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Summary:

Saarbrücken 1935. Adam ist mit seiner Familie neu in Saabrücken, nachdem er den Hof der Großeltern verlassen musste. Nicht nur die neue Umgebung macht es ihm schwer, auch das Verhalten seines Vaters hat sich geändert. Trost und einen Freund findet er im Nachbarsjungen Leo. Einem Juden.

Berlin 1958. Als Staatsanwalt vertritt Leo oft Gesetze, mit denen er nicht einverstanden ist. Unter anderem, dass es verboten war, wenn Männer Männer liebten. Über die Jahre hat er sich eine heile Welt, die er als Kind nie hatte, aufgebaut, die auch seine eigentliche Neigung nicht gefährden konnte. Bis er eines Tages Adam wiedertrifft. Seinen Freund aus Kindertagen und seinem Licht in der Dunkelheit. Adam, den er tot glaubte und der seine Welt gefährlich ins Wanken bringt.

Notes:

Hallo da draußen,

ich bin aufgeregt. Sehr aufgeregt, da hier viel Herzblut reingeflossen ist und noch fließen wird.
Wie ihr den Tags entnehmen könnt, ist dies eine zeitgeschichtliche Fanfiction. Trotzdem erhebe ich keinen Anspruch auf geschichtliche Korrektheit. Viele Dinge sind so gedreht, dass sie der Geschichte dienlich sind. Ich habe viel recherchiert, mich schon immer viel mit der Zeit beschäftigt und dennoch bleibt die Tatsache, dass keiner von uns die Zeit erlebt hat und es immer weniger Zeitzeugen gibt, die von ihr erzählen können.

Adams Teil der Geschichte wird in den Jahren 1935 bis 1945 spielen. Ich muss sicherlich keinem sagen, dass dies eine furchtbar dunkle Zeit war und keine der hier geäußerten Meinungen die meine widerspiegelt. Ich setze an jeden Anfang eines Kapitel eine Content Warnung, wenn ich denke, dass sie nötig ist.

Mehr Tags kommen noch, aber wo bleibt der spoilerfreie Spaß, wenn schon die guten Häppchen gleich verraten werden ;-) Jedenfalls wird es ein Crossover mit Polizeiruf und Ku'damm 59. Für alle die letzteres nicht kennen: Ku'damm 56/59/63 sind jeweils Dreiteiler des ZDFs in der es um eine Tanzschule am Ku'damm 56 im Jahr 1956 geht. Es wird die Geschichte der Besitzerin und ihrer drei Töchter erzählt, die mit den Konventionen ihrer Zeit versuchen klar zu kommen oder auszubrechen. Meine Geschichte wird vor allem sich auf die zweite Staffel 1959 beziehen (falls jemand einen Anreiz braucht: hier spielt Andreas Pietschmann den Liebhaber einer Hauptfigur. Einer männlichen Hauptfigur.), aber sie ist hier nebensächlich.

Updates wird es zu Beginn vermutlich alle zwei Wochen geben.

Jetzt entlasse ich euch nach diesem Vorwort in die Geschichte.

CW: Gewalt an Kindern, Judenbeleidigung, Nazis

Chapter 1: Von Anfängen.

Chapter Text

 

Adam. Saarbrücken im Juli 1935

Die Luft im Garten flirrte in der drückenden Mittagshitze und der Geruch von trockenem Gras kitzelte in seiner Nase. Besser als der muffige Gestank des alten, großen Hauses, das von Innen genauso düster und unheimlich wirkte wie von außen. Kein Vergleich zu dem luftigen Haus, dass sie auf dem Gut seiner Großeltern in Thüringen gehabt hatten. Die Räume waren von Sonnenlicht geflutet gewesen und der Duft von frisch gebackenen Kuchen wehte durch das Haus wie die fröhliche Stimme seiner Mutter, die ein Lied sang und ihm Geschichten erzählte. Seit ihrer überstürzten Abreise hierher ins Saarland und dem Umzug in dieses unheimliche Haus war seine Mutter wie ausgewechselt. Kein Gesang klang mehr durch das Haus und auch Geschichten erzählte sie ihm nur noch flüsternd und heimlich, damit sein Vater es nicht mitbekam. Der Grund, warum sie überhaupt hatte fortziehen müssen. Sein Vater hatte eine Stelle bei einem Freund in der Firma bekommen, wo es galt nach Abzug der vermaledeiten Franzmänner, wie er sie nannte, Zucht und Ordnung unter die Arbeiter zu bringen und das Saarland wieder heim ins Deutsche Reich zu führen. Dazu brauchte es eine strenge Führung, die hier wohl keiner mehr kannte.

Und Adam sollte ein richtiger Mann zu werden und kein verweichlichtes Muttersöhnchen wie er es auf dem Gut gewesen war. Dabei fand Adam nicht, dass er weich war. Er hatte sich mit Hingabe um die vielen Tiere gekümmert und den Stallburschen am liebsten bei der Versorgung der Pferde geholfen. Obwohl er erst sechs war, hatte er Duke, den edlen Hannoveraner Hengst seines Großvaters, allein versorgen dürfen. Duke war ihm auf Schritt und Tritt auch ohne Halfter und Strick gefolgt, wohingegen selbst der langjährige Stallmeister seine Probleme hatte das Tier zu kontrollieren. Doch das hatte seinen Vater in keiner Weise beeindruckt. Im Gegenteil war ihm Adams Liebe für die Tiere des Gutes und die Menschen, die dort lebten, ein Dorn im Auge gewesen. Ein deutscher Junge seines Standes hatte sich nicht mit dem Pöbel abzugeben. Die Starken führen und die Schwachen folgen, predigte sein Vater. Und Adams Wesen war das eines Schwächlings.

Oft hatte er die Wut seines Vaters ungefiltert abbekommen und nicht verstanden, was er falsch gemacht hatte. Unter den strengen Augen seiner Großeltern, die über Adam und seine Eltern zu wachen schien, hatten sich die Strafen auf Stubenarrest und Verbot den Stall zu betreten beschränkt. Fernab von seiner Heimat und dem Schutz schwante Adam bereits kurz nach ihrer Ankunft, dass nichts mehr zwischen der Wut seines Vaters und ihm stand.

Vor wenigen Minuten waren wichtig aussehende Männer zu ihnen gekommen, die wie sein Vater die braunen Uniformen trugen, die er immer öfter in der Stadt sah und die ihm Angst machten. Seine Mutter hatte ihn, mit einem ernsten Ausdruck auf den sonst so feinen und liebevollen Zügen, hinaus in den Garten geschickt. Damit er seinen Vater und den Besuch nicht störte, die sich in den großen Raum mit den vielen Bücher zurückgezogen hatten.

Ratlos stand Adam auf der Veranda der Villa und sah in den weitläufigen Garten, mit den Obstbäumen am anderen Ende und dem alten Schuppen, der etwas windschief an der niedrigen Mauer zum angrenzenden Wald stand. Der Rasen war noch verwuchert und lange Grashalme streckten sich mit bunten Wildblumen träge der Nachmittagssonne entgegen. Er sah den Gärtner Rainer, einen jungen Mann mit dunklen Locken und freundlichen Gesicht, die Sense schwingen, um dem Wildwuchs Herr zu werden. Das leise zischende Geräusche drang durch die Stille und erinnerte Adam an die vielen Arbeiter, die auf den Wiesen rund um das Gut im Sommer gearbeitet haben, um das Heu einzufahren.

Eine Welle der Traurigkeit überkam ihn und sein Herz wurde, wie so oft seit dem Abschied von seinen Großeltern, schwer. Er ließ sich auf die Holzstufen nieder, umschlang seine Knie und bettete das Kinn auf ihnen. Er wollte hier nicht sein. Das Haus machte ihm Angst. Die fremden Geräusche, die fremden Menschen. Er vermisste seine Großeltern, die Tiere auf dem Hof und die Menschen, die dort lebten. Hier kannte er niemand und das wenige Personal, das sie hatten, war distanziert. Es gab keine Scherze der Köchin oder etwas Süßes, wenn er den Kopf zu ihr hineinsteckte. Hanne, auf dem Gut seiner Großeltern, hatte ihn immer freudig hereingewinkt und auf den großen Eichentisch gehoben, wo in Schalen Obst und Gemüse und manchmal auch Kekse lagerte. Es hatte immer nach dem Mittagessen nach Kuchen gerochen und oft hatte sie ihm einen warmen Kakao in die Hand gedrückt oder einen Keks gegeben, während er mit baumelnden Beinen dem regen Treiben in der Küche folgte. Hier wurde er mit ängstlichen Blicken sofort wieder rausgescheucht.

Laute Stimmen vom Nachbargrundstück, auf dem eine Villa -- nicht unähnlich ihrer -- stand, schreckten ihn hoch. Über die niedrige Mauer hinweg sah er einen dunkelhaarigen Jungen in seinem Alter und ein Mädchen, das ein paar Jahre älter zu sein schien, die sich lachend einen bunten Ball zu warfen. Er reckte vorsichtig den Kopf, um die beiden besser beobachten zu können, als der bunte Ball an dem Mädchen vorbeiflog und auf seiner Seite der Mauer landete. Erschrocken fuhr das Mädchen herum und auch der Junge sah aus blaugrünen Augen verschreckt zu ihm hinüber. Adam sprang auf und griff den Ball, der in das hohe Gras gerollt war. Nicht, dass Rainer ihn noch mit seiner Sense traf. Wieder sah er zu den beiden Kindern hinüber. Die Ältere blickte nun wütend auf den Kleineren hinab und schrie ihn in einer Sprache an, die Adam nicht verstand. War das Französisch, wie es hier im Saarland noch vielerorts gesprochen wurde? Es klang viel härter als der Singsang, den er sonst vernahm und als Französisch kannte. Vorsichtig ging er auf die Mauer zu, die Augen auf den Jungen geheftet. Das Mädchen verstummte und flüchtete ins Haus, sobald er sich so weit genährt hatte, dass er seine Arme hinüberstrecken konnte. Der fremde Junge sah ihn weiterhin argwöhnisch an. Adam hielt ihm den Ball hin.

„Ich heiße Adam. Und du?“

Die blaugrünen Augen musterten ihn weiterhin misstrauisch.

„Lew, aber hier nennen mich alle Leo“, kam es ihm mit leiser Stimme zögerlich über die Lippen. Adam strahlte ihn an und ruckte mit dem Ball.

„Freut mich, Leo. Magst du mit mir spielen?“

Ein scheues Lächeln trat auf das Gesicht des anderen Jungen, bevor er nickte, den dargebotenen Ball nahm und einige Schritte zurückging. Adams Blick huschte zum Haus, doch hinter den Fenstern konnte er nichts ausmachen. Sein Vater würde hoffentlich noch einige Zeit mit dem Besuch beschäftigt sein. Er konnte den Kopf gerade wieder zu Leo drehen, als der Ball auch schon im hohen Bogen über die kleine Mauer auf ihn zuflog und ihn fast am Kopf traf, hätte er ihn nicht reflexartig gefangen. Erschrocken sah Leo ihn an, bis Adam anfing zu lachen und den Ball zurückwarf.

Ihre Wurfmanöver wurden immer abenteuerlicher und gewagter und sie krümmten sich vor Lachen, wenn der Ball zu weit flog und der andere ihm hinterherhechten musste. Adam genoss das Spielen mit dem Nachbarsjungen, der mit der Zeit gelöster zu werden schien. Andere Kinder hatte es auf dem Gut nicht gegeben, mit denen Adam hätte spielen können. Die Jungen und Mädchen, die ein paar Jahre älter waren als er gingen bereits zur Schule und halfen am Nachmittag ihren Eltern auf dem Gut aus. Zeit hatte keiner mit ihm Ball zu spielen oder auf den Heuboden zu klettern und Höhlen zu bauen. Oft hatte Adam sich einen Freund gewünscht, mit denen er Abenteuer erleben konnte. Vielleicht konnten er und Leo Freunde werden und weiter so herrlich miteinander spielen.

Adam fing einen besonders raffinierten Wurf von Leo, da sah er aus den Augenwinkeln wie sein Vater mit wutverzerrtem Gesicht aus dem Haus über die Veranda auf ihn zu stürmte. Das eben noch so fröhliche Lachen blieb ihm in der Kehle stecken und er umklammerte den Ball fester, der ihm jedoch aus den schweißnassen Händen rutschte und ins hohe Gras zu seinen Füßen rollte. Sein Vater baute sich bedrohlich vor ihm auf und Adam konnte die prominente Ader auf seiner Stirn vor Wut pochen sehen. Der Griff seines Vaters um seine Oberarme war schraubstockartig und Adam keuchte vor Schmerzen auf.

„Scherr dich ins Haus, Adam! Mit diesem Judenbalg hast du dich nicht abzugeben.“ Er zog an Adam, dem die Tränen in die Augen traten vor Schmerzen und Angst. Er sah zu Leo hinüber, dem die vom Spiel gesunde Gesichtsfarbe aus den Wangen geflossen war und der jetzt verstört zu ihnen hinübersah. Stocksteif stand er da und sah Adam an, als ein Mann mit ebenso braunem Haar wie Leo hinter ihm in den Garten trat und auf Leo zu eilte. Adam sah noch wie der Mann, wahrscheinlich Leos Vater, den nun weinenden Jungen auf den Arm nahm und ihm tröstend über den Rücken fuhr. Dann verschwand Leo aus seinem Blick und Adam wurde in die Dielen gestoßen. Im nächsten Augenblick sein Kopf zur Seite flog und ein brennender Schmerz seine Wange durchzog.

„Dich werde ich lehren, dich mit so einem Judengesindel abzugeben. Wie kannst du mich so blamieren.“ Die Hand sauste auf seine andere Wange nieder und Adam schrie auf und wollte flüchten, doch sein Vater hielt ihn am Boden und erhob erneut die Hand, um ihm eine weitere Ohrfeige zu verpassen. Wimmernd blieb Adam auf die Seite gerollt liegen und hob schützend seine Arme über den Kopf, um sein Gesicht vor weiteren Schlägen zu schützen. Tränen liefen ihm über die vor Schmerzen brennenden Wangen und er kniff die Augen fest zusammen, um nicht zu schreien. Das würde seinen Vater nur noch wütender machen. Er hatte doch nur mit Leo spielen wollen. Was war daran falsch? Leo war in seinem Alter und wohnte auch in so einem großen Haus wie sie. Da konnte er doch kein schlechter Umgang sein, wie die Bauersjungen auf den Höfen rund um das Gut seiner Großeltern, mit denen er nicht hatte spielen dürfen. Erst als ihn kein weiterer Schlag traf und er die schweren Schritte seines Vaters über die Dielen davongehen hörte, traute er sich die Arme sinken zu lassen und vorsichtig die Augen aufzumachen. In der Tür zum kleinen Salon konnte er seine Mutter stehen sehen, die ihn mit bebenden Schultern ansah. Auch ihr liefen Tränen über die Wangen, jedoch rührte sie sich nicht. Schmerzvoll keuchend setzte Adam sich auf und sah zu ihr empor.

„Mama“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme und streckte die zitternde Hand nach ihr aus. Mit einem unterdrückten Schluchzen wandte seine Mutter sich ab, warf die Tür des Salons hinter sich ins Schloss und ließ Adam allein und verwirrt in der Diele zurück.

 

~*~

 

Leo. Berlin-Heiligensee im Juli 1958

Schweißgebadet fuhr Leo aus dem Schlaf hoch. Sein Atem ging schnell und unregelmäßig, während er gegen das fahle Morgenlicht anblinzelte. Das Oberteil seines Schlafanzuges klebte unangenehm an seinem Rücken und vereinzelte Strähnen seines braunen Haares hingen ihm in die Augen. Nur langsam rückte die Dunkelheit des Schlafes in den Hintergrund und er konnte seine Umgebung mit jedem Atemzug deutlicher wahrnehmen. Die weißen Vorhänge wehten sanft im Wind, der durch die geöffneten Fenster in das Schlafzimmer drang und mit ihm der fröhliche Gesang der Vögel. Leo schlug die Bettdecke zurück und schwang seine Füße über den Rand des Bettes. Kühl war das Parkett unter seinen Fußsohlen und er ließ mit einem tiefen Atemzug den Kopf zwischen seinen Schultern hängen. Lange hatte er schon nicht mehr diesen Albtraum gehabt, indem schwarze Wände immer näherkamen und ihn zu erdrücken schienen, da jeder Ausweg versperrt war. Nirgends ein Fenster oder eine Tür durch die er in die Freiheit flüchten konnte. Nur fern konnte er Schreie und das Bellen von Hunden hören, die zu einem Crescendo anschwollen und seine eigenen Hilferufe übertönten, bis sie nicht mehr seiner Kehle entweichen wollten und er von der Dunkelheit verschluckt wurde. Kurz bevor er sich aus der Untiefe seines Bewusstseins wachkämpfen konnte, hatte er strahlendblaue Augen vor sich gesehen. Augen, die ihn verzweifelt und ohne jede Hoffnung ansahen. Leo wollte die Hand nach ihnen ausstrecken, den Jungen, dem sie gehörten, festhalten, doch er entglitt Leo und er wachte mit einem erstickten Schrei, den Namen des Jungens auf den Lippen, auf.

Hinter ihm raschelte die Bettdecke und er warf einen schnellen Blick über die Schulter auf die andere Bettseite. Der blonde Schopf ragte kaum unter der Bettdecke hervor. Er konnte nur die schmalen Schultern sehen, die sich langsam hoben und senkten und von einem ruhigen und tiefen Schlaf zeugten. Leo sah auf den Wecker auf dem kleinen Nachtschrank neben seinem Bett. Es war viel zu früh, um bereits aufzustehen, doch wusste er, dass er eh keinen Schlaf mehr würde finden können. Die Bilder seines Traums schoben sich vor seine Augen, sobald er sie schloss, und raubten ihn den Atem. Mit einem zittrigen Atemzug erhob er sich und lief auf nackten Füßen über den morgenkalten Parkettboden aus dem Schlafzimmer. Leise zog er die Tür hinter sich zu, die den luftigen Raum vom Flur trennte. Der Teppichläufer, der hier den Weg die Treppen hinab und das großzügig geschnittene Wohnzimmer führte, war warm und weich und für einen kurzen Moment konzentrierte er sich nur auf das Gefühl unter seinen Füßen. Er war nicht in Gefahr. Die Räume ihres Hauses waren groß und hell. Etwas worauf sie beim Umbau des alten Herrenhauses wert gelegt hatten. Hohe Decken, helle Farben, viel Licht nach Jahren der Dunkelheit. Der dem Ortsteil namengebende Heiligensee erstreckte sich direkt hinter ihrem Grundstück. Ein schmaler Steg führte durch die Böschung ein Stück hinauf auf den See. Ein kleines Boot legte dort an. Geschützt durch die Bäume würde keiner ihrer Nachbarn ihn sehen, wenn er im Schlafanzug über das vom Morgentau feuchte Gras zum Ufer laufen und sich auf den Planken niederlassen würde.

Die Morgensonne tauchte den See in goldblaues Licht. Unweit von ihm putzte eine Entenfamilie ihr Gefieder, bevor sie sich anmutig auf die spiegelglatte Wasseroberfläche gleiten ließen. Ihr fröhliches Schnattern drang bis zu Leo, der sich mit einem leisen Seufzen auf den Steg sinken ließ und die Zehen vorsichtig in das kalte Wasser tauchte, nachdem er die Umschläge seiner Schlafanzughose hochgekrempelt hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug und schloss für einen Augenblick die Augen. Noch nicht ganz hatte er den Traum abgeschüttelt. Er kannte ihn, er war nicht neu. Nur seit Jahren hatte er ihn nicht mehr heimgesucht. Leo hatte wirklich geglaubt, dass die Erinnerungen an den Krieg und die Schrecken und Ängste endlich der Vergangenheit angehörten und er sie losgelassen hatte. Dass er ihn losgelassen hatte. Und doch saß er hier nun und bekam nicht die blauen Augen aus dem Kopf, an die er schon so viele Jahre nicht mehr gedacht hatte. Nicht hatte denken wollen, weil die bloße Erinnerung daran ihn in das tiefe schwarze Loch ziehen würde, aus dem er sich nur mühsam befreit hatte. Bilder flackerten vor seinen Augen auf. Die blauen Augen panisch aufgerissen, blonde Strähnen, die vor Blut an der Stirn klebten, der Mund zum Schrei verzogen.

Leo riss die Augen auf und sie huschten unruhig über die immer noch glatte Oberfläche des Sees. Die Entenfamilie hatte mittlerweile die Mitte erreicht und schwamm kleine Kreise, während die Sonne über den Baumwipfeln kontinuierlich höher kroch. Mit bebenden Händen strich Leo sich die Haare nach hinten und nahm einen bewussten Atemzug, um seinen viel zu schnell schlagenden Puls unter Kontrolle zu bringen. Genau aus diesen Gründen hielt er die Erinnerungen von sich fern. Verschloss sie tief in sich. Sie waren Vergangenheit. Es brachte nichts auf ihnen herumzudenken. Der Krieg und auch die Jahre davor waren schrecklich gewesen. Viel Leid, viele Grausamkeiten, aber es war vorbei. Er hatte eine Zukunft, an die er nie geglaubt hatte und die ein Wolkenschloss gewesen war. Er lebte, er war glücklich. Wozu die dunklen Schatten in sein Leben lassen?

Mit einem weiteren tiefen Atemzug richtete er sich auf und wandte sich zum Haus, dessen Terrassentür nun bereits offenstand und eine blonde Frau über den Rasen auf ihn zu kam. Bereits aus der Ferne konnte er die Besorgnis auf ihrem Gesicht sehen und wie ihre großen wasserblauen Augen ihn aufmerksam musterten.

„Leo, alles in Ordnung?“ Ihre Hand streckte sich nach ihm aus und er nahm sie bereitwillig in seine, als sie vor ihm stehen blieb. Das blonde Haar hatte sie modisch frisiert. Ihren schmalen Schwanenhals zierte die Perlenkette, die einst ihrer Mutter gehörte, und an den Ohren die passenden Perlenstecker. Ihre Schminke war dezent, nur die roten bemalten Lippen, stachen hervor. Leise seufzend strich er mit seinem Daumen über den goldenen Ehering an ihrem Finger und hob ihre Hand für einen sanften Kuss an seinen Mund.

„Alles in Ordnung, Marie. Ich konnte nur nicht mehr schlafen und brauchte frische Luft.“

Ihr Blick wurde weich und ihre freie Hand legte sich zärtlich an seine Wange mit den Bartstoppeln.

„Ich habe gemerkt, dass du heute Nacht unruhig warst. Magst du darüber reden?“

Vehement schüttelte Leo den Kopf und zog sie zurück zum Haus.

„Nicht weiter der Rede wert.“ In der Terrassentür blieb er stehen und drehte sich zu seiner Frau, die ihn weiterhin sorgenvoll musterte und zog sie behutsam in seine Arme. Der weiche Körper schmiegte sich sofort an ihn und ihre schmalen Hände wanderten seinen Rücken hinauf zu den Schultern, wo sie warm und beruhigend verharrten.

„Es ist wirklich alles gut, Marie. Nur ein Traum“, wisperte er an ihrer Schläfe, bevor er einen Kuss über ihrer perfekt geschwungenen Augenbraue platzierte. Leise seufzte sie an seiner Brust und kurz drückten ihre Finger in sein Schulterblatt.

„In Ordnung, aber du kannst mit mir darüber reden, Leo.“

Er vergrub seine Nase in dem Haar seiner Frau und nickte.

„Das weiß ich.“

 

Das Geräusch nackter kleiner Füße ließ sie sich voneinander lösen und zur Wohnzimmertür drehen, in der nun ein kleines Mädchen im Nachthemd mit hellbraunem Haar und strahlend blaugrünen Augen auftauchte und sie breit anlachte.

„Warst du im Schlafanzug im Garten, Papa? Das macht man doch nicht“, quiekte sie vergnügt und eilte auf ihn zu. Lachend ging er in die Knie, fing sie auf und wirbelte sie einmal im Kreis, bevor er mit ihr in den Garten trat und sie auf dem nun mittlerweile trockenen Rasen absetzte. Jauchzend flitzte sie los und blickte über die Schulter zurück zu ihrem Vater, der ihr mit großen Schritten folgte. Wenn die Augen seiner Tochter so verschmitzt zu ihm aufsahen, erinnerte sie ihn stark an seine ältere Schwester Caroline, die immer bemüht war, die Brave und Sittsame zu sein und sich dennoch leicht von Leo zu Schabernack anstiften ließ. Sein Lächeln, das sich beim Anblick seiner vergnügten Tochter, auf sein Gesicht geschlichen hatte, fiel ein wenig in sich zusammen. Die Erinnerung an Caro schmerzte. Seine große Schwester war sein Anker gewesen, hatte ihn zusammengehalten und ihm Mut gemacht. Bis sie es nicht mehr konnte, weil selbst sie keine Hoffnung mehr hatte. Leo schluckte schwer und ließ sich nur zu gern von der kleinen Hand in seiner mitziehen. Seine Tochter und seine Frau waren seine Gegenwart und seine Zukunft. Nicht die Vergangenheit.

 

Das Hochgefühl des Morgens verblaste, als er die schwere Marmortreppe des Gerichtsgebäudes emporstieg und das kleine Büro betrat, dass er seit der Ernennung zum Staatsanwalt für sich allein hatte. Er nickte Pia im Vorzimmer zu, seiner Sekretärin, die sofort aufsprang und ihm eine Tasse Kaffee eingoss. Leo fand, dass Pia als Sekretärin viel zu unterbesetzt war. Sie hatte locker das Zeug dazu, selbst Staatsanwältin zu werden, wenn sich nicht ihre Eltern gegen eine höhere Schulbildung nach dem Krieg ausgesprochen hätten. Pia sollte Geld verdienen und zum Unterhalt der Familie beitragen, wenn sie schon nicht in absehbarer Zeit heiraten würde. Dankbar nahm er die Tasse entgegen und lächelte Pia freundlich zu, die nach ihrer Mappe auf dem Schreibtisch griff und begann ihm die anstehenden Termine und Telefonate des Tages aufzulisten. Ihr Vortrag wurde von einem Klopfen an der Tür unterbrochen und kurz darauf trat Wolfgang von Boost, Leos Kollege und dienstältere Kollege ein.

„Verzeih die Störung Leo.“ Sein Blick war ernst und er hob entschuldigend die Mappe in seiner Hand etwas höher. „Ich möchte mit dir einen Fall besprechen.“

Leo nickte Pia entschuldigend zu, die sich mit einem kleinen Achselzucken in das Vorzimmer zurückzog und die Tür hinter sich schloss.

Wolfgang trat an den Schreibtisch und reichte ihm die Akte.

„Ich würde dich bitten, diesen Fall zu übernehmen“, begann der Ältere mit zögerlicher Stimme. Leo schlug die Mappe auf.

„Um was geht es denn?“, fragte er, noch bevor er die erste Seite in Augenschein genommen hatte.

„Verdacht auf einen 175er. Er wurde im Volkspark aufgegriffen im Beisein eines weiteren Mannes. Eine Nachbarin hatte der Polizei den Tipp gegeben, dass er wohl sich dort mit anderen Männern trifft.“

Stirnrunzelnd und das flaue Gefühl in seinem Magen ignorierend sah Leo zu Wolfgang auf.

„Wieso übernimmst du das nicht?“

Die Wangenmuskel in Wolfgangs Gesicht spannten sich an.

„Ich habe andere Fälle von Dringlichkeit im Moment. Und dieser Fall,“ er tippte auf die Akte, „duldet keinen Aufschub. Bei dir weiß ich, dass du dem gewissenhaft nachgehen wirst.“

Etwas in Wolfgangs Blick irritierte Leo. Es schien, als würde sein Kollege nicht ganz die Wahrheit sagen, warum er den Fall an ihn abgeben wollte. Durchaus fühlte Leo sich durch das Vertrauen geschmeichelt, kam jedoch nicht umhin, Wolfgangs merkwürdiges Gebaren zu bemerken.

„Wie heißt denn der Angeklagte?“, fragte Leo und richtete seine Konzentration wieder auf die Akte. Wolfgang zog zwischen den Blättern ein Bild hervor.

„Florian Weidenbaum. Geboren 1930 in West-Berlin. Bis jetzt uns nicht polizeidienstlich bekannt.“

Nicht zum ersten Mal an diesem Morgen drohte Leo der Boden unter seinen Füßen zu entgleiten. Florian Weidenbaum war ihm durchaus bekannt. Bilder blitzten in seinem Kopf auf, von einer Nacht im Volkspark kurz nachdem Marie und er nach Berlin gekommen waren und er Sehnsucht verspürt hatte. Sehnsucht nach einem anderen blonden Mann. Und Florian hatte dem Jungen in seinen Erinnerungen so ähnlichgesehen.

„Kann ich auf dich zählen, Leo?“, riss ihn Wolfgang aus seinen Gedanken. Benommen nickte er und so etwas wie Erleichterung huschte über Wolfgangs Gesicht, bevor er sich verabschiedete, das Büro verließ und Leo mit dem Chaos in seinem Kopf und seinem Herzen allein ließ.