Chapter Text
Dean stand gedankenverloren in der Küche. Von dem Bier in seiner Hand nippte er nur gelegentlich. Bobby war auf persönlichen Wunsch von Crowley in der Hölle gewesen? Wenn er Crowley in die Finger bekam, würde er dafür leiden. Bobby hatte nichts anderes als seinen eigenen Himmel verdient. Bobby war ein Held. Dean wollte sich gar nicht ausmalen, wie seine Kindheit ohne Bobby ausgesehen hätte. Die Tage auf Bobbys Schrottplatz gehörten mit zu den glücklichsten Kindheitserinnerungen, die Dean hatte. Für eine kurze Zeit hatte er Kind sein können und die Verantwortung für Sammy abgeben können, zumindest ein bisschen. Und nebenbei war dieser mürrische Sturkopf ein Genie gewesen, wenn es um die Bekämpfung von Dämonen und anderen Kreaturen ging. Ohne ihn wären die Winchester mehr als nur einmal aufgeschmissen gewesen und noch häufiger gestorben. Zum Glück konnte Sammy ihn von seinem Leid erlösen und aus der Hölle retten.
Dean schüttelte die Gedanken an Bobby ab und leerte seine Flasche in einem Zug. Zwei frisch gekühlte Bier in der Hand schlenderte er zu Sam, der in ihrer Bibliothek Nachforschungen zu ihrem aktuellen Fall anstellte. Die zweite Aufgabe hatte ihn deutlich mitgenommen, aber er bestand darauf, weiter zu arbeiten.
»Und schon was Neues?«, fragte Dean und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber von Sam.
»In den letzten zwei Monaten gab es mehrere ungewöhnliche Todesfälle im Fort Custer State Park.«
Bei der Erwähnung des Ortes durchfuhr Dean ein Schauer. Er mit Lisa und Ben dort häufig an den Wochenenden unterwegs gewesen. Doch bevor Sam eine Chance hatte, mehr zu berichten, klingelte eins von Deans Telefonen. Eine unbekannte Nummer rief ihn. Womöglich ein Jäger, der einen Tipp brauchte. Dean zuckte mit den Schultern und nahm das Gespräch an.
»Ja. Hallo?«
»Guten Tag, mein Name ist Patricia Miller. Ich bin im Jugendamt von Battle Creek tätig. Sind Sie Dean Winchester?«, fragte ihn die freundliche, aber ernste Stimme.
Dean schluckte. Warum sollte ihn das Jugendamt anrufen. Sein einziges Kind, Emma, hatte Sam erschossen und das lag schon über ein Jahr zurück. Und außerdem kannte er in Battle Creek nur Ben und Lisa, die sich dank Cas Intervention nicht mehr an ihn erinnerten.
»Ja, der bin ich. Was gibt’s?«
»Ich möchte Sie bitten so schnell, wie möglich herzukommen. Es ist äußert wichtig, aber die Angelegenheit lässt sich nicht am Telefon klären.«
»Hören Sie, ich bin einen halben Tag Autofahrt von Battle Creek entfernt. Da wäre es schon nett, wenn Sie mir zumindest sagen würden worum es geht.«
Die Dame am anderen Ende der Leitung zögerte kurz, macht dann unmissverständlich klar: »Mr. Winchester, ich erwarte Sie morgen um 09:00 Uhr in meinem Büro. Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich Ihnen am Telefon keine weiteren Auskünfte geben kann. Sollten Sie nicht erscheinen, sehe ich mich gezwungen andere Maßnahmen zu ergreifen, insbesondere eine Anrufung des Gerichts.«
»Wenn es denn sein muss«, brummte Dean.
»Bis morgen!«
Dean hatte andere Sorgen, als sich mit einer Tante vom Jugendamt zu treffen. Aber ein Gerichtsverfahren klang genauso wenig verlockend.
»Was gibt`s?«
»Wir müssen morgen früh um neun in Battle Creek sein. Das Jugendamt will mich sehen. Keine Ahnung warum, aber wenn wir schonmal da sind, können wir direkt vor Ort weiter recherchieren.«
Pünktlich um 09:00 Uhr war Dean im Jugendamt. Er hatte erst überlegt, ob er einen Anzug anziehen sollte, sich dann aber dagegen entschieden. Da es sich hier um eine Verwechselung handeln musste, war die Angelegenheit mit Sicherheit schnell geklärt. Und doch hatte er dieses ungute Gefühl in seiner Magengegend. Sam war im Motel geblieben. Er wollte die Namen aller Opfer in Erfahrung bringen.
Dean atmete ein Mal tief durch und betrat, dann das Büro von Mrs. Miller.
»Mr. Winchester. Schön, dass Sie es einrichten konnten. Setzen Sie sich doch.« Mrs. Miller suchte eine Akte heraus, öffnete sie und fuhr fort. »Kennen Sie eine Lisa Braeden?«
Die Luft in dem Raum war auf einmal viel zu dick. Dean hatte Mühe, genug Sauerstoff zu bekommen. Er presste seine Kiefer aufeinander und zwang sich zur Ruhe.
»Ja. Ich habe sie vor einigen Jahren mal getroffen. Nur ein paar Tage. Danach habe ich sie nie wieder gesehen.« Bei diesen Worten zog sich sein Magen zusammen. Es kam einem Verrat gleich.
»Nun, Mr. Winchester. Mrs. Braeden hat einen Sohn. Benjamin Braeden, geboren am 14. Mai 1999.«
Er nickte ungeduldig.
»Mrs. Braeden hatte seinerzeit einen Vaterschaftstest machen lassen, dessen Ergebnisse sie aber nicht erfahren wollte. Es gibt bei uns die Möglichkeit eine versiegelte Urkunde im Jugendamt zu hinterlegen mit dem Ergebnis. Das Ergebnis wird nur bekannt gegeben, wenn das Kind dies nach seinem 18. Geburtstag wünscht oder wie in diesem Fall, wenn eine Feststellung der Vaterschaft notwendig wird, weil der Kindesmutter etwas zugestoßen ist.«
Die Worte hallten in Dean nach »etwas zugestoßen«. Entgegen sämtlicher Erfahrung hoffte er, Lisa sei nur erkrankt und bräuchte Hilfe.
»Was ist passiert?«, fragte Dean schroff.
»Es tut mir leid Ihnen das mitteilen zu müssen. Mrs. Braeden ist gestern ganz plötzlich verstorben. Mein Beileid.«
Tränen formierten sich in Deans Augen. Verzweifelt versuchte er, sie zu unterdrücken. Lisa, die einzige Frau mit der er sein Leben länger als eine Nacht geteilt hatte, war tot.
»Ich kann Ihre Trauer verstehen. Der Grund, warum ich sie sprechen wollte, ist, dass Sie nach unseren Unterlagen eindeutig der Vater von Benjamin Braeden sind.«
»Was?«, presste Dean hervor.
»An Hand einer Haarprobe wurde des genetische Material des potentiellen Kindesvaters Dean Winchester extrahiert«, las die Frau vom Jugendamt monoton vor. Dean erinnerte sich, dass er Lisa zum Abschied ihres »biegsamen Wochenendes« eine Haarlocke geschenkt hatte. Und damit hatte Lisa einen Vaterschaftstest machen lassen? Deans Gedanken schwirrten. Gewiss hatte er einige Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Ben bemerkt. Ja, er hatte sogar lange gebraucht, um sich selbst von seiner »Nicht-Vaterschaft« zu überzeugen. Und jetzt sollte feststehen, dass er der Vater war?
»Benjamin ist derzeit in einer Pflegefamilie untergebracht. Vorübergehend. Als Kindesvater sind Sie laut Gesetz ab dem Zeitpunkt des Todes von Mrs. Braeden der gesetzliche Vertreter für Benjamin. Was gedenken Sie jetzt zu tun?«
Die Behördensprache machte Dean krank. Was er jetzt zu tun gedenke? Ist die Frau nicht ganz richtig? Er hatte gerade erst erfahren, dass seine Liebe des Lebens gestorben war. Im gleichen Atemzug sagte man ihm, dass er Vater ist. Und dann sollte er mal mir nichts dir nichts eine Entscheidung treffen.
Seine Gedanken mussten ihm ins Gesicht geschrieben stehen, denn Mrs. Miller machte ihm das Angebot erstmal den Schock zu verdauen. Dean nahm dankend an. Sie verabredeten sich für 13:00 Uhr des gleichen Tages.
Als Dean aus dem Gebäude trat, atmete er tief durch. Die Luft war kühl, dennoch lag eine Spur von Frühling darin. Nicht mehr lange und die Bäume begannen Blätter auszutreiben. Dean fummelte sein Handy aus der Hosentasche
»Hey Sammy.«
»Hey Dean. Wie war dein Termin?« Sams Stimme klang bedrückt. Seit er die Aufgaben absolvierte, war das keine Seltenheit.
»Es ging um Lisa. Und um Ben. Ich komme jetzt zu dir ins Motel. Bis gleich!«
Vom Jugendamt bis zum Motel waren es nur wenige Minuten mit dem Auto. Dort angekommen empfing in sein Bruder mit ernster Mine.
»Sammy, was ist los?«
»Lisa gehört zu den Opfern in dem Fall.«
Ein weiterer Schlag ins Gesicht. Dean hatte Lisa und Ben verlassen, damit sie sicher waren. Er hatte sogar einen Engel gebeten, das Gedächtnis der beiden zu manipulieren. Und wofür? Nur damit Lisa jetzt von seinem Monster geholt wurde. Wenn er nur bei ihnen geblieben wäre, dann würde Lisa noch leben. Und Ben hätte noch seine Mutter. Erschöpft ließ sich Dean aufs Bett fallen. Dean spürte, dass Sam sich auf sein Bett gesetzt hatte. Er war dankbar für das Schweigen seines Bruders. Dean musste jetzt schnellstmöglich einen klaren Kopf bekommen. Er atmete tief durch. Lisas Tod war ein Stich ins Herz mit einer sehr breiten, sehr stumpfen Klinge, aber da war auch noch Ben.
»Er ist mein Sohn«, sagte Dean unvermittelt in die Stille. Leise, fast wie zu sich selbst, doch Sam hatte ihn gehört.
»Was? Wollte dich das Jugendamt deswegen sprechen?«
»Ich muss heute um 13:00 Uhr nochmal dahin. Sie wollen von mir wissen, wie es mit Ben weiter geht. Zur Zeit ist er in einer Pflegefamilie.« Dean setzte sich auf, so dass er aus dem Fenster starren konnte. Tonlos fuhr er fort. »Sammy, ich weiß nicht was ich machen soll. Ben kennt mich nicht mal. Er hat gerade seine Mutter .., da kann ich doch ... Ich meine, ich bin für ein Fremder für ihn. Ich kann ihn doch nicht einfach mitnehmen. Aber hier ist er schutzlos dem Etwas ausgeliefert, das Lisa....« Wieder stiegen Dean die Tränen in die Augen. Nur eine Einzige rann seine Wange herunter. Engel, Dämonen, die Apokalypse, ja sogar mit Luzifer selbst konnte es Dean aufnehmen, doch das war zu viel. Er wusste nicht, was er tun sollte.
»Dean, was auch immer du entscheidest, ich werde dich unterstützen.«
Nach der ganzen Sache mit dem Fegefeuer, dem Streit wegen Amelia, der Spannungen wegen Benny, bedeutete es Dean eine Menge, dass Sam an seiner Seite war.
»Ich glaube, ich hätte ihn gerne bei mir.«
Zum zweiten Termin im Jugendamt wurde Dean von Sam begleitet. Dean teilte Mrs. Miller zügig seinen Beschluss mit. Es mussten noch ein paar Formalitäten geregelt werden. Dean musste auf irgendwelchen Dokumenten unterschreiben, bis Mrs Miller die Pflegefamilie anrief. Zum Abendessen würde sie sich in einem Diner treffen.
»Lernen Sie Ihren Sohn kennen. Wir sehen uns morgen erneut. Dann können Sie ihn, wenn Sie wollen direkt mitnehmen.«
Eine Stunde später waren Dean und Sam wieder auf dem Weg zu Motel.
»Ich bin Vater, Sammy!« Trotz all der Trauer über Lisas Tod war Dean stolz auf diese Tatsache. »Wenn Ben morgen zu uns kommt, sollten wir noch mindestens eine Nacht hier bleiben. Aber auf keinen Fall schläft mein Sohn«, ein kurzes angedeutetes Lächeln huschte über Deans Gesicht, »in diesem schäbigen Motel. Lass uns nach einem richtigen Hotel Ausschau halten.«
»Dean. Eine Sache sollten wir noch klären.« Sam zögerte. »Was ist... nun ja... Der Fall.«
»Lass uns eins klarstellen. Dieser Mistkerl von einem Hurensohn wird sterben und ich werde Ben da nicht mit rein ziehen. Versprochen!«
