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Riten und Bräuche

Summary:

Kinderarbeit, am helllichten Tag, mitten in Deutschland.

Notes:

Triggerwarning Religion.
Und auch Warning, dass Leute, die säkular/glaubensfrei groß wurden und leben, bei vielem in der Story wohl nur Bahnhof verstehen dürften. Sorry!

Work Text:

„Hab' unterm Kopf ein weiches Kissen, habe Kleidung und das täglich Brot //
sei über vierzig Jahre im Himmel, bis der Teufel merkt du bist schon tot.“

- neues geistliches Liedgut

 

Jetzt klingelten die tatsächlich. Beim ersten Mal hielt Karl den Finger an die Lippen, und drückte Silke übertrieben fest an sich. Beim zweiten Mal entwischte, wen er nicht in Reichweite der Arme hatte – Poutou betrachtete die Ruhestörung als Angriff auf die Burg, und rannte nun kräftig kläffend zur Tür. Silke nutzte den Moment der Ablenkung, um sich aus Karls Umklammerung zu lösen.
„Nein, Nein. Die verschwinden schon.“ zischelte er, und zog sie nochmal zu sich. Nur mit halber Kraft; denn im Grunde wusste er, dass die Sache entschieden war.
„Sie hören den Hund. Jetzt wird’s lächerlich.“
„Und? Dann bewacht er halt die Wohnung, aber wir sind weg.“
„Unsere Stiefel stehen nass vor der Tür.“
„Ah. Ach Mensch. Ja. Na gut. Die spucken noch rein, falls niemand kommt. ... Dann mach du. Ich bin hier.“
Ein drittes Mal Klingeling. Gedämpft konnte man hinter der Tür trotz Poutous Wau Wau die Kinder miteinander reden hören. Vermutlich wurde über Gehen oder Bleiben diskutiert. Silke musste sich jetzt beeilen. Sie sah Karl nochmal prüfend in die Augen, aber der zückte ausdrücklich sein Buch und fuhr fort zu lesen. Also ohne ihn.

Beim Öffnen der Pforte hatte sich das bunte Grüppchen gerade abgewandt, und Bewegung Richtung Hauseingang unternommen. Die Erwachsene unter ihnen bemerkte Silke jedoch, und fragte: “Oh! Dürfen wir noch?“
„Gern, hat nur kurz gedauert.“
„Sie sind nicht auf unserer Liste. Frau Klessper oben meinte aber, wir sollen unbedingt klingeln.“
„So, so-!“ Das würde Karl sicher noch interessieren.
„Sie sagte nur hier wohnt ein … Herr? Herr Professor Boerne?“
„Das stimmt schon.“ Silke zeigte auf die Schuhe.
„Sie sind die Frau?“
„Ich bin die Partnerin.“
Die Truppe war wieder zur Tür zurückgekehrt. Zwei der vier Kinder, halbe halbe Mädchen Jungs, hatten in etwa Augenhöhe mit Silke. Na ja, schon eher ein Stückchen darüber. Die anderen beiden schienen noch Kindergartenalter; einer davon suchte etwas enttäuscht mit seinem Blick den Boden ab: “Wo ist der Hund?“
„Bekam Angst und ist in's Wohnzimmer. Er ist ein bisschen ein Großmaul.“
Kichern der Knirpse, dann schien die Erwachsene ein Zeichen zum Start der kleinen Show geben zu wollen. „Möchtet ihr nicht reinkommen?“ fragte Silke davor.
„Flur passt schon, unsere Schuhe sind nicht so toll.“
„Habt ihr das bei Frau Klessper auch gemacht?“
„Nein, da waren wir drinnen.“
„Na, und hier auch. Kommt rein, ist wärmer.“
Die Fünf schoben sich durch die Tür. Neugierige Augen inspizierten ein wenig das Boernsche Foyer, dann wurde man pflichtbewusst, und das Quintett sang sein Lied. Abschließend klapperte der größere Junge mit seiner Spendenbüchse.
„Wartet...“

Silke hatte ihr Portemonnaie im Wohnzimmer. Als sie dorthin und damit zu Karl zurückkehrte, fand sie ihn zwar weiterhin auf der Couch – er hielt dabei aber ihre wie seine Geldbörse in Händen. Vermutlich hatte er sie sich während des Gesangs leise geschnappt. Für den Hauch eines Augenblicks befürchtete sie, er würde beide einbehalten wollen, als Rache dass sie Kinderlein kommet zugelassen hatte. Aber, Nein. Wohl noch von etwas nach-weihnachtlichen Geist bewegt hielt er zwar betont weiter ihren Geldbeutel bei sich, streckte jedoch seinen entgegen. Ohne Lächeln, eher mit greif-zu-bevor-ich's-mir-anders-überleg Mimik, aber immerhin. Sie tat es, und gestikulierte liebevoll zurück, er solle sich noch einen Ruck geben und mitkommen. Er schüttelte den Kopf. Schade-! Dann pfiff sie lautlos nach Poutou, doch auch der verharrte mit kritischem Blick halb hinter dem Sofa. Nichts anzufangen mit den Männern heute.

Als sie zu den Kindern zurückging, waren die beschäftigt mit ihrem Räuchergefäß. Sie ahnte durch Gesprächsfetzen, dass wegen irgendetwas Unmut herrschte.
„Gibt's Probleme?“
„Ja, wir brauchen-“ begann eines der Mädchen, sie wurde aber von der Erwachsenen unterbrochen: „Nein, passt. Ist jedes Jahr, dass der Weihrauch kaputt geht.“ Silke hatte schon zu Beginn bemerkt, dass kein elysischer Wohlgeruch wehte.
„Es ist nicht kaputt!“ protestierte das andere Mädchen.
„Wir brauchen nur richtig Feuer!“ meinte der Kleinste, wenn vielleicht auch nur motiviert von der gewissen pyromanischen Neigung, die so mancher kleine Junge hegt.
„Nichts da. Das Ding will nicht mehr, und bleibt jetzt auch aus.“ knurrte die Frau.
„Hätten wir hier doch nur jemanden mit viel handwerklichen Geschick und chemischen Fachkenntnissen.“ sagte Silke zur Verwunderung der Kinder eine Idee zu laut, während sie großzügig in die Geldbüchse stopfte.
Drei Sekunden, zwei Sekunden, eine – dann staunte der Trupp noch ein bisschen mehr über den sauertöpfisch dreinblickenden Mann, der im Türrahmen vorne erschien.
In zwei Schritten war er bei ihnen, und streckte die Hand nach dem Fässchen aus. „Gib mal.“
Dass er scheinbar grad sein Bestes an natürlicher Authorität zu channeln versuchte schlug an, die Trägerin überreichte das Messingdings sofort vertrauensvoll. Oder mussten die Kinder beim Anblick Karls schwarzen Tang-Anzugs, den er heute der Bequemlichkeit wegen mal wieder trug, an einen würdevollen Priester denken? Das ganze Grüppchen stapfte ihm jedenfalls interessiert-folgsam in die Küche hinterher. In welcher er das Fäßlein auf der blütenweise Arbeitsfläche öffnete und akribisch ausnahm.
„Was ist das denn? Warum habt ihr die Kohle zerbröselt?“
„Wir dachten, dann brennt es besser...“
„Bei Schnellzünderkohle genau das falsche. Und wieso ist alles nass??“
„Wir haben bisschen Schnee drauf...“
„Wir dachten, dann brennt es besser...“
„Patient tot.“ Er öffnete das Klappfach mit dem Mülleimer rechts neben ihm, und fegte sämtliches geschundene Räucherwerk mit einem Wisch hinein.
„Die Gunilla hat noch in ihrem Rucksack!“ hoffte der Kleinste die Situation zu retten.
Gunilla, die Erwachsene, reichte seufzend eine verbeulte Metalldose, in der tatsächlich alles Nötige zu finden war.
Gespannt rutschten die Kinder noch näher, um die Wiederentfachung mitzuerleben. Karl nervte das zusehends, erst recht, als ihm das ältere Mädchen mit „Ich mach, ich mach!“ das Stabfeuerzeug aus der Hand rupfen wollte.
„Verzieht euch mal! Ich erklär's dir, Erwachsene ist Brandschutzbeauftragte.“
Die zwei Jüngeren gingen tatsächlich leicht eingeschüchtert, die Älteren aber verblieben mit etwas Abstand störrisch, und Gunilla kam nicht unbedingt begeistert ein Stück näher.
„Also – diese Art Kohle brennt maximal 30 Minuten, dann müssen Sie neu anstecken. Experimente bringen nichts.“
„Weiß ich. Durch das Wetter und den Wind hat das eher noch kürzere Brennzeit.“
„Wenn Sie's wissen, warum lassen Sie die Kinder trotzdem solchen Quatsch machen?“
„Passiert halt, während man mit einem seinen verlorenen Turban sucht oder bei 'nem anderen grad mit der Helikopter-Mutter telefonieren soll...“

Während sie redeten hatte Karl alle Zutaten vorbildlich zusammengesetzt, nun dampfte das Kesselchen wieder so fleißig wie in der Eucharistie. Der Professor schraubte den Deckel fest; Gunilla, die schon danach greifen wollte, verwehrte er das Gefäß aber noch einen Moment: „Eins noch. Wenn ich nicht auf der Liste stehe, stehe ich nicht auf der Liste.“
„Tut mir leid.“ Er hatte ruhig zu ihr gesprochen, sie senkte dennoch ehrlich beschämt den Blick.
„Ich leg's mehr der Nachbarin zu Lasten. Was hat sie genau gesagt über mich?“ Die Frage richtete er an den im Raum gebliebenen Jungen.
„Dass Sie ein unheimlich Netter sind.“
„...Und Ihre altehrwürdige Familie seit ewig katholisch.“ fügte das Mädchen neben ihm bei.
„Erstens bin ich böse und gemein, zweitens endet mit meiner Generation die Tradition. Das weiß die auch sehr gut.“ brummte Karl, „Na, wenigstens hat sie nicht behauptet...“
„Sie hat auch noch gesagt Sie spenden voll gern, weil Sie sind so rich-tig reich!!“ ergänzte der Junge breit grinsend.
„... Jetzt müssen wir alle nochmal hoch und unsere Schwester belehren, dass Lügen der Menschheit Sündenfall brachte.“
„Sind Sie arm?“ fragte das Mädchen ungeniert, und es war wohl kein Zufall, dass sie dabei die paar Stücke hauchzartes Rosenthal Teegeschirr skeptisch beäugte, die neben der Spüle warteten.
„Nein, aber ich spende nicht voll gern. An welche Anti-Verhütungs Kampagne geht jetzt mein gutes Geld?“ Er deutete mit dem Daumen abschätzig auf die Sammelbüchse. Gunilla schaffte es hier sich wieder einzuschalten: „Gar nicht! Unser Schwerpunktthema ist diesmal 'Starke Mädchen, starke Frauen in Bolivien und weltweit.'“
„Immerhin. Könnte schlimmer sein...“ Gunilla bekam das Räucherwerk zurück.
„Möchten Sie einen Flyer dazu? Poster?“ wollte sich der Junge scheinbar revanchieren.
Karl winkte ab: „Ich hab gut hören können wie du das Zeug schon vorhin in alle Briefkästen gestopft hast. Was an 'Bitte keine Werbung' verstehst du nicht?“
Jetzt war es an dem Jungen, ehrlich beschämt den Blick zu senken. Kurz. Die ihm Nebenstehende ließ dagegen weiter ihre Augen interessiert über alle hübschen Kinkerlitzchen streifen, die sie nur in der Wohnung erkennen konnte. Das Januar-Motiv des großen Kalenders in der Küche zeigte 'Die Anbetung der Könige' von Rafael. „Sind Sie ein Professor für Kunst?“
„Nein. Rechtsmedizin.“ Er ging davon aus, mit dem Wort könnten beide Kinder nichts anfangen; ein guter Aufhänger die Konversation zu beenden und langsam die Mannschaft rauszuscheuchen. Doch das Gegenteil trat ein.
„BOAH GEIL!“ riefen Mädchen wie Junge aus, und der Bub fragte augenblicklich: „Was ist das Ekligste, was Sie je gesehen haben?“
„Das willst du nicht wissen. Glaub mir.“ Eltern heutzutage ließen ihren Nachwuchs definitiv zu sorglos vor Glotze und Internet, und dann schauten sie wohl schon mit Elf, Zwölf allzuviel 'True Crime' Grütze.
„Doch, will ich! Will ich! Herr Boerne?!“ Das demütige Gezappel und der Bettelblick des Jungen hatten vermutlich in anderen Situationen Erfolg, an Karl prallte es ab. Er schob die Drei nun regelrecht aus dem Zimmer: „Schluss! Wir holen euren Rest, und dann Abmarsch.“

Silke hatte von der Zündelei in der Küche nicht mehr viel mitbekommen, denn als die zwei jüngeren Kinder von Karl Abstand genommen hatten, hatte eines von ihnen sie „Dürfen wir den Hund streicheln, Frau Boerne?“ gefragt. Zu dritt gingen sie auf einen Versuch in's Wohnzimmer. Poutou war weder Kinderfreund noch Kinderfeind, Silke hob ihn vorsichtig auf den Arm und trug ihn zu den Gästen. Da das Kerlchen nicht knurrte oder sonstigen Unmut äußerte, trauten sich die Kinder schließlich, ihn zu tätscheln. Poutou nahm es mit indifferenter Miene hin, aber Silke hatte den Eindruck, die Aufmerksamkeit schmeichelte ihm am Ende doch ein bisschen.
„Das ist ein Havaneser.“ wusste das Mädchen mit Expertise.
Silke nickte: „Er gehört einer Nachbarin. Die ist jetzt ein paar Tage Ski fahren, derweil passen Karl und ich auf ihn auf.“ Was selbst Karl nicht wusste; Silke hatte äußerst proaktiv danach gefragt, um ihren Partner damit auf seine Tauglichkeit mit hoffentlich bald eigenen Hunden zu testen. Soweit schlug er sich ganz brauchbar. Zwar ließ er mit der Begründung „Deine Nachbarin, dein Arrangement, dein Hund“ einen Großteil der anfallenden Arbeit sie machen, gab sich aber ansonsten neutral-freundlich bishin sogar milde interessiert gegenüber dem Tier. Etwa hatte er Hunde bisher als ausnahmslos sozial ausgelegt, und staunte nun darüber, dass Poutou seinen Artgenossen bevorzugt aus dem Weg ging. „Was ist die Hundeform von Misantroph? Miso- … -kyno … troph?“ spekulierte er beim Gassi gehen.
Ja, das Spazieren-! Poutou verlangte punkt sechs Uhr morgens seine erste Runde Ausgang. Silke war dafür nun schon den vierten Tag in Folge verantwortungsvoll früh in die Dunkelheit geächzt. Zur ihrer Rührung war Karl soweit jedes Mal mitgeschlurft, auch wenn er jedes Mal anschließend verlautete, morgen würde er definitiv im Bett bleiben. Dass er überhaupt mitkam, begründete er ausgerechnet mit jener unguten Uhrzeit und dem momentan ziemlich fiesen Winterwetter. Nicht, dass Silke noch irgendwo ausrutschen, davonschlittern und dann für Stunden nicht gefunden werden könnte. Absurd! Einmal draußen war das winterliche Münster zu dieser frühen Stunde eigentlich eine ganz spannende Sache. Und etwas später wieder daheim Kaffee und frische Brötchen zu genießen war nach der Morgenwanderung noch schöner.

„Wie heißt der Hund?“ wollte der Junge wissen.
„Poutou.“
„Puttu?“
Sie erklärte: „Das ist Französisch und bedeutet so viel wie 'dicker Schmatzer'.“
Bei kreativen Tiernamen konnte das Mädchen mithalten: „Meine Katze heißt Shakira, die-“
„Ihr müsst jetzt weiter Bolivien retten!“ Karl bugsierte just die andere Hälfte der Gruppe herein. Ein wenig widerwillig schlossen sich die Jüngeren den Älteren wieder an.
„Das ist aber ein kleiner Baum...“ konnte sich das ältere Mädchen bei seiner Inaugenscheinnahme des Wohnzimmers nicht verkneifen zu kritteln.
„Stilgerecht zur Frau.“ konnte sich wiederum Karl nicht verkneifen.
„Ich geb den Kindern noch dein restliches Konfekt mit, wir wollen ja jetzt auf Diät.“ gab es dazu von Silke zu hören, die bereits entsprechend in Gunillas Rucksack schob. Karl sah die Lindt Trüffel und anderes Gutes nicht ganz gern im eh schon üppig vollen Fjällräven verschwinden. Andererseits war gestern er es gewesen, der nach etwas zu viel Honig-Senf-Huhn reuig angefangen hatte, von Fastenkur zu sprechen.
„Nehmen -Sie- sich's. Und brauchen Sie noch einen Kurzen auf den Weg?“ meinte er schließlich sogar gönnerhaft zu Gunilla. Zu seiner Kindheit war das durchaus noch gang und gäbe für die erwachsenen Begleiter gewesen. Natürlich winkte Gunilla aber brav ab: “Wir kriegen Ende der Straße gleich Mittagessen.“
„Oh, ist bei uns auch Zeit! Karl, geh mal den Ofen anschmeißen.“
Der ältere Junge bekam wohl den Eindruck, Silke hätte Karl an sehr kurzer Leine, und witterte nochmal Chance: „Frau Boerne, Ihr Mann will uns nicht über seine coole Arbeit erzählen!“
„Besser so.“ Pech gehabt.
„Ich kann dafür noch was zaubern.“ meinte Karl, und sofort waren alle Augen aufmerksamst wieder zurück auf ihn. Die Kinder hofften wohl nochmal auf eine Schippe Süßigkeiten mehr, stattdessen deutete er nur von Kopf zu Kopf.
„Ihr Zwei seid Titus und Timon Freiburger.“ Der größere und der kleinere Junge nickten verblüfft unisono. Dass es Brüder waren lag optisch nahe, aber woher wusste Karl die genauen Namen? „Du da-“ er meinte das ältere Mädchen, „Zu dir fällt mir nichts ein. Heidenkind oder neu zugezogen.“
„Beides!“ kommentierte das Fräulein lässig.
„Du hier-“ jetzt war das kleinere Mädchen dran, „Deborah oder Zipporah Schlosser. Bei sechs Stück ist das mit der Reihenfolge nicht mehr so einfach.“
Doch die Kleine wagte es, mit dem Kopf zu schütteln: „Ich bin Epi.“
„Dann hab ich dich nicht mehr mitbekommen. Familie stimmt schon, oder? Gott, sieben? 'Epiphania'? Was sonst. War wenigstens nach dir Schluss?“ Silke trat ihm en passant nicht wirklich beiläufig auf die Füße, doch er ignorierte das.
Epi nickte diesmal zu allem, und fügte bei: „Mama sagt, sie wollte sogar eine Fußballmannschaft.“
„Der Herr segne das Klimakterium.“ Noch ein Tritt, der weiter missachtet wurde. „Schöne Grüße an die Mama, wir waren im selben Jahrgang. Und wollte mich erfolglos bekehren auch Gruppenleiter zu werden, oder Vorbeter, oder Chor, oder was sie sonst noch alles in der Gemeinde getan hat. Aber was sie und der Papa auf der Assisi-Wallfahrt gemacht haben, hat sie euch bestimmt nicht erzählt? Frag mal, warum dein ältester Bruder Franziskus h- AU, Silke!!“
Epi war zu jung und behütet um zu verstehen, Gunilla dafür hatte ihren roten Ohren nach wohl begriffen, und schien den Professor langsam mehr heikel denn amüsant zu finden: „Wir sollten jetzt wirklich weiter. Danke für Ihre sehr großzügige Spende.“
Karl jedoch deutete auch auf sie: “Gunilla Rehr. Die ganze Familie soo stolz, dass Sie sich einen Platz in dem Elite Studiengang International-Business-Irgendwas gesichert haben.“
Gunilla wurde noch etwas röter, wobei ihr Blick diesmal fest blieb: “Ich hab geschmissen und mach Lehramt.“
„Religion?“
„Mint.“
„Klasse!“ Das Lob war ehrlich gemeint, aber mit seinem Klopfer auf den Rücken unterstützte er sie gleichzeitig noch eine Spur schneller in Richtung Haustür zu kommen.
„Woher kennen Sie uns?“ fragte klein Timon bei Fuß nahe seinem Bruder.
„Ach, unsere weiblichen Sippschaften waren noch recht eng miteinander. Rosenkranz, Osterbrot backen, was gute Schafe halt so machten. Und den Klatsch und Tratsch dabei haben sie dann auch dem Rest der Familie erzählt. Schwangerschaften besonders gern.“
Silke sah deutlich, dass die Worte zu hoch für Timon waren, und vereinfachte: “Eure Großmütter und Mütter kannten sich noch, und erzählten einander viel über die Familien.“
„Aber auch die Tradition stirbt mit meiner Generation. Nech, Heidi?“ Karl meinte das Mädchen, dem er nichts hatte zuordnen können.
„Ich greif hier bloß Schokolade ab...“ zuckte die mit den Schultern.
„Kluge Haltung, bewahr dir das.“ Der Professor öffnete ihnen die Tür auf den Flur. Die Kindermeute auch auf den Nachbarn gegenüber zu hetzen ging leider nicht (wobei Silke annahm, Thiel hätte sie freundlich empfangen), denn der Hauptkommissar konnte im Gegensatz zu den letzten Weihnachten endlich mal für ein paar wohlverdiente Urlaubstage absent sein.
„Tschü-hüüß!“ krähte das Quintett auf dem Flur nochmal artig. 'Herr und Frau' Boerne winkten, dann schloss sich die Tür wieder. Durch das nicht allzu dicke Holz durften sie aber noch kurz den Abschlussbewertungen der Knirpse lauschen, von „Das war lustig“ über „Der war komisch“ bis zu „Ich hab voll Hunger!“. Dann war das Grüppchen auch schon vor dem Haus, und darauf bald nicht mehr zu hören.

Karl deutete vorwurfsvoll auf den Fließenfußboden, der von fünf Paar matschigen Stiefeln deutlich gezeichnet war.
„Ich wische, du kochst.“ schlug Silke versöhnlich vor. „Schau, dafür hast du jetzt gesegnete vier Wände.“ Sie zeigte auf den Türbalken, Gunilla musste geschrieben haben.
„Was zum-!“ Halb streckte er seine Hand danach aus, um mit dem Ärmelstoff kurz entschlossen alles verschwinden zu lassen. Dann aber wandte er sich mit gerunzelter Stirn ab, ohne das Werk zu verrichten. Na, letztlich hing ja auch trotz allem seit Ewigkeiten das Christophorus Kettchen noch in seinem Wagen. Einerlei, ob das laut ihm nur rein sentimentales Erinnerungsstück an den Führerschein-finanzierenden Opa war.

Poutou lugte misstrauisch in den Flur, um feststellen zu können, was Ersatz-Frauchen da mit Eimer und Wischmob anfing. Er nieste – das war in kurzer Zeit recht häufig geschehen, bemerkte Silke gerade.
„Ich mach mal alle Fenster auf, Poutou scheint allergisch auf Weihrauch...“
„Lauter offene Fenster hasst er doch erst recht!“
„Da muss er jetzt durch.“ Sollten sie wirklich bald eigene Hunde haben, würde Silke darauf achten möglichst Vierbeiner mit etwas weniger Diva-Allüren auszusuchen.

Schnell war der Boden feucht-sauber, schnell waren die Fenster geöffnet und es wurde kurz ziemlich frisch. Silke flüchtete zu Karl in die Küche, wo sich dank dem arbeitenden Herd gerade noch am meisten Wärme sammelte. Poutou tappste auf nassen Pfoten hinterher, aber nur um beide Menschen wegen dem ganzen Wirrwarr der letzten Minuten ausdrücklich schwer enttäuscht anzustarren, und ein paar verdrossene Brummlaute von sich zu geben.
„Ich glaub, wir sind eine Weile gestorben für ihn.“
„Pff, heute Nacht will er doch wieder mit ins Bett. Aber nicht mit mir, Herr Opportunist.“ Silke sah lächelnd hoch zu Karl; der jedoch leider während des Petersilie hackens gerade, und eigentlich schon seit Schließen der Türe ebenfalls recht missmutig wirkte. Oh, die Gemütsqualen der nicht Praktizierenden. Sie waren ja beide nur noch auf dem Papier; mal mit zarten Anwandlungen hin zu Man-sollte-vielleicht-doch-wieder, öfter in Morgen-endgültig-raus-da Stimmung.
„Spaß war das keiner. Wirklich nur dir zuliebe. Überhaupt kam das eh nur als Rache von oben, wegen den grausamen paar Euro Mieterhöhung.“
„Herzliches vergelt's Gott, dass du trotzdem mitgezogen hast.“
Wieder sprach Karl zu Poutou statt zu ihr: “Was soll ich tun? Schlimm, wenn ein aufgeklärter Mann nicht aufhören kann, unsere liebe Frau anzubeten.“ Der Hund begriff das Wortspiel natürlich nicht, obwohl der Professor begleitend dazu noch leicht an Silkes Pferdeschwanz gezupft hatte.

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