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Characters:
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Language:
Deutsch
Collections:
Spatort Crew
Stats:
Published:
2021-07-25
Words:
1,408
Chapters:
1/1
Comments:
12
Kudos:
117
Bookmarks:
3
Hits:
847

Komplett

Summary:

Adam ist schlecht. Er schwitzt, sein Magen schlingt sich zu immer neuen Knoten und sein Herz schlägt überall in seinem Körper, nur nicht in seiner Brust. Schon lange ist er nicht mehr so nervös gewesen, und ihn beschleicht der Gedanke, dass das hier, das alles, ein großer Fehler ist.

 

 

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Work Text:

Adam ist schlecht. Er schwitzt, sein Magen schlingt sich zu immer neuen Knoten und sein Herz schlägt überall in seinem Körper, nur nicht in seiner Brust. Schon lange ist er nicht mehr so nervös gewesen, und ihn beschleicht der Gedanke, dass das hier, das alles, ein großer Fehler ist. Sein Blick irrt ziellos über die zahlreichen Grünpflanzen, die bunten, vermutlich beruhigend wirken sollenden Aquarelle an den Wänden und den halb leeren Wasserspender. Bis auf Leo und ihn ist der Raum leer, und während er sich hier vor Nervosität fast übergibt, sitzt Leo still wie eine Statue. Aber Adam kennt ihn zu lange und zu gut: er sieht, dass Leo an seinen Nägeln knibbelt und an der Nagelhaut zupft, das macht er immer, wenn er zwar sein Pokerface aufgesetzt hat, aber innerlich fast die Wände hochgeht vor Aufregung.

Das ist eine beschissene Idee, geht es Adam plötzlich durch den Kopf. Nicht nur beschissen, fucking gemeingefährlich. Was, wenn er so wird wie sein Vater? Was, wenn er eines Morgens aufwacht und Trainingspläne erstellt? Oder wenn ihm…die Hand ausrutscht? In der Therapie, die er vor zwei Jahren gemacht hat, hat Adam viel gelernt über sich, über seine Vergangenheit und über seine Eltern, aber ein Restzweifel ist immer geblieben. Vielleicht liegt der Wahnsinn ja wirklich in den Genen, und er ist bei ihm nur noch nicht ausgebrochen? Oh Gott, er muss hier raus. Sein Atem wird flacher und schneller, und das Zimmer beginnt um ihn herum zu flimmern. Das vertraute Gefühl, als legten sich Eisenringe um seinen Brustkorb, steigt in ihm auf. Das ist Irrsinn, das alles. Er hätte nie zustimmen dürfen. Er hätte sich das überhaupt nie wünschen dürfen. Er hätte diese verzweifelte Sehnsucht in sich drin behalten und ganz tief vergraben müssen, aber er hätte niemals, niemals Ja sagen dürfen. Leo hätte das schon irgendwann akzeptiert. Aber Adam hat Leos Blicke gesehen, jeden Tag, beim Einkaufen, beim Spazierengehen, und der Wunsch in den grünen Augen war so deutlich und klar, als hätte Leo ihn herausgeschrien. Und trotzdem. Adam fühlt einen Schmerz in sich hochsteigen, der irgendwo ganz tief aus seiner Seele kommt. Das kann man doch nicht verantworten. Er kann das nicht, es geht einfach nicht

„Adam?“ Leos besorgte Stimme holt Adam ein Stück weit in die Realität zurück. Er will etwas sagen, will alles abblasen und davonstürmen, Hals über Kopf, aber er kann nicht, weil seine Lippen taub sind und seine Beine scheinbar am Boden festgeschraubt. Sein Arsch schwitzt grad durch die Jeans auf die elegante bordeauxrote Sitzfläche des Stuhls, und sein Atem stottert in der Kehle.

Aber Leo beweist einmal mehr, dass er einfach Leo ist und er ihn auch stumm versteht. „Du bist nicht Er“, sagt er leise und ergreift Adams taube Hände, umfasst sie mit seinen. „Du bist nicht Er.“ Leo lehnt seine Wange an Adams schweißnasse Stirn und spricht weiter: „Du bist Adam. Du bist warmherzig, gütig, hast einen unglaublich trockenen Humor und würdest niemals jemanden verletzen.“ Leo stockt, lacht dann leise. „Außer, es geht um einen Drogendealer, der dir auf die Schuhe pisst.“ Damit spielt er auf ein äußerst unerfreuliches Erlebnis bei einer Befragung in der letzten Woche an. „Aber vor allem, Adam, bist du der Mann, den ich liebe. Und ich könnte niemals jemanden lieben, der Schwächere verletzt. Ich kenne dich. Ich weiß das.“

Adam atmet, oder versucht sich zumindest zu erinnern, wie atmen geht. Er tut sich schwer damit, zu glauben, was Leo ihm da sagt, aber andererseits: Leo lügt ihn niemals an. Das kann er gar nicht. „Aber“, die Worte kommen ihm nur stockend über die Lippen, „was, wenn -?“

„Nein“, unterbricht ihn Leo resolut. Er nimmt Adams Gesicht in seine Hände und dreht es so, dass sie sich in die Augen sehen. „Ich verspreche dir, das wird nicht geschehen. Ich versteh‘, dass du Angst hast, aber du wirst sehen – es wird wundervoll werden. Ein bisschen Nervosität ist normal, Baby.“ Es sind nicht so sehr seine Worte, die endlich zu Adam durchdringen und ihn davon überzeugen, dass Leo vielleicht Recht haben könnte, es ist das Leuchten in den Augen, mit dem Leo ihn ansieht. Wäre er ein schlechter Mensch, würde Leo ihn niemals so ansehen können, dafür ist er zu ehrlich.

„Okay“, Adam räuspert sich, weil er einen Frosch im Hals hat, und atmet dann ein paar Mal ganz tief durch, „okay.“ Die Nervosität ist immer noch da, aber es ist jetzt eine andere Art von Nervosität. Nicht mehr kalte Steine, die in seinem Magen aneinander mahlen, sondern ein Schwarm von kleinen, aufgeregten Käferchen, die wild durcheinanderkrabbeln. Aber bevor er sich noch länger über die Fauna in seinen Gedärmen Gedanken machen kann, geht die Tür auf.

Die Tür, die Leo und er seit einer geschlagenen halben Stunde – es kommt Adam viel länger vor – angestarrt haben.

Der Arzt tritt hervor, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. „Die Herren Hölzer, nehme ich an?“ Leo und Adam nickten ein wenig bedröppelt – für Adam ist es immer noch wie ein Wunder, dass sie Ringe an ihren Fingern und den gleichen Namen tragen, er und dieser unglaubliche, wundervolle Mann neben ihm – und der Arzt gluckst. „Sie sind nervös, aber das ist ganz normal. Ich habe sie jetzt noch einmal durchgecheckt, und es ist soweit alles in bester Ordnung. Nachdem sie alle Formulare ja schon ausgefüllt haben, bleibt mir nur noch, Ihnen herzlich zu gratulieren.“ Er lächelt.

Leo schluckt, braucht eine Sekunde, bevor er sprechen kann. „Dürfen wir – dürfen wir sie -?“ Er bricht ab, und Adam nimmt seine Hand, drückt sie kräftig.

Der Arzt nickt. „Sie dürfen Ihre Tochter mit nach Hause nehmen, natürlich.“

Ihre Tochter.

In Adam detoniert ein Feuerwerk.

Ihre Tochter.

Sie haben jetzt eine Tochter.

Dieses kleine, strampelnde Bündel, das der Arzt jetzt zu ihnen bringt und in Adams Arme legt, ist jetzt wirklich, vor Recht und Gesetz und der ganzen Welt, ihre Tochter. Fuck, Adam möchte am liebsten weinen und lachen gleichzeitig, und er weiß jetzt mit einer tiefen, inneren Gewissheit, dass Leo Recht hat. Er ist nicht sein Vater. Dieses kleine Menschlein wird das beste Leben haben, das sie ihm bieten können. Er sieht zu Leo, und dem laufen wirklich schon Tränen über die Wangen.

„Sie ist wunderschön“, flüstert Leo. Und er hat Recht Die kleinen, perfekten Händchen und Füßchen, die fest geschlossenen Augen mit den feinen Wimpern, der weiche, blonde Haarflaum. Sie ist perfekt.
Der Arzt hat sich diskret zurückgezogen und gibt der kleinen Familie Zeit, sich kennenzulernen. Denn das sind sie jetzt: eine Familie. Natürlich waren sie das auch schon vorher, Leo und Adam und Eins und Zwei, aber jetzt sind sie komplett.

Aus LeoundAdam ist LeoundAdamundJohanna geworden. Ein Atemzug, eine Wahrheit, drei Leben, zu einem verwoben.

 

***

 

„Bin zuhause!“, flüstert Leo, als er die Tür aufschließt. Er hat sich nie abgewöhnen können, das zu sagen, aber da er Johanna nicht wecken will, flüstert er die Worte neuerdings nur. Mit dem Durchschlafen tut sich ihre Kleine noch schwer, da sind sie so dankbar, wenn sie mal ihre Äuglein schließt, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleichen. Als ihm die Tür aus der Hand gleitet und ein bisschen zu hart ins Schloss fällt, zuckt Leo zusammen. Verdammt.

Aber als er das Wohnzimmer betritt, sieht Leo, dass seine Sorgen unbegründet sind. Adam liegt auf dem Sofa (sie haben es ausgezogen, damit mehr Platz ist für diverse Fläschchen, Tücher und Spielsachen), Arme und Beine von sich gestreckt, und Johanna liegt auf seinem Bauch. Ihr Köpfchen ist zur Seite gewandt, die rosigen Lippen stehen ein wenig offen. Beide schlafen friedlich, und Leo wird von so einer gewaltigen Welle an Liebe und Glück überschwemmt, dass ihm die Knie weich werden. Eins und Zwei tapsen langsam näher, streichen hungrig um seine Beine, aber sie verkneifen sich jedes Maunzen, als wollten auch sie das Bild nicht stören. So leise wie möglich löffelt Leo ihnen Futter in ihre Schälchen und geht dann ins Wohnzimmer zurück. Adam hat sich im Schlaf bewegt, er hat jetzt eine Hand beschützend auf Johannas Rücken gelegt, und sie schmatzt zufrieden.

Danke, denkt Leo, und er ist sich nicht einmal ganz sicher, an wen er diesen Dank richtet. An das Schicksal vielleicht, das ihm nach fünfzehn Scheißjahren dieses wundervolle Geschenk gemacht hat. An Adam, der Ja gesagt hat, zu ihm, zu allem. An das Universum.

Vorsichtig streift sich Leo seinen Pulli ab, und dann schiebt er sich behutsam auf die Couch. Er kuschelt sich an Adam, der zufrieden grummelt, aber nicht aufwacht.

Scheiße, manchmal war das Leben einfach perfekt.