Work Text:
„Fuck, das kann doch nicht dein Ernst sein?“
Adam zog ungläubig die Augenbrauen zusammen, lehnte sich noch ein wenig näher zum Bildschirm seines Laptops hin und ließ sich kurz darauf mit dem Rücken gegen das Kopfteil seines Bettes fallen. Er kratzte sich am Kopf, bevor er weiter vor sich hin murmelte: „Entweder ist da was faul oder du hast keine Ahnung von nichts.“
Er rutschte ein wenig auf der Matratze hin und her und schob den Laptop, den er auf seinen lang ausgestreckten Beinen abgestellt hatte, zurecht. Dann las er sich die Angaben des Ebay-Kleinanzeigen-Verkäufers zum vermutlich siebten Mal durch, sah sich alle Fotos der Reihe nach erneut an und klickte schließlich in das Nachrichten-Feld.
„Okay, was schreib ich dir?“, fragte Adam sich selbst und den nicht anwesenden Verkäufer. „Dass du ein totaler Vollpfosten bist, wenn du diese geile Bauhaus-Leuchte für diesen Spottpreis verhörk… verhökern willst? Oder dass das echt ein super Preis ist, den ich ohne großes Rumverhandeln liebend gerne zahle?“
Letzteres, dachte Adam, denn in der Tat handelte es sich bei dem Preis, den der Adam noch unbekannte Verkäufer für diesen echten Klassiker unter den Tischleuchten aufgerufen hatte, um ein wahrhaft fantastisches Angebot. Für Adam jedenfalls. Für den Verkäufer… nun ja, was interessierte Adam schon der Verkäufer? Wäre Adam der Verkäufer gewesen, er hätte garantiert fast das Doppelte von dem verlangt, was Lehö15 hier aufrief. Aber das musste dieser Anfänger ja nicht wissen – und Adam würde es ihm auch ganz sicher nicht unter die Nase reiben.
Also schrieb er dem Verkäufer eine kurze Nachricht und musste sich eingestehen, dass sein Herz durchaus ein wenig aufgeregt klopfte. Schon seit Jahren stand die Leuchte ganz oben auf seiner Wunschliste, doch das Geld saß bei ihm einfach nie locker genug, als dass er sie mal eben so hätte kaufen können, schon gar nicht neu. Und auch bei Angeboten von gebrauchten Lampen hatte er bisher nie Glück gehabt – und dass der Verkäufer genau dieser Lampe auch noch direkt in Saarbrücken wohnte und Selbstabholung anbot, das musste doch einfach ein Zeichen sein.
Trotzdem, versuchte Adam seine Vorfreude zu dämpfen, konnte hier auch immer noch etwas faul sein. Der Preis war einfach zu gut, um wirklich wahr zu sein. Jeder normale Mensch recherchierte doch wenigstens ein klitzekleines bisschen, bevor er so eine Lampe online verkaufte, oder? Ein so großer Idiot konnte man doch einfach nicht sein?
„Naja, es sei denn…“, murmelte Adam, schickte die Nachricht ab, schob den Laptop zur Seite und schwang sich aus dem Bett. Er schlenderte auf nackten Füßen ins Wohnzimmer und trat ans Fenster. „Hat deine Freundin dich abgeschossen und die Lampe war ein Geschenk von ihr und du willst das Ding einfach nur loswerden und scheißt auf die Kohle?“, überlegte Adam weiter vor sich hin, während er sich seine Fensterbank genau ansah. „Hier wäre jedenfalls der perfekte Platz für die Lampe, also bitte…“
Damit drehte Adam sich wieder um und ging zurück ins Schlafzimmer. Er warf einen schnellen Blick auf den Bildschirm und stellte aufgeregt fest, dass bereits eine Antwort auf ihn zu warten schien. Und richtig, es ging um die Leuchte und –
„Fuck, ja! Junge, du bist so ein blöder Penner, aber ich lieb dich!“, rief Adam begeistert durch den Raum und sprang mit den Füßen auf sein Bett, auf dem er wie ein kleiner Junge, dessen größter Weihnachtswunsch in Erfüllung gegangen war, ein paar Mal auf und ab sprang, bis er sich schließlich auf sein Bettzeug fallen ließ.
„Ich fass es nicht“, setzte er sein Selbstgespräch fort und zog den Laptop zu sich heran. Aufgeregt tippte er eine Antwort auf die Antwort, murmelte zwischendurch „Junge, du verschenkst hier mehr als nen Hunderter“ und schickte die Nachricht ab, auf die er bereits wenige Minuten später eine erneute Antwort erhielt.
Als Adam einige Stunden später ins Bett ging, tat er dies mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er und der Verkäufer hatten noch weitere Nachrichten ausgetauscht, und inzwischen wusste Adam wo, wann und bei wem er die Leuchte abholen konnte. Leo Hölzer wohnte gar nicht so weit von Adam entfernt und hatte ihm signalisiert, dass eine Barzahlung an der Wohnungstür absolut in Ordnung war. Nichts anderes wäre für Adam infrage gekommen, aber er hatte schon die tollsten Sachen erlebt mit Verkäufern ebenso wie mit Käufern. Erneut warnte ihn ein leises Stimmchen, dass dieser Deal doch irgendwo noch einen Haken haben musste, so glatt, wie bisher alles gelaufen war. Leuchte zum Spottpreis, freundlicher Kontakt, keine langwierigen Diskussionen über Bezahlung oder Abholung… Adam stellte sich insgeheim darauf ein, eine beschädigte oder gar gefälschte Lampe vorzufinden oder einen Verkäufer, der sich von Angesicht zu Angesicht als absolutes Arschloch herausstellte. Was Adam nicht wirklich beunruhigte, denn auch er selbst konnte bei passender ebenso wie bei unpassender Gelegenheit ein ausgemachtes Arschloch sein. Aber sehr viel lieber, als ein verbaler Schlagabtausch vor einer fremden Wohnungstür, wäre ihm eindeutig eine reibungslose Geld- wie Lampenübergabe, schnell rein und schnell wieder raus, kurz aber gründlich die Ware in Augenschein nehmen und dann ein schönes Wochenende noch.
Mit diesen Gedanken sowie mit der Vorstellung, wie großartig sein Wohnzimmer erst mit seinem neuesten Kleinanzeigen-Kauf aussehen würde, fielen Adam die Augen zu. Noch zweimal Schlafen, dann würde die Lampe ihm gehören.
~~~
Am Freitagabend klingelte Adam nach Feierabend und zur vereinbarten Zeit bei Leo Hölzer. Adam stand vor der Haustür eines Mehrfamilienhauses, vier Klingeln, vier Stockwerke, Hölzers Klingel war die Oberste, also wohnte er vermutlich auch ganz oben. Adam hasste Treppen, aber was tat man nicht alles für eine original Wagenfeld.
„Ja?“, fragte eine Stimme durch die Gegensprechanlage.
„Ich bin’s, äh… wegen der Lampe.“ Großartig, Schürk, geht’s auch in ganzen Sätzen?, fragte Adam sich stumm und schüttelte über sich selbst den Kopf. Offenbar versetzte ihn der bevorstehende Kauf in eine noch größere Aufregung, als er sich selbst jemals hätte eingestehen wollen.
„Ah, okay. Im vierten Stock“, sagte Hölzer, und im nächsten Moment ging auch schon der Türsummer.
Vierter Stock, natürlich. Und natürlich kein Aufzug. Adam nahm zwei Stufen auf einmal und verlangsamte sein Tempo erst in der dritten Etage, um nicht komplett außer Atem bei Leo Hölzer anzukommen. Oben angekommen, blieb Adam für einen Moment auf der letzten Treppenstufe stehen und stützte sich auf dem Geländer ab. Er fuhr sich gerade mit einer Hand durch die Haare, da hörte er eine Stimme sagen: „Hey. Sorry, dass es keinen Aufzug gibt.“
Adam blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und sah in einigen Metern Entfernung einen dunkelhaarigen Mann in einer geöffneten Wohnungstür stehen. Fuck, dachte Adam, als er sich wieder in Bewegung setzte und auf den Mann zuging. Und gleich nochmal fuck, als er schließlich an der Tür angekommen war und dem Mann, der mit ziemlicher Sicherheit Leo Hölzer und damit sein völlig unfähiger Lampen-Verkäufer sein musste, direkt in die Augen sah.
Der Mann in der Tür sah Adam irgendwie erwartungsvoll an, und Adam schlug sich innerlich an die Stirn und sagte: „Äh, ja, kein Problem… ich hab’s gerade so geschafft.“
„Das sehe ich“, erwiderte Leo, der ziemlich eindeutig für einen langen Augenblick auf Adams sich noch immer rasch hebenden und senkenden Brustkorb sah. Adam grinste ein bisschen verlegen und gab zurück: „Keine Angst, ich werd‘ hier nicht zusammenbrechen.“
„Ich hab keine Angst“, sagte Adams Gegenüber und verschränkte fast schon amüsiert die Arme vor seiner breiten Brust. Unter dem hellgrauen, engsitzenden T-Shirt konnte Adam die sich deutlich abzeichnenden Brust- und Bauchmuskeln erkennen, und er musste sich sehr bewusst daran erinnern, weswegen er hierhergekommen war.
„Alles klar, dann… du bist Leo?“, versicherte Adam sich und versuchte unauffällig, einen Blick in die Wohnung zu erhaschen.
„Ich bin Leo. Und da du mit ziemlicher Sicherheit Adam bist… komm rein und ich zeig dir die Lampe“, antwortete der Mann mit einem entwaffnenden Lächeln und trat einen Schritt zur Seite, sodass Adam an ihm vorbei und in den Flur gehen konnte. Und obwohl Leo ihm genügend Platz eingeräumt hatte, streifte Adam im Vorbeigehen Leos Unterarm mit seinem Unterarm und die Berührung von Leos warmer Haut jagte Adam einen Schauer über den Rücken. Fuck, dachte er schon wieder, und zwei Sekunden später: Er fühlt sich nicht nur gut an, er riecht auch gut.
Dann fiel Adams Blick auf die Kommode, die links von ihm an der Wand stand, und die darauf abgestellte Leuchte. Diesmal dachte Adam es nicht nur, er sagte laut: „Fuck. Das ist echt ne Echte.“
Hinter ihm hörte er Leo die Wohnungstür schließen und mit einem irritierten Unterton in der Stimme fragen: „Echt ne Echte, was meinst du damit?“
„Naja, weil dein Angebot…“, begann Adam, biss sich dann aber regelrecht auf die Zunge und fuhr vorsichtig mit einer fetten Notlüge fort: „Weil da in letzter Zeit bei Ebay viel Nachgemachtes im Umlauf war.“
„Ah, okay“, nickte Leo. Er signalisierte Adam mit einer einladenden Handbewegung, sich die Lampe ruhig genauer anzusehen und sagte: „Die hat mir mal… jemand geschenkt. Ich häng da nicht dran und versteh auch nichts davon, also…“
Was du nicht sagst, dachte Adam ohne jegliche Spur von Schadenfreude. Verdammt nochmal, Adam stand seit lächerlichen drei Minuten in Leo Hölzers Flur und hielt diese Lampe, die er sich schon so lange gewünscht hatte, in seinen Händen, wohl wissend, dass er den Mann, der ihn allein durch seine Nähe irgendwie verrückt machte, gleich gnadenlos über den Tisch ziehen würde. Und zugegeben, nicht Adam hatte den Preis verhandelt, Leo selbst hatte ihn viel zu niedrig angesetzt und Adam hätte drauf pfeifen können. Und tatsächlich musste er auch drauf pfeifen, denn er hatte schlicht nicht genug Geld dabei um den Betrag, den die Lampe tatsächlich wert war, hier und jetzt zu bezahlen. Ohnehin saß das Geld bei Adam seit einer Weile nicht mehr ganz so locker, Pandemie sei Dank, aber zum Glück verstand Leo eben offensichtlich wirklich nichts von dem, womit er hier ein Geschäft machen wollte.
Schließlich räusperte Adam sich und sagte: „Okay, die sieht echt… gut aus. Fast wie neu. Was mich angeht, sind wir im Geschäft.“
Schon wieder breitete sich dieses umwerfende Lächeln auf Leos Gesicht aus, und schon wieder war Adam kurz davor ihn anzuschreien Wie kannst du nur so dämlich sein und diese Lampe zu diesem absolut lachhaften Preis verhökern?, aber ebenfalls schon wieder schluckte Adam die Worte herunter und wartete stumm auf Leos Antwort. Der sah einige Male zwischen Adam und der Lampe hin und her und sagte dann: „Wie gesagt, war ein Geschenk. Wenn dir der Preis zu hoch ist, können wir auch gerne noch… dreißig Euro runtergehen?“
Adam hätte am liebsten hysterisch aufgelacht. Dieser Kerl war doch echt nicht zu fassen! Nicht zu fassen und außerdem so herzzerreißend ahnungslos, dass Adam kurz davor war, sein Handy zu zücken und Leo alle Details – und besonders die preislichen – zu dieser Leuchte unter die Nase zu halten. Stattdessen aber schluckte er und erwiderte, nachdem er rasch den Inhalt seines Geldbeutels im Geiste überschlagen hatte: „Nein, auf keinen Fall. Die Leuchte… die ist so gut erhalten, ich würde dir viel lieber noch dreißig Euro mehr dafür bezahlen.“
„Hey, das ist nicht nötig, das ist…“
„Doch, das ist absolut angemessen, glaub mir“, insistierte Adam und zog seine Geldbörse aus der Hosentasche.
„Hör mal, das muss echt nicht sein, ich bin froh, wenn ich die los bin“, versuchte Leo einen erneuten Widerspruch, doch Adam hatte bereits die Scheine aus dem Geldbeutel gezogen und zählte sie auf die Kommode. „Und ich bin froh, dass du sie loswerden willst“, sagte Adam und steckte die Geldbörse wieder ein. Er drehte sich zu Leo und dann – dann sahen sich die beiden Männer für einen langen Moment einfach nur an. Adam spürte, wie seine Haut kribbelte, wie ihm plötzlich ganz warm wurde, und er überlegte fieberhaft, was er als nächstes sagen könnte, um noch etwas länger in Leos Flur stehen zu können. Eine Stimme in seinem Kopf sagte Schürk, reg dich ab, du weißt doch nichtmal, ob der Kerl auf Männer steht, aber Adam ignorierte jedes einzelne Wort.
Stattdessen fragte er in seiner unnachahmlich ungefilterten Art: „Okay, und hast du noch andere Dinge, die dir ein gewisser Jemand, der ja ein echter Arsch sein muss, geschenkt hat und die du dringend loswerden willst?“
Leos Lächeln verschwand ebenso schlagartig wie das Leuchten in seinen Augen und Adam wusste sofort, dass er seine Fresse zu schnell zu weit aufgerissen hatte. Herrgottnochmal, er wusste nichts über diesen Mann und Flirten… sah definitiv anders aus.
Bevor Adam zurückrudern und sich entschuldigen konnte, sagte Leo: „Ich glaube, wir sind dann hier fertig. Danke fürs Kommen.“
„Hey, ich…“
„Viel Spaß mit der Lampe“, fuhr Leo unbeirrt fort und öffnete die Wohnungstür. Unmissverständlicher konnte ein Rauswurf nicht aussehen.
~~~
Adam schlich eine knappe Woche um sein Laptop und Ebay-Kleinanzeigen und das Verkäuferprofil von Lehö15 herum, bevor er wieder zuschlug. Und diesmal ging es nicht um eine Lampe, die Adam nach Jahren des Wartens endlich sein Eigen nennen wollte – diesmal ging es um Leo Hölzer. Natürlich, Adam kannte Leos Adresse, hatte bereits in Leos Flur gestanden, zum Teufel nochmal. Aber aus ebenjenem Flur hatte Leo ihn eben auch hinausgeworfen und Adam ahnte, dass er nicht einfach so bei Leo klingeln und sich ohne konkreten Anlass – oder jedenfalls ohne einen für Leo erkennbaren konkreten Anlass – erneut in seinen Flur stellen konnte.
Adam hatte irgendwie witzig und clever sein wollen und es stattdessen verbockt. Jedenfalls sah es in der Woche nach dem Lampenkauf so aus. Die Leuchte machte sich großartig in Adams Wohnzimmerfenster, und am liebsten hätte Adam sie, wenn es abends dunkel und die Lampe eingeschaltet war, fotografiert und das Foto an Leo geschickt. Als Versöhnungsangebot mit der Nachricht Sie sieht hier bei mir ganz toll aus, kannst es dir ja mal selbst anschauen, aber… vermutlich wollte Leo das gar nicht hören. Vermutlich wollte er weder ein Foto der Lampe noch eine Nachricht von Adam jemals wieder in seiner Ebay-Inbox vorfinden. Vermutlich dachte Leo gar nicht mehr an Adam, spätestens nach Adams „Ein gewisser Jemand, der ja ein echter Arsch sein muss“-Spruch.
Aber nach einer Woche, während der er wieder und wieder und wieder an Leo in seinem engen T-Shirt und mit seinem absurd umwerfenden Lächeln hatte denken müssen, warf Adam all seine Bedenken über Bord. Und weil er hoffte, dass Leo trotz allem grundsätzlich wenigstens ein bisschen Spaß verstand, studierte Adam Leos Kleinanzeigen-Angebote – und fand natürlich nichts, was auch nur annähernd sein Interesse geweckt hätte. Da war eine alte Küchenwaage, die gut und gerne Museumwert hätte haben können. Ein Paar Inlineskates inklusive Knie- und Ellenbogenschützern. Ein Bildband über die angeblich schönsten Wanderwege im Harz. Ein Kochbuch mit saarländischen Traditionsrezepten.
Und Adam dachte ziemlich genau gleichzeitig zwei Gedanken: Scheiße, Leo, wessen Keller hast du denn da entrümpelt? und Scheiße, Leo, das ist perfekter als perfekt! – und klickte das Kochbuch an und schrieb:
„Hey Leo, wenn es dafür noch keine Interessenten gibt, hätte ich das gerne.“
„Was willst Du denn damit?“, kam eine halbe Stunde später die Antwort, und Adam verbuchte es als gutes Zeichen, dass Leo ihn nicht einen halben Tag oder gar ganz vergeblich auf eine Reaktion hatte warten lassen.
„Naja… kochen?“, schrieb Adam nach einigen Anstandsminuten des ungeduldigen Wartens zurück.
„Wenn Du meinst“, lautete Leos durchaus kurzangebundene Antwort, doch Adam wollte sich nicht entmutigen lassen. Hätte Leo rein gar nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, hätte er Adam ja tatsächlich einfach ignorieren oder ihn zumindest bezüglich eines angeblichen anderen Interessenten anlügen können. Hatte er aber nicht.
Und deshalb stand Adam drei Tage später erneut vor Leos Haus und wenig später vor der Wohnungstür im vierten Stock, die aber diesmal noch verschlossen war, als er oben ankam. Leo hatte ihm angeboten, das Kochbuch per Post an ihn zu schicken, doch Adam hatte diese Idee mit einer kleinen Lüge abwenden können. Er sei sowieso in den nächsten Tagen in Leos Nähe, hatte Adam behauptet, und auch, wenn das nicht im engeren Sinne der Wahrheit entsprach, so war und blieb es eben eine Tatsache, dass die beiden Männer nicht weit voneinander entfernt wohnten und Adam nach Feierabend ohne große Umstände bei Leo vorbeifahren konnte.
Als die Tür sich auch nach einigen Sekunden des Wartens nicht öffnete, klopfte Adam vorsichtig an. Daraufhin ging die Tür so rasch auf, als habe Leo nur auf das Klopfen gewartet. Er stand in der Tür, mit dem Buch schon in der Hand, und fragte ohne ein Wort der Begrüßung: „Bist du sicher, dass du das wirklich haben willst?“
„Todsicher“, sagte Adam in der Hoffnung, sein strahlendstes Lächeln aufgesetzt zu haben.
„Du kochst also?“, fuhr Leo fort und reichte Adam das Buch. Der nahm es in seine großen Hände und antwortete, während er Leos Blicke auf seine Hände mit einem innerlichen Yesss! registrierte: „Manchmal. Ab sofort ganz bestimmt noch öfter.“
Und wie zum Beweis und weil er wusste, welche Wirkung seine Hände bislang noch auf jeden Mann, mit dem etwas gelaufen war oder hätte laufen können, gehabt hatten, blätterte er ein wenig in dem Buch herum. Dabei beobachtete er Leo so unauffällig wie möglich und lächelte gleich noch ein bisschen strahlender als er sah, dass auch Leo nun immerhin ein kleines Lächeln auf den Lippen hatte.
„Das wage ich zu bezweifeln“, sagte Leo und lächelte immer noch.
„Meine Hände brauchen doch… Beschäftigung“, erwiderte Adam, zwinkerte Leo zu und schloss dann das Buch. Er sah Leo erwartungsvoll an und hoffte, dass er wenigstens ein kleines bisschen zurückflirten würde. Stattdessen aber runzelte Leo die Stirn und sagte: „Okay, dann… empfehle ich dir das Kuchen-Kapitel, da… brauchst du bei fast jedem Rezept einen Schneebesen.“
„Einen Schneebesen?“, fragte Adam.
„Mhm, da kannst du ordentlich schlagen… also, das Eiweiß.“
Nachdem Adam den anderen Mann für einen langen Augenblick forschend angesehen hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass Leo nichts von dem, was er zu Adam gesagt hatte, auch nur andeutungsweise zweideutig gemeint hatte, bezahlte der blonde Mann das Buch und verabschiedete sich. Und als er das Kochbuch wenig später in die Papiermülltonne vor seinem Haus warf, dachte er: Ich hab keine Ahnung, was das da gerade war – aber ich werd’s rausfinden, das schwöre ich dir, Leo Hölzer.
~~~
In den folgenden Wochen sah Adam Leo Hölzer in regelmäßig unregelmäßiger Häufigkeit. Offensichtlich stießen Leos Verkaufsangebote bei niemandem außer Adam auf großes oder kleines oder überhaupt irgendein Interesse, denn in der Woche nach dem Kochbuch kontaktierte Adam Lehö15 wegen der Küchenwaage, die nach wie vor online war.
„Zum Kochbuch gehört eben auch eine Küchenwaage“, sagte Adam vorsichtig grinsend, als er zwei Tage später erneut vor Leo stand.
„Du hast aber in der Beschreibung gelesen, dass die schon lange nicht mehr korrekt wiegt und eher was für Sammler ist?“, fragte Leo und reichte Adam die Waage. Adam achtete peinlich genau darauf, seine Hände erneut möglichst gut in Szene zu setzen, als er das Küchenutensil entgegennahm und anschließend immer wieder hin und herdrehte. Wie schon beim Kochbuch folgten Leos Augen Adams Händen auch jetzt und Adam sah, wie Leo seinen Mund ganz leicht öffnete und sich ein wenig abwesend mit der Zunge über die Unterlippe fuhr.
„Ja, ach, zusammen mit ein bisschen Augenmaß passt das schon“, sagte Adam, hielt die Waage nur noch in einer Hand und winkte mit der anderen ab.
„So backst du Kuchen? Mit… Augenmaß?“, fragte Leo und sah Adam mit ehrlichem Interesse und ohne jeglichen erkennbaren Hinter- oder Flirtgedanken an.
„Augenmaß, ja. Man muss einfach nur genau… hinsehen“, sagte Adam und war unendlich stolz auf seine Zweideutigkeit – die aber bei Leo nichts anderes auslöste als ein verwirrtes Stirnrunzeln, das der leicht verzweifelt seufzende Adam bereits aus der Kochbuch-Schneebesen-Episode kannte. Das kann ja noch sehr heiter werden, dachte Adam, als er die Küchenwaage wenig später ganz nach hinten in einen seiner Küchenschränke räumte.
Nicht ganz eine Woche später klingelte Adam bei Leo, um den Bildband mit den schönsten Wanderwegen im Harz abzuholen.
„Du siehst gar nicht aus wie ein… Wanderer“, sagte Leo skeptisch, als er Adam das großformatige Buch reichte. Adam blieb seiner Taktik treu und drehte und wendete den Bildband in seinen großen Händen, bevor er ihn aufschlug.
„Ach, lass dich da mal nicht täuschen. Ich hab schon den einen oder anderen bestiegen… also, Berg“ antwortete Adam und sah kurz von einer scheinbar besonders interessanten Seite im Buch auf und Leo direkt in die Augen. Der kniff selbige noch eine Spur skeptischer zusammen, erneut völlig immun gegen Adams Zweideutigkeit, und meinte: „Das ist dann aber eher Klettern, oder?“
„Wandern, Klettern, in der richtigen Begleitung bin ich für beides zu haben.“ Erwartungsvoll sah Adam Leo an. Der musste doch langsam mal begreifen, was Adam hier von ihm wollte. Nämlich keine blöden Bücher oder Küchenwaagen, sondern –
„Okay, dann viel Spaß im Harz“, sagte Leo und schloss, mit Adams Zehn-Euro-Schein in der Hand, langsam die Tür.
Adam Schürk war allerdings keiner, der sich unterkriegen ließ. Schon gar nicht von einem irgendwie begriffsstutzigen Mann, der im vierten Stock wohnte, ohne Aufzug, und auf jede von Adams Ebay-Nachrichten innerhalb kürzester Zeit antwortete. Und der außerdem Adams Herz gestohlen hatte, einfach so nebenbei und offensichtlich ohne selbst etwas davon zu ahnen. Das unglückliche Ende von Adams erstem Kauf schien längst vergessen, als Adam auch in dieser Woche bei Leo klingelte. Er hatte Leo inzwischen auch die Inlineskates sowie einen Tennisschläger („Du spielst Tennis?“ – „Ich hab viele Hobbies und bin sehr… wendig.“) und ein wie auch die Lampe vom Bauhaus beeinflusstes Mokkaservice für zwei Personen („Von meiner Oma, das ist ja auch irgendwie nur was für…“ – „Genau, nur für zwei, ich würd immer nur zu zweit… Mokka trinken wollen.“) abgekauft und Leo schien immer noch zu glauben, dass es Adam um nichts anderes ging. Nur ums Kaufen. Falls Leo sich jemals gefragt hatte, warum Adam ausgerechnet ständig bei ihm etwas kaufte, so hatte er sich das vermutlich so erklärt, dachte sich der blonde Mann, dass Adam zwischendurch auch noch bei zahlreichen anderen Verkäufern einkaufte. Was er natürlich keineswegs tat, denn es ging ihm ja um –
„Leo, hey“, sagte Adam, als der mit einem weißen T-Shirt und einer Cargoshorts bekleidete Mann ihm auf nackten Füßen die Tür öffnete. Du hast echt keine Ahnung, was du mir da gerade antust, dachte Adam und musste für eine Sekunde die Augen schließen.
„Hey, Adam“, sagte Leo und lehnte sich gegen den Türstock. Er streckte einen Arm zu Adam aus und hielt ihm die Fernbedienung hin, die Adam vor zwei Tagen käuflich bei Leo erworben hatte. Er hatte sich kurz vor Lachen auf die Lippe beißen müssen, bevor er die Nachricht an Leo abgeschickt hatte, denn ganz ehrlich, einen absurderen Ebay-Kauf konnte er sich wirklich nicht mehr vorstellen. Und Leo offenbar auch nicht, denn während Adam die Fernbedienung hin und her drehte und sie dabei in seinen riesigen Händen fast verschwand, sagte der Noch-Fernbedienungs-Besitzer: „Hör mal. Das ist eine kaputte Fernbedienung für einen Blaupunkt-Röhrenfernseher, die ist nur was für durchgeknallte Sammler, wenn überhaupt.“
„Du verkaufst sie ja immerhin“, sagte Adam und zwinkerte Leo grinsend zu.
„Eben. Frag dich mal warum.“
„Okay, dann… bin ich dir also nicht durchgeknallt genug und deshalb willst du mir die jetzt doch nicht verkaufen, oder was?“
„Was willst du denn damit?“, fragte Leo und da war es wieder, das Stirnrunzeln, das Adam deutlich signalisierte, dass Leo auch diese Transaktion ebenso für bare Münze nahm wie alle Transaktionen zuvor.
„Nichts“, gab Adam zu und blickte Leo herausfordernd an.
„Nichts? Adam…“
Verdammt nochmal, wie deutlich musste er denn eigentlich noch werden? Tja, offenbar sehr deutlich, also sagte Adam: „Schnallst du‘s nicht? Ich will nicht diese blöde Fernbedienung oder den Tennisschläger oder das Kochbuch, ich will dich!“
Adam sah Leo noch immer an, konnte seinen Blick nicht von diesem wunderschönen Mann losreißen, in dessen Gesicht mit einem Mal unzählige Dinge gleichzeitig zu passieren schienen. Seine Stirn legte sich in Falten, seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Er biss sich auf die Unterlippe, zwinkerte mehrmals und sah mit seinen Augen, die Adam an Meeresurlaube und Wochenenden an klaren Bergseen erinnerten, überall hin, nur nicht zu Adam.
„Hör mal…“, begann Adam nach einer gefühlten Ewigkeit, doch Leo fiel ihm ins Wort: „Behalt das Ding, okay? Ich… da steht Essen auf dem Herd.“
Ohne sich von Adam den vereinbarten Geldbetrag geben zu lassen, nickte Leo ihm noch einmal verlegen zu, trat zurück in seinen Flur und schloss die Tür. Zurück blieb ein Adam, der zum ersten Mal in all den Wochen seit ihrer ersten Begegnung in Erwägung zog, dass womöglich er es war, der irgendetwas ganz und gar nicht schnallte.
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Die Wochen vergingen und Adam kontaktierte Leo nicht mehr. Er wachte morgens auf und die ersten Gedanken, die ihm in den Kopf kamen, drehten sich um Leo. Nicht nur an einem Morgen fuhr Adam mit einer Hand in seine Schlafshorts, umfasste seinen bereits ziemlich harten Schwanz und brachte sich mit wenigen energischen, manchmal fast schon verzweifelten Handbewegungen zum Orgasmus. Nicht nur an einem Morgen stellte er sich vor, dass nicht seine eigene sondern Leos Hand es war, die in seiner Hose seinen Schwanz gepackt hatte. Und nicht nur an einem Morgen kam er mit einem heiseren „Leooo...“ auf seinen Lippen und vergrub anschließend sein Gesicht in seinem Kissen vor lauter Sehnsucht nach dem Mann, den er eigentlich gar nicht kannte und, so wie die Dinge lagen, auch niemals richtig kennenlernen würde.
Unter der Dusche dachte er anschließend fast jeden Morgen darüber nach, was in den vergangenen Wochen passiert oder auch nicht passiert war. Da war doch etwas gewesen zwischen ihnen, gleich beim ersten Treffen, oder nicht? Leo hatte ihn so strahlend angelächelt, und Adam weigerte sich zu glauben, dass das einfach nur sein Standard-Lächeln war, das Leo jedem Menschen schenkte, der bei ihm einen Ebay-Kauf abholte. Sie hatten sich im Flur gegenübergestanden, hatten sich angesehen und verfickt nochmal, da war doch einfach etwas gewesen! Jedenfalls so lange, bis Adam offensichtlich das Falscheste vom Falschen gesagt und Leo ihn ohne weitere Umschweife aus seiner Wohnung befördert hatte. Das strahlende Lächeln war verschwunden und Adam hätte alles darum gegeben, es in den darauffolgenden Wochen noch einmal sehen zu dürfen. Doch seine Hoffnung war vergebens gewesen. Leo war freundlich gewesen, ja, und er hatte Adam auch angelächelt, doch das Lächeln hatte niemals mehr seine Augen erreicht, so wie bei ihrer ersten Begegnung. Dabei hatte Adam doch nur einen harmlosen, dummen Spruch gebracht, oder?
So oder so, was auch immer da zwischen ihnen gewesen war – und da war etwas gewesen, Adam hätte auch auf seinem Sterbebett noch darauf bestanden – Adam hatte offensichtlich Mist gebaut. Und seine zugegebenermaßen sehr eigenwillige Taktik der weiteren Käufe und kurzen Begegnungen an Leos Wohnungstür hatte zu nichts geführt außer kurzen Gesprächen mit zweideutigen Anspielungen von Adams und viel Stirnrunzeln von Leos Seite. Und als Adam dann endlich mit dem wahren Grund für seine ständigen Käufe bei Leo rausgerückt war, da... hatte das ebenfalls zu nichts geführt.
Vielleicht war da einfach doch nichts, wohin das Ganze führen konnte, dachte Adam nach Wochen ohne Kontakt mit Leo. Er saß im Wohnzimmer auf seinem Sofa, betrachtete seine auf dem Fensterbrett stehende Leuchte und fragte sich für eine Sekunde, ob Leo ihm vielleicht auf die Schliche gekommen und einfach nur enttäuscht von ihm war. Hatte er vielleicht doch noch den wahren Wert der Lampe recherchiert und sich darüber geärgert, sie Adam für viel zu wenig Geld verkauft zu haben? Und ahnte Leo vielleicht, dass Adam sehr genau gewusst hatte, von Anfang an, was die Lampe wert war und nichts gesagt hatte?
Adam schüttelte den Kopf und ließ sich gegen die Rückenlehne seines Sofas sinken. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Leo so ein Mensch nicht war. Nein, Leo war einer, der die Fehler immer zuerst bei sich selbst suchte, darauf hätte Adam aus irgendeinem Grund schwören können, es sei denn vielleicht... ja, es sei denn was? Es sei denn, jemand hatte ihn verletzt? Es sei denn, jemand hatte ihn enttäuscht? Ihm... das Herz gebrochen? Verdammt, vielleicht ging es hier gar nicht um Adam, vielleicht ging es hier um... den Jemand, der Leo die Leuchte geschenkt hatte? Und Adam hatte mit seiner unbedachten Bemerkung dafür gesorgt – ja, wofür gesorgt?
„Scheiße, warum bin ich nur so schlecht in diesem Psychokram?“, murmelte Adam und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Und warum muss ich ständig an ihn denken, überlegte Adam still weiter, zog seine Füße auf die Couch und ließ sich zur Seite kippen, bis er auf dem Sofa lag und die Knie an seine Brust ziehen konnte. Warum kann ich ihn nicht einfach vergessen, ich kenne ihn doch gar nicht, dachte Adam wieder und wieder, bis ihm irgendwann auffiel, dass seine Gedanken sich im Kreis drehten. Schon wieder im Kreis drehten, wie schon so oft in den vergangenen Wochen, und es führte zu nichts außer dazu, dass er zu wenig schlief und zu wenig aß und zu viel rauchte und –
„Verdammt, ich muss das jetzt wissen“, sagte Adam laut und entschlossen, rollte sich mehr vom Sofa als dass er aufstand und ging zum Küchentisch, auf dem sein Laptop stand. Er rief die Ebay-Kleinanzeigen-Seite auf und ließ sich Leos Angebote anzeigen, die er mittlerweile auswendig kannte, denn auch, wenn er in den vergangenen Wochen nichts mehr bei ihm gekauft hatte, so hatte er doch mehrmals täglich mehr als nur einen Blick auf Leos Verkaufsliste geworfen. Natürlich hatte er das. Und er wollte gerade wahllos auf eins der angebotenen Objekte klicken, da hielt er inne, murmelte „Scheiß drauf“, sah auf die Uhr und beschloss, einfach jetzt sofort zu Leo zu fahren. Vielleicht war er zuhause, vielleicht auch nicht, aber wenn er zuhause war, dann wollte Adam nicht schon wieder unter dem Vorwand eines albernen Kaufs bei Leo auftauchen. Er wollte wirklich und eindeutig nur wegen Leo zu Leo kommen und hoffte, dass Leo dann endlich verstehen würde, was Adam ihm schon die ganze Zeit zu sagen versucht hatte.
Adam klingelte dreimal, doch nichts rührte sich. Er stand vor der verschlossenen Haustür und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Als er gerade eingesehen hatte, dass Leo wohl tatsächlich nicht zuhause war und sich zum Gehen umdrehen wollte, hörte er hinter sich Leos überraschte Stimme fragen: „Adam?“
Adams Herz setzte für ein oder zwei Schläge aus. Fuck, die Wochen ohne jeglichen Kontakt zu Leo hatten Adam offensichtlich ärger zugesetzt, als er gedacht hatte. Er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss, und als er sich zu Leo umdrehte, schoss sie ihm auch noch ganz woanders hin. So unauffällig wie möglich versuchte er, seine Klamotten zurecht zu ziehen, und antwortete mit merkwürdig rauer Stimme: „Hey, Leo, ich... sorry, ich wollte... gerade gehen.“
Meisterleistung, Schürk, dachte Adam und ohrfeigte sich innerlich.
„Okay, und... was hast du hier gemacht?“, fragte Leo, dessen Wangen Adam nun auch ungewöhnlich erhitzt vorkamen.
„Ich war, ich wollte... scheiße, entschuldige, ich... wollte zu dir“, stotterte Adam eine Antwort heraus, über die er anschließend direkt selbst den Kopf schüttelte. Er fügte hinzu: „Und entschuldige außerdem, dass ich keinen geraden Satz rauskriege, ich... ich freu mich, dich zu sehen.“
Das war eindeutig mehr, als Adam an diesem Punkt eigentlich hatte sagen wollen, aber womöglich war es nicht die schlechteste Taktik, die Karten von Anfang an mehr oder weniger eindeutig auf den Tisch zu legen. Falls das hier überhaupt ein Anfang war, denn sollte Leo ihm als Antwort zu verstehen geben, dass Adam sich verpissen solle, dann wäre der Anfang auch gleichzeitig das Ende ihres Gesprächs.
Doch statt Adam wegzuschicken, trat Leo neben ihn und steckte den Schlüssel ins Schloss. „Wenn du schon hier bist, möchtest du vielleicht... mit nach oben kommen?“
„Mit nach oben?“ Adam konnte nur erahnen, wie dämlich er jetzt gerade aus der Wäsche gucken musste.
„Ja, mit nach oben. Vielleicht findest du ja noch ein paar Dinge, die dein Interesse wecken?“, erwiderte Leo, stieß die Tür auf und zwinkerte Adam ein wenig unsicher zu. Adam folgte Leo ins Treppenhaus, und seine Gedanken wirbelten durcheinander. Ihm lag eine Antwort auf der Zunge, die Worte formten sich schon regelrecht spürbar in seinem Mund, aber Adam schluckte sie hinunter. Er wollte das nicht so zwischen Tür und Angel machen, selbst wenn Leo hier gerade seinerseits ziemlich eindeutig eine zweideutige Bemerkung gemacht hatte. Oder? So oder so, Adam wollte Leo gegenüber sitzen, wenn er ihm das sagte, was er ihm sagen wollte. Also antwortete er lediglich mit einem unverbindlichen „Vielleicht“ und ging dann schweigend hinter Leo die Treppe hinauf. Er folgte dem dunkelhaarigen Mann so dicht, dass er seine Wärme spüren konnte, seinen Geruch einatmen konnte und seine Hände nach Leos wunderschönem, festem Arsch hätte ausstrecken können. Adam biss sich auf die Unterlippe. Er atmete schwer, und das nicht nur, weil sie inzwischen im dritten Stock angekommen waren.
„Hast du was vor?“, fragte Adam, als er wenig später zum ersten Mal in Leos Wohnzimmer stand. Er hatte von der Wohnungstür aus schon mehrmals Blicke in den Raum werfen können, und das Sofa hatte eindeutig nicht da gestanden, wo es jetzt stand.
„Wieso?“
„Dein Sofa... soll das da mitten im Raum stehen?“
„Ah, das ist... ich will's verkaufen und hab Fotos gemacht“, erklärte Leo ein wenig zögerlich.
„Verkaufen? Das sieht doch noch... total okay aus“, sagte Adam verwirrt und ging näher an das Möbelstück heran, um es genauer zu begutachten.
„Ist es auch“, antwortete Leo und trat neben Adam, dessen feine, blonde Härchen an den Unterarmen sich ob der plötzlichen Nähe des anderen Mannes aufstellten. Er räusperte sich und fragte: „Warum verkaufst du's dann?“
Jetzt war es Leo, der sich räusperte, bevor er in einem Wort erklärte: „Erinnerungen.“
Adam warf Leo einen vorsichtigen Seitenblick zu und strich sich abwechselnd mit einer Hand über einen Unterarm, um die noch immer vorhandene Gänsehaut unter Kontrolle zu bringen.
„Darf ich?“, fragte er schließlich und deutete auf die Couch. Leo signalisierte mit einer Handbewegung seine Zustimmung und setzte sich, nachdem Adam Platz genommen hatte, neben ihn. Ein Sofakissen hätte zwischen sie gepasst, mehr nicht. Adam spürte erneut Leos Körperwärme und konnte seine Blicke nicht von Leos Händen losreißen, die er zwischen seinen Knien gefaltet hielt. Adam musste kurz zwinkern: Zitterten Leos Hände etwa ganz leicht?
Doch bevor Adam dieser Frage nachgehen konnte, stellte er behutsam und mit leisen Zweifeln, ob er ihr Gespräch wirklich in diese Richtung lenken sollte, eine andere: „Erinnerungen an... den Arsch?“
Er hörte Leo neben sich tief Luft holen, bevor er antwortete: „Nur um das klarzustellen, du hast ihn so genannt. Aber ja, an den Arsch.“
„Okay, ja, ich hab ihn so genannt. Immerhin ein Arsch mit gutem Geschmack“, sagte Adam. Erst, als seine Worte schon ausgesprochen waren, bemerkte er ihre Zweideutigkeit – der gute Geschmack konnte sich auf die Leuchte ebenso wie auf Leo beziehen, doch Adam hatte in diesem Moment tatsächlich nur von der Leuchte gesprochen. Zu seiner Erleichterung schien Leo das auch genau so verstanden zu haben – Zweideutigkeiten sind echt nicht deine Stärke, dachte Adam – denn er sagte: „Zumindest gelegentlich, ja. Dass ich dir die Lampe für diesen lächerlichen Preis verkauft habe, war ehrlich gesagt so eine Art nachträglicher Arschtritt von mir an ihn, auch wenn er ohnehin nie davon erfährt.“
Adam hörte Leo neben sich seufzen, und es zerriss ihm fast das Herz. Gleichzeitig aber musste er grinsen, als Leo kurz darauf hinzufügte: „Du musst mich für einen totalen Vollidioten gehalten haben.“
Adam stieß mit seiner leicht gegen Leos Schulter. „Naja, ehrlich gesagt... könntest du da richtig liegen.“ Er hörte Leo jetzt leise kichern und sagen: „Ehrlich gesagt hätte ich sie am liebsten für zehn Euro verkauft, so als richtiges Fuck You, aber da hätte sie wohl jeder für eine Fälschung gehalten.“
„Oder dich für einen noch viel größeren als nur einen totalen Vollidioten“, kicherte Adam nun ebenfalls und konnte nicht anders, er musste einfach fragen: „Aber... warum hast du mich förmlich rausgeworfen, als ich... ich meine...“
Adam beobachtete, wie Leo seine Hände entflocht und eine Hand langsam und zögerlich auf Adams Knie legte. Für einen Moment, dessen Dauer er nicht einmal ansatzweise hätte schätzen können, hielt Adam die Luft an. Geschah das hier gerade wirklich? Leo, der auf keine seiner Anspielungen reagiert hatte, der Adam mit keinem Wort signalisiert hatte, dass es für ihn um mehr gehen könnte als nur um seine Verkäufe – legte der ihm gerade tatsächlich eine Hand aufs Knie und streichelte mit seinem Daumen beständig auf einer Stelle hin und her? Und wenn ja, was bedeutete –
„Du hast mich total verunsichert. Ich hab... ich hab viel zu lange gebraucht, um mir einzugestehen, mit was für einem Arschloch ich da zusammen bin und du... du hast das nach fünf Minuten...“
„Leo. Das war doch einfach nur so dahin gesagt“, unterbrach Adam ihn sachte und fühlte sein Herz schneller schlagen. Leo fuhr sich mit der Hand, die nicht auf Adams Knie lag, durch die Haare und sagte: „Vielleicht. Schon möglich. Aber trotzdem, ich war einfach... verunsichert. Und du, du warst...“
Leise lachte Leo neben Adam und schüttelte den Kopf, als könne er selbst nicht glauben, was er da beinahe gesagt hätte.
„Was war ich?“, fragte Adam leise und rutschte ein wenig auf dem Sofa herum, bis er Leo schräg gegenüber saß. Der tat es ihm gleich. Ihre Knie berührten sich jetzt, und Leo sah Adam fast schon scheu für einen kurzen Moment in die Augen und dann wieder weg, hinunter auf seine auf Adams Knie liegende Hand. Adam folgte mit seinen Augen Leos Blick und legte nun seinerseits, wie zur Ermunterung, eine seiner großen Hände auf Leos Knie. „Was war ich?“, wiederholte er behutsam.
„Du warst so... perfekt, da in meinem Flur. Und dann bist du wiedergekommen und hast mir den größten Blödsinn abgekauft und hast mit mir geflirtet und warst so umwerfend und ich...“
„Du hast gemerkt, dass ich mit dir geflirtet habe?“, fragte Adam und musste mehrmals zwinkern. Leo hob seinen Kopf und sah Adam in die Augen.
„Ja, Adam, ich... bin ja wie gesagt kein totaler Vollidiot. Aber ich konnte das nicht glauben.“
„Was?“
„Dass du das ernst meinst. Dass du mich meinst. Das ist mir... mir ist das einfach schon so lange nicht mehr passiert“, sagte Leo. Während er gesprochen hatte, war seine Stimme immer leiser geworden, und schon wieder spürte Adam, wie sein Herz ein klein wenig zerbarst. Was redete Leo denn da?
„Leo, was... was meinst du denn bloß, was ist dir schon lange nicht mehr passiert?“
Für eine kleine Ewigkeit blieb es still zwischen ihnen. Sie sahen sich noch immer in die Augen, Adam sah und hörte Leo atmen und fast schien es, als würde er Adams Frage nicht beantworten. Schließlich aber sagte Leo kaum hörbar: „Dass jemand mit mir flirtet. Ich war so lange… viel zu lange mit ihm zusammen und er war… ich hab ihm irgendwann einfach geglaubt, dass mich sowieso keiner außer ihm haben will.“
Fuck, dachte Adam, und er spürte eine heiße Wut in sich aufsteigen. Wut auf diesen Arsch mit der beschissenen Lampe… verdammt, diese beschissene Lampe, die jetzt in Adams Wohnzimmer stand.
„Glaub das nicht“, sagte Adam leise aber bestimmt, nachdem er mehrmals tief ein- und ausgeatmet hatte, und dann noch: „Leo, schau dich doch mal an.“
„Warum, was...?“, fragte Leo ein wenig verwirrt. Verdammt, das darf doch nicht wahr sein, dachte Adam, bevor er sagte: „Wie du aussiehst.“
Leo sah an sich herunter, dann wieder zu Adam und fragte: „Wie seh ich denn aus?“
„Fuck, Leo“, seufzte Adam. Er streckte eine Hand nach einer Haarsträhne aus, die Leo in die Stirn gefallen war, und strich sie ihm mehrmals vergeblich hinters Ohr. „Du... bist so schön. Jeder Kerl muss das sehen und mit dir flirten.“
Er wollte den Gedanken nicht denken, doch als Leo unter seiner Berührung ein wenig erschauerte, ahnte Adam, dass Leos Ex-Partner das ganz offensichtlich nicht gesehen hatte. Wie schön Leo war, wie viel Liebe er ganz eindeutig verdiente. Was auch immer zwischen ihnen passiert war, was für ein riesiges Arschloch der Kerl tatsächlich war – vermutlich sehr viel größer, als ich mir gerade vorstellen kann, dachte Adam – jetzt und hier war nicht der Moment, um über all das zu sprechen. Ja, wenn Adam ehrlich sein wollte, dann wollte er jetzt eigentlich überhaupt nicht mehr sprechen, auch weil er Angst hatte, erneut das Falsche zu sagen. Dennoch flüsterte er, während er sich Leo entgegen lehnte und die Hand, mit der er noch immer durch Leos Haare strich, an seine Wange legte: „Du bist so, so schön.“
Leos Augen glänzten mit einem Mal ein wenig feucht, und bevor Adam noch irgendeinen weiteren Gedanken denken konnte, hatte Leo sich ihm das letzte nötige Stückchen entgegengelehnt und seine Lippen ein wenig zögerlich auf Adams gepresst.
Der Kuss war unschuldig, behutsam und sanft. Adam konnte sich nicht erinnern, schon jemals einen anderen Mann auf diese Weise geküsst zu haben – und es war perfekt. Ein so perfekter erster Kuss, dass Adam den zweiten, dritten, neunten, zehnten Kuss kaum erwarten konnte. Er spürte, wie seine Hände sich selbständig machten und ohne jede Dringlichkeit an Leos T-Shirt zogen. Er fühlte, wie Leos Hand sich ein wenig fester um Adams Knie schloss und die andere Hand in seine Haare und seinen Nacken glitt. Er bemerkte, wie sie sich beide ein wenig enger aneinander schoben, wie sie beide schneller atmeten und der Kuss langsam aber sicher verlangender wurde.
„Also... willst du das Sofa dann jetzt kaufen oder nicht?“, fragte Leo mit einem kleinen Grinsen im Gesicht, nachdem er sich irgendwann gerade so weit von Adam gelöst hatte, dass er sprechen konnte.
„Ich kauf's und spende es an den Jugendclub um die Ecke. Oder...“
„Oder?“
Adam sah in Leos Augen, die plötzlich nicht mehr nach Meer und Bergseen, sondern nach feurigen Sonnenuntergängen und langen Winterabenden aussahen und flüsterte: „Oder wir... sorgen dafür, dass du dich an andere Dinge erinnerst, wenn du das Sofa ansiehst.“
„Andere Dinge, hm?“, murmelte Leo und fuhr mit seiner Hand von Adams Nacken über seine Wirbelsäule bis hinunter zu der Stelle kurz über dem Hosenbund, wo er seine Hand unter den Saum von Adams T-Shirt gleiten ließ.
„Mhm. Ich glaube, du verstehst mich schon“, sagte Adam jetzt dicht an Leos Ohr.
„Hab ich die ganze Zeit, aber...“, flüsterte Leo und zuckte wie zur erneuten Entschuldigung mit den Schultern.
„Ich weiß“, gab Adam leise zurück und wollte nun endgültig nicht mehr sprechen. Und als er und Leo irgendwann auf dem Sofa lagen, Adam halb auf Leo, ein Bein zwischen Leos Beine geschoben, da flüsterte er dem schönen, dunkelhaarigen Mann zwischen zwei Küssen ins Ohr: „Verkauf es nicht, ich find's wunderschön kuschelig hier mit dir.“
Woraufhin Leo zurückflüsterte: „Und ich mit dir. Dann lass uns weiter kuscheln.“
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