Work Text:
Leo freut sich immer auf den Beginn des neuen Schuljahres. Die Sommerferien sind schön und gut, aber nach zwei Wochen Urlaub mit seiner Familie fühlt er sich immer so erledigt, dass er sich lieber wieder in einen Klassenraum voller Vierzehnjähriger stellen würde. Die können kaum anstrengender sein als die drei Kinder seiner Schwester.
Daher hat er sich wie jedes Jahr in den letzten Ferienwochen in die Arbeit gestürzt und eifrig mit der Lehrplanung begonnen. Streng genommen ändert sich für seine Fächer, Englisch und Kunst, nicht viel an den Unterrichtseinheiten, aber er bringt doch immer gerne aktuelle Dinge ein oder denkt sich Möglichkeiten aus, wie er den Unterricht ein bisschen auflockern kann. Er mag es, Lehrer zu sein.
Was er am Lehrer sein allerdings nicht mag, das entscheidet er am ersten Schultag nach den Ferien spontan, ist die Pausenaufsicht. Für die ist er nämlich dieses Jahr durchgehend eingeteilt. Und das nicht wie letztes Jahr mit Esther, die zwar anstrengend, aber nach einer Weile doch ganz erträglich war, wenn man sich an ihre ruppige Art gewöhnt hat. Nein, dieses Jahr darf er seine Pausen regelmäßig mit niemand anderem als Adam Schürk verbringen.
Adam, der seit zwei Jahren an ihrer Schule und Leo seitdem ein Dorn im Auge ist. Er stellt all ihre Abläufe in Frage, macht ständig blöde Kommentare bei Konferenzen und von dem, was Leo mitbekommt, sind seine Unterrichtsmethoden mehr als fragwürdig. Vielleicht ist das so, wenn jemand aus irgendeinem unerfindlichen Grund aus der Großstadt ins beschauliche Saarbrücken kommt, aber dennoch meint, seine alternativen Methoden hier umsetzen zu müssen.
Im Grunde genommen hat Leo nichts gegen Veränderung. Er versucht schon seit Jahren, einige ihrer Verwaltungsprozesse zu verschlanken und kämpft für bessere, aktuellere Ausstattung. Aber er möchte das auf seine Art; das heißt, wenn Adam etwas vorschlägt, was Leo sich insgeheim auch schon mal gedacht ist, ist er strikt dagegen. Nicht, weil er Adam nicht leiden kann, sondern weil Adam das immer auf eine Art und Weise anbringt, die Leo nicht gutheißen kann. Man muss nicht immer gleich alles schlechtreden, nur um es verbessern zu können. Dann soll lieber alles so bleiben wie es ist.
Leo hat alles versucht, um aus dieser Pausenaufsicht rauszukommen, aber ohne Erfolg. Nicht mal ein Gespräch mit dem Schulleiter hat ihm geholfen. Rainer und er verstehen sich zwar eigentlich ganz gut, aber da wollte er Leo kein Stück entgegenkommen. Es sind doch nur zwanzig Minuten, hat er gesagt und sich in seinem Schreibtischstuhl zurückgelehnt. Das Argument, dass es nicht nur eine, sondern mehrere Pausen und damit deutlich mehr als zwanzig Minuten sind, hat bei Rainer nichts gebracht. Er hat Leo lieber gefragt, wie seine Ferien waren und damit war das Thema erledigt.
In seiner Verzweiflung hat er sogar Esther gefragt, ob sie tauschen will, obwohl sie Adam gefühlt noch weniger leiden kann als er. Doch Esther ist dieses Jahr mit Pia eingeteilt und wollte ihre neue Partnerin auf keinen Fall abgeben, was bedeutet, dass Leo bis zum Ende des Schuljahres in einem Team mit Adam feststeckt. Na klasse.
Als Vorbereitung auf ihre erste gemeinsame Pausenaufsicht sagt Leo sich mehrmals, dass sie das schon hinbekommen. Er hat kein Problem damit, sich für diese kurze Zeitspanne zusammenzuraufen und mit Adam erwachsen zu kommunizieren. Sie sind alt genug, ein bisschen auf dem Schulhof zusammenzustehen und Smalltalk zu betreiben, ohne sich an die Gurgel zu springen.
Dachte Leo jedenfalls. Es fängt auch eigentlich ganz harmlos an. Sie sprechen über die Neubesetzungen für dieses Schuljahr. Adam berichtet von dem neuen Kollegen in seiner Physikfachschaft. Frisch vom Studium und noch ein bisschen grün hinter den Ohren. Der Neue tut Leo ein bisschen leid, dass er ausgerechnet von Adam eingearbeitet werden soll, aber am Ende ist das nicht sein Problem und der Neue wird lernen müssen, damit klarzukommen,
Dann erwähnt Leo am Rande, dass bei ihnen in Kunst keine Nachfolge gefunden wurde und Bärbel deshalb ihren geplanten Ruhestand um ein Jahr nach hinten verschoben hat. Und da geht es los.
„Ist in Kunst ja wahrscheinlich egal. Wenn sie vierzig Jahre lang jeden Tag das Gleiche erzählt hat, kann sie das auch noch ein Jahr länger machen.“ Adam lehnt sich gegen die Wand der Sporthalle zurück und verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust.
Die Sporthalle stellt die Schulhofbegrenzung zu einer Seite dar. Auf zwei anderen stehen die beiden Lehrgebäude, an der vierten Seite ist eine kleine Mauer zur Straße hin. Leo sitzt eigentlich lieber auf der Mauer, aber weil Adam die Sporthallenwand zu bevorzugen scheint, hat Leo nachgegeben und sie sind heute hier. Das Nachgeben bereut er allerdings jetzt schon ein bisschen, weil er das Gefühl hat, er hätte Adam damit zu viele Zugeständnisse gemacht.
Es gefällt ihm nicht, dass Adam so abfällig über Bärbel redet. Sie ist eine hochgeschätzte Kollegin und bei allen beliebt, weil sie ständig Kuchen mitbringen. Außerdem geht es Leo gegen den Strich, wie abfällig Adam über sein Fach redet. Um den Frieden im Lehrerzimmer zu bewahren, bemüht er sich trotzdem um eine diplomatische Antwort. „Auch in Kunst kommen jedes Jahr neue Themen dazu und der Lehrplan wird ständig angepasst.“
„Na ja, ob ich jetzt dieses oder jenes Thema male, macht doch keinen wirklichen Unterschied, oder?“
Leo weiß, dass Adam ihn nur provoziert, aber es wurmt ihn trotzdem. „Bei deinen mangelnden künstlerischen Fähigkeiten wahrscheinlich nicht. Aber nur weil bei dir alle Bilder gleich aussehen, heißt das nicht, dass wir immer das Gleiche unterrichten. Außerdem solltest du intelligent genug sein zu wissen, dass Kunstunterricht nicht nur aus Bilder malen besteht.“
„Das wollte ich gar nicht sagen.“ Adam zieht eine Augenbraue hoch, was Leo noch ein bisschen mehr zur Weißglut treibt. „Ich meine nur, dass man dadurch im Endeffekt das Gleiche mitnehmen soll. Ich soll ja im Unterricht nicht lernen, eine besonders hübsche Obstschale zu malen, sondern Kreativität fördern oder so.“
Leider hat Adam damit nicht ganz Unrecht. Wenn Leo ehrlich ist, hat er sogar ziemlich ins Schwarze getroffen. Leo ist selbst immer der erste, der seinen Klassen erzählt, dass es nicht wirklich auf Talent ankommt, sondern darauf, seine Kreativität auszuleben. Aber diese Genugtuung kann er Adam auf keinen Fall gönnen. Die Wut in ihm brodelt allein schon deshalb, weil Adam ihm einfach so einen Vortrag hält, obwohl Leo derjenige ist, der das Fach studiert hat. „Können wir das vielleicht nicht hier ausdiskutieren?“
„So? Willst du mir lieber unter vier Augen sagen, dass ich Recht habe?“
Nun muss Leo auch die Arme vor der Brust verschränken, wenn auch nur, damit er nicht Gefahr läuft, Adam eine reinzuhauen. Ein kurzer Blick über den Schulhof verrät, dass sich schon mehrere Köpfe neugierig in ihre Richtung drehen. Leo beißt die Zähne zusammen, damit er bloß nichts sagen kann, was er nachher bereut.
„Komm mal mit.“
Er schaut irritiert auf. Adam hat sich von der Wand gelöst und seine Abwehrhaltung aufgegeben, aber sympathischer wirkt er dadurch nicht. „Wir können jetzt nicht einfach gehen“, entgegnet Leo entgeistert.
„Wieso nicht? Die Kids kommen schon ein paar Minuten ohne uns aus. Du wolltest das doch nicht hier diskutieren, oder?“
Nein, wollte er nicht. Er wollte überhaupt nicht mit Adam diskutieren. Aber Adam ist schon ein paar Meter weitergegangen und seitlich um die Sporthalle verschwunden. Dort ist nur ein kleiner Weg, begrenzt von der Halle auf der einen und dem Zaun auf der anderen Seite. Am Ende befindet sich ein Tor, das früher mal für irgendwelche Anlieferungen genutzt wurde. Der Pfad dahin ist aber schon lange mit Unkraut überwuchert. Adam kann also nicht weiterwollen, sondern möchte wahrscheinlich einfach nur die Sporthalle als Sichtschutz nutzen.
Leo behagt es gar nicht, Adam hinter die Sporthalle zu folgen. Nicht, weil die kleine, kaum einsehbare Gasse der perfekte Schauplatz für einen Mord wäre. Hauptsächlich möchte er die Schüler nicht unbeaufsichtigt zurücklassen. Doch andererseits wird wohl kaum in den nächsten paar Minuten eine Katastrophe passieren und Adam ist immer noch nicht wieder aufgetaucht, das heißt, Leo muss wenigstens hinter ihm hergehen, um ihn zurückzuholen.
Adam lehnt genauso an der Seite der Sporthalle, wie er das vorhin an der anderen Wand gemacht hat. Ohne einen wirklichen Plan, wie Leo ihre Konfrontation fortsetzen soll, baut er sich vor Adam auf. Die Gasse ist nicht breit und Leo spürt den Zaun in seinem Rücken, weil er Adam auf keinen Fall zu nahe kommen will.
„Also?“ fragt Adam. Sein Gesicht ist ausdruckslos wie immer. Leo hasst ihn ein bisschen dafür, dass er einfach nie Emotionen zeigt, außer ab und zu milder Belustigung. Auch jetzt wirkt er ganz ruhig, während er Leo immer noch unverwandt anschaut.
„Nichts. Ich werde mich da nicht mit dir drüber streiten“, entscheidet Leo spontan. Vielleicht, weil er wirklich keine Lust hat und weil sie ohnehin nicht zu viel Zeit hier verbringen dürfen. Vielleicht auch, weil er befürchtet, sich nicht korrekt ausdrücken zu können und Adam nicht die Genugtuung geben will, zu gewinnen. „Wenn du ein Problem mit dem Lehrplan hast, wende dich ans Bildungsministerium.“
Damit lässt er Adam einfach stehen. Er spürt seinen durchdringenden Blick im Rücken und ist fast überrascht, dass Adam ihm nicht noch einen blöden Kommentar hinterherwirft. Auch so fühlt es sich nicht wirklich als, als ob er erhobenen Hauptes aus dieser Unterhaltung rausgeht, aber immerhin konnte er sich einen letzten Rest Anstand bewahren.
*
Zwei Wochen später hat Leo sich mit seiner Situation fast schon abgefunden. Jedes Mal, wenn sie zusammen zur Aufsicht eingeteilt sind, steht er neben Adam auf dem Schulhof. Er schlürft seinen Beruhigungskaffee und schaltet auf Durchzug, wenn Adam wieder mal gegen Gott und die Welt wettert. Solange es nicht um Leos Fächer geht, kann er das erfolgreich ausblenden. Selbst einen weiteren unangebrachten Kommentar über die Qualität des Kunstunterrichts im Saarland hat er ohne Einwände weggesteckt.
Doch wenn es um Leo persönlich geht, gelingt es ihm mit dem Ignorieren plötzlich nicht mehr so gut. Und zwar genau dann, als Adam sagt: „Hab gehört, du hast deine Schüler heute wieder zu einer Gruppenarbeit gezwungen.“
Allein die Aussage und die Art, wie Adam ihn dabei anschaut, treiben Leos Puls in die Höhe. Er kann nicht mal genau sagen, warum. „Ja. Und?“
„Warum tust du den armen Kindern das an? Jeder hasst Gruppenarbeit.“
„Das steht so im Lehrplan. Alternative Unterrichtsmethoden zur Entwicklung von sozialen Kompetenzen.“
Adam schnaubt und es klingt gleichzeitig amüsiert und abfällig. „Niemand hier interessiert sich einen Dreck für Sozialkompetenzen. Die einzige Kompetenz, die Kinder dabei lernen, ist sich gegenseitig zu hassen.“
Leo ist es leid, sich von Adam unterbuttern zu lassen. Vielleicht ist er heute mit dem falschen Fuß aufgestanden, aber ausnahmsweise hat er das Bedürfnis, mit der gleichen Intensität zurück zu giften. „Schließt mal wieder von dich auf andere, was? Wenn ich mit dir zusammenarbeiten müsste, würde ich es auch hassen.“
Der Spruch geht unter die Gürtellinie, und Leo weiß das. Bereuen tut er es allerdings nicht, vor allem, als Adam endlich mal eine Reaktion zeigt, auch wenn sich nur seine Augen ein bisschen weiten vor Erstaunen. Sein Gesicht wird aber sofort wieder neutral. „Blöd, dass wir Kollegen sind, hm?“
„Das hab ich mir nicht ausgesucht.“ Wobei er Adam wahrscheinlich trotzdem hätte einstellen müssen, allein schon wegen der Fächerkombination. Physiklehrer gibt es nun einmal nicht wie Sand am Meer. Außerdem hat Rainer mal erwähnt, dass Adam eine sehr gute Beurteilung von seiner alten Schule hatte. Erklären kann Leo sich das beim besten Willen nicht, höchstens wenn sie ihn verwechselt haben oder durch Bestechung.
Leo geht eigentlich davon aus, dass ihre Diskussion hiermit erledigt ist. Er möchte dieses Gespräch beenden und einfach nur für die letzten Minuten der Pause seine Ruhe haben und sein Gesicht in die warme Septembersonne halten. Leider macht Adam ihm, wie sollte es auch anders sein, einen Strich durch die Rechnung.
Sein „Komm mit“ ignoriert Leo noch, aber als Adam wieder um die Sporthalle verschwindet, kann er doch nicht länger stehenbleiben. Er vergewissert sich, dass auf dem Schulhof alles ruhig ist, bevor er Adam nach hinten folgt.
„Was?“ fragt Leo, ziemlich ungehalten.
Für Adam scheint es keine andere akzeptable Haltung zu geben, als sich gegen die Wand zu lehnen und die Arme zu verschränken. Er klingt allerdings deutlich ruhiger als noch vorhin auf dem Schulhof. „Ich meine ja nur, dass du über die Sache mit den Gruppenarbeiten noch mal nachdenken solltest. Manchmal muss man das je nach Klasse anpassen.“
Leo ist nicht dumm. Er macht den Job schon lange genug, sodass er sich einbildet, einigermaßen informiert über solche Konzepte zu sein. Das müsste Adam aber eigentlich auch wissen, weil Leo gerne der erste ist, der bei Konferenzen und Versammlungen über individuelle Ansätze redet. „Jetzt sag schon, worauf du hinauswillst.“
Adam stößt sich von der Wand ab und geht einen Schritt auf Leo zu. Weil der Weg nicht gerade breit ist, bleibt so nicht viel Platz zwischen ihnen. Leo gefällt das nicht, weil er so den Kopf heben muss, um Adam ins Gesicht zu schauen. Zwischen ihnen liegen zwar nur wenige Zentimeter Größenunterschied, aber so, wie Adam jetzt über ihm kauert, fühlt es sich nach deutlich mehr an.
Wenn es irgendjemand anderes als Adam wäre, fände Leo das heiß. Er stand schon immer auf große Typen. Aber da es Adam ist, findet er es einfach nur nervig und anmaßend. Er weigert sich, Adams Geste als bedrohlich anzusehen, weil Leo trotz Adams Größe in einem Kampf wahrscheinlich schnell die Oberhand gewinnen könnte. Dass Adam sich so vor ihm aufbauen muss, ist aber trotzdem unangebracht.
„Wenn Nico in der 8a eh schon für die Hälfte der Jungs die Hausaufgaben macht, wie wahrscheinlich ist es dann, dass sie bei einer Gruppenarbeit alle Aufgaben selbstständig gleichmäßig untereinander aufteilen?“
Leo fühlt sich ein bisschen vor den Kopf gestoßen. „Was?“ Er würde am liebsten zurückweichen, aber der Zaun in seinem Rücken ist ihm im Weg. Woher ist Adam überhaupt so genau darüber informiert, was er mit welcher seiner Klassen macht, und vor allem, was einzelne Schüler angeht?
„Sag nicht, mit deiner wahnsinnigen Intuition und überdurchschnittlichen Auffassungsgabe hättest du das nicht bemerkt?“
Leo würde Adam dieses selbstgefällige Grinsen gerne vom Gesicht wischen, aber seinem Kollegen in der Pause hinter Sporthalle eine runterzuhauen, würde sich bestimmt nicht gut in seiner Personalakte machen. Natürlich hat er gemerkt, dass Nico in seiner Klasse Probleme hat. Der Junge erinnert Leo ein bisschen zu sehr an sich selbst. Aber dass es so weit geht, wie Adam hier behauptet, das ist ihm schlicht und ergreifend nicht aufgefallen.
Sofort hat er ein schlechtes Gewissen, dass er nicht früher eingegriffen hat. Für den Moment resultiert dieses schlechte Gewissen aber nur in noch mehr Wut auf Adam, weil er Leo so vorführt. Obwohl Adam den Anstand hatte, dieses Gespräch mit Leo nicht in der Öffentlichkeit zu führen, aber dieses winzige Zugeständnis macht es auch nicht besser. „Natürlich hab ich das bemerkt“, zischt er.
Adam kann ihm seine Lüge wahrscheinlich vom Gesicht ablesen. Das muss der einzige Grund sein, dass er jetzt mal wieder eine Augenbraue hochzieht. Aus dieser Nähe kann Leo genau sehen, wie sich dabei seine Gesichtsmuskeln bewegen, an seiner Stirn Falten entstehen und sich seine Nase leicht kräuselt. So viel zu seinem Vorhaben, Adam dieses Schuljahr nicht zu viel Beachtung zu schenken.
„Dann ist ja gut“, entgegnet Adam aber nur und tritt wieder einen Schritt zurück. Bevor Leo etwas erwidern kann, hat er sich schon umgedreht, ist die wenigen Meter an der Sporthalle entlanggelaufen und wieder in den Sonnenschein auf dem Schulhof zurückgetreten.
Leo nimmt noch ein, zwei tiefe Atemzüge, bis er ihm folgt. Zum Glück klingelt in dem Moment die Pausenglocke, sodass sie keine Gelegenheit bekommen, sich noch weiter zu unterhalten. Leo wüsste sowieso nicht, was er noch sagen sollte. Leider hat Adam ihn heute echt kalt erwischt.
Er nimmt sich vor, demnächst in der 8a genauer auf die Aufgabenverteilung zu achten. Vielleicht sollte er auch mal unauffällig mit Nico reden. Die Gruppenarbeiten wird er auf jeden Fall fürs erste bleiben lassen. Auch wenn Adam ihm das wahrscheinlich schön unter die Nase reiben wird, aber in dem Fall gehen die Schüler vor und Leo wird da schon drüber stehen.
*
Es ist das erste Mal in diesem Schuljahr, dass Leo wegen eines Gesprächs mit einer Kollegin zu spät zur Pausenaufsicht kommt und natürlich ist genau heute der Tag, an dem er mitten in eine Katastrophe hereinplatzt. Schon von weitem kann er sehen, dass Adam vor einer Gruppe Schüler steht und einen von ihnen gerade so richtig zusammenpfeift. An sich nichts Ungewöhnliches. Ausgehend von den Informationen in ihren jährlichen Konflikttrainings sollte Leo sich nicht in eine Situation einmischen, die Adam schon unter Kontrolle hat.
Wie sich herausstellt, hat Adam die Situation nicht unter Kontrolle. Er schimpft immer noch weiter, sagt etwas, das Leo aus der Entfernung nicht hören kann, aber dann packt er den Jungen vor sich an der Schulter. Leo ist in Sekunden bei ihm und reißt Adams Arm grob zurück. „Was soll das?“ zischt er ihm zu, so leise, dass es die Schüler hoffentlich nicht mitbekommen.
Adam starrt ihn einfach nur an. Leo merkt, dass er immer noch Adams Arm festhält und löst betont langsam die Finger von seiner Jeansjacke. Er ist froh, dass Adam keine Anstalten macht, noch mal auf eins der Kinder loszugehen. Erst, als er sich davon überzeugt hat, dass Adam nicht wieder ausrasten wird, dreht er sich zu den Schülern um.
Der Junge, den Adam angegriffen hat, steht immer noch da, umringt von seinen Freunden. Er wirkt viel zu perplex von dem, was hier gerade passiert ist, als dass er seine kurze Chance zur Flucht hätte nutzen können. Leo schämt sich ein bisschen darüber, dass er erleichtert ist, als er Paul aus der 9b erkennt. Wenn er sich richtig erinnern kann, sind Pauls Eltern keine von der reichen, überprivilegierten Sorte, die bei so einer Aktion von Adam sofort damit drohen würden, die Schule zu verklagen.
Im Hinterkopf ist Leo sich bewusst, dass es irgendeinen Grund für Adams Verhalten gegeben haben muss. Es war trotzdem total unakzeptabel. Zuerst muss Leo sich aber wohl mit dem jugendlichen Übeltäter auseinandersetzen. „Paul, kommst du bitte mit?“ sagt er betont ruhig.
Paul nickt. Nun wirkt er doch ein bisschen kleinlaut. Soweit Leo weiß, ist er normalerweise keiner von den Problemfällen, die sie regelmäßig bei Konferenzen besprechen. Er baut ab und zu Mist, ist manchmal ein bisschen aufbrausend, aber Leo hat schon deutlich Schlimmeres gesehen als einen Jungen, der seine Mitschülerinnen mit dem Tafelschwamm bewirft. Der Schwamm war nicht mal nass, woran Leo schon gemerkt hat, dass bei Paul nicht besonders viel böse Intention dahintersteckt.
Bevor sie gehen, dreht Leo sich noch einmal kurz zu Adam um. Der hat seine Hände in den Hosentaschen vergraben und steht einfach nur ruhig da. Er wirkt nicht unbedingt schuldbewusst, was auch der Grund ist, aus dem Leo ihn jetzt nicht mit Paul reinschicken kann. Natürlich würde Adam Paul im Schulflur nicht noch einmal angreifen, aber solange Leo das nicht zu hundert Prozent ausschließen kann, will er sie lieber getrennt halten.
Paul ist überraschend ruhig, als er neben Leo auf das Schulgebäude zu stapft. Leo ist sich ziemlich sicher, dass seine Freunde ihnen hinterherschauen. Drinnen wird er etwas langsamer. „Was ist denn da draußen vorgefallen?“ fragt er vorsichtig. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist, als Lehrer die Wahrheit aus den Schülern herauszuholen, anstatt sie direkt beim Schulleiter abzuliefern.
„Der Schürk hat sie nicht mehr alle“, erwidert Paul. Von seiner Schüchternheit von eben ist nicht mehr viel übrig, dafür scheint nun eine große Menge an Trotz durch. Leo würde seiner Aussage gerne beipflichten, aber er wird sich hüten, das vor einem Schüler zu tun. „Meint mich ohne Grund zurechtweisen zu müssen, als ob ihn das irgendwas angeht.“
Dass es wirklich ohne Grund war, bezweifelt Leo. Aber dafür muss er sich wohl Adams Seite der Geschichte anhören. Inzwischen stehen sie ohnehin schon vor Rainers Büro und es brennt Leo unter den Nägeln, zurück nach draußen zu gehen, um Adam zu konfrontieren.
Rainer war nicht gerade begeistert, hat Leo aber wieder rausgeschickt, als er meinte, er müsste erst mal checken, ob Adam sich schon genug abreagiert hätte. Draußen auf dem Schulhof hat sich die Schülergruppe von vorhin immer noch nicht aufgelöst. Sie tuscheln, als Leo wieder auftaucht, aber er macht einen Bogen um sie. Redende Schüler sind nicht sein Problem. Sein Problem heißt Adam Schürk und lehnt ganz locker an ihrer üblichen Stelle an der Sporthalle.
Diesmal ist es Leo, der ihm mit einem knappen Nicken bedeutet, ihm um die Halle herum zu folgen. Er kann sehr deutlich erkennen, wie Adam genervt die Augen verdreht, aber immerhin kommt er Leo ohne lauten Protest hinterher.
„Ich weiß, dass das scheiße war“, sagt Adam, noch bevor Leo seine sorgsam zurechtgelegte Argumentation beginnen kann. „Du brauchst gar nicht so vorwurfsvoll zu gucken.“
Sein sofortiges Eingeständnis bringt Leo mehr aus dem Konzept, als es sollte. Wahrscheinlich, weil er nie damit gerechnet hätte, dass jemand wie Adam zu Selbstreflexion fähig ist. „Ich bin nicht derjenige, bei dem du dich entschuldigen musst.“
„Hab ich mich bei dir entschuldigt?“ Adam lehnt wieder mal mit dem Rücken gegen die Wand. „Was meinst du, was Rainer mir gibt? Abmahnung?“
Leo knirscht mit den Zähnen. Adam sollte das nicht so locker hinnehmen. So wie er Rainer kennt, wird er es bei einer mündlichen Verwarnung belassen, aber das muss er Adam ja nicht auf die Nase binden. „Du hättest auf jeden Fall eine verdient.“
Adam zuckt nur mit den Schultern. „Der Pisser hatte es auch verdient.“
Dass Adam so über Schüler spricht, ist unmöglich. Dass Leo sich schon öfters selbst bei solchen Gedanken ertappt hat, tut überhaupt nichts zur Sache. „Was hat er denn getan, was so schlimm war?“
Adam zieht die Augenbrauen noch enger zusammen, sodass er noch verbissener wirkt. „Was tut das zur Sache?“
„Für mich? Nichts. Du wirst das Rainer ohnehin später erklären müssen.“ Leos Neugier wird er so oder so stillen können, weil Rainer das garantiert nicht für sich behalten kann. Aber jetzt hat er absolut keine Lust mehr, sich mit Adam herumzuschlagen. Sollen das doch diejenigen übernehmen, die sich ihre Führungspositionen ausgesucht haben.
Leo hat sich gerade zum Gehen gewandt, aber Adams leises „Warte“ hält ihn zurück. Widerstrebend dreht er sich um. Adam wirkt nicht mehr ganz so verbissen wie vorhin. Seine Finger spielen mit den Ärmeln seiner Jeansjacke herum. „Paul hat Nesim eine Schwuchtel genannt.“
Leo muss einmal die Augen schließen und tief durchatmen. Es ist scheißegal, wie er selbst das findet oder wie er damit umgehen würde, wenn das einfach jemand auf der Straße zu ihm sagt. Es ist auch vollkommen irrelevant, wie sehr ihn das an seine eigene Schulzeit erinnert und wie sehr er sich damals gewünscht hat, dass ein Lehrer ihn mal verteidigen würde. Adam ist eindeutig zu weit gegangen. „Und dann hast du ihn einfach gepackt und geschüttelt oder was?“
„Nein. Erst habe ganz ruhig und vernünftig versucht, ihm zu erklären, dass eine solche Wortwahl hier nicht erwünscht ist und dass solche Beleidigungen nicht in Ordnung sind.“
So, wie die Diskussion aussah, wirkte es nicht unbedingt ruhig und vernünftig, aber da ist Leo bereit, Adam gewisse Zugeständnisse zu machen. Allerdings nicht bei körperlichen Auseinandersetzungen. „Und wie ging es dann weiter?“
„Er hat gelacht und vor mir auf den Boden gespuckt.“
Nun kann Leo Adams Reaktion noch mehr verstehen, was ihn ein bisschen ärgert. Er meint, den Schmerz lesen zu können, der auf einmal in Adams Augen aufleuchtet. Vielleicht haben sie doch mehr gemeinsam, als Leo immer dachte, aber damit kann er sich nicht jetzt beschäftigen. Am liebsten würde er sich damit nie beschäftigen, sondern wieder dazu übergehen, Adam nicht zu beachten. Vorher muss er das hier aber noch zu Ende klären.
Adams Verhalten war nicht okay, aber das weiß er auch selber und es ist nicht Leos Aufgabe, ihn zurechtzuweisen. „Sag das alles Rainer“, verlangt er deshalb, weil er befürchtet, Adam könnte sich aus irgendeinem Grund später zurückhalten. Möglicherweise, weil Leo selbst als Siebzehnjähriger vor den Autoritätsfiguren nie das wiederholt hat, was ihm auf den Schulhof an den Kopf geworfen wurde.
Doch Adam ist natürlich nicht Leo, und er ist auch nicht siebzehn. Bei Leos Aussage zieht er nur wieder eine Augenbraue hoch und wirkt plötzlich wieder überheblich wie immer. „Das hatte ich vor, ja. Darf ich das jetzt tun oder hast du noch irgendwas, was du dir unbedingt von der Seele reden willst?“
Stumm schüttelt Leo den Kopf. Er will gar nicht erst auf die Idee kommen, weitere Fragen zu Adams persönlichen Hintergründen zu stellen. Da schaut er ihm lieber zu, wie sein Rücken um die Ecke der Sporthalle verschwindet.
*
Es ist eiskalt und Leo tritt von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Seine Finger sind längst zu Eiszapfen gefroren, obwohl er die Hände tief in die Taschen seiner Winterjacke gestopft hat. Sein Schal hält den Wind nur mittelmäßig gut ab und es verhindert nicht, dass die leichten Schneeflocken auf seinem Gesicht und in seinen Haaren hängenbleiben. Hätte er sich doch mal eine Mütze mitgenommen.
Adam scheint die Kälte nicht zu stören. Auch diesmal lehnt er an der Sporthalle. Leo kann nicht verstehen, wie er das aushält, ohne sich wenigstens ein bisschen zu bewegen. Er hat zwar seine Jeansjacke infolge der Minusgrade der vergangenen Tage gegen eine etwas dickere Daunenjacke getauscht, aber warm genug angezogen wirkt er trotzdem nicht.
Im Vergleich zu gestern ist es zwar etwas wärmer, aber in der Nacht hat es auch geschneit, weshalb Leo die paar Grad mehr kaum merkt. Außerdem bedeutet der Schnee, dass sie heute in der Pause noch aufmerksamer sein müssen als sonst. Rainer hat vorhin am Ende der Stunde schon durchgesagt, dass Schneeballschlachten wegen der Verletzungsgefahr verboten sind, aber Leo und Adam sind diejenigen, die das hier draußen durchsetzen sollen.
Bisher wirkt alles ganz ruhig. Die meisten stehen in kleineren Gruppen zusammen und scheinen genauso zu frieren wie Leo. In einer Ecke scheitert eine Gruppe Fünftklässler daran einen Schneemann zu bauen. Ein paar Mädchen jagen sich über den Hof, sodass Leo ihnen zurufen muss, doch bitte etwas langsamer zu machen. Sie gehorchen mit nur ein bisschen murren. Das hat Leo noch gefehlt, dass auf der dünnen Eisschicht unter dem Schnee jemand ausrutscht und sich die Knochen bricht. Da ist es ihm lieber, wenn sie ein bisschen sauer auf ihn sind und ihn hinterher als Spielverderber bezeichnen, aber sich dafür vernünftiger verhalten.
„Hier ist Schnee viel schöner als in Berlin“, sagt Adam plötzlich.
Angesichts dieser ungewöhnlich positiven Bemerkung schaut Leo überrascht zu ihm hinüber. Adam hat das Gesicht nach oben gereckt und die Augen geschlossen. Leo will gerade schon sagen, dass das nicht unbedingt dem Zweck ihrer Pausenaufsicht entspricht. Dann bemerkt er, dass sich einzelne Schneeflocken auf Adams Gesicht gesammelt haben, die nun langsam zu schmelzen beginnen. Eine bleibt in seinen Wimpern hängen und Leo beobachtet, wie sie unversehrt dort liegen bleibt, bis Adam blinzelt.
Schnell schaut Leo wieder weg. Er will Adam auf keinen Fall anstarren. Wahrscheinlich macht die Kälte irgendwas mit seinem Gehirn. Daran liegt es wohl auch, dass es so lange dauert, bis er bemerkt, was in der hinteren Ecke des Schulhofs vor sich geht.
Ein paar Schülerinnen und Schüler aus der neunten haben nämlich gerade angefangen, sich entgegen aller Anweisungen mit Schnee zu bewerfen. Leo will schon hinüberstapfen, um das Gemenge aufzulösen, aber Adam ist schneller. Nur dass er leider nicht Leos Vorhaben umsetzt, das Problem mit Worten zu lösen.
Leo kann nur stumm zuschauen, wie Adams Schneeball durch die Luft segelt und zielsicher eine der Schülerinnen am Rücken trifft. Sie dreht sich um und wirkt ziemlich verwirrt, wer sie da gerade getroffen hat.
„Hey!“, brüllt Adam quer über den Schulhof und winkt ihr zu. „Schneeballschlacht ist verboten.“
Es schreit förmlich nach einer Diskussion, weil Adam ganz eindeutig auch einen Schneeball geworfen hat. Deshalb ist er ziemlich überrascht, dass das Mädchen einfach nur „Ja, schon klar“, zurückruft und sich dann zurück zu ihren Freunden umdreht. Sie scheint irgendetwas zu ihnen zu sagen, woraufhin alle schon geformten Schneebälle wieder auf dem Boden landen und nicht auf den Jacken oder Köpfen ihrer Mitschüler.
Es ist fast seltsam zu beobachten, dass Adam tatsächlich einmal durchgreift. Bei dem verdutzten Gesichtsausdruck des Mädchens, muss Leo im Nachhinein fast lachen, auch wenn er Adams Methoden nicht gutheißen kann. Daher verkneift er sich das Lachen auch.
„Ist eigentlich echt schade, dass wir ihnen den Spaß verbieten müssen“, sagt Adam leise. „Als ob sich jemand dabei ernsthaft verletzen kann. Rainer soll sich mal nicht so anstellen.“ Er hat noch ein bisschen Schnee aufgehoben, den er in den Händen zu einem Klumpen formt. Leo hofft sehr, dass er nicht vorhat, damit noch mehr Schüler zu bewerfen.
„Das ist von oben vorgeschrieben. Rainer kann gegen die Vorschriften auch nichts machen.“
Adam schnaubt, aber diesmal ist es eindeutig amüsiert. „Rainer und seine beschissenen Vorschriften.“ Er betrachtet nachdenklich den Schnee in seiner Hand. „Komm mal mit.“
Sie gehen eigentlich nur hinter die Sporthalle, um sich zu streiten, aber diesmal war Leo nicht bewusst, dass sie sich im Streit befinden. Denkt Adam etwa, Leo wäre sauer, weil er einen Schüler beworfen hat? Gut, Leo wüsste sicher einige Argumente, die dagegensprechen, aber er hatte nicht vor, Adam jetzt damit zu konfrontieren. Dafür ist ihm viel zu kalt.
Trotzdem folgt er Adam um die Sporthalle herum. „Was wird das hier?“ fragt er und bemüht sich, nicht allzu anklagend zu klingen.
„Lass den Kindern doch mal ein bisschen Spaß“, entgegnet Adam nur und lehnt sich hier wieder gegen die Wand, wie er das vorne schon getan hat.
„Ich… was?“ Leo bleibt ein wenig verwirrt vor Adam stehen. „Hast du mich jetzt ernsthaft hierhin entführt, damit sich die Schüler ohne Zeugen mit Schneebällen bewerfen können?“
Adams Wangen sind von der Kälte gerötet und er streckt Leo sein lächelndes Gesicht entgegen. „Vielleicht?“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Inzwischen ist Leo nicht mehr überzeugt davon, dass sie nicht doch wieder einmal hier hinten sind, um sich zu streiten. Er geht einen Schritt auf Adam zu. „Du kannst doch nicht einfach wegschauen, während sie die Regeln brechen. Wenn da etwas passiert, haben wir sofort ein Problem mit der Versicherung am Hals –“
Er bricht ab. Erst jetzt bemerkt er, wie nah er Adam gekommen ist. Adam ist ein wenig mit dem Rücken an der Wand heruntergerutscht, sodass diesmal er derjenige ist, der zu Leo aufschauen muss. Für den Bruchteil einer Sekunde wandert Leos Blick über Adams Gesicht und bleibt an seinen Lippen hängen, bis er sich wieder auf die Augen konzentriert, die ihn amüsiert anfunkeln.
„Du musst mal ein bisschen lockerer werden“, sagt Adam leise. Er hebt seine Hand und Leo hält den Atem an, weil er für einen Augenblick glaubt, Adam wollte ihm gleich über die Wange streicheln. Wahrscheinlich realisiert er deshalb nicht, dass Adams Hand zu einer lockeren Faust geformt und eindeutig nicht leer ist.
Die Ladung Schnee in seinem Nacken trifft Leo wie ein Schwall eiskaltes Wasser. Oder eben wie ein Haufen Schnee, der ihm langsam den Rücken runterläuft und ihm einen kalten Schauer über den gesamten Körper jagt. „Fuck, was soll das denn?“
Adam besitzt die Dreistigkeit, den Kopf in den Nacken zu legen und laut zu lachen. Wahrscheinlich sieht Leo ziemlich dämlich aus, wie er einfach nur dasteht, während der Schnee unter seiner Jacke schmilzt. Er hat Adam noch nie lachen gehört und es klingt ungewohnt in seinen Ohren. Diesmal ist der Schauer in seinem Rücken nicht nur von der Kälte.
„Na warte“, murmelt Leo, weil er sich von diesen Gedanken so schnell wie möglich ablenken möchte. Er bückt sich, um eine Ladung Schnee aufzuheben. Adams Haltung ist gleich geblieben, was bedeutet, dass er Leo immer noch seinen Hals entgegenstreckt. Ein viel zu leichtes Ziel.
Adam keucht auf, als der Schnee seine Haut trifft. Zurückweichen kann er nicht, weil ihm die Wand der Sporthalle im Weg ist. Sein einziger Ausweg besteht darin, sich nach vorne auf Leo zu stürzen. Leo entweicht ein erschrockenes Quietschen, als er diesmal keinen Schnee, sondern Adams kalte Finger in seinem Nacken spürt. Er krallt sich in Adams Unterarme, aber er rutscht an seiner mittlerweile feuchten Jacke ab und Adam lässt nicht locker.
Das Funkeln in seinen Augen ist immer noch da und er ist Leo so nah, dass Leo meint, noch hellere Sprenkel in dem Blau erkennen zu können. Allzu lange kann er sich jedoch nicht damit beschäftigen, weil er langsam das Gefühl hat, dass die Haut in seinem Nacken abstirbt, wenn er Adam nicht gleich von dort entfernt. Diesmal fasst er nicht Adams Jacke, sondern direkt seine Handgelenke und zieht sie grob nach unten.
Er hält Adams Hände noch für eine Sekunde fest, auch wenn er sie schon längst aus seinem Nacken entfernt und an Adams Seiten gedrückt hat. Adams Hände sind noch kälter als Leos und Leo verspürt den Drang, ihre Hände miteinander zu verschränken, um wenigstens ein bisschen seiner Wärme an Adam abzugeben.
Das Läuten der Pausenglocke reißt sie aus der Situation, von der Leo ohnehin nicht mehr genau weiß, wie sie angefangen hat und wo er damit hinwollte. Er lässt Adams Hände schlagartig los und geht so weit zurück, wie es der Zaun hinter ihm zulässt. Selbst von hier und trotz Jacke kann er erkennen, wie sich Adams Brust mit jedem Atemzug hebt und senkt.
Wahrscheinlich ist ihm einfach nur kalt. Sie müssen sowieso wieder rein. Dass Leo sich ein paar Minuten später im Spiegel der Lehrertoilette mit hochroten Wangen gegenübersteht, liegt bestimmt auch nur an der Kälte.
*
Esther atmet erleichtert auf, als sie ihre Finger endlich um ihre warme Kaffeetasse schließen kann. Die Chemieräume sind immer viel kälter als der Rest des Schulgebäudes, vor allem, wenn sie Versuche durchführen und dafür die Fenster öffnen müssen. Da kommt ihr die Möglichkeit zur Flucht ins Lehrerzimmer in der Pause immer sehr gelegen.
Eigentlich will sie sich auf ihren Platz am Lehrertisch setzen, um in den verbliebenen Minuten noch schnell ein paar Französischvokabeltests zu korrigieren, aber dann erregt Pia ihre Aufmerksamkeit. Sie steht am Fenster, mit dem Rücken zum Rest des Raums und scheint die Welt draußen angestrengt zu beobachten.
Anhand ihres typischen Tagesablaufs, ist Esther sich ziemlich sicher, dass sie genau weiß, was Pia dort draußen so interessiert. Esther geht an ihrem Platz vorbei und gesellt sich zu Pia. Die Tests können auch noch warten.
„Die beiden sind schon wieder hinter der Sporthalle“, teilt Pia ihr aufgeregt mit. Also genau das, worauf Esther auch getippt hätte.
„Wie lange schon?“ Esther nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Sie weiß, dass sie diese Pause nicht mehr dazu kommen wird, irgendetwas zu erledigen. Normalerweise würde sie es total langweilig finden, mit Pia hier zu stehen und eine Wand anzustarren, aber sie finden sich in letzter Zeit immer häufiger hier wieder und mutmaßen darüber, was hinter dieser Wand passiert.
Pia wirft einen Blick auf die große Uhr im Lehrerzimmer, schaut dann aber schnell wieder aus dem Fenster. „Vier Minuten. Die Pause dauert noch acht. Die perfekte Zeit für einen Quickie hinter der Sporthalle.“
Esther schnauft in ihren Kaffee und ist froh, dass sie gerade nicht versucht hat, etwas zu trinken. „So blöd sind nicht mal die zwei.“ Sie traut ihren Kollegen zwar einiges zu, aber das nun auch wieder nicht. Bei Schürk ist sie sich zwar nicht so sicher, was seinen Charakter angeht, aber zumindest Leo könnte das nie mit seinem Verantwortungsbewusstsein vereinbaren. Wobei sie da inzwischen auch Zweifel dran haben könnte, weil er einfach so mit Schürk verschwindet, während die Schüler auf dem Schulhof ohne Aufsicht eine heftige Schneeballschlacht gestartet haben.
„Meinst du, wir sollten eingreifen?“ fragt sie abwesend und beobachtet, wie einer der Jugendlichen einer anderen einen Ball an die Schulter wirft. Immerhin trifft er nicht ihren Kopf. Pia sollte denen im Sportunterricht mal besseres Zielen beibringen.
„Eingreifen? Auf keinen Fall. Ich gehe doch nicht dahin, wenn die beiden gerade hinter der Sporthalle rummachen.“
Wieder einmal muss Esther anhand von Pias herzlicher Offenheit ein Lachen unterdrücken. „Ich meinte auch nicht die beiden.“ Sie deutet mit ihrer Kaffeetasse in Richtung der Schüler, wo es inzwischen weniger nach einer Schneeballschlacht aussieht, sondern mehr nach einer Rauferei mit Schnee als Hilfsmittel.
„Nee, du, dafür bin ich heute echt nicht zuständig.“ Pia macht eine kurze Pause, bevor sie schneller und ein bisschen ernsthafter vorfährt. „Also, es sei denn, da wäre Gefahr im Verzug, dann würde ich natürlich sofort etwas unternehmen…“
Auch ohne sich umzudrehen, weiß Esther, dass Rainer sich gerade neben sie gestellt hat. Zum Glück ist er einer von diesen Schulleitern, der die meisten Dinge locker sieht und kleine Bemerkungen im Lehrerzimmer, wie die von Pia, nicht allzu ernst nimmt. „Wo ist denn unsere Pausenaufsicht?“, fragt er stattdessen.
„Hinter der Sporthalle“, teilt Pia auch ihm ohne Umschweife mit.
„Ach, wieder mal.“
Esther war gar nicht so bewusst, dass Rainer das mitbekommen hat, aber es ergibt schon Sinn. Als Schulleiter ist es gut zu wissen, was im Kollegium abgeht. Leo und Schürk verhalten sich auch nicht wirklich unauffällig. Wenn sie während der Schulzeit mit Kolleginnen oder Kollegen rummachen würde, würde sie das definitiv nicht so offensichtlich gestalten.
Sie hat den Verdacht, dass sogar die Schüler es langsam schon spitz gekriegt haben. Allein die Tatsache, dass nie jemand hinter die Sporthalle geht, um die beiden zu stören, spricht Bände. Solange es keine offenen Anfeindungen oder Beschwerden von Eltern gibt, soll Esther das nicht stören, aber sie behält die Situation trotzdem lieber im Auge.
Ebenso wie Pia fast jede Pause, in der die beiden draußen sind, die Sporthalle im Augen behält. „Da sind sie wieder“, verkündet sie.
„Na gut. Dann wirst du wohl nicht eingreifen müssen.“ Rainer lächelt aufmunternd in ihre Richtung und geht dann weiter, um sich mit anderen Kolleginnen zu unterhalten. Die Streiterei auf dem Schulhof hat sich ohnehin aufgelöst, sobald Leo und Schürk wieder aufgetaucht sind.
Selbst auf die Entfernung und durch die Glasscheibe kann Esther erkennen, dass die beiden durch den Wind wirken. Sie will Pias Vermutung eigentlich keinen Glauben schenken, aber so, wie Leo sich in seiner typischen nervösen Geste mit einer Hand durch die Haare fährt, wirkt es fast so, als ob Pia gar nicht so Unrecht hätte. Interessant.
Darauf ansprechen wird sie Leo nicht, und Schürk erst recht nicht. Aber sie nimmt sich vor, Pia in Zukunft öfters mal nach Updates zu ihren täglichen Beobachtungen am Lehrerzimmerfenster zu befragen.
*
Zeugniskonferenzen waren Leo immer schon verhasst. Natürlich kann er nicht alle Teile seines Jobs mögen, aber sich einen ganzen Tag lang durch Noten aller möglichen Schülerinnen und Schüler zu diskutieren, von denen er einen Großteil nicht einmal unterrichtet, ist nach einer Weile einfach ermüdend. Da kann er nicht mal auf seine übliche Neugier zurückgreifen, die ihn normalerweise während Konferenzen wach hält.
Ein lautes „Das ist doch jetzt absolut irrelevant“ reißt ihn aus seinen Gedanken an den Kurztrip, den er für die Winterferien geplant hat. Leider befindet er sich immer noch im stickigen Lehrerzimmer und nicht in dem Wellnesshotel, in das seine Mutter ihn eingeladen hat, damit er endlich mal ausspannen kann. Bei dem grauen Wetter draußen klingen Sonne und Palmen gar nicht schlecht, auch wenn alles davon nur künstlich angerichtet ist.
„Zum Glück haben Sie das nicht zu entscheiden.“
Diesmal horcht Leo eindeutig auf und blickt zu Adam hinüber. Er sitzt ihm schräg gegenüber und wirkt aufgebracht, senkt aber in genau dem Moment den Kopf, sodass Leo sein Gesicht nicht erkennen kann. Seine Worte scheinen aber immer noch durch den Raum zu hallen. Selbst als Leo sich ein bisschen tiefer beugt, in der Hoffnung, so vielleicht an Adam ablesen zu können, was er verpasst hat, kann er kaum etwas erkennen außer Adams üblicher, undurchdringlicher Maske.
„Das muss ich mir nicht bieten lassen.“ Leos Kopf schnappt hinüber zu Bärbel, die bei weitem nicht mehr so ruhig und liebenswert wirkt wie sonst. „Sag du doch auch mal was“, fährt sie fort, diesmal an Rainer gewandt.
Adam studiert betont gelassen den Zettel vor sich und spielt mit seinem Kugelschreiber, als ob ihn das alles gar nichts angeht. Selbst Rainer, am Kopfende des Tisches, wirkt von dem Austausch aus dem Konzept gebracht. Leo bereut es ein bisschen, dass er den Anfang nicht mitbekommen hat.
Rainer blickt immer noch zwischen Adam und Bärbel hin und her. Er streicht sich mehrmals fahrig über den Bart. „Ja, gut… wie wäre es mit einem Kompromiss? Gebt dem Jungen erst mal die 4 und im nächsten Halbjahr sehen wir weiter?“
Leo kann kaum glauben, dass es da nur um eine Note gegangen sein sollte. Adam nickt knapp und Bärbel zeigt keine Reaktion. Rainer fährt aber trotzdem fort und geht zur nächsten Klasse über. Diese hat Leo in Englisch, weshalb er etwas besser aufpassen muss. Er ertappt sich allerdings dabei, wie sein Blick viel zu oft zu Adam wandert.
Als sie endlich in den Abend entlassen werden, raucht Leo der Kopf. Dagegen ist die klare, kalte Winterluft draußen eine Erleichterung. Es riecht schon wieder nach Schnee, aber diesmal ist es nicht kalt genug, damit er liegen bleibt. Wenn dann gibt es morgen nur wieder Chaos auf den Straßen. Er vergräbt die Hände in seinen Taschen und will eigentlich auf direktem Weg zu seinem Auto gehen, bis er eine einzelne Figur an der Sporthalle lehnen sieht.
Natürlich ist es Adam und natürlich kann Leo sich nicht davon abhalten hinzugehen, auch wenn er friert und eigentlich nur noch nach Hause will. Adam steht so da, wie er das in der Pause auch immer tut. Vorher hat er nur vor sich hingestarrt, aber sobald Leo näher kommt, hebt er den Kopf und schaut ihn an.
„Was? Willst du mich jetzt auch noch zurechtweisen? Das hat Rainer schon gemacht.“
Das hat Leo gar nicht mitbekommen. Als ob er Adam jetzt hier aufsuchen würde, nur um ihm seine Meinung zu sagen. Solange Adam sich nicht auf dem Schulhof bei ihrer gemeinsamen Aufsicht danebenbenimmt, ist das nicht Leos Problem. Andererseits sieht Adam gerade so fertig aus, dass Leo ihn nicht einfach so stehenlassen möchte. Er hebt die Hand, um sanft an Adams Jacke zu zupfen, aber im letzten Moment fällt ihm ein, dass Adam und er das nicht machen. Sie berühren sich nicht einfach so. Also sagt er nur „Komm mit“ und geht um die Sporthalle herum.
Streng genommen brauchen sie heute keinen Sichtschutz, weil weit und breit keiner außer ihnen auf dem Schulhof unterwegs ist. Aber inzwischen fühlt Leo sich in ihrer kleinen Nische ganz wohl und es erscheint ihm passender, sich hier zu unterhalten. „Was war denn vorhin los?“
Adam ist ihm gefolgt und nimmt hier wieder seine Haltung von vorher an. Anfangs hat Leo die verschränkten Arme immer als eine Abwehrhaltung angesehen, aber inzwischen vermutet er eher, dass das Adams normale Art ist zu stehen. Heute wirkt es aber doch wieder angespannt. „Was soll los gewesen sein?“
Diese Bockigkeit nervt Leo jetzt schon, aber nachdem er einmal angefangen hat, kann er nicht einfach das Gespräch beenden und gehen. „Warum habt ihr euch so angefahren? Normalerweise hebst du dir deinen zweifelhaften Charme doch für die Schüler auf, soweit ich weiß.“ Nicht dass es die Schüler stört, wenn Adam mal ein paar trockene Kommentare abgibt. Soweit Leo es mitbekommen hat, macht er sich dadurch in seinen Klassen eher beliebter.
„Hast du doch alles mitbekommen… oder etwa nicht?“ Auf einmal regt sich etwas in Adams Gesicht, dass nichts mehr mit seinem Unmut von vorhin zu tun hat. „Oder hat der feine Herr Hölzer etwa nicht zugehört?“
„Ich unterrichte nicht mal in der Klasse“, versucht Leo sich rauszureden. Ein Anfängerfehler. Er hätte einfach von vornherein lügen sollen.
„Aber sonst bist du doch auch immer überkorrekt und meinst, für alle mitdenken zu müssen.“ Adam lächelt jetzt ernsthaft. „Um ehrlich zu sein, macht dich das ein ganz kleines bisschen weniger unsympathisch. Bist du schon mal in einer Konferenz eingeschlafen?“
„Was, steigt das Sympathielevel dann so weit, dass du auf einmal mein bester Freund sein willst?“ entgegnet Leo trocken. Dass er immer Sarkasmus anbringt, um seine Unsicherheit zu überspielen, ist eine Schwäche, der er sich mehr als bewusst ist. Abstellen kann er es aber trotzdem nicht. Eigentlich hätte er nicht gedacht, dass Adam ihn tatsächlich immer noch unsympathisch findet, aber ganz so sicher ist er sich da nicht.
„So weit würde ich vielleicht nicht gehen“, schnaubt Adam belustigt. Leo ist froh, dass seine schlechte Laune von vorhin verschwunden zu sein scheint, auch wenn es auf Leos Kosten geht. „Aber vielleicht bring ich dir mal ‘nen Kuchen mit, wenn Bärbel länger beleidigt ist und keinen mehr backt.“
Die Vorstellung, dass Adam ihm einen Kuchen backt, ist total absurd, aber irgendwie wünscht sich Leo trotzdem, dass er das tut. Wenn auch nur aus Neugier, ob Adam tatsächlich backen kann. Er hofft zwar nicht, dass Bärbel in der Hinsicht nachtragend ist, vor allem nicht auf Leo oder den Rest des Kollegiums bezogen, aber für einen Kuchen von Adam könnte es das wert sein.
„Da zähle ich drauf, Schürk“, bemerkt er. „Wann kann ich denn damit rechnen?“
Adam kommt einen Schritt auf ihn zu und sie sind sich wieder einmal sehr nahe, wie schon so viele Male zuvor. Leos Blick bleibt an Adams Augen hängen, was wahrscheinlich ganz gut ist, weil er so nicht Adams Lippen anstarren kann. „Dann, wenn du es am wenigsten erwartest.“
Adam riecht irgendwie kalt und frisch. Leo atmet einmal tief ein und vergisst ganz, dass er vielleicht darauf antworten sollte. Bis er sich wieder gesammelt hat, ist Adam um die Ecke der Sporthalle verschwunden.
*
Auch vier Wochen nach den Winterferien hat Leo immer nichts von dem Kuchen gesehen. Langsam glaubt er nicht mehr daran, dass Adam sein Versprechen ernst gemeint hat. Gestern hat Bärbel ohnehin schon wieder ihren berühmten Käsekuchen mitgebracht, also ist es wahrscheinlich auch egal, wenn Adam das nicht macht.
Endlich hat sich das Wetter gewendet und die wärmere Luft bringt schon erste Vorboten des Frühlings mit sich. Adam hat seine Winterjacke wieder gegen die Jeansjacke getauscht und Leo starrt ihn definitiv nicht an, weil diese Jacke seine Schultern so schön betont. Da hält er lieber sein Gesicht noch eine Weile in die Frühlingssonne und versucht, das Kindergeschrei am anderen Ende des Schulhofs zu ignorieren.
Als er die Augen wieder öffnet, ist Adam neben ihm verschwunden. Sofort macht sich in Leo Panik breit, vor allem, als er Adam bei einer Schülergruppe stehen sieht. Mit schnellen Schritten nähert sich Leo den vier Jungs, die sich in der Ecke zwischen der Sporthalle und dem Schulgebäude verschanzt haben.
„Her damit“, sagt Adam und streckt auffordernd die Hand aus. Leo wundert sich, worum es geht, bis einer der Jungs ihm widerstrebend eine Packung Zigaretten in die Hand drückt. Die Jungs müssten in der zehnten Klasse sein, können also kaum älter als sechzehn sein. Als ob sie echt so dumm wären, hier auf dem Schulhof zu rauchen.
„Kann ich mir die nachher wieder abholen?“ fragt derjenige, dem Adam die Zigaretten abgenommen hat.
„Du bist doch noch nicht achtzehn, oder?“ Ein stummes Kopfschütteln folgt. „Dann wohl nicht. Ist eh nicht gesund.“
Leo rechnet damit, dass Adam wie ein vernünftiger Mensch handelt, die Zigarettenschachtel einsteckt und den Vorfall später an die Schulleitung meldet. Leider scheint in Adams Kopf irgendwas durchgebrannt zu sein, weil er sich ernsthaft eine Zigarette aus der Schachtel nimmt und sie sich zwischen die Lippen steckt. Im nächsten Moment blitzt in seiner anderen Hand ein Feuerzeug auf.
„Spinnst du?“ Leo greift nach Adams Arm, damit er bloß nicht auf die Idee kommt, sich jetzt hier eine Kippe anzustecken. Sie sind immer noch auf einem verdammten Schulhof. Er nutzt seinen Griff, um Adam ein Stück von der Gruppe wegzuziehen. „Denkst du, für dich gilt das Rauchverbot nicht, oder was?“
Er macht nicht an ihrem üblichen Platz Halt, sondern zieht Adam direkt weiter hinter die Sporthalle. Dort hält er an und schubst Adam mit dem Rücken gegen die Wand. Da lehnt er doch sonst auch immer so gerne. Erst dann hält Leo inne, um einmal tief Luft zu holen. „Was fällt dir eigentlich ein?“
Adam hat immer noch die Zigarette im Mund. Seine Lippen formen sich darum zu einem Lächeln. Ohne darüber nachzudenken, langt Leo nach oben und nimmt ihm die Kippe ab. Dass seine Finger dabei fast Kontakt mit Adams Mund machen, registriert er erst einen Moment später. Seine Hand bleibt irgendwo in der Luft stehen, schwebt für einen Moment zwischen ihnen, bis Adam danach greift, aber nur, um die Kippe aus Leos Fingern zu befreien.
Zu Leos Erleichterung landet sie nicht wieder zwischen Adams Lippen, sondern zurück in der Schachtel. „Sag nicht, du findest das nicht heiß“, sagt er trocken.
Leo kann endlich seine Hand runternehmen. Seine Finger kribbeln immer noch da, wo Adam ihn berührt hat. „Nicht auf dem Schulhof“, bringt er heraus.
„Aber sonst schon?“ Adams Mundwinkel ziehen sich wieder mal nach oben. Leo fragt sich, wie er sich je denken konnte, dass Adams Gesicht ausdruckslos ist. Jetzt gerade schwingt so viel in seinem Ausdruck mit. Eine große Menge gespielte Provokation, ziemlich viel Belustigung und ein paar andere Dinge, von denen Leo noch nicht weiß, ob er sie richtig deutet.
Eigentlich findet Leo auch sonst rauchen nicht unbedingt heiß, vor allem nicht, wenn es in seiner Nähe passiert. Aber wenn er in dem Zusammenhang eine Ausrede hätte, um Adams Lippen anstarren zu dürfen… „Vielleicht.“
Adam stützt sich an der Wand ab und drückt sich nach vorne. Und Leo denkt sich, dass er vielleicht gar keine Ausrede braucht, weil Adam ihm gerade mit ziemlicher Sicherheit nicht in die Augen schaut, sondern an eine andere, sich weiter unten befindende Stelle. Leo leckt sich vorsichtig über die Lippen und Adam ist ihm so nah, dass Leo hören kann, wie er scharf die Luft einzieht.
Im nächsten Moment zieht Adam ihn an sich heran, um ihn zu küssen und Leo kommt gar nicht auf die Idee, sich zu wehren. Adams Arme halten ihn fest und seine Lippen bewegen sich hungrig auf Leos, als hätte er nur hierauf gewartet. Leo schiebt sich seinerseits näher, drängt Adam noch etwas mehr mit dem Rücken gegen die Sporthalle und vertieft den Kuss. Es ist alles, was er sich in den letzten Wochen und Monaten vorgestellt hat, und mehr.
Es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, weil sie sich wahrscheinlich mit den Schülern beschäftigen sollten, anstatt hier hinter der Sporthalle rumzuknutschen. Aber Leo hat sich noch nie so wenig dafür interessiert, seinen Job zu machen. Alles andere rückt in den Hintergrund. Da sind nur Adams Zähne, die an Leos Unterlippe ziehen und die Hände, die unter Leos Jacke wandern. Der dünne Pullover, den Leo darunter trägt, fühlt sich wie eine viel zu große Barriere zwischen ihnen an.
Fast hat er vergessen, wo sie sich befinden, bis die Pausenglocke ertönt. Ruckartig löst Leo ihre Lippen voneinander. Sie stehen immer noch in einer engen Umarmung zusammen, die Adam jetzt aber etwas lockert, damit sie sich besser anschauen können. Adams Mund steht immer noch halb offen und ihm entweicht ein kleines, ungläubiges Lachen. Dafür muss Leo ihn gleich noch einmal küssen.
Er achtet darauf, es diesmal nicht ausarten zu lassen. Nach ein paar weiteren Küssen lässt er vollständig von Adam ab. Er streicht sich seine Klamotten glatt und fährt sich einmal mit der Hand durch die Haare. „Wie sehe ich aus?“ Er klingt auf jeden Fall noch viel zu atemlos.
Adam lehnt wie immer an der Wand, da wo Leo ihn stehengelassen hat. „Als hätten wir gerade hinter der Sporthalle gefickt.“
Dafür muss Leo ihm einen ordentlichen Schubser gegen die Schulter verpassen, weil das total unangebracht ist. Er will sich nicht vorstellen, mit Adam Sex hinter der Sporthalle zu haben. Vor allem nicht, wenn er sich gleich einer Horde Schüler gegenüberstellen soll. Nach Schulschluss macht er sich darüber gerne ausführlichere Gedanken.
Adam hebt eine Hand und Leo denkt erst, dass er ihn vielleicht zurückschubsen möchte. Am Ende streicht er aber einfach nur Leos Haare glatt. „Geht schon. Auch nicht anders, als wenn wir uns hitzig gestritten hätten. Sag einfach, du hast mich wegen der Kippen-Aktion zurechtgewiesen.“
Das würde Leo am liebsten niemandem erzählen, weil er nicht möchte, dass Adam deswegen Ärger bekommt. Viel Zeit das auszudiskutieren bleibt ihnen aber nicht, wenn sie nicht viel zu spät zum Unterricht kommen wollen. „Okay.“ Er dreht sich schon um, um endlich wieder in Richtung Schulhof zu gehen.
„Leo?“
Er schaut noch ein letztes Mal zurück, weil er Adam einfach nicht widerstehen kann, obwohl ihnen die Zeit davonrennt.
„Wenn du nachher eine Mitfahrgelegenheit brauchst, warte nach der letzten Stunde auf mich.“
Leo ist mit seinem eigenen Auto hier. Er braucht auf jeden Fall keine Mitfahrgelegenheit. „Okay. Bis später.“
*
Leos Handywecker reißt ihn unsanft aus dem Schlaf. Er hätte ihn am liebsten ausgestellt, aber heute ist Schule und sie können sich ja schlecht beide krank melden. Auch wenn Adams Bett sehr bequem ist und Leo sehr versucht wäre, einfach den ganzen Tag, ebenso wie den ganzen gestrigen Abend, mit Adam in diesem Bett zu verbringen.
Nun stellt sich allerdings das Problem, dass Adam nicht hier ist. Weit weg kann er nicht sein, weil das hier Adams Wohnung ist, aber Leo ist doch ein wenig enttäuscht, weil er sich darauf gefreut hatte, neben ihm aufzuwachen. Missmutig steht er auf und reibt sich immer noch ein wenig verschlafen die Augen. Im Zimmer ist es zu dunkel, um in den Umrissen auf dem Boden viel erkennen zu können, also macht Leo sich nicht die Mühe, seine Klamotten zu finden. Er muss sowieso duschen. Wenn er Glück hat, kann er Adam so auch überreden, erst noch einmal kurz mit ins Bett zu kommen.
Er findet Adam in der Küche. Die hat er gestern nur kurz gesehen, weil sie irgendwann doch hungrig geworden sind und Adam darauf bestanden hat, dass sie zwischendurch mal eine Pause für Snacks einlegen sollten. Jetzt, im Licht der Deckenlampe, wirkt die Küche viel heller und freundlicher. Das Geräusch, das Leo entgegendröhnt, ist allerdings nicht sehr freundlich.
Adam starrt verbissen in die Schüssel, in der er gerade viel zu wild mit dem Mixer herumrührt. Er hat scheinbar nicht bemerkt, dass er nicht mehr der einzige in der Küche ist. Sein Anblick am frühen Morgen hat definitiv was. Er hat sich nur eine Schlafanzughose übergezogen und seinen freien Oberkörper mit einer Küchenschürze bedeckt. Das heißt, dass er Leo seinen nackten Rücken entgegenstreckt, samt der Tattoos, die Leo gestern Abend schon ausführlich bewundert hat. Es ist überhaupt nicht fair, dass er hier einfach so in der Küche steht und nicht bei Leo im Bett liegt.
„Was wird das?“ fragt Leo laut genug, um das Geräusch des Mixers zu übertönen.
Adam zuckt erschrocken zusammen. Er stellt den Mixer ab und dreht sich zu Leo um. Das ist einerseits schade, weil es Leo die freie Sicht auf seinen Rücken nimmt. Andererseits kann Leo ihn so aber auch küssen, was es eindeutig aufwertet. „Ich hab doch gesagt, ich mach dir mal einen Kuchen.“
„…Jetzt?“ Ein Blick in die Schüssel verrät Leo, dass das, was auch immer Adam da anrührt, nur mit viel gutem Willen als Kuchenteig zu erkennen ist.
Adam zuckt mit den Schultern. „Ich dachte, das wäre vielleicht was zum Frühstück.“ Er stützt sich hinten auf der Arbeitsplatte auf und schaut lächelnd zu Leo auf. Es ist verdammt süß und er hätte nie gedacht, dass Adam so nett sein kann.
Aber es passt absolut nicht zu Leos Plänen für den heutigen Morgen. „Wie wäre es, wenn wir das Frühstück heute sausen lassen und lieber noch mal ins Bett gehen?“
Es dauert eine Weile, während der Adam ernsthaft das Für und Wider abzuwägen scheint. Wahrscheinlich sind es nur ein paar Sekunden, die Leo aber wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Schließlich greift Adam hinter sich, um den Backofen auszuschalten, den er wohl schon zum Vorheizen eingeschaltet hatte. Leo weiß, dass er gewonnen hat.
Und noch mehr gewonnen hat er, als Adam ihn gleich darauf küsst und ihn energisch zurück ins Schlafzimmer führt.
Wenn Esther provokant eine Augenbraue hochzieht, weil sie beide in der letzten Minute vor Schulbeginn abgehetzt ins Lehrerzimmer gestürzt kommen, ist das Leo auch egal. Vor allem, als sich Adam noch einmal zu ihm herüberbeugt, um ihm etwas zuzuflüstern.
„Bis später, an der Sporthalle.“
