestärkt haben, dass Adam weit weniger ahnungslos ist als er vorgibt.

„Es gibt Dinge, da ist es besser, wenn Sie sich darum kümmern und es gibt Dinge, da ist es besser, wenn sich jemand anders darum kümmert.“, hat Onkel Boris zu Leo gesagt.

Adam beschleicht ein ungutes Gefühl. Onkel Boris' Worte klingen im Licht der Ereignisse der letzten halben Stunde mehr und mehr nach einer Drohung. Wenn Onkel Boris glaubt, dass Leo weiß, wo Adam das Geld versteckt hat, dann-

Hastig durchwühlt er die Taschen seines Morgenmantels, aber sein Handy liegt noch auf dem Couchtisch im Wohnzimmer.

„Fuck!“

Adam greift die Sporttasche mit dem Geld, klettert die Leiter herab und hastet so schnell er kann in Richtung Bunker, wo er die Tasche achtlos neben dem Schlafsofa fallen lässt und mit zitternden Händen sein Handy vom Couchtisch aufklaubt. Leos Nummer ist seit Alinas Festnahme in der Liste seiner letzten Kontakte weit zurück gefallen. Adam scrollt, dann hat er sie endlich, er wählt und-

“Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zurzeit leider nicht zu erreichen-“

Ohne zu überlegen, drückt er die Wahlwiederholung.

“Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zurzeit leider-“

„Fuck, fuck, fuck!“

Adam lässt das Handy auf das Sofa fallen und fährt sich mit beiden Händen durchs Haar, zwingt sich ruhig zu bleiben. Noch kann er gar nicht sicher sein, dass Leo wirklich etwas zugestoßen ist, auch wenn das ungute Gefühl in seiner Magengrube sich mit jeder Sekunde mehr und mehr zu einem ausgewachsenen Brechreiz entwickelt.

Adam schnappt sich erneut das Handy und drückt die Wahlwiederholung.

“Der gewünschte-“

Adam drückt hastig die Ansage weg, bevor er in seiner Liste der letzten Kontakte weiter nach oben scrollt und den obersten Namen wählt.

„Hey, guten Morgen, Adam-“

„Pia, ist Leo im Büro?“, unterbricht er seine Kollegin harsch, worauf ihm aus dem nur Hörer ein überraschtes Schweigen entgegenschlägt.

„Pia!“

„Schon gut, schon gut, was ist denn mit dir los? Leo ist nicht hier-“

„Fuck!“

„Adam? Adam, beruhig' dich mal. Es ist erst kurz nach 8 Uhr und der Fall Riemann ist abgeschlossen. Vielleicht pennt Leo heute einfach mal aus, zu gönnen wäre es ihm ja.“

„Sein Handy ist aus, Pia.“

„Okay, und?“, entgegnet Pia sichtlich verdutzt über Adams Tonfall, „Vielleicht hat er nur vergessen es gestern Abend noch aufzuladen oder so.“

„Leo?“, fragt Adam spöttisch, „Du weißt genauso gut wie ich, dass Leo einer von der Sorte ist, der seinen Akku nie unter 50% fallen lässt und schon gar nicht, wenn er Dienst hat.“

„Ja, okay, mag sein“, gibt Pia zu, „Aber Adam, das ist doch jetzt trotzdem kein Grund gleich so auszuflippen.“

„Pia“, sagt Adam nur mit Nachdruck. Für einen Moment bleibt es still am anderen Ende der Leitung.

„Adam“, beginnt Pia schließlich hörbar verunsichert, „Adam, was ist passiert?“

Adam erlaubt sich einen tiefen Atemzug ein und wieder aus, bevor er sich zwingt sich zu sammeln.

„Pia, schnapp' dir Esther und fahrt zu Leos Wohnung und schaut euch da um.“

„Was? Adam! Erklär' mir erst mal-“

„Pia, bitte!“, unterbricht Adam sie erneut und lässt seine Kollegin damit erneut verstummen, „Ich hab' jetzt keine Zeit für lange Erklärungen, aber wenn ich richtig liege, dann haben diese Wichser Leo entführt und-“

„Welche Wichser?“, fragt Pia hitzig dazwischen, „Welche?- Das Geld? Natürlich das Geld! Adam! Adam, hat das hier irgendwas mit dem Geld zu tun?“

„Bingo“, antwortet Adam trocken, „Kapierst du jetzt, warum ich keine Zeit habe noch weiter mit dir herum zu diskutieren? Fahrt zu Leos Wohnung und seht euch da um. Und wer weiß, am Ende hast du noch Recht und er liegt nur noch verkatert im Bett, aber Pia? Ich-“

Adam stockt und beißt die Zähne so fest aufeinander, dass es schon weh tut.

„Okay, okay“, sagt Pia hörbar um Fassung ringend, „Esther ist noch nicht da, aber ich ruf' sie gleich an und wir treffen uns alle bei Leos Wohnung und-“

„Ihr trefft euch bei Leos Wohnung“, unterbricht Adam sie ein drittes Mal, „Ich muss mich erst um einen anderen Hausbesuch kümmern.“

„Was hast du vor, Adam?“, fragt Pia beunruhigt.

„Onkel Boris einen Besuch abstatten.“

„Boris? Boris Barns?“

„Welcher Boris denn sonst? Hör' zu, ich kann das jetzt nicht alles erklären, aber als Leo und ich neulich bei ihm in der Lerch waren wegen dem Geld, da hat Onkel Boris so etwas komisches zu Leo gesagt.“

„Was hat er komisches gesagt?“

„Etwas, dass im Nachhinein klingt wie eine Drohung.“

Pia atmet daraufhin hörbar mitgenommen aus.

„Okay, Adam“, sagt sie schließlich resigniert, „Aber von jetzt an gibt es keine Alleingänge mehr, ist das klar?“

Adam presst stumm die Lippen aufeinander.

„Adam! Keine Alleingänge mehr, okay? Für Leo?

Für Leo.

„Okay.“

Daraufhin beendet Adam den Anruf ohne ein weiteres Wort und sprintet in Richtung seines Schlafzimmers auf der Suche nach seiner Jeans. Zerrt sich dabei den Morgenmantel von den Schultern und stolpert dabei beinahe über das Chaos im Flur, welches Manuelas Schlägertrupp hinterlassen hat.

Die Wunde auf seiner Stirn pocht und brennt und pocht.

~

Der Saarbrücker Morgenverkehr ist trotz Blaulicht eine Katastrophe und Adam braucht deutlich länger zur Lerchesflur als ihm lieb wäre. Als er endlich auf den weitläufigen Parkplatz einbiegt, ertönt dumpf der Klingelton seines Handys vom Beifahrersitz, wo es aufgrund seiner rabiaten Fahrweise zwischen die Sporttasche und die Rücklehne gerutscht sein muss. Adam greift ungeduldig danach, während er noch dabei ist in die nächst beste Parklücke zu manövrieren.

Eine Nachricht von Pia.

[Heinrich, 09:07 Uhr] du hattest recht, leo ist nicht hier. wohnungstür ist aufgebrochen, aber das waren profis. keine äußeren spuren an der tür, sodass auch vorbeikommende nachbarn nichts bemerkt haben dürften. die wohnung ist von oben bis unten durchwühlt.

Und dann einen Moment später und bevor Adam nachfragen kann:

[Heinrich, 09:08 Uhr] keine offensichtlichen blutspuren oder sonstige spuren auf einen Kampf

Adam atmet unkontrolliert aus vor Erleichterung. Ein dunkler Teil von ihm hatte schon Angst davor gehabt, was sie alles in Leos Wohnung vorfinden könnten, auch wenn sie Leo lebend brauchen, wenn sie glauben, er weiß wo das Geld abgeblieben ist.

[Adam, 09:08 Uhr] handy?

Ungeduldig beobachtet er die drei kleinen Punkte im Chatfenster, die ihm zeigen, dass Pia schon dabei ist eine Antwort zu formulieren.

[Heinrich, 09:09 Uhr] bisher nicht gefunden

Okay, fuck. Wenn diese Wichser Leo zuhause entführt haben, warum haben sie das Handy dann mitgenommen? Außer-

[Adam, 09:11 Uhr] hat irgendwer von euch gestern nach der kneipe noch was von leo gehört?

Die drei Punkte leuchten wieder auf, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden. Frustriert löst Adam den Gurt und steigt aus dem Auto, knallt die Tür hinter sich zu und marschiert mit schnellen Schritten in Richtung Eingang der JVA. Kurz vor dem Tor ertönt wieder der Klingelton.

[Heinrich, 09:14 Uhr] nein, du?

[Adam, 09:14 Uhr] nope. auf dem heimweg entführt?

[Heinrich, 09:14 Uhr] vermutlich...wo bist du jetzt?

[Adam, 09:15 Uhr] vor der lerch. meld mich asap

Adam will gerade das Handy wegstecken, als ihn eine erneute Nachricht von Pia daran hindert.

[Heinrich, 09:15 Uhr] wir warten hier auf dich. keine alleingänge!!1!

Und dann:

[Heinrich, 09:15 Uhr] esther ist so verdammt angepisst, so hab ich sie noch nie erlebt

Und:

[Heinrich, 09:15 Uhr] KEINE ALLEINGÄNGE! ich meins ernst, adam!

Keine Alleingänge. Für Leo.

Als er endlich den kleinen Besuchsraum betritt, ist Onkel Boris schon da. Seelenruhig sitzt er da in seinem Trainingsanzug, die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet.

„Adam“, grüßt ihn Onkel Boris, „Wie schön, dass du so schnell wiedergekommen bist.“

Adam rümpft nur die Nase als Antwort und gibt dem Wachmann hinter Onkel Boris einen Wink, woraufhin dieser nickt und dann den Raum verlässt. Onkel Boris sieht ihm nach bis die Tür ins Schloss fällt, bevor er sich wieder Adam zudreht und interessiert die linke Augenbraue hebt.

„Ich nehme an, die Überwachungskameras sind zufällig auch gerade defekt?“

Onkel Boris deutet auf eben jene Kameras in der Zimmerdecke, bevor er wieder die Hände vor sich auf dem Tisch faltet und Adam mit einem Lächeln mustert.

„Du siehst, nicht nur du verstehst die Regeln hier drin“, antwortet Adam und zieht dann den Stuhl vor sich heran, damit er sich setzen kann. Als sich ihre Blicke schließlich auf Augenhöhe treffen, lehnt Adam sich so weit in seinem Stuhl nach vorne, dass seine Stirn schon fast das Schutzglas vor sich berührt.

„Was habt ihr mit Leo gemacht?“

Onkel Boris schaut ihn ungerührt an.

„Na komm' schon, Onkel Boris. Keine Wache, keine Kameras, nur wir zwei allein in diesem muffigen Kabuff. Sag' mir, wo Leo ist oder du bist es diesmal, der hier mit gebrochenen Knochen heraus marschiert.“

Onkel Boris lächelt und lehnt sich in seinem Stuhl zurück, sodass seine gefalteten Hände in seinem Schoß liegen bleiben.

„Ein gutaussehender Junge, dein Leo. Wie ich neulich schon sagte, ihr passt wirklich gut zusammen. Du weißt ja, dass ich nichts gegen deine Präferenzen habe, anders als dein Vater. Ich hab' das nie verstanden, was ihn daran so aufgeregt hat.“

„Hör' auf mit dem Scheiß und fang' an zu reden.“

Onkel Boris seufzt theatralisch und mustert ihn eine ganze Weile über den Rand seiner Brille hinweg. Adam muss sich schwer zusammenreißen keine Miene zu verziehen, auch wenn die Ungeduld sich mittlerweile in jeder Faser seines Körpers breit gemacht hat.

„Also gut, mein Junge. Ich verstehe ja, dass du mit deinem Partner alles teilen möchtest, aber das mit dem Geld hättest du dann doch lieber für dich behalten sollen. Hübsche Kerle wie dein Leo, die sind nicht wie du und ich.“

„Ach ja?“

Onkel Boris' Lächeln wird noch eine Spur breiter.

„Du und ich, Adam“, beginnt Onkel Boris und deutet dabei mit dem rechten Zeigefinger erst auf Adam und dann auf sich selbst, bevor er die Hand wieder in den Schoß gleiten lässt, „Du und ich sind gemacht für Geheimnisse. Aber dein Leo? Der trägt sein Herz auf der Brust.“

Adam krallt seine Finger so fest in den Stoff seiner Jeans, dass seine Fingerkuppen taub werden.

„Leo weiß nicht, wo das Geld ist“, presst er schließlich heraus.

„Das weiß ich doch, mein Junge“, entgegnet Onkel Boris nur gelassen, „ich hab' es in seinem Gesicht gesehen, als ihr hier wart. Und selbst wenn er es wüsste, dann glaube ich eh nicht, dass er so schnell mit der Sprache herausrücken würde. So eine treue Seele, dein Leo, das merkt man gleich. Er muss dich wirklich lieben, Adam.“

„Halt dein Maul!“, entfährt es Adam ungewollt, bevor er sich auf die Zunge beißen kann. Dieses blöde, schmierige Arschloch.

„Wunder Punkt?“, fragt Onkel Boris mitleidig, „Das tut mir Leid, Adam.“

„Wo. Ist. Er?“

Onkel Boris mustert ihn kalkulierend, bevor das Lächeln zurückkehrt.

„Liebst du ihn?“, fragt er leise.

„Was tut das zur Sache?“, antwortet Adam ausweichend.

Onkel Boris schaut ihn mit großen Augen an, bevor er sich schließlich in seinem Sitz vorbeugt und die Hände wieder vor sich auf dem Tisch ablegt. Wenn da die Schutzscheibe nicht zwischen ihnen wäre, könnte Adam vermutlich schon seinen widerlichen Atem im Gesicht spüren.

„Eine ganze Menge, mein Junge. Was für einen Sinn hätte es sonst ihn entführen zu lassen?“

Adam starrt ihn an und denkt an Manuelas Worte.

„Wenn ich du wäre, Königssohn, würde ich mal ganz schnell anfangen die Welt nicht nur in schwarz und weiß zu sehen. Mag sein, dass Boris uns die Hölle heiß macht, wenn du ein Finger verlierst oder auch zwei. Aber nicht jede Wunde schneidet ins eigene Fleisch.“

Nicht jede Wunde schneidet ins eigene Fleisch. Fuck. Die haben Leo nicht entführt, weil sie glauben, er wisse wo das Geld ist. Adam ist einfach nur verdammt beschissen darin seinen wundesten Punkt zu verbergen, wenn es darauf ankommt. Fast schon ironisch, wenn er bedenkt, wie oft er Leo in den letzten Wochen von sich weggestoßen hat, nur um im entscheidenden Moment klein beizugeben. Er hätte Leo nie hierher mitnehmen dürfen.

Zum ersten Mal seit Beginn dieser ganzen Scheiße mit dem Geld spürt Adam nackte ehrliche Angst in sich aufsteigen. Als sein Blick erneut den von Onkel Boris trifft, hat der Ausdruck in seinen Augen fast schon etwas melancholisches.

„Wenn du ihn retten willst, dann übergib Manu das Geld. Deinem Leo wird dann nichts passieren, dass verspreche ich.“

„Was sind Versprechen von Leuten wie dir und mir schon wert, huh? Ein Scheißdreck sind sie wert.“

„Das ist Schade, dass du das so siehst. Aber, Adam, ich sehe nicht was dir anderes übrig bleibt, als mir zu vertrauen? Außer du willst in weniger als 24 Stunden überall deine Angel auswerfen und auf den großen Fang hoffen? Einen Hecht fängt man nicht an-“

„-einem Tag“, beendet Adam den Satz wie von allein. Onkel Boris lächelt warm.

„Ich sehe, du hast unsere Angelausflüge von früher nicht vergessen. Wie schön.“

Hier ist nichts mehr zu holen. Adam vergeudet nur wertvolle Zeit. Als er aufsteht und schon fast bei der Tür ist, ertönt noch einmal Onkel Boris' sanfter Bariton.

„Ich hoffe wirklich, du kommst zur Vernunft, mein Junge. So jemanden wie deinen Leo findet man nur einmal im Leben.“

Adam hält für einen Moment inne, bevor er sich ein letztes Mal umdreht und Onkel Boris direkt in die Augen sieht.

„Wir sehen uns in der Hölle wieder, Arschloch.“

Onkel Boris' herzhaftes Lachen verfolgt ihn zur Tür hinaus.

~

Als Leo benommen auf dem kalten Holzboden wieder zu sich kommt, ist es bereits hell. Zumindest verrät ihm das ein Blick aus dem kleinen, staubigen Fenster des unbekannten Zimmers, in dem er sich wiederfindet. Blinzelnd versucht er sich aufzurichten, als ein stechender Schmerz durch seine linke Schulter fährt und ihn wieder zusammensacken lässt. Als er an seinem Arm heruntersieht, weiß er warum.

„Ausgerenkte Schulter, fürchte ich“, kommt es plötzlich aus einem verdeckten Winkel des Zimmers und lässt ihn so heftig zusammenzucken, dass der Schmerz erneut auflodert und ihn zum keuchen bringt, „Tut verdammt weh, ich weiß, aber Mario ist halt manchmal einfach zu ruppig.“

Ein paar Frauensandalen schieben sich in sein Blickfeld und als er an ihnen hoch sieht, blickt er direkt in das unbewegte Gesicht von Manuela Baron.

„Was-?“, murmelt Leo fahrig, „Frau Baron?“

Frau Baron schnalzt nur mit der Zunge und wendet sich dem wackligen Holztisch zu, den Leo jetzt wenige Meter zu seiner Rechten erkennen kann. Einen Augenblick später drückt sie ihm ein Wasserglas in die Hand, das er nur mit Mühe nicht gleich wieder fallen lässt.

„Trink“, gibt Frau Baron ihm zu verstehen und macht eine Handbewegung, die vor Ungeduld nur so strotzt, „Wir mussten dich auf dem Weg hierher noch mehrmals betäuben, da bist du dann irgendwann einfach komplett weggetreten.“

Leo führt das Glas mit zitternden Fingern zum Mund und nippt daran, bevor er gierig trinkt bis das Glas leer ist. Er hat gar nicht gemerkt wie durstig er ist, bis er den ersten Schluck genommen hat.

„Noch mehr?“, fragt Frau Baron amüsiert, woraufhin Leo ihr das Glas hinhält. Frau Baron nimmt es ihm ab, füllt es erneut und reicht es zurück.

„Trink aber lieber ab jetzt langsamer, Junge, sonst wird dir noch kotzübel.“

Leo nimmt noch einen Schluck, lässt dann aber das Glas langsam sinken und schaut sie an. Sein Blick ist immer noch ein wenig verschwommen, sodass er Mühe hat ihre Augen zu fixieren.

„Was genau mache ich hier, Frau Baron?“

Frau Baron schnalzt erneut mit der Zunge.

„Manuela“, antwortet sie, „Oder Manu, falls dir das lieber ist. Frau Baron nennt mich nur mein Steuerberater.“

„Gut, dann Manuela“, entgegnet Leo und setzt sich jetzt vorsichtiger auf, um seine Schulter nicht weiter zu irritieren. Ein weiteres Keuchen kann er sich aber trotzdem nicht ganz verkneifen, als er sich schließlich gegen die Holzwand hinter sich fallen lässt und wieder zu ihr aufschaut. „Was mache ich hier?“

Manuela betrachtet ihn für einen Moment, bevor sie einen der zwei Stühle greift, die um den Holztisch gruppiert sind. Sie zieht ihn zu sich heran und setzt sich rücklings darauf, sodass sie die verschränkten Arme auf der Lehne ablegen kann. Der dicke Goldschmuck um ihren Hals blitzt in der einfallenden Morgensonne.

„Was glaubst du denn, warum du hier bist?“

Leo entfährt ein kleines Lachen bei der Frage, das er bis in seine kaputte Schulter spürt.

„Ich weiß nicht, wo das Geld ist.“

„Wer hat denn was von Geld gesagt?“, fragt Manuela grinsend.

Leo schnaubt verächtlich und versucht sich nicht anmerken zu lassen, wie die Angst sich langsam in ihm ausbreitet, jetzt wo er von Minute zu Minute klarer im Kopf wird. Den Fingern von Moritz Leimer nach zu urteilen, gehört Manuela Baron nicht gerade zur zimperlichen Sorte.

„Was solltest du sonst von mir wollen?“

Manuela antwortet nicht sofort, sondern legt lieber ihr Kinn auf ihre verschränkten Arme ab und betrachtet ihn eine Weile.

„Ich weiß, dass du das Geld nicht hast und das du ziemlich sicher auch keine Ahnung hast, wo es ist“, gibt sie schließlich ohne Umschweife zu, „Da ist Schürk Junior genauso verbohrt wie sein alter Vater. Immer misstrauisch, immer der Einzelgänger, selbst seiner eigenen Ehefrau hat der nicht vertraut. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, schätz' ich mal.“

Den Blick, den sie ihm dabei zuwirft, ist sogar noch unsubtiler als ihre Worte.

„Und warum bin ich dann hier, wenn ich dir offensichtlich nicht helfen kann?“, hakt Leo nach und das breite Lächeln, das sich daraufhin auf Manuelas Gesicht schleicht, gefällt ihm ganz und gar nicht.

„Nur, weil er dir nicht vertraut, heißt das ja noch lange nicht, dass du ihm egal bist, oder?“

Daher weht also der Wind, hätte er auch gleich drauf kommen können. Leo ist nur der Faustpfand, um Adam endlich zu zwingen das Geld herauszurücken. Er hat ja schon geahnt, dass es ziemlich dumm gewesen war, sich vor jemanden wie Boris Barns so zu verplappern, aber eine Entführung wäre ihm trotzdem nicht in den Sinn gekommen.

„Du weißt ja ziemlich gut Bescheid“, entgegnet Leo nach einer Weile und spürt den Schmerz in seiner Schulter dumpf pochen, „aber willst du mal wissen, was ich so weiß?“

Manuela mustert ihn mit gehobener Augenbraue, aber macht sonst keine Anstalten ihn zu unterbrechen.

„Du hast Schulden“, sagt Leo und beobachtet, wie Manuelas Augenbraue Anstalten macht in ihrem Haaransatz zu verschwinden, „Und ich wette, wenn die Steuerfahndung mal hier und da genauer hinschaut, dann kannst du deine Heimatschenke ganz schnell dicht machen.“

„Wer hat denn keine Schulden heutzutage?“, antwortet Manuela gelassen, „Nicht jeder hat Anspruch auf eine üppige Beamtenpension.“

„Die Schulden sind ja auch nicht das wirkliche Problem, oder?“, gibt Leo zurück und Manuelas Augen verengen sich plötzlich bedrohlich, „Eine Privatinsolvenz kann das ganz schnell regeln, das haut eine Frau wie dich doch nicht aus den Socken. Ein paar Jahre was abbezahlen, um dir die lästigen Steuerfahnder vom Leib zu halten und nebenbei noch was dazu verdienen aus deinen kleinen Deals, die du unter der Hand am Laufen hast. Kein Problem.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Das eigentliche Problem“, fährt Leo ungerührt fort, „ist Boris Barns oder besser die Tatsache, dass Vater Staat gar nicht dein größter Gläubiger ist. Du hast dich bei einem faulen Deal verzockt von dem Barns nicht wusste, hab ich recht? Hast Kohle in den Sand gesetzt, die dir nicht gehört?“

Manuela knirscht mit den Zähnen, sagt aber nichts.

„Der alte Schürk, Barns und du. Ihr habt eure dreckigen Geschäfte über die Jahre echt gut getarnt, muss ich euch lassen, aber wenn man erst mal weiß, wo man anfangen muss zu suchen, dann brauch' man nur noch eins und eins zusammenzählen.Und als Barns dahinter gekommen ist, was du hinter seinem Rücken so treibst, da hat er dich schnurstracks auf die Spur des Geldes geschickt. Als Wiedergutmachung sozusagen. Aber Moritz Leimer hat's verbockt und dann war der Überraschungsmoment dahin und das Geld immer noch weg. Womit hat Barns dich dann bedroht, hm? Dir ein oder zwei Finger zu brechen oder besser gleich abzusäbeln? Scheint ja so was wie euer Modus Operandi zu sein.“

„Du glaubst, du bist so schlau, was?“, herrscht Manuela ihn an und steht dann so schwungvoll auf, dass ihr Stuhl laut über den Boden schabt und beinahe auf Leo drauf fällt. Sie schiebt ihn stattdessen unwirsch zur Seite und hockt sich vor ihm hin, sodass sie zum ersten Mal seit dem Beginn ihres Gesprächs auf Augenhöhe sind.

„Ich glaub', du hast deine Lage immer noch nicht ganz begriffen, Junge. Schürk Junior steht vielleicht unter Boris' Schutz, weiß Gott warum, aber du? Du bist derjenige, dem es an den Kragen geht, wenn dieser Rotzlöffel das Geld nicht freiwillig rausrückt. Ich glaube nicht, dass du herausfinden willst, was sich noch alles mit einer Kreissäge anfangen lässt.“

Für einen kurzen Moment überlegt Leo ernsthaft ihr blitzschnell die Stirn ins Gesicht zu rammen und zu fliehen, aber eine Bewegung im Schatten des verwinkelten Zimmers hält ihn davon ab. Vielleicht Mario, der Armverdreher, oder irgendein anderer von Manuelas Wachhunden. Leo weiß nicht mal, wie viele von denen hier herumlungern, geschweige denn, wo sie ihn überhaupt festhalten. Sein Arm pocht wie Hölle und ihm ist immer noch leicht schummrig von der Betäubung. Keine guten Voraussetzungen, um eine Flucht zu riskieren.

Manuela grinst und richtet sich dann wieder auf, sodass Leo widerwillig den Kopf heben muss, um sie im Auge zu behalten.

„Sobald wir das Geld haben, bist du frei“, verkündet sie und macht Anstalten zu gehen.

„Was, und das war's dann? Du lässt mich und Adam dann einfach so gehen? Du weißt schon für wen wir arbeiten oder?“, entfährt es Leo in einem Anflug von Trotz, woraufhin Manuela sich noch einmal zu ihm umdreht. Ihr Blick ist fast schon mitleidig.

„Ich seh' schon, du und Schürk Junior habt den selben Faible für die falschen Fragen.“

Als Leo sie nur verständnislos ansieht, lacht Manuela laut auf.

„Wie willst du das alles hier denn deinen Kollegen von der Kripo erklären, ohne dass Adam gleich wieder in die Lerch einfährt und du deinen Job verlierst?“

Leo schluckt schwer. Manuela grinst noch eine Spur breiter.

„Bleib' einfach ruhig hier sitzen und trink dein Wasser, Prinzgemahl, dann passiert dir schon nichts. Sobald wir das Geld haben, bist du frei und wir gehen alle unserer Wege und das hier-“

Manuela macht eine ausschweifende Bewegung durch den Raum.

„-das hier ist ab dann unser kleines Geheimnis.“

Einen Moment später verschwindet Manuela aus seinem Blickfeld und ein maskierter Typ tritt stattdessen aus dem Schatten, die Waffe locker in den Hosenbund gesteckt.

Prinzgemahl. Wenigstens hat sie Humor, denkt Leo grimmig.

~

Leos Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld. Adam steht inmitten des Chaos, während die KTU um ihn herum wuselt. Als er schließlich in die Küche tritt, knirschen die Scherben von Leos Geschirr unter seinen Fußsohlen laut genug, dass die beiden Frauen beim Fenster aufschauen. Pias Ausdruck ist müde und voller Sorge, aber Esther, Esther sieht aus, wie eine Gewitterfront kurz vor dem Orkan.

„Was zur Hölle ist hier los, Schürk?“, bricht es regelrecht aus ihr heraus, bevor Adam sie aufhalten kann. Sie sind zwar gerade allein in der Küche, aber der Rest der Wohnung wimmelt nur so von Kollegen der KTU.

„Nicht hier“, antwortet er daher betont und bedeutet den beiden Frauen ihm zu folgen.

Esther will sichtlich aufgebracht schon zum Gegenschlag ausholen, als Pia ihr sanft eine Hand auf den Unterarm legt.

„Esther“, sagt Pia nur eindringlich.

Esthers Blick schnellt daraufhin zu ihr und für einen Moment starren sich beide an, bevor Esther, sichtlich um Fassung bemüht, nachgibt.

„Also schön.“

Im Treppenhaus nimmt Adam je zwei Stufen auf einmal, während er hinter sich Pias und Esthers hastige Schritte vernimmt.

„War die KTU deine Idee?“, fragt er mit Blick zurück an Esther gewandt, die ihm daraufhin gleich den nächsten Todesblick zuwirft.

„Was hast du erwartet, Schürk? Unser Teamleiter ist unangemeldet nicht zur Arbeit erschienen und als wir bei ihm zuhause nachsehen wollten, ob alles in Ordnung ist, haben wir eine aufgebrochene Tür und eine völlig demolierte Wohnung vorgefunden. Ich weiß, Regeln sind nicht so dein Ding, aber hier geht’s um Leos Leben. Mir ist es mittlerweile scheißegal, ob du dich mit dieser ganzen Sache noch umbringst oder ob du endgültig in den Knast wanderst.“

„Esther, du-“, kommt es erneut von Pia, aber Adam unterbricht sie.

„Klingt fair“, bemerkt er trocken und springt dann mit einem Satz die letzten drei Stufen der Treppe hinunter und greift im selben Atemzug nach der Haustür.

Kurz darauf lässt er sich in den Fahrersitz seines Wagens gleiten, während Esther neben ihm Platz nimmt und die Tür hinter sich zuknallt. Pia rutscht derweil auf den Mittelsitz der Rückbank und lehnt sich zwischen die beiden Vordersitze zu ihnen vor.

„Sprich“, sagt Esther knapp und ihr Blick verrät, dass Adam maximal zehn Sekunden davon entfernt ist das Auto gleich wieder zu verlassen, dann allerdings in Handschellen.

„Onkel Boris hat Leo entführen lassen, weil er weiß, dass ich das Geld aus dem Raubüberfall habe.“

Pias Mund formt sich zu einem überraschten 'O', aber Esther ist schon drei Schritte weiter und traktiert ihn mit einem wütenden Blick.

„Du hast also die ganze Zeit das Geld gehabt und dann was? Pia und Leo nur aus Spaß auf diese gottverdammte Schnitzeljagd geschickt? Oder brauchtest du nur jemanden, der dir dabei hilft, dir den ungebetenen Männerbesuch mit Waffe vom Leib zu halten?“

„Ich hab' nie darum gebeten, dass mir irgendjemand hilft.“

„Ich glaub' das alles einfach nicht“, setzt Esther schon von neuem an, aber jetzt ist es Pia, die dazwischen geht.

„Adam“, beginnt sie sichtlich mitgenommen, „wie lange hast du schon das Geld?“

Adam seufzt genervt.

„Schon seit ich aus der Lerch wieder raus bin, okay? Mein Vater hat mich auf die Spur gebracht, kurz bevor er elendig verreckt ist. Ich hab' es im Wald ausgegraben.“

„Und was war dann bitte dein Plan, huh? Warum bist du damit nicht zur Polizei gegangen? Du weißt schon, dieser Verein, bei dem du arbeitest?“, fragt Esther wütend.

„Keine Ahnung!“, platzt es aus Adam heraus und dann ist es erst mal still.

Aus den Augenwinkeln kann er erkennen, wie Pia sich nervös auf der Lippe herumkaut, während Esther neben ihm aussieht, als würde sie ihm am liebsten eine überziehen.

„Wo ist das Geld jetzt?“, fragt Esther irgendwann in die Stille hinein und als Adams Blick bedeutungsvoll in Richtung Fußraum des Beifahrersitzes wandert, ist von Pia hinter ihnen nur noch ein leises „Oh“ zu vernehmen.

Esther greift sich die Sporttasche zwischen ihren Beinen, hievt sie sich in den Schoß und öffnet sie so energisch, dass einige der bunten Scheine in Richtung ihrer Füße segeln. Für einen langen Moment hört man Esther auf Französisch fluchen, dann stopft sie die losen Scheine wieder in die Tasche, schließt den Zipper und stopft das ganze Ungetüm zurück zwischen ihre Beine.

Für einen langen Moment sagt keiner was, dann kommt es zögerlich vom Rücksitz.

„Adam, bist du absolut sicher, dass Leos Verschwinden mit dem Geld zusammenhängt?“

Adam nickt und deutet dann auf die frische Platzwunde auf seiner Stirn.

„Manuela Baron und zwei maskierte Typen auf Steroiden haben mir heute früh einen Besuch abgestattet.“

„Manu?“, entfährt es Esther überrascht und als Adam zu ihr herüber schaut, sieht sie zum ersten Mal verunsichert aus.

„Onkel Boris hat sie geschickt“, bestätigt Adam, „ich hab' mir schon seit der Sache mit Alina gedacht, dass sie irgendwie mit ihm unter einer Decke steckt, so kryptisch, wie sie daher gefaselt hat, als ich das Geld erwähnt habe. Sie hat mir ein Ultimatum gesetzt. Ich hab' 24 Stunden Zeit das Geld aufzutreiben, sonst passiert ein Unglück.“

Esthers Augenbrauen verziehen sich zu einem nachdenklichen Runzeln.

„Und Leo?“, fragt Pia nun und als Adam sich zu ihr umdreht, wirft sie Esther einen besorgten Blick zu, „Wie passt Leo da rein? Hat er die ganze Zeit gewusst, dass du das Geld hast?“

Bei Pias Frage horcht Esther auf und beide Frauen sehen ihn erwartungsvoll an.

Adam seufzt und fährt sich durchs Haar.

„Nein und ja“, gibt er zu, woraufhin er nur fragende Blicke erntet.

„Direkt nach der Festnahme von Alina, da hast du Leo meine Sporttasche gegeben, erinnerst du dich, Pia?“

Pia nickt stumm.

„Leo hatte vermutlich schon vorher so eine Ahnung, jedenfalls hat er die Tasche geöffnet, sobald ihr weg wart, und dann war die Katze eben aus dem Sack.“

„Deshalb also die ganze miese Stimmung zwischen euch in den letzten Wochen!“, entfährt es Pia aufgeregt, „ich dachte schon, das hat was damit zu tun, was ich neulich zu ihm gesagt habe.“

„Zu ihm gesagt?“, hakt Adam nach, woraufhin Pia ein etwas gequältes Gesicht macht.

„Nachdem ihr Moritz Leimer habt laufen lassen, da hab' ich ihm gesagt, dass ihr eine toxische Beziehung habt und er auf sich aufpassen soll.“

„Huh“, macht Adam nur, während Esther neben ihm unüberhörbar sarkastisch schnaubt.

„Adam, du weißt ich mag dich furchtbar gerne, aber-“

„Schon gut, Heinrich“, fällt Adam ihr ins Wort, „ist ja nicht so, als wenn du nicht Recht hattest.“

Pia schaut daraufhin aber immer noch drein, als wenn ihr gesagt wurde, Weihnachten fällt dieses Jahr aus, weshalb Adam ihren Blick auffängt und so viel Ehrlichkeit in seine Stimme legt, wie es ihm möglich ist.

„Pia, das ist nicht deine Schuld. Leo hat das Geld gefunden, von dem ich ihm die ganze Zeit weismachen wollte, dass ich nicht wisse, wo es ist. Ich kann froh sein, dass er nur beschlossen hat mir aus dem Weg zu gehen und sich nicht weiter in die Sache einzumischen, anstatt mich gleich festzunehmen.“

„Ja, was für ein Glück“, wirft Esther ein und der Sarkasmus tropft nur so von jeder Silbe.

„Okay“, geht Pia hastig dazwischen, bevor Adam einen bissigen Kommentar zurückgeben kann, „Das erklärt trotzdem alles nicht, warum Onkel Boris es für eine gute Idee hält, Leo entführen zu lassen. Denkt er etwa, Leo weiß, wo das Geld ist?“

„Onkel Boris weiß, dass Leo von dem Geld weiß, aber keine Ahnung hat, wo es ist“, entgegnet Adam.

„Aber dann-“

„Onkel Boris ist nicht dumm. Er weiß, er braucht ein Druckmittel, damit ich kooperiere“, unterbricht Adam sie und krallt die Hände in den Stoff seiner Jeanshose, „Und als Leo und ich neulich bei ihm in der Lerch waren, da haben wir es ihm auf dem Silbertablett serviert.“

„Bist du verliebt in ihn?“, fragt Esther plötzlich unvermittelt, woraufhin Pia ein verdutzter Laut entfährt, „Glaubt Boris Barns deshalb, dass Leo zu entführen der beste Weg ist, um dich gefügig zu machen?“

„Warum fragen mich das heute alle?“, gibt Adam sarkastisch zurück, aber Esther lässt ihm keine Chance, die Frage einfach mit einer dummen Antwort zu parieren.

„Schürk, bist du verliebt in ihn?“

„Esther-“, murmelt Pia verunsichert, verstummt dann aber genauso schnell wieder.

„Ist das nicht offensichtlich?“, stellt Adam die Gegenfrage und als ihn beide Frauen nur mustern -Esther kalkulierend, Pia mit Augen so groß wie Mühlräder- entfährt ihm ein kurzes Lachen, das ganz und gar nicht fröhlich klingt. „Wann war ich denn je nicht in ihn verliebt?“

Die Stille, die sich nach seinem Geständnis im Auto ausbreitet, ist so drückend, dass Adam das Gefühl hat, ihm hat jemand die Ohren mit Watte zugestopft.

Dann seufzt Esther einmal schwer und der Moment ist vorbei.

„Hat Boris Barns vorhin irgendwas gesagt, was uns weiterhilft?“, fragt sie jetzt stattdessen und löst damit auch Pia wieder aus ihrer Schockstarre.

„Außer, das er findet, Leo und ich seien ein schönes Paar, meint du? Nicht wirklich“, gibt Adam spöttisch zurück, woraufhin Esthers Miene sich wieder verdunkelt.

„Schürk!“

„Okay, okay“, erwidert Adam und hebt beschwichtigend die Hände, „er hat nur gesagt, dass Leo nichts passiert, wenn ich Manuela nach Ablauf des Ultimatums das Geld aushändige. Und dann hat er vom Angeln angefangen, Gott weiß warum.“

„Vom Angeln?“, fragt Pia ungläubig.

„Ja, keine Ahnung-“, fängt Adam hitzig an, unterbricht sich aber im nächsten Moment selbst, stutzt, versucht sich fieberhaft in Erinnerung zu rufen, was Onkel Boris genau gesagt hat. Als Pia Anstalten macht den Mund zu öffnen, bedeutet Adam ihr ungeduldig still zu sein, woraufhin sie stirnrunzelnd zu Esther blickt, die nur mit den Augen rollt.

Das ist Schade, dass du das so siehst. Aber, Adam, ich sehe nicht was dir anderes übrig bleibt, als mir zu vertrauen? Außer du willst in weniger als 24 Stunden überall deine Angel auswerfen und auf den großen Fang hoffen? Einen Hecht fängt man nicht an-

„Einen Hecht fängt man nicht an einem Tag“, murmelt Adam und dann, schlagartig, hat er es.

„Alsweiler!“, bricht es aus ihm heraus, „Onkel Boris' alte Jagdhütte beim Dreiecksbach.“

Die alte Jagdhütte, die leer steht und vor sich hin rottet seit Onkel Boris in den Knast eingefahren ist. Die alte Jagdhütte, die sie immer als Stützpunkt für ihre Angelausflüge genutzt haben. Er kann sich noch so gut erinnern, an damals, als sie oft zusammen Angeln gegangen sind. Adams Hände tollpatschig beim Einholen des Fanges, wie er den nassen glitschigen Fisch kaum zu fassen bekam in seinen Kinderhänden, so sehr hat das Tier sich gewunden und gezittert. Onkel Boris' Lachen dabei, laut und herzhaft, aber nie bösartig. Die Gutmütigkeit in seinen Augen, so ganz anders als sein Vater. Onkel Boris' Verrat tut so sehr weh, weil er ihn nicht hat kommen sehen.

„Hört zu“, fängt er an, während Esther und Pia fragend die Brauen heben, „Onkel Boris hat mich früher öfters mitgenommen zum Angeln am Dreiecksbach, da hat er eine alte Jagdhütte. Davon wusste die Polizei aber nichts, weshalb sie nach seiner Festnahme nicht beschlagnahmt wurde. Onkel Boris hat garantiert irgendwo noch den Schlüssel versteckt, bevor er eingefahren ist.“

„Und du glaubst, Manu hat Leo dorthin gebracht?“, fragt Esther skeptisch.

„Warum sonst hat Onkel Boris mit den Angelmetaphern angefangen? 'Einen Hecht fängt man nicht an einem Tag', das hat er früher schon immer gesagt, deshalb kann ich mich noch so gut daran erinnern.“

„Klingt nach viel Spekulation, wenn du mich fragst“, antwortet Esther.

„Hast du ne bessere Idee, Baumann?“, gibt Adam ungeduldig zurück, „einen Versuch ist es wert.“

„Und was, wenn du Recht hast, Adam?“, mischt Pia sich daraufhin ein, „Was genau ist unser Plan?“

„Wir sollten das SEK hinzuziehen“, antwortet Esther stattdessen, woraufhin Adams Blick zu ihr schnellt.

„Bist du irre? Erstens dauert das viel zu lange, das alles zu organisieren und zweitens reden wir hier von einer abgelegenen Hütte in der Walachei. Wenn wir da mit nem ganzen Sturmtrupp aufkreuzen, geraten Manuela und ihr Schlägertrupp vielleicht in Panik und das ganze läuft aus dem Ruder. Leos Leben ist für die nichts mehr wert, wenn sie keine Chance mehr auf das Geld wittern.“

„Ach, und was ist dann dein toller Plan?“, herrscht Esther ihn unwirsch an, „da hin marschieren und denen das Geld vor die Füße werfen, oder wie?“

„Wenn's sein muss, ja, Baumann, dann ist genau das mein Plan.“

Esther schnaubt verächtlich.

„Sobald die das Geld haben, knallen die dich ab, Adam, und uns gleich mit.“

„Bist du echt so engstirnig? Manuela weiß nichts davon, dass ihr eingeweiht seit, also müssen wir nur dafür sorgen, dass es so wirkt, als sei ich alleine gekommen.“

„Ich sehe nicht, wie das enden soll, ohne eine Kugel in deiner verbohrten Stirn.“

„Onkel Boris will mich nicht tot sehen, weiß der Teufel, warum. Andernfalls hätte ich vermutlich längst drei Kugeln in meiner verbohrten Stirn.“

„Du-“, hetzt Esther schon drauf los, aber Pia legt je eine Hand auf ihre Schultern und schüttelt Adam und Esther einmal kräftig durch.

„Leute! Schluss jetzt damit. Euer ewiges Gezanke hilft echt keinen Meter weiter.“

„Okay, Pia“, wirft Esther dazwischen und dreht sich zu ihr um, „Was denkst du, was wir machen sollen?“

Pias verdutztes Gesicht wird nachdenklich, als sie sie beide abwechselnd mustert, bis ihr Blick schließlich an Adam kleben bleibt.

„Bist du wirklich sicher, Adam, dass die dich nicht bei der ersten Gelegenheit abknallen?“

„Klaro“, gibt er grinsend zurück, was Esther nur mit einem Augenrollen quittiert und Pia ein kurzes amüsiertes Lächeln entlockt, bevor sie wieder ernst wird.

„Dann sage ich, wir fahren zur Hütte. Adam nähert sich mit dem Geld, während wir uns verstecken und auf eine Gelegenheit warten, mit der wir Leo freibekommen ohne die Beute übergeben zu müssen?“

„Ganz toller Plan“, antwortet Esther und sieht dann von Pia zu Adam und zurück. Der Blickkontakt der beiden hält eine gefühlte Ewigkeit.

„Gut, aber nur unter einer Bedingung“, setzt Esther schließlich fort und dreht sich wieder Adam zu, „Wenn das hier alles vorbei ist, dann gibst du mir das Geld und ich entscheide ein für allemal, was damit passiert.“

Adam beißt sich auf die Zunge vor Irritation, gibt aber im nächsten Moment nach. Was sind schon ein paar Jährchen Gefängnis gegen Leos Leben?

„Deal.“

Esther guckt für einen Moment überrascht, dann lässt sie sich mit einem kleinen Nicken tiefer in den Sitz gleiten und Adam weiß, das heißt, sie ist endgültig an Bord.

Als er sich noch einmal umdreht, schaut Pia schon entschlossen zurück.

Damit dreht Adam sich wieder nach vorne und startet endlich den Motor. Als sie auf die A1 in Richtung Trier abbiegen, drückt Adam das Gaspedal unter Sirenengeheul durch.

~

Die abgelegene Forststraße liegt einsam und verlassen da, als Adam den Motor abstellt und aus dem Auto steigt. Die Luft ist kühler hier als in der überhitzten Stadt und prickelt auf der Haut seiner nackten Arme. Über ihnen liegt der Himmel schwer und grau da, es riecht nach Regen. Weit in der Ferne glaubt er ein Donnergrollen zu hören. Adam rückt sein Schulterholster zurecht und umrundet den Wagen, wo Esther und Pia schon auf ihn warten. Kaum hat er die Motorhaube umrundet, drückt ihm Esther unsanft die Sporttasche gegen die Brust, bevor sie sich dem Handy in ihrer Hand zuwendet und das GPS-Signal checkt.

„Von hier aus sind es in etwa noch 15 Minuten Fußweg durchs Unterholz“, lässt sie verlauten und marschiert dann los, Pia dicht auf den Versen.

Adam wirft sich die Sporttasche über die Schulter, spürt ihr Gewicht, so als versuche die Sünde darin ihn in die Knie zu zwingen. Er hält ihr Stand und folgt dann seinen Kolleginnen ins Dickicht.

Der Weg durch das unwegsame Gelände ist beschwerlich und lässt ihn mehr als einmal innerlich fluchen, sobald die verdammte Sporttasche wieder mal im Gestrüpp hängen bleibt oder ihm ein tief hängender Ast die Arme zerkratzt. Pia und Esther vor ihm haben ebenfalls so ihre Mühe mit dem Vorwärtskommen, aber die Anspannung in der Luft drückt ihnen allen sichtlich auf die Gemüter. Keiner hat mehr gesprochen, seit sie vom Auto aus aufgebrochen sind.

Nach einer ganzen Weile bleibt Esther, die ihren kleinen Rettungstrupp immer noch anführt, plötzlich stehen, hockt sich hinter einen Brombeerstrauch und bedeutet ihm und Pia mit einer ungeduldigen Geste es ihr gleich zu tun. Adam lässt die Sporttasche von seiner Schulter gleiten und kniet sich neben ihr ins Moos, während Pia es ihm auf Esthers anderer Seite gleichtut. Gemeinsam starren sie durch das Gestrüpp auf Onkel Boris' alte Jagdhütte, deren Umrisse durch das Laub der Bäume um sie herum schemenhaft zu erkennen ist. Adam kann ausmachen, dass jemand ein paar Meter die Zufahrt runter gegen Manuelas gelbem Bus lehnt, aber es ist unmöglich zu erkennen, wer es ist. Der Statur nach zu urteilen, tippt Adam auf Anabolikaopfer Nr. 2.

„Das ist Manus Bus“, flüstert Esther und klingt dabei seltsam betroffen, so als ob ihr erst jetzt bewusst wird, das Adam keinen kompletten Unfug erzählt hat. Adam verkneift sich einen sarkastischen Kommentar. Pia legt Esther eine tröstende Hand auf die Schulter und drückt einmal zu.

„Immerhin wissen wir jetzt, dass wir hier richtig sind“, bemerkt sie sanft, bevor sie sich wieder dem Spektakel vor ihnen zuwendet und die Augen zusammenkneift.

„Ein Fernglas wäre jetzt nicht schlecht“, murmelt sie dabei und beugt sich noch ein Stück weiter vor, sodass sie schon auf den Zehenspitzen balanciert und Gefahr läuft direkt in die Brombeeren zu purzeln, „von hier kann man echt kaum was erkennen.“

„Sorry, meinen Spionagekoffer hab' ich leider in meiner Eile heute früh vergessen“, entgegnet Adam höhnisch, woraufhin Esther ihm einen vernichtenden Blick zuwirft, aber schon im gleichen Augenblick nach Pias Jacke greift und sie sanft zurückzieht, bevor sie vollends vornüber in den Busch kippen kann.

Pia sinkt auf die Knie und kramt in ihrer Jackentasche, dann zieht sie ihr Handy hervor und tippt kurz darauf herum, bevor sie es hochhält und darauf herum wischt. Adam lehnt sich um Esther herum zu ihr herüber, um zu sehen was sie macht. Pia hat ihre Kamera auf den gelben Bus gerichtet und zoomt so nah heran, dass das Bild zwar nur einen unansehnlichen Haufen Pixel zeigt, aber immerhin ist zu erkennen, dass Anabolikaopfer Nr. 2 offensichtlich in sein Handy vertieft ist und nicht sonderlich auf seine Umgebung achtet. Und was am wichtigsten ist, allein. Keine Spur von weiteren Wachen vor oder im unmittelbaren Umkreis der Hütte.

Als Pia das Handy wieder sinken lässt und zu ihnen aufschaut, gibt Adam ihr einen anerkennenden Knuff in die Schulter, was ihr ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Plötzlich ertönt wieder ein dumpfes Grollen hoch über ihnen und Blitze zucken durch die Wolken. Nicht mehr lang und das Gewitter ist direkt über ihnen. Adam schaut nach oben durch die Baumkronen, dahinter ist der Himmel dunkel und schwer und taucht den Wald vor ihnen in graue Schatten.

Esther folgt seinem Blick.

„Okay, wir sollten nicht noch mehr Zeit vergeuden“, verkündet sie und zieht ihre Dienstwaffe, löst die Sicherung, „Pia und ich ziehen einen Parameter um das Haus, Schürk, du-“

„Ich kenne den Plan, danke, wir haben ihn ja nur hundertmal durchgekaut auf der Fahrt hierher“, unterbricht Adam sie, wirft sich die Sporttasche erneut über die Schulter und macht Anstalten endlich um den Brombeerbusch herum in Richtung Bus zu kriechen, als Esther ihn unwirsch am T-Shirt zurückzieht.

Als sich ihre Blicke treffen, funkelt Esther ihn mit ihren dunklen Augen an.

„Sieh' zu, dass du das nicht versaust, Schürk.“

Adam grinst trocken und löst dann sanft ihre Finger aus seinem T-Shirt.

„Für Leo?“, fragt er stattdessen und blickt erst Esther und dann Pia fest in die Augen.

Beide Frauen nicken entschlossen zurück.

„Für Leo.“

~

Adam spürt erste Regentropfen auf der Haut, als er vorsichtig den Bus umrundet. Anabolikaopfer Nr. 2 lehnt weiter am Bus, eine Kippe zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner Rechten geklemmt, und tippt wie wild auf seinem Handy herum. Ohne die Skimaske wirkt sein tätowierter Nacken gleich noch ein Stück bulliger und die Haut in seinem Gesicht ist rot und uneben, vermutlich von den Steroiden in seinem Blut. In seinen Ohren stecken ein Paar kabellose In-Ears, aus denen blechern schlechter Deutschrap schallt.

Adam grinst gemein und macht dann einen Satz hinter dem Bus hervor, sodass Anabolikaopfer Nr. 2 vor Schreck Handy und Kippe aus den Händen fällt. Bevor er zu seiner Waffe greifen kann, hat ihm Adam schon so fest die Stirn ins Gesicht gerammt, dass seine eigene Platzwunde wieder zu bluten beginnt. Anabolikaopfer Nr. 2 heult laut auf vor Schmerz, zu laut, bevor ihm Adam endlich eine mit dem Griff seiner Dienstwaffe überziehen kann und er daraufhin endgültig in sich zusammensackt.

Adam zieht dem Pisser die Pistole aus dem Hosenbund und wirft sie im hohen Bogen ins Dickicht. Wischt sich das Blut aus dem Gesicht, wo es sich mehr und mehr mit dem Regen mischt, der jetzt schneller und schneller zu fallen beginnt. Der Himmel bebt und zuckt. Als er aufschaut, knallt die Tür der Jagdhütte auf und dann tritt Manuela Baron in die Lichtung vor dem Haus, hinter ihr Anabolikaopfer Nr. 1 mit der Waffe an Leos Schläfe und einem fest Griff um seinen Oberarm. Adams Augen bleiben unweigerlich an ihm haften. Leo sieht blass aus, mitgenommen und das Gesicht schmerzverzerrt. Er trägt immer noch die selben Klamotten wie gestern, also wurde er definitiv auf dem Heimweg von der Kneipe entführt. Er steht aufrecht, aber mit Mühe, und seine Haltung ist seltsam, irgendwie verkrampft. Als Adam seinen Blick seine linke Seite hinabgleiten lässt, kann er schon erraten warum. Leos Arm hängt schlaff und in einem ungesunden Winkel herunter. Adam spürt den Zorn in sich aufsteigen, bis er direkt unter der Oberfläche brodelt.

Die Sporttasche gleitet von seiner Schulter in seine Hand, dann hebt er langsam die Rechte in die Luft, die immer noch seine Dienstwaffe hält und geht gemächlich auf Manuela zu, bis sie nur wenige Meter trennt und sie sich direkt in die Augen sehen können. Der nächste Blitz lässt ihre kalten Augen aufblitzen. Für einen Moment ist nichts zu hören außer der Donner über ihnen und das laute Getöse des Regens, der jetzt unaufhörlich auf das Blattwerk der Bäume und die alten Dachziegel der Hütte trommelt. Adam blinzelt sich den Regen aus den Wimpern und schaut erneut zu Leo, der ihm wieder diesen Blick zuwirft, den, der sich seit ihrem Streit in der Klinik vor ein paar Wochen regelrecht in seine Netzhaut gebrannt hat.

„Du weißt, ich würde mit dir bis ans Ende der Welt gehen.“

„Dann muss ich vielleicht alleine gehen, huh?“

„Adam Schürk, der Mittelpunkt der Welt.“

„Deiner Welt vielleicht.“

Adam hält seinen Blick noch einen Moment länger und lächelt. Leos Augen weiten sich überrascht und er macht Anstalten etwas sagen zu wollen, aber Adam wendet sich ab und bringt ihn damit zum verstummen. Wer weiß, wenn das hier alles vorbei ist, würde Leo vielleicht endlich kapieren, dass Adam nicht gut für ihn ist, auch wenn Adam nicht anders kann, als sich davor wie beschissen zu fürchten. Er war schon immer eine ganz und gar selbstsüchtige Kreatur.

Als er sich wieder Manuela zuwendet, erschüttert ein furchtbares Donnergrollen den Himmel.

„Ich sehe du hast auch ohne Hilfe hergefunden, Königssohn“, sagt sie laut über den Regen hinweg und klatscht dann dreimal in die Hände wie zum Beifall. Der Regen geht jetzt so heftig nieder, dass er sich auf den vier, fünf Metern zwischen ihnen wie ein grauer Schleier zwischen sie legt. Manuelas blonde Haare kleben ihr in der Stirn und ihre Bluse ist komplett durchnässt, aber da ist kein Zeichen von Unwohlsein in ihrem Gesicht.

„Ich hoffe, diesmal ist in der Sporttasche nicht nur dein Pilates-Outfit?“

„Komm' her und find' es raus“, ruft Adam ihr entgegen, „aber erst lässt deine Bulldogge ihn gehen.“ Adam nickt in Richtung Leo.

„Erst das Geld und dann das Vergnügen, Königssohn, hat dein Vater dir denn gar nichts beigebracht?“

Adam schnaubt spöttisch und wirft ihr dann seine Dienstwaffe entgegen, sodass sie vor ihren Füßen ins nasse Gras klatscht. Hebt auffordernd die linke Augenbraue.

„Da, ich bin unbewaffnet. Lass ihn gehen und als nächstes fliegt die Sporttasche hinterher.“

„Ich nehm's zurück, du bist ganz und gar dein Vater. Arrogant und überheblich bis zum umfallen. Selbst noch am Verhandeln, wenn er schon komplett blank da steht. Aber eins sag' ich dir, Junge, wenn du nicht wie Roland unter der Erde landen willst, dann tust du besser, was ich dir sage.“

„Nicht, dass das nicht verlockend klingt, Manu, aber hat Onkel Boris dir nicht verboten Hand an mich anzulegen? Klingt also nach einem Haufen Bullshit, den du hier auftischst.“

Manuelas Lachen mischt sich mit dem erneuten Donnergrollen, das auf sie nieder geht. Drei Sekunden später blitzt es so hell, dass die ganze Lichtung für eine Zehntelsekunde taghell aufleuchtet und den Blick frei gibt auf Pia, die sich getarnt vom Lärm des Regens langsam, ganz langsam von hinten an Anabolikaopfer Nr. 1 heranschleicht.

Dann taucht die Dunkelheit der Gewitterwolken sie wieder in Schatten und Adam zwingt sich wegzusehen, um sie nicht noch durch zu offensichtliches Starren zu verraten.

„Adam-“, kommt es plötzlich von Leo in diesem Tonfall, den Adam so sehr hasst, weil er ihm jedes Mal Stiche ins Herz versetzt.

„Also, Manu, was sagst du?“, geht er laut und herrisch dazwischen, bevor Leo sie noch alle auffliegen lassen kann, indem er Manuelas Blick auf sich, und damit zwangsläufig auch auf Pia, lenkt, „Lass Leo laufen und das Geld gehört dir.“

Da ist etwas in Manuelas kalten Augen, unnachgiebig und unversöhnlich, wie eine böse Vorahnung.
Zu dem brodelnden Zorn unter seiner Haut mischt sich nun mehr und mehr die Angst. Einem erneuten Donnergrollen folgt ein weiterer Blitz.

Pia, so nah. Nur noch ein bisschen, ein ganz kleines bisschen.

Adam schmeckt Blut und Regen auf der Zunge und versucht ruhig zu bleiben.

„Du hast es immer noch nicht kapiert, Königssohn“, sagt Manuela und das Gewitter über ihren Köpfen macht sich bereit zum Crecendo, „Nicht jede Wunde schneidet ins eigene Fleisch.“

Bevor Adam noch etwas erwidern kann, stößt Anabolikaopfer Nr. 1 Leo vor sich auf die Knie und zielt.

„Das Geld, Königssohn! Jetzt!“

Ohne nachzudenken, wirft Adam die Sporttasche in die Mitte der Lichtung, schaut nicht hin, wo sie landet, sein Blick nur auf Leo gerichtet. Leo schaut zurück und ihr Blick hält und hält und hält. Adam nimmt wie beiläufig wahr, wie sich Manuela mit einem Feixen der Tasche nähert, wie Anabolikaopfer Nr. 1 den Schussarm entspannt, nur ein bisschen, nur eine Sekunde lang.

Ein Donnergrollen, lauter als jedes zuvor, erfüllt die kleine Lichtung und dann bricht das Chaos aus. Hinter Anabolikaopfer Nr. 1 taucht urplötzlich Pia aus der Dunkelheit auf und nutzt dessen Unachtsamkeit aus, um ihm von hinten eine überzuziehen mit ihrer Dienstwaffe, während sie gleichzeitig nach der Pistole in seiner Hand greift. Die beide ringen miteinander, einen gefühlt endlosen Moment lang, dann dreht sich Leo auf den Knien um und greift ebenfalls nach der Waffe, Anabolikaopfer Nr. 1 zielt und-

Adam hört auf zu Atmen.

Das Klicken des Auslösers ist überlaut in dem Gewittersturm um sie herum, aber kein Schuss löst sich. Für einen zerbrechlichen Moment scheint die Zeit still zu stehen. Dann endlich drückt Pia das verdutzte Gesicht von diesem dreckigen Wichser in den Matsch und kickt ihm gleichzeitig die Pistole aus der Hand.

Adam saugt unkontrolliert Luft ein, verschluckt sich fast daran.

„Leo!“

Leo dreht sich erschrocken zu ihm um, das Gesicht leichenblass aber unversehrt, die Knie im Schlamm vergraben und am ganzen Körper zitternd.

Ihre Blicke treffen sich erneut und-

„Adam!“, brüllt ihm Pia entgegen und löst ihn endlich aus seiner Starre, „Adam, das Geld!“

Adams Blick schnellt zu der Sporttasche in der Mitte der Lichtung, zu Manuela, die die roten Griffe ergreift und dann davon rennt in Richtung Unterholz. Und dann plötzlich ist da Esther, die aus dem Schatten der Hütte hervorschnellt und die Verfolgung aufnimmt.

Er schaut zurück zu Leo, dem Pia jetzt ihre völlig durchgeweichte Jacke über die Schultern legt. Seine klatschnassen Haare kleben ihm in der Stirn, die langen Wimpern schwer von den Regentropfen, die sich darin verfangen haben. Der linke Arm unnatürlich schlaff herunterhängend, aber am Leben. Adam will ihn in den Arm nehmen, will ihn-

„Adam!“, kommt es erneut von Pia im Tandem mit einem letzten Donnergrollen des Gewitters, das schon fast komplett über sie hinweg gezogen ist, „Adam, ich hab' ihn! Ich hab' ihn, okay? Hilf' Esther!“

Leos Augen sind sturmgrau, als Adam es endlich schafft sich von ihnen abzuwenden und losrennt, mitten rein in den dunklen Wald. Äste und feuchtes Blattwerk schlagen ihm entgegen und er rutscht mehr als einmal aus, knallt fast hin und richtet sich im selben Moment wieder auf und dann endlich, bricht er durch das Unterholz. Vor ihm, vielleicht vierzig Meter entfernt, lichtet sich der Wald und er kann sehen, wie Esther Manuela von hinten zu fassen kriegt, an ihr zerrt und mit lautem Geschrei gehen sie schließlich beide zu Boden. Die Sporttasche segelt ein paar Meter davon, kullert ein Stück eine Senke hinab und ist außer Sicht. Manuela versucht hastig hinterher zu kriechen, aber dann ist Esther wieder auf ihr wie eine wilde Furie, drückt sie zu Boden, bis Manuela mit aller Kraft ausholt und ihr so fest eine verpasst, dass Esther rücklings im feuchten Moos landet.

„Du blöde Bullenschlampe!“, schreit Manuela, beugt sich über sie und verpasst ihr gleich noch eine, „ich hätte so jemanden wie dich nie in meine Kneipe lassen dürfen!“

Adam rennt erneut los.

Auf halber Strecke kann er mit Schrecken sehen, wie Manuela hektisch nach einem großen Stein greift, der neben beiden Frauen im Gras liegt. Ihre glitschigen Hände schließen sich darum, rutschen ab auf dem regenfeuchten Gestein, fassen nach.

Noch ein paar Meter.

Adam bremst abrupt ab, vor ihm liegt Esthers Dienstwaffe im Schlamm, die sie verloren haben muss bei ihrem Versuch Manuela zu überwältigen.

Manuela hebt den Stein. Adam greift zu und drückt im selben Atemzug ab.

Der Schuss halt durch das leise Rauschen des Regens und schreckt ein paar wilde Tauben auf, die sich im Gehölz der Büsche vor dem Gewitter versteckt haben müssen.

Manuela sackt leblos auf Esthers Brust zusammen, bis diese sie schließlich mit Mühe von sich runter schiebt und schwer atmend zurück ins Moos sinkt.

Adam lässt die Waffe fallen und stolpert die letzten paar Meter an beiden Frauen vorbei, die kleine Senke hinab und greift nach der Sporttasche. Als er zurückkommt, liegt Esther immer noch da und blinzelt in Richtung Himmel. Ihre Augen sind feucht und die Tränen ziehen Schlieren auf ihren mit Erde und Blut verschmierten Wangen, aber vielleicht ist es auch nur der Regen.

Adam bleibt neben ihr stehen, schaut rüber zu der toten Baronin, rümpft die Nase und hält dann Esther die Hand hin. Als Esther sich nicht rührt, ihn nur anstarrt mit ihren feuchten dunklen Augen, macht Adam ein ungeduldiges Geräusch.

„Na, komm schon, Baumann.“

Und dann endlich reicht sie ihm ihre Hand und Adam zieht sie, so behutsam er kann, auf die Beine. Dann drückt er ihr unvermittelt die Sporttasche in die Arme, nach der Esther mehr aus Reflex als alles andere zu greifen scheint. Als sie ihn fragend ansieht, grinst Adam nur schief und legt ihr schließlich den Arm um die Schultern, um sie in Richtung Jagdhütte zu dirigieren.

„Hast du dir verdient“, verkündet er noch und dann verschwinden sie wieder im Unterholz und keiner von ihnen schaut zurück.

~

Als sie Arm in Arm die Lichtung vor der Jagdhütte erreichen, kommen Leo und Pia ihnen schon entgegen. Die Sonne bricht durch die Wolken, während es immer noch regnet und dann löst sich Adams Arm von Esthers Schulter und umschließt im selben Moment die Leos. Adam legt eine Hand in seinen Nacken, zieht ihn fester an sich heran, so fest es geht ohne Leos kaputte Schulter weiter zu belasten. Nimmt den ersten richtigen Atemzug, seit das alles hier komplett aus dem Ruder gelaufen ist, und vergräbt das Gesicht in Leos Halsbeuge.

Für einen sehr langen Moment stehen sie so da, während der Regen müde auf sie herab plätschert, im Sonnenlicht, Leos gleichmäßiger Herzschlag gegen seinen gepresst. Dann löst sich Leo langsam aus ihrer Umarmung, schaut zu ihm auf und bevor er etwas sagen kann, presst Adam seine regennasse, blutende Stirn gegen Leos, schließt die Augen und flüstert in die Stille zwischen ihnen:

„Es tut mir Leid.“

Leo presst als Antwort seine Stirn nur noch enger an Adams.

Als sie sich das nächste Mal von einander lösen, regnet es nicht mehr, stattdessen zeichnet sich ein blasser Regenbogen am Himmel ab.

Was für ein scheiß Klischee.

 

~

 

„Man, Caro, kannst du das nicht mal lassen?“, platzt es genervt aus ihm heraus, als seine Schwester Anstalten macht, zum xten Mal in einer halben Stunde das Kissen in seinem Rücken aufzuschütteln, „Ich hab' nur eine ausgerenkte Schulter und ein paar blaue Flecken, kein Grund so zu tun, als wenn ich gleich tot umkippe.“

Der Blick, den sie Leo daraufhin zuwirft, ist vernichtend.

„Ich mein ja nur...“, murmelt er beschwichtigend, „Ich kapier' halt einfach nicht, warum die mich hier noch eine weitere Nacht dabehalten wollen. So schlimm ist das alles nicht.“

Leo deutet auf seinen linken Arm, der seit seinem Besuch in der Notaufnahme in einer Schlinge steckt. Außerdem sind die Kissen fluffig genug, denkt er trotzig, und lässt sich demonstrativ weiter in sie zurückfallen.

„Nicht so schlimm, sagt er“, antwortet Caro aufgebracht, „Soll ich die Liste für dich nochmal durchgehen? Wiederholt betäubt, dehydriert, unterkühlt, Schulter ausgekugelt, Blessuren an allen Ecken und Enden, ach ja, und der Schock.“

„Ja, danke, ich kenne die Liste.“

„Wieso fragst du dann noch?“

Leo seufzt.

„Leo, du wurdest entführt, malträtiert und beinahe erschossen. Meinst du nicht, das ist genau der richtige Moment, um mal drei Gänge zurückzuschalten? Warum willst du hier überhaupt so schnell wieder raus? Deine Wohnung-“

„Ich weiß, wie meine Wohnung aussieht, kein Grund mich dran zu erinnern“, unterbricht Leo sie unwirsch, „Esther hat mir gestern Fotos gezeigt.“

Gestern, Leo noch halb im Delirium, Esther und Pia an seiner Bettkante, als sie fieberhaft beratschlagt haben, was jetzt passiert, was zum Teufel sie denn sagen sollten, was sich da im Wald zugetragen hat. Adam schon längst wieder über alle Berge, nachdem er Leo vor dem Eingang der Notaufnahme ein letztes Mal umarmt hat. Ich meld' mich bald, versprochen, hat er Leo noch ins Ohr geflüstert und war dann verschwunden. Seitdem Funkstille.

Caro schaut ihn mitleidig an, bevor sie sich in ihrem Stuhl vorbeugt und seine Hand ergreift.

„Du weißt, Jonas und ich helfen dir beim aufräumen, oder? Alles halb so schlimm.“

Leo lächelt schwach und drückt ihre Hand.

„Solange sich mein Schwager in spe aus der Küche fernhält, sonst geht da nur noch mehr zu Bruch.“

Caro lacht nur als Antwort und schon ist wieder alles gut zwischen ihnen.

„Was passiert jetzt eigentlich?“, fragt Caro nach einer Weile und schaut nachdenklich drein, „Bist du wirklich beurlaubt?“

„Ich fürchte, ja“, seufzt Leo und lehnt sich noch weiter in die Kissen zurück, bedacht darauf seine Schulter nicht zu viel zu belasten, „Das ganze Team ist freigestellt bis die Ermittlungen zu meiner Entführung und Manuela Barons Tod abgeschlossen sind.“

Caro beißt sich daraufhin auf die Unterlippe, bevor sie ihn nervös mustert.

„Und Adam hat sie erschossen?“

Leo runzelt die Stirn bei dem Unterton in ihrer Stimme.

„Ja“, gibt er ohne Umschweife zu und schaut seiner Schwester dabei fest in die Augen, „Aber er hatte keine andere Wahl, verstehst du, Caro? Manuela hätte Esther sonst umgebracht. Es war Notwehr.“

Und Leo hat sich, was Adam betrifft, in letzter Zeit viel zu viel eingeredet, aber in dieser Sache ist er 100 Prozent sicher. Adam ist viele Dinge -Opfer, Lügner, Egomane- aber ein eiskalter Mörder ist er nicht.

„Was auch immer die Ermittlungen ergeben“, fügt er hinzu und lächelt dabei schwach, „Wenn Adam wieder in den Knast wandert, dann diesmal zumindest nicht für Mord.“

Caro schnaubt amüsiert und der angespannte Moment ist vorbei.

„Und was machst du bis dahin? Wäre vielleicht eine gute Gelegenheit, dir endlich mal ein Hobby zuzulegen, das nichts mit deiner Arbeit zu tun hat.“

Leo denkt an Esther, die so verzweifelt versucht hat, ihre Arbeit von ihrem Privatleben zu trennen und am Ende so bitterlich gescheitert ist.

„Ja, vielleicht“, antwortet er daher nur mit müdem Lächeln und wechselt lieber das Thema, „Ich schätze, ich werde David so bald wie möglich einen Besuch abstatten. Dank all dem Chaos der letzten Tage hat vermutlich niemand daran gedacht ihm zu sagen, dass wir den Mord an seiner Schwester aufgeklärt haben.“

„David?“, fragt Caro und macht dann große Augen, „David-vielleicht-nach-dem-Fall-David? Der David?“

„Genau der“, entgegnet Leo.

„Und?“, hakt Caro vorsichtig nach, „Denkst du, es wird ein nach dem Fall geben?“

Leo zögert, aber sein Gesicht sagt vermutlich eh schon alles, Caros Blick nach zu urteilen.

„Adam?“, fragt sie stattdessen seufzend und kann den etwas säuerlichen Ausdruck in ihren Augen nicht ganz vermeiden, auch wenn sie sich Mühe gibt.

Leo verzieht das Gesicht.

„Hey“, sagt Caro sanft und drückt erneut seine Hand, „Kein Grund alles gleich und sofort zu entscheiden, okay?“

Leo erwidert ihr Lächeln schwach und nickt.

„Ja, okay.“

„Gut“, antwortet Caro und steht dann auf.

„Ich treff' mich jetzt mit Jonas in deiner Wohnung, damit er noch dein restliches Geschirr zerdeppern kann.“

„Ha, ha“, macht Leo nur trocken und Caro lacht.

„Ruh' dich aus, Leo“, sagt Caro und beugt sich über ihn, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken, streichelt ihm dann noch einmal zärtlich durchs Haar und dreht sich um zum Gehen. Leo schaut ihr nach bis sie bei der Tür inne hält und sich noch mal zu ihm umdreht.

„Jonas und ich planen für übernächstes Wochenende eine Grillparty und ich würde mich freuen, wenn du es diesmal schaffst vorbeizukommen, jetzt wo du arbeitslos bist und-.“

„Beurlaubt, Caro“, wirft Leo dazwischen.

„-und wenn du magst, dann kannst du gerne jemanden mitbringen.“

„Caro-“, seufzt Leo, aber seine Schwester winkt nur ab.

„Nur, damit du Bescheid weißt, sonst nichts“, versichert sie mit einem Zwinkern.

Leo seufzt noch schwerer, gibt sich aber dann geschlagen und nickt, woraufhin ihm seine Schwester ein letztes Lächeln schenkt, bevor sie endgültig zur Tür hinaus verschwindet und diese anschließend leise hinter sich zuzieht und ihn allein im Zimmer zurücklässt.

Als er neben sich aufs Bett schaut, blickt sein Handy stumm zurück. Leo greift nicht danach, lässt sich stattdessen weiter in die Kissen rutschen und schließt die Augen. Kein Grund sich verrückt zu machen. Wenn Adam wirklich will, dass es diesmal anders zwischen ihnen läuft, besser läuft, dann wird er sein Versprechen halten und sich früher oder später bei ihm melden. Leo kann und will ihm nicht mehr länger nachlaufen, nicht, wenn Adam nicht endlich entschleunigt, sodass Leo Schritt halten kann.

~

Die Erde ist nicht mehr ganz so frisch. Dunkel und immer noch saftig zwar, aber hier und da blitzt schon das Unkraut hervor. Der Grabstein, schwarz wie die Nacht, scheint selbst den Sonnenschein zu verschlucken. Hart und bitter und kalt wie sein Eigentümer.

Geliebter Ehemann und Vater

Adam muss wie jedes Mal beinahe laut auflachen bei dem Anblick, belässt es dann aber lieber bei einem amüsierten Schnauben. Steckt sich eine Kippe an, auch wenn hier eigentlich Rauchverbot herrscht. Inhaliert einmal tief ein und dann wieder aus, sodass der giftige Qualm für ein, zwei Sekunden den Blick auf die Inschrift vernebelt. Die Naht auf seiner Stirn kribbelt und juckt. Was hatten sie in der Polizeischule gelernt? Rigor Mortis, Austrocknung, Autolyse, Fäulnis, Zersetzung, Skelettierung. In welchem Stadium der Alte sich jetzt wohl befindet? Zersetzung oder schon Skelettierung? Egal, in ein oder zwei Jahren sind von ihm nur noch Knochen übrig. Adam kennt die Bodenbeschaffenheit des Friedhofs nicht, aber durchschnittlich beträgt die Ruhezeit auf deutschen Friedhöfen 25 bis 30 Jahre und dann, endlich, erinnert nichts mehr an Roland Schürk. Kein Grabstein, keine Knochenreste und vermutlich auch keine Heide und ihre blumig übermalten Erinnerungsfetzen. Nur Adam, der erinnert sich vielleicht noch, flüchtig und zerstreut, wie an einen längst vergangenen Albtraum, der einem ab und an noch durch die Glieder fährt, aber fast im selben Moment wieder in Vergessenheit gerät. Adam denkt nicht oft an die Zukunft, aber der Ausblick gefällt ihm.

Plötzlich hört er leise Schritte den Kiesweg entlangkommen, die schließlich direkt hinter ihm zum Stehen kommen. Adam dreht sich nicht um und wartet.

„Wie ich sehe, schleppst du deinen Vaterkomplex immer noch mit dir herum.“

Esthers Stimmlage ist schwer zu deuten ohne ihr Gesicht zu sehen, aber Adam starrt trotzdem lieber weiter auf den schwarzen Marmor anstatt sich umzudrehen. Wenn er sie lang genug ignoriert, dann gibt sie vielleicht schneller auf und stampft frustriert davon, so wie sie es sonst auch immer tut. Ihre Schmerzgrenze für Adams Launen war ja noch nie besonders hoch und er bezweifelt, dass sich das nach den Geschehnissen der letzten Tage geändert hat.

Ein leises Seufzen erklingt hinter ihm und dann tritt Esther schließlich direkt neben ihn, die Hände in den Taschen ihrer Jeans vergraben, und starrt nun ebenfalls auf die pechschwarze Marmorplatte. Adam kann es aus den Augenwinkeln erkennen.

„Ich hab' dich bei dir Zuhause gesucht, aber deine Mutter meinte, du schmollst vermutlich hier herum.“

Adam schnaubt amüsiert. Er bezweifelt, dass Heide genau diese Worte benutzt hat, aber amüsant ist der Gedanke trotzdem.

Esthers Miene bleibt unbewegt. Scheint so, als wenn er sie nicht so schnell wieder los wird. Wer weiß, vielleicht ist sie eh mit einem ganz anderen Ziel hier aufgetaucht als ihm nur auf die Nerven zu gehen.

„Bist du hier, um mich festzunehmen?“, fragt er daher nur und dann endlich hebt sich Esthers Blick, bis sie sich schließlich in die Augen sehen können. Das Veilchen um ihr rechtes Auge schimmert rot-violett und leuchtet um die Wette mit dem Bluterguss an ihrem Mundwinkel. „Ich frag' nur, weil du mir nicht erst ein Ohr abkauen musst, Baumann, bevor du die Handschellen zückst.“

„Du denkst auch alles dreht sich immer nur um dich oder Schürk?“

Adams Augenbrauen schnellen daraufhin spöttisch in die Höhe.

„Was sonst soll ich denken, wenn du hier ungefragt auftauchst? Zwei Tage, nachdem ich dir die Beute ausgehändigt habe, wohlgemerkt? Komm schon, Baumann, gib mir nicht diesen mysteriösen Bullshit, du kannst es doch seit dem Tod meines Vaters kaum erwarten mir endlich Handschellen anzulegen. Hier ist deine Chance, da, guck!“

Adam hält ihr seine Handgelenke hin und wackelt auffordernd mit den Brauen.

Esther aber mustert ihn nur mit gerunzelter Stirn.

„Ich hab' echt keine Ahnung, was Leo und Pia an dir finden.“

„Meine charmante Persönlichkeit?“

Jetzt ist es Esther, die verächtlich schnaubt. Ihr Blick schnellt einmal kurz zurück zu der Inschrift auf der Grabplatte, bevor sie wieder Adam mit harten Augen fixiert und dann die Arme über der Brust verschränkt.

„Boris Barns ist tot. Ermordet von einem Mithäftling mit einem Gartenwerkzeug, das er offenbar bei seiner Schicht in der Anstaltsgärtnerei hat mitgehen lassen.“

Adam lässt die Arme sinken.

„Eine Machete?“

„Was? Nein, wie kommst du denn jetzt ausgerechnet auf eine Machete?“, fragt Esther ungeduldig, so als habe sie das Gefühl, dass Adam sie verarschen will.

„War nur so ein Gedanke“, entgegnet Adam daher nur.

Esther zieht genervt die Luft ein und rollt mit den Augen.

„Gibt's ein Motiv?“

„Dein Ernst, Schürk?“, fragt Esther ungläubig und muss aber wohl einen Moment später erkennen, dass Adam wirklich, wirklich ahnungslos ist, denn kurz darauf rollt sie schon wieder mit den Augen und vergräbt ihre Hände erneut in den Hosentaschen.

„Guckst du keine Nachrichten? Das Geld aus dem Raubüberfall wurde von der Polizei gefunden, die Schlagzeile läuft auf allen Kanälen hoch und runter.“

„Gefunden, huh?“, entgegnet Adam sarkastisch und Esther erwidert seinen Blick nur stumm.

„Anonymer Tip?“, fragt Adam daher hinterher und ihr Gesichtsausdruck verzieht sich zu einer Miene, die ihm auch ohne Worte verdeutlicht, dass er richtig geraten hat.

„Zufälle gibt’s.“

Esther zuckt nur mit den Schultern und schaut abermals zurück zum Grabstein, die Lippen aufeinander gepresst. Adam tut es ihr gleich.

„Sieht bisher so aus, als wenn Barns alle möglichen krummen Dinger aus dem Knast heraus gedreht hat“, unterbricht Esther schließlich die Stille und fährt nach einem kurzen Moment fort, „Alles nur möglich, weil er die halbe Saarbrücker Unterwelt und den ein oder anderen korrupten Wächter obendrauf mit dem Geld aus dem Raubüberfall geschmiert hat, ganz zu schweigen von seinen Knastbrüdern in der Lerch. Aber dann ist dein Vater gestorben und mit ihm die einzige sichere Spur zum Geld. So einer wie Barns, der überlebt das Gefängnis nur unbeschadet, wenn er das System versteht, aber am Ende hat er sich dann wohl doch noch verzockt.“

Für eine Weile sagt keiner von ihnen etwas. Onkel Boris tot. Adam ist fast schon ein bisschen genervt mit sich selbst, dass der Gedanke ihm einen Stich ins Herz versetzt.

„Du versaust das besser nicht noch einmal, Schürk, ist das klar?“, kommt es irgendwann von Esther, die Adam damit schließlich aus seinen Gedanken reißt. „Beim nächsten Mal decke ich dich nämlich nicht mehr, das kann ich dir versprechen.“

Und bevor Adam darauf irgendwas erwidern kann, fügt sie noch hinzu: „Und hör' endlich auf hier auf dem Friedhof abzuhängen. Selbst dir müssten doch langsam mal die Geheimnisse ausgehen, mit denen du uns alle in die Scheiße reiten kannst. Kein Grund also mehr für das dauernde Selbstmitleid.“

Als er aufsieht, wendet sich seine Kollegin schon zum Gehen und ist schon im Begriff den Kiesweg entlang zu verschwinden, ehe Adam sie aufhalten kann.

„Hey, ein Moment noch, Baumann“, entfährt es Adam hastig, woraufhin sich Esther noch einmal ungeduldig zu ihm umdreht und ihn fragend ansieht. Adam kann sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen.

„Was ist mit deinem Geheimnis? Hast du da auch schon reinen Tisch gemacht?“

Esther sieht ihn daraufhin an, als halte sie ihn für ganz besonders unlustig.

„Nicht, dass es dich was angeht, aber ich nehme Pia beim nächsten Heimspiel mit ins Stadion.“

Adams Grinsen wird noch eine Spur breiter.

„Schön für dich“, entgegnet Adam nur und meint es auch so.

Esther muss es auch spüren, denn zum ersten Mal seit ihrem Auftauchen hier auf dem Friedhof, schleicht sich ein feines Lächeln auf ihre Lippen, eher sie sich endgültig zum Gehen wendet.

„Ach, und Adam?“, wirft sie noch wie beiläufig über die Schulter und der ungewohnte Klang seines Vornamens in ihrem Mund lässt ihn aufhorchen, „Tu' uns allen ein Gefallen und bring' das mit Leo und dir wieder in Ordnung. Ich würde gerne mal einen Fall bearbeiten, bei dem nicht euer verkorkstes Liebesleben die Hauptrolle spielt.“

Adam sieht ihr noch nach bis sie schließlich hinter der nächsten Hecke verschwindet, bevor er sich langsam wieder der Grabplatte zuwendet.

„Liebesleben, huh?“, murmelt er Roland Schürks modernden Knochen entgegen, dann wendet auch er sich endlich zum Gehen, das Grab im Rücken und die Sonne im Gesicht.

 

~

Es ist noch früh, als Leo durch die offene Balkontür hört, wie sich der Schlüssel in seiner Wohnungstür dreht. Er muss lächeln. Caro hat ihn erst vor einer guten halben Stunde hier abgesetzt und ist gleich darauf wieder davon geeilt zur Arbeit. Außer sie hat in ihrer Eile was vergessen, kann das nur eine Person sein. Es gibt nur zwei Leute, die einen Ersatzschlüssel zu Leos Wohnung besitzen. Leo dreht sich nicht um, schaut lieber weiter über die Dächer von Saarbrücken, während ihm eine seichte Brise um die Nase weht und die Schritte hinter ihm im Wohnzimmer verstummen.

Leo stellt sich vor, wie Adam sich hinter ihm im Zimmer umsieht. Caro und Jonas haben ganze Arbeit geleitest, denn von dem Chaos, dass seine ungebetenen Hausgäste hinterlassen haben, ist so gut wie nichts mehr zu sehen. Nur das Fehlen seiner zerbrochenen Stehlampe und die rapide Minimierung seiner Geschirrsammlung in der Küche zeugen noch davon, dass hier vor ein paar Tagen überhaupt irgendwas vorgefallen ist. Er würde sich noch was Gutes überlegen müssen, um sich zu revanchieren.

Als Adam schließlich zu ihm nach draußen tritt und sich in den Türrahmen lehnt, schaut Leo auf.

„Wird Zeit, dass die Hausverwaltung endlich das Schloss wechselt. Zwei Einbrüche in drei Tagen ist echt zu viel des Guten“, durchbricht Leo das Schweigen und deutet auf den Ersatzschlüssel, den Adam immer noch in der Hand hält.

„Ha, ha“, macht Adam nur, steckt den Schlüssel demonstrativ in die Hosentasche und lässt sich nach kurzem Zögern schließlich neben ihn auf die Lounge gleiten.

Für eine Weile sagt keiner was. Leo lässt das Schweigen auf sich wirken. Betrachtet aus den Augenwinkeln Adams Profil im Morgenlicht, wie es das Blond seiner Haare betont, die kleine schwarze Naht auf seiner Stirn. Dann endlich rührt sich Adam, kramt ein bisschen in seiner Jeansjacke herum und zieht einen dieser kleinen durchsichtigen Plastikbeutel hervor, die sie sonst für das Sammeln von Beweismaterial benutzen. Mit einer laxen Bewegung lässt er ihn in Leos Schoß fallen.

Leo hebt ihn auf und hält ihn vor sich ins Licht. In der kleinen Tüte stecken eine handvoll selbstgedrehter Joints mitsamt Feuerzeug.

Leo schnaubt amüsiert und schaut auf.

„Bist du deshalb neulich so schnell verschwunden? Deinem Dealer einen Besuch abstatten?“

„Zertifiziertes Schmerzmittel“, gibt Adam grinsend zurück, „Hat mir mit den gebrochenen Fingern jedenfalls besser geholfen, als dieser ganze Dreck, den sie einem im Krankenhaus verschreiben.“

„Ja, nee, ist klar“, antwortet Leo sarkastisch, öffnet aber trotzdem etwas umständlich die kleine Tüte mit seiner verbliebenen mobilen Hand und fischt einen der Joints, sowie das kleine Feuerzeug, heraus.

Der erste tiefe Zug steigt ihm gleich etwas zu Kopf und lässt ihn hüsteln, was Adam nur mit einem spöttischen Schnauben kommentiert. Der nächste Zug klappt deutlich besser und dann sitzen sie eine Weile nur so da, Leo mit dem Joint in der Hand und der süßliche Geruch von verbranntem Marihuana in der Luft, vor ihnen die grau-braun-roten Dächer der Stadt. Es ist kein unangenehmes Schweigen, aber eins mit Spannung in der Luft. Leo zieht an dem Joint, blinzelt ins Licht und wartet.

„Ich war am Grab der Drecksau“, sagt Adam irgendwann leise in die Stille hinein, was Leo nur mit einem Hm kommentiert, damit Adam weiß, dass er es gehört hat.

„Ich glaub', ich bin jetzt fertig mit ihm.“

Der Joint ist nur noch ein Stummel zwischen seinen Fingern. Leo drückt ihn im Blumenkasten vor sich aus und lehnt sich vorsichtig zurück bis seine gesunde Schulter an Adams linke gepresst zur Ruhe kommt. Der Schmerz in seinem linken Arm pocht dumpf, aber mehr auch nicht.

„Was hast du jetzt vor?“, fragt Leo schließlich und lässt sich noch ein bisschen mehr in Adams Seite fallen bis dieser schließlich zaghaft den Arm um ihn legt. Leo kann seinen Herzschlag spüren, das langsame Heben und Senken seiner Brust bei jedem Atemzug. Er ist warm und lebendig und echt.

„Umziehen“, sagt Adam trocken, „Schon wieder.“

Als Leo daraufhin so gut es geht den Kopf zurücklehnt, um ihm ins Gesicht sehen zu können ohne den Arm um seine Schultern abzuschütteln, schaut Adam schon mit einem kleinen Lächeln zurück.

„In dem Bunker komm' ich mir vor wie in einer Gruft, in der es spukt.“

Huh.

„Diesmal helfe ich dir aber nicht mit dem Schlafsofa“, entgegnet Leo nur grinsend und deutet auf seinen kaputten Arm, „Sorry.“

„Du kannst die Bettwäsche tragen, dafür wird ein Arm wohl noch reichen“, gibt Adam zurück.

„Miau“, macht Leo wie von selbst und Adam schnaubt und dann versinken sie erst mal wieder in Schweigen. Leo spürt den Joint langsam wirken, spürt, wie der letzte Rest Anspannung aus seinen Gliedern weicht. Vielleicht ist jetzt genau die richtige Zeit für noch ein kleines bisschen mehr Ehrlichkeit. Was auch immer Adam jetzt aus seinen Worten macht, Leo ist bereit, so oder so.

„Ich fahre später zu David“, verkündigt er daher und als Adam nicht gleich reagiert, nichts dazu sagt und nur den Blick abwendet hin zu den Dächern von Saarbrücken, fügt er unnötiger Weise hinzu, „David Riemann.“

Als ob Adam nicht weiß, welchen David er meint.

„David, huh?“, sagt Adam schließlich in die Ferne, aber macht keine Anstalten sich aus ihrer Umarmung zu lösen und Leo rückt nicht von ihm weg.

„Bisher ist noch niemand dazu gekommen ihn darüber zu informieren, dass wir den Fall gelöst haben“, antwortet Leo und fügt, nach einem kurzen Zögern, hinzu, „Ich denke, es ist am besten, wenn er es von mir erfährt.“

„Macht Sinn“, entgegnet Adam und dann, nach einer kurzen Pause, die eine gefühlte Ewigkeit andauert, richtet er seine stechend blauen Augen wieder auf Leo, „Wenn er dich noch mal um ein Date bittet, dann hoff' ich, sagst du Nein.“

„Ist das so?“, hakt Leo nach und schaut ihn an. Adam schaut zurück.

„Ich brauch' dich, Leo, und zwar nicht nur als meinen Kollegen und Freund, der sich ungefragt in alle meine Angelegenheiten einmischt, damit ich ihn dann zum xten Mal in die Scheiße reiten kann.“

„Ach so?“, fragt Leo, „Als was brauchst du mich denn dann?“

„Als meinen Partner“, sagt Adam und grinst schelmisch, „Inklusive jeder gottverdammten Konnotation, die dir dazu einfällt.“

Leos Mund verzieht sich ungefragt zu einem Lächeln bis er schließlich nicht mehr anders kann und laut loslacht.

„Da hast du ein mal die Chance was Romantisches zu sagen und du referenzierst ausgerechnet Boris Barns?“

„Was denn? Er hat doch recht gehabt, wir passen gut zusammen.“

Leo schnaubt und versucht vergeblich nicht so verknallt auszusehen, wie er sich gerade fühlt, aber zwecklos. Adams dummen Grinsen nach zu urteilen, gelingt ihm das nur halbherzig.

Das Grinsen weicht schließlich einem Lächeln, das es in sich hat.

„Ich würde viel lieber mit dir ans Ende der Welt gehen, als mit irgendwem sonst“, sagt Adam halb im Scherz und halb wieder nicht und Leo ist so verdammt verliebt in ihn, „War das besser, Hölzer?“

„Da arbeiten wir noch dran, Schürk“, lacht Leo und als er den Kopf wieder hebt, ist Adam schon da und endlich, endlich, küssen sie sich, langsam und tief, Adams freie Hand auf Leos Wange, und als sie den Kuss nach einer langen Minute lösen, lehnt Adam seine Stirn an Leos und alles ist gut. Nicht perfekt, aber verdammt gut.

„Kann's kaum abwarten“, murmelt Adam gegen seine Lippen, ohne eine Spur Sarkasmus, bevor er Leo erneut küsst.

Ich auch nicht, denkt Leo, und küsst ihn zurück.

~

Es ist Adam, der ihn schließlich nach Am Homburg fährt. Als sie vor dem großen, schönen Haus mit den grünen Fensterläden halten und Adam den Motor abstellt, dreht sich Leo zu ihm um und ihre Blicke treffen sich über die Mittelkonsole hinweg.

„Ich warte besser hier“, sagt Adam verschmitzt.

Leo lächelt und nickt, dann steigt er aus und schreitet den Kiesweg zur Haustür entlang.

Davids Lächeln, als er ihm die Tür öffnet, ist wie ein Sonnenaufgang und Leo denkt, hätten wir uns ein paar Jahre früher getroffen oder in einem ganz und gar anderen Leben, dann, ja, dann vielleicht.

„Leo“, sagt David und seine Stimme ist warm, „Komm' rein.“

„Danke.“

Als Leo die Haustür hinter sich schließt, mustert David ihn besorgt.

„Was ist mit deinem Arm passiert?“

Leo lächelt gequält und folgt David ins Wohnzimmer, wo dieser ihm bedeutet es sich bequem zu machen.

„Berufsrisiko“, antwortet er schließlich mit einer Halbwahrheit, nachdem er auf dem Sofa Platz genommen hat, „Ausgekugelte Schulter.“

David verzieht mitleidig das Gesicht.

„Autsch.“

„Jepp.“

„Wenn du noch einen guten Orthopäden suchst, dann kenn' ich da einen“, sagt David und zeigt scherzhaft auf sich selbst, „Und das sag' ich jetzt nicht nur, weil ich weiß, dass du Privatpatient bist.“

Leo lacht und für eine Weile bleibt es beim Smalltalk, bis Leo sich schließlich etwas unbeholfen räuspert, woraufhin David ihn wissend mustert.

„Ah“, sagt er betont leichtfertig, „Du bist also trotz der Armschlinge beruflich hier.“

„Ich fürchte ja.“

„Na gut, dann schieß' mal los.“

Und das tut Leo dann auch. Als er fertig ist, schaut David für einen langen Moment stumm aus dem Fenster und Leo lässt ihm die Zeit das Gehörte zu verarbeiten.

„Und Anna?“, fragt David nach einer Weile, die Stirn in Falten gelegt, „Ihr habt Anna nicht gefunden?“

„Nein, tut mir Leid, bisher nicht“, gibt Leo zu, „Aber wir arbeiten dran. Und die Chancen stehen gut, dass sie McCarthy zügig ausliefern. Hoffentlich fängt er dann endlich an zu reden und verrät uns und wo wir Anna finden können. Seine Ex-Frau konnte uns leider in der Hinsicht nicht weiter helfen.“

„Doris Eckert“, murmelt David mit einem komplizierten Ausdruck in den Augen und Leo kann nicht sagen, was in ihm vorgeht. Davids nächste Worte sind jedenfalls nicht, was er erwartet hätte.

„Und das hat sie all die Zeit mit sich herumgetragen?“

„Hm?“

„Dreißig Jahre und sie hat nie irgendwem davon erzählt?“, sagt David und wirkt betroffen, „Das versteh' ich einfach nicht.“

Leo lächelt bitter. Geheimnisse sind eine seltsame Sache. Manchmal zwingen sie dich in die Knie und manchmal, da graben sie sich so tief in deine Existenz, dass du nicht mehr weißt, wie du noch ohne sie leben sollst.

„Ohne Adams Idee mit der Website hätte sie ihr Geheimnis vermutlich mit ins Grab genommen“, antwortet er schließlich, woraufhin David zu ihm aufschaut.

„Kommissar Schürk“, sagt David und als Leo nickt, fährt er fort, „Würdest du ihm von mir danken, Leo?“

Auf Leos überraschten Gesichtsausdruck hin, fängt David an zu lachen.

„Ich weiß, ich hab' Kommissar Schürk gesagt, ich hätte mit dem Mord an meiner Schwester abgeschlossen, aber jetzt wo wir hier sind, bin ich doch verdammt froh, dass er nicht aufgegeben hat.“

„Ja“, lächelt Leo, „Ich auch. Und ich bin mir sicher, Adam geht’s genauso. Ich werde es ihm jedenfalls ausrichten.“

David nickt dankbar und Leo sieht es als Zeichen, dass er sich langsam mal verabschieden sollte.

„Ich sollte dann mal los“, sagt er daher mit einem Lächeln und steht auf, „Meld' dich, falls du noch Fragen hast.“

„Was ist, wenn ich dich noch mal fragen will, ob du mit mir ausgehst?“, fragt David mit einem Lächeln, „Darf ich mich dann auch melden?“

Leo schaut ihn an und irgendwas muss in seinem Gesicht passieren, denn David winkt im nächsten Moment schon ab. Sein Lächeln ist reumütig, aber warm.

„Zu spät, was?“

Leo grinst schief und belässt es dabei.

Als David ihm einen Moment später die Haustür aufhält, gibt sie den Blick frei auf Adam, der lässig gegen sein Auto gelehnt da steht und zu ihnen herüber starrt.

Bei seinem Anblick verzieht sich Leos Mund in ein so breites Lächeln, dass es fast schon wehtut.

„Adam, huh?“, fragt David trocken neben ihm.

Leos Lächeln wird noch eine Spur breiter.

~Zwei Wochen später~

Die Grillparty ist schon im vollen Gange, als sie durch das kleine Tor in den weitläufigen Garten treten, der eher einer wilden Streuobstwiese gleicht als irgendeiner Form von disziplinierter Grünanlage. Keine Minute später hat sie Caro, die mit einem Tablett neben Jonas am Grill steht, auch schon erspäht und runzelt die Stirn.

„Sollte ich besser in Deckung gehen?“, raunt ihm Adam ins Ohr, als sie beide dastehen und dabei zusehen, wie Caro sich energisch über den holprigen Acker ihren Weg zu ihnen bahnt.

„Gut möglich“, erwidert Leo schmunzelnd.

Adam grinst und legt ihm demonstrativ den Arm um die Hüfte, als Caro sich schließlich vor ihnen aufbaut und zu ihnen hoch starrt.

„Irgendwie hab' ich ja gewusst, dass du es bist, den er heute hier anschleppt.“

Adam zieht amüsiert die Augenbrauen hoch.

„Ich geh' uns mal ein Bier holen“, sagt er an Leo gewandt, zieht ihn näher zu sich heran und drückt ihm noch einen feuchten Kuss auf die Schläfe, bevor er Leo schließlich loslässt.

Im Vorbeigehen schnappt er sich ein Gürkchen von Caros Tablett und winkt damit zum Abschied, bevor er kauend in Richtung Haus davon schlendert.

Caro schaut ihm stirnrunzelnd nach, dann dreht sie sich wieder zu Leo um, sieht sein breites Grinsen, und seufzt.

„Wenn du ihn heiratest, dann kenn' ich dich nicht mehr.“

Leo lacht und zieht sie, Armschlinge und Tablett zum Trotz, so gut es geht in seine Arme.

„Lügnerin. Insgeheim findest du ihn super charmant.“

„Urgh“, macht Caro nur.

Notes:

TW: Diese Fanfic enthält (Waffen-)gewalt, ein homophobes Schimpfwort, Teenagerschwangerschaften sowie Mord und sexuellen Missbrauch an Minderjährigen (Das Opfer ist 16), das Rauchen von Marihuana. Wenn dich das triggert, dann ist diese Fanfic möglicherweise nichts für dich. Dein Wohlbefinden und deine Gesundheit ist wichtiger als jede Fanfic.

Die Tatsache, dass Adam in "Die Kälte der Erde" wieder in den Bunker einzieht, ist das eigentliche Verbrechen.

 

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