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Reines Gold

Summary:

Wenn ich in seine Augen sah, konnte ich sie golden schimmern sehen. Golden und warm.

Notes:

Diese Geschichte wurde von den Büchern "Die Affäre Carambol" und "Die Briefe des Ikarus" von Stefan Lehnberg, zwei Büchern von dreien, in denen es um Kriminalfälle geht, die Goethe und Schiller gemeinsam lösen, inspiriert. Für alle, die diese Bücher noch nicht gelesen haben und das aber vorhaben, spreche ich hier eine Spoilerwarnung aus, gerade für das Ende von "Die Affäre Carambol".
Wer das aber trotzdem lesen will, für den hoffe ich, ist alles soweit verständlich, da sollte es meiner Meinung nach keine großen Probleme haben, vor allem nicht bei den weiteren Kapiteln.

Wer diese Bücher nicht kennt und noch nie von ihnen gehört hat, dem sage ich, schäme dich und lese sie endlich. Sie sind meiner Meinung nach wahrlich großartig.

Alles Gute zum 271. JoWo!

Chapter 1: Der Brief

Chapter Text

 Ich wusste nicht wie lange ich so da stand. Den Blick aus dem Fenster gerichtet und die weißen Flocken beobachtend, die unablässig vom Himmel herunterfielen und die Welt langsam unter einer Schneedecke zu begraben schienen.

 Ich hatte den Brief immer noch in der Hand, als ich merkte wie Goethe hinter mir sich aus seinem Sessel erhob und langsam hinter mich trat. Ich drehte mich zu ihm um und sah in das weiterhin aschfahle Gesicht, das eine Härte ausstrahlte, die ich noch nie zuvor an meinem Freund gesehen hatte.

 Sein Blick war kalt. Aber nicht die sanfte, weiche Kälte der draußen vorbeifliegenden Schneeflocken, sondern eine harte, unnahbare Kälte, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ und einem leise Schauer über den Rücken jagte.

 Ich wand schnell meinen Blick wieder ab und sah noch einen Moment aus dem Fenster, bevor ich mich wieder weg drehte und ein paar Schritte in den Raum ging. Den Brief legte ich auf einen Tisch neben einem der Sessel, bevor ich mich in den anderen fallen ließ und meinen Kopf in den Händen vergrub.

 Ich hatte das Gefühl, als würde etwas in meiner Brustgegend ziehen und mir für einen kurzen Moment die Luft abschnüren. Hatte sie überhaupt eine Ahnung, was sie ihm gerade antat? Mit diesem Brief? Auf eine seltsame Weise war ich froh, dass sie nun endgültig weg war. Weg vom Fenster, auf der anderen Seite des Vorhangs. Weg aus unserem, aus seinem Leben. Es war, als wäre eine Barriere gefallen, eine Mauer weggebrochen.

 Beinahe sofort fühlte ich mich schlecht über solche Gedanken. Den Tod eines Menschen sollte man sich nicht wünschen, aber ich konnte nichts daran ändern, dass ein Teil von mir sich unendlich erleichtert fühlte.

 Ich öffnete meine Augen und mein Blick fiel erneut auf meinen Freund, der sich nun von der Winterlandschaft draußen abgewendet hatte und mit starrem Blick den Brief nahm. Ohne ein Zeichen der Anteilnahme an dem, was er tat, ging er zum Kamin und warf den Brief hinein. Er zögerte in keiner seiner Bewegungen, als würde es ihn nichts angehen, als hätte es das nie getan.

 Beinahe sofort ergriffen die Flammen Besitz von ihm und verschlangen das Papier mit der feinen Handschrift.

 Ohne den Blick abwenden zu können, sah ich wie erst die Ränder des Papiers und letztendlich der ganze Brief nach und nach Feuer fingen und schwarz wurden, bis am Ende nur noch Asche übrig blieb.

 Als ich mich nach einer Weile doch wieder abwandte, wanderte meine Augen erneut zu Goethe, der mit einem geradezu grimmigen Lächeln auf das Feuer sah, offenbar höchst zufrieden mit sich.

Und doch sah ich auch einen Hauch von Bitterkeit und… Sorge in seinen Gesichtszügen, die er jedoch offenbar versuchte zu verstecken. Doch ich sah sie, in seinen Augen und um seine Mundwinkel und an dem gedankenverlorenen Blick, den er nach wie vor in die Flammen gerichtet hatte.

 Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich bekam Gänsehaut, obwohl das Kaminfeuer nach wie vor behaglich brannte und den Raum erwärmte.

 Auch Goethe setzte sich nun wieder, trank seinen Punsch, ungeachtet der Tatsache, dass dieser mittlerweile kalt war.

 Schweigen legte sich über den Raum, welches ich mich erst nach einer Weile zu brechen traute.

 „Warum haben Sie das getan?“ Es war das Erste, was mir in den Sinn gekommen war und ich hatte die Frage gestellt, ohne groß über sie nachgedacht zu haben.

 Goethe bedachte mich mit einem kurzen, nachdenklichen Blick und antwortete erst nach ein paar Sekunden. Er schien seine Antwort gut abzuwägen.

 „Was würde es mir bringen, ihn aufzuheben?“

 „Vermissen Sie sie?“

 Wieder dauerte es einige Sekunden, bis er etwas sagte.

 „Nein.“

 Seine Stimme war klar und fest. Sie ließ keinen Zweifel an der Wahrheit des Wortes bestehen und auch in seinen Augen sah ich die Ehrlichkeit hinter dieser Aussage und doch spürte ich, dass ihn etwas beschäftigte. Etwas, von dem er dachte, er könnte es nicht erzählen.

  Doch er vermisste sie nicht. Das war es nicht. Es war etwas anderes. Sie war Vergangenheit.

Irgendetwas in meiner Brust schien sich zu lösen und ich hatte das Gefühl, ich könne wieder freier atmen, auch wenn ich den Grund dafür nicht kannte.

 Ich nickte. Was hätte ich darauf auch sagen sollen? Es war Vergangenheit und dennoch gab es noch eine Frage, eine einzige Frage, die mir auf der Seele zu brennen schien und bevor ich mich richtig hätte bedenken können, hörte ich auch schon, wie ich sie laut ausgesprochen hatte.

 „Haben Sie sie geliebt?“

 Ich bereute es fast im selben Moment sie gestellt zu haben, in dem sie sich im Raum entfaltete und nun zwischen uns schwebte. Aber es war zu spät. Es war wie der Schuss aus der Pistole. Unabsichtlich, Aufsehen erregend, aber nicht mehr rückgängig zu machen. Jetzt blieb mir nur noch auf die Antwort zu warten und ich spannte mich unmerklich innerlich wieder an, die Augen fest auf Goethe gerichtet, der mich nun mit einem berechnenden Blick fixierte.

 Eine halbe Ewigkeit schien so zu vergehen und ich wollte mich schon beinahe entschuldigen, das Thema wechseln, den Raum verlassen, alles tun, um dieser merkwürdigen Situation zu entgehen und es nie wieder ansprechen, glaubte ich doch die Antwort hiermit bereits bekommen zu haben. Doch dann stellte Goethe sein Glas ab und beugte sich nach vorn. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, sah er auf den Boden, sodass ich sein Gesicht nun nicht mehr sehen konnte. Nervös biss ich mir auf die Lippe.

 Als Goethe wieder aufsah, war sein Blick weich und ich meinte eine Spur Verzweiflung oder Angst darin zu erkennen, ungewöhnlich für ihn, doch als er sprach, tat er es gefasst.

 „Ich weiß es nicht. Nein, ich schätze nicht, ich habe sie wohl nie wirklich geliebt. Auch wenn es anders ausgesehen haben mag. Ich weiß nicht wie sie wirklich empfunden hat und wie viel von dem was sie geschrieben hat, wirklich der Wahrheit entsprach, aber als ich vorhin den Brief gelesen habe… Ich dachte, ich müsste etwas fühlen, etwas was über Gleichgültigkeit hinausgeht, aber so war es nicht…“

 Er verstummte.

 

 Sie hatten nicht mehr viel Zeit, die Sonne ging bereits unter und zog orangene Streifen über den Horizont, die sich immer weiter verdunkelten, bis sie schließlich in rot übergingen. Die Felder wurden dadurch in einen rötlichen Schimmer getaucht und die Ähren schimmerten wie Gold und wiegten sich leicht in der lauen Abendluft. Es war ein angenehm warmer frühherbstlicher Abend und bis auf die Räder der Windmühle und das Summen so mancher Insekten, war es angenehm ruhig.

 Goethe konnte das Zirpen einer Grille ausmachen und ganz weit in der Ferne hörte er einen Vogel zwitschern. Vermutlich einer der letzten dieser Art, bevor sie sich in Richtung Süden in wärmere Gefilde aufmachen würden.

 Er ließ sich auf einem Fass an der Seite der Mühle nieder, schloss für einen Moment die Augen und genoss die frische Luft und die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages.

Als er die Augen wieder aufschlug und in die untergehende Sonne blinzelte, sah er aus dem Augenwinkel einen Schatten, der unablässig hin und her lief.

 Ein Schmunzeln schlich sich auf seine Lippen, welches jedoch sofort wieder weggewischt wurde, als er sich bewusst wurde, weshalb die Person scheinbar nicht zur Ruhe kam.

 Sie hatten keinen Plan. Keinen richtigen jedenfalls. Es musste nur ein kleines Detail anders verlaufen, als sie es geplant hatten und was dann geschehen würde, wäre unvorhersehbar. Vielleicht würde nichts geschehen und es wäre einfach nur ein verschwendeter Tag gewesen, aber was wäre, wenn…

 Schiller war für einen kurzen Moment stehen geblieben und hatte sich seine Pfeife angesteckt. Das Sonnenlicht brach sich in seinen rotblonden Haaren und ließ es mal kupfern, mal golden schimmern. Er sah, wie seine Stirn sich sorgenvoll zusammenzog und ein beklemmendes Gefühl drückte auf seine Brust.

 Er hatte ihn in Gefahr gebracht. Er wusste nicht, was geschehen würde, es war eine unnötige Gefahr und das wo er gestern schon beinahe -.

 Und warum das alles? Wegen ihr? Weil er wegen ihr nicht für ihn erreichbar war? Weil er unbedingt bei ihr bleiben wollte?

 Sie hätten zurück nach Weimar gehen können. Zurück zu den alten Zwängen und Verpflichtungen. Frankfurt war eine Abwechslung gewesen, er hatte das Gefühl gehabt, als könnten sie hier alles  tun, als wären sie freier, zumindest freier als in Thüringen, wo jeder ihrer Schritte beobachtet wurde, es gab kaum eine freie Minute. Und wenn, dann waren sie so erschöpft, dass sie sich trotz allem kaum sahen. Sie mussten sich beide um ihre Familien kümmern, gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen.

 Hier waren sie frei, zumindest für ein paar Tage und immer für den anderen erreichbar.

Zumindest sollten sie das sein. Doch er war es nicht gewesen, er war „beschäftigt“ gewesen.

Und jetzt saß er hier, den Blick immer noch auf den Mann vor ihm gerichtet, der wieder einmal begonnen hatte, hin und her zu laufen, wobei seine Haare im Licht die unterschiedlichsten Färbungen anzunehmen schienen.

 Gedankenverloren betrachtete er das Bild, das sich ihm bot, bevor er einen Zettel hervor holte und sich etwas zu notieren begann. Es waren nur wenige Zeilen und oft strich er sie wieder weg und notierte sie neu.

 Immer wieder sah er dabei auf, schien scheinbar den Sonnenuntergang zu beobachten, doch sein Blick fiel aus dem Augenwinkel auch immer wieder auf die Gestalt, die nach wie vor unruhig auf und ab lief.

 Irgendwann stellte Schiller sich neben ihn. Sie hatten nur noch wenig Zeit, umkehren war jetzt nicht mehr möglich. Ein weiteres Mal betrachtete er ihn aus dem Augenwinkel und brachte die letzten Zeilen seines Gedichts zu Papier.

 

 Goethe schien in den letzten Minuten mit seinen Gedanken abgedriftet zu sein und sein Gesicht hatte einen verklärten Ausdruck angenommen. Hatte er die Wahrheit gesagt? Empfand er wirklich nichts als Gleichgültigkeit ihr gegenüber?

 Wenn ja, was hatte ihn dann gerade so nachdenklich gemacht? Er war ungewöhnlich still. Normalerweise war er so nur, wenn er angeregt über etwas nachdachte. Über ein Stück oder eine Unstimmigkeit, und doch war es für mich meist klar gewesen, was seinen Verstand gerade beschäftigte.

 Doch jetzt? Er schien vollkommen versunken.

 Unwillkürlich schoss mir das Gedicht in den Kopf, welches er damals geschrieben hatte. Ich hatte damals gedacht, es wäre für sie gewesen. Mittlerweile keimten Zweifel in mir auf. Hatte ich mich getäuscht? Mich eventuell verlesen?

 Vielleicht war das Gedicht ja doch für Christiane gewesen und die Baronin nur ein Flirt, etwas, was Goethe schon oft getan hatte und definitiv nicht weiter schlimm wäre.

 Ich schüttelte innerlich mit dem Kopf. Es war auch so nicht schlimm. Es war schließlich Goethes Leben. Er konnte tun und lassen, was er wollte, ich sollte wirklich nicht zu lange darüber nachdenken, und trotzdem hinterließ der Gedanke einen bitteren Beigeschmack.

Goethe riss mich aus meinen Gedanken, als er aufstand und sich ein weiteres Glas Punsch holte. Auch mir hielt er eines hin und ich nahm dankbar an. Dann lehnte ich mich wieder zurück und sah in die Flammen des Kaminfeuers, als könnten sie mir irgendeine Antwort auf meine Fragen geben.

 Die Zeit verstrich und nach einigen Minuten oder vielleicht waren es auch nur Sekunden, ich wusste es nicht, hörte ich Goethe leise ein Gedicht rezitieren, als würde er nicht einmal bemerken, dass er es tat.

 Ich lauschte ihm andächtig und erst am Ende stellte ich fest, dass ich es bereits kannte. Es war selbiges, welches er damals bei der Mühle geschrieben hatte.

 Verwundert hob ich den Kopf und blickte Goethe dabei direkt in die Augen, der mich offenbar angesehen hatte. Der wandte sich schnell wieder dem Kamin zu, brach unvermittelt ab.

 Seine Augen weiteten sich leicht, sofern ich das ausmachen konnte. Sie nahmen den gleichen glasigen Ausdruck an, den ich immer an ihm sah, wenn ihm scheinbar eine neue Erkenntnis kam. Normalerweise würde er jetzt ohne ein Wort zu sagen aufstehen und sich die Idee, die ihm gerade gekommen war, aufschreiben, doch heute saß er einfach nur da. Starrte in die Flammen, schien kaum ansprechbar zu sein, vollkommen gefangen in seinen Gedanken.

 

 „Und genauso würde ich es mir verübeln, wenn ich Sie jetzt im Stich ließe.“

 Schlagartig hob er den Kopf, betrachtete seinen Freund, der ihn sanft anlächelte, und doch eine gewisse Spur von Nervosität nicht verstecken konnte.

 Sofort überfiel Goethe eine unbestimmte Traurigkeit und Sorge. Schiller würde ihn nie im Stich lassen. Er würde sein Leben für ihn riskieren… Das tat er bereits und Goethe tat nichts dagegen. Im Gegenteil, er war schuld daran. Schiller hatte nach Hause gehen wollen, sich keiner unnötigen Gefahr mehr aussetzen wollen, die Verantwortung abgeben wollen. Doch er, Goethe… Er war schuld, wenn etwas passieren würde, wenn sein Freund…

 Er blickte in diese blauen Augen und hatte das Gefühl, er könnte alles sehen, als stünde alles klar vor ihm, wonach er die letzten Jahre und Zeit seines Lebens so vergeblich gesucht hatte. Er hatte das Gefühl, er könne in diesen Augen versinken, ertrinken, ohne es zu merken und doch dauerte es nur wenige Sekunden, dann war es wieder verschwunden.

  Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass der Himmel bereits eine dunkelrote Farbe angenommen hatte. Es dauerte vermutlich nur noch wenige Minuten, bis die Sonne vollständig untergangen war.

 Schnell stand er auf. Sie mussten sich bereit machen.

 Die Frage nach dem Gedicht wehrte er ab. Er hatte nicht das Gefühl, sie jetzt wirklich beantworten zu können. Es war ohnehin nur ein Zeitvertreib gewesen.

 

 „Das Gedicht war nicht für die Baronin.“

 Überrascht über die plötzlichen Worte meines Freundes blickte ich auf. Er sagte sie, als wäre er selbst erst zu dieser Erkenntnis gelangt. War es das, was ihn gerade so beschäftigt hatte? Seine Mimik konnte ich nicht sehen. Er war von mir abgewandt und die mir zugewandte Hälfte lag durch das Licht des flackernden Feuers in tiefen Schatten.

 Ich musterte ihn neugierig. Ich konnte nicht anders, ich musste nachfragen.

 „Wie bitte?“

 „Es war nicht für die Baronin. Das Gedicht, nach welchem sie mich damals fragten. Ich wusste, Sie dachten, es wäre für sie gewesen, aber das war es nicht.“

 Er hatte sein Gesicht wieder mir zugewandt, in seinen Augen lag Entschlossenheit, aber auch eine gewisse Nervosität und Furcht.

 „Für wen war es dann?“

 Ich hatte mich nicht davon abhalten können, die Frage zu stellen, brannte sie nun doch auf meiner Zunge, ohne dass ich wirklich wusste, woher dieser Drang, sie zu stellen, plötzlich kam, ging es mich doch nichts an. Und auch meine plötzlich aufkommende Nervosität konnte ich mir nicht erklären.

 Ich hörte wie Goethe geräuschvoll ausatmete. Er lehnte sich etwas vor und fixierte mich für einen kurzen Moment, bevor er den Blick wieder abwandte.

 „Ich dachte damals, ich hätte es für die Baronin geschrieben. Ich dachte die ganzen letzten Wochen, Monate, ich hätte es für sie geschrieben, aber erst mit ihrem Brief ist mir klar geworden, dass ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht hatte. Es war nicht für sie, es war für jemand viel wichtigeren, jemand bedeutenderen. Damals dachte ich, es wäre Liebe, was die Baronin und mich verbinden würde, aber stattdessen war sie nur ein Ausflucht vor einer Wahrheit, die ich schon längst hätte erkennen müssen.“

 Unbewusst hatte ich den Atem angehalten und musste mich nun zwingen, kontrolliert aus und einzuatmen.

 Ich biss mir auf die Lippe, Angst kroch in mir hoch, ohne dass ich recht wusste, wovor eigentlich.

 

…daß vergebens Liebe

Vor Liebe flieht…

 

 Ich schloss die Augen, ließ die Worte auf mich wirken. Ich fühlte Wärme in mir aufsteigen und war mir sicher, dass meine Wangen eine rote Farbe angenommen hatten. Plötzlich spürte ich eine Hand, die sich auf meinen Arm gelegt hatte. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich wie Goethes Hand leicht zitterte, langsam zu meiner Hand hinab wanderte und zögerlich meine Finger umschloss.

 Für einen Moment sah ich auf unsere Hände hinab, dann blickte ich wieder Goethe in die Augen. In seine braunen Augen, die jetzt im Licht der Flammen golden schimmerten. Sie strahlten eine milde Wärme aus. Beinahe sofort lief mir ein Schauer über den Rücken und auf eine seltsame Art und Weise fühlte ich mich erleichtert. Zwar war die Anspannung noch nicht ganz verschwunden, aber das drückende Gefühl auf meiner Brust hatte sich gelöst und ich konnte wieder freier atmen, auch wenn ich es dennoch nicht tat, denn ich spürte Goethes Lippen auf meinen. Reflexhaft hatte ich die Augen geschlossen, hatte das Gefühl seiner warmen Lippen auf meinen genossen. Der Kuss war sanft, fast nur ein Hauch. Und es dauerte nicht lange, bevor Goethe sich auch schon wieder zurückzog.

 Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich direkt in seine, nervös, beinahe ängstlich.

 Ich konnte nichts sagen, ich war überwältigt, wusste nicht, was gerade geschehen war. Ich wusste nur, dass ich es nicht schlecht gefunden hatte. Dass ich es sogar irgendwie genossen hatte.

 In seine Augen trat Resignation und er senkte den Blick.

 „Entschuldigen Sie. Ich… Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich wollte nur…“

 Ich spürte, wie sich seine Hand meiner wieder entziehen wollte, doch ich hielt sie fest. Umschloss seine Hand wieder mit meiner, verschränkte vorsichtig unsere Finger, brachte ihn damit dazu inne zu halten.

 „Schweig. Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.“

 Er hob den Kopf, seine Pupillen geweitet. Der zuvor resignierte, ja geradezu traurige Blick hatte sich nun zu Überraschung gewandelt.

 Auf meinem Gesicht hatte sich ein Lächeln ausgebreitet und ich verspürte eine Wärme, die meinen ganzen Körper umfasste.

 Dann plötzlich Sehnsucht. Sehnsucht nach ihm, nach Goethe, nach dem Gefühl unserer Lippen aufeinander, gegeneinander, der Wärme seines Körpers, nach Johann. Sie durchflutete meinen Körper, meine Sinne, vereinnahmte mich und verdrängte jeden anderen Gedanken. Für einen kurzen Moment raubte sie mir den Atem und ließ mich stocken.

 Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Seine Augen brannten vor Verlangen, vermischt mit Angst und Nervosität. Und hinter alldem sah ich etwas Stärkeres. Etwas, das alles überstrahlte. Es war übermächtig gewesen, wenn er seinen Sohn angesehen hatte und war da gewesen, wenn im Theater eine seiner Inszenierungen gefeiert wurde. Es hatte seinen Blick eingenommen, wenn er über Italien sprach und auch jetzt lag es in seinen Augen, sendete mir warme Schauer über den Rücken.

 Ich realisierte, dass es immer da war, immer dagewesen war, wenn er mich ansah. Versteckt hinter anderen Gefühlen und Emotionen, aber es war nie aus seinem Blick verschwunden, ich hatte es bisher nur nicht realisiert gehabt. Es war übermächtiger, wenn wir allein waren und kaum bemerkbar, wenn wir in Gesellschaft waren. Aber es war da gewesen, jedes einzelne Mal.

 Und plötzlich verstand ich von welcher Wand sie in ihrem Brief geschrieben hatte, die sie und ihn immer voneinander getrennt hatte. Ich verstand, warum das Gedicht nicht für die Baronin gewesen war.  Ich verstand, was die Worte bedeuteten. Plötzlich verstand ich, was ich sah.

 Liebe. Liebe in seinen Blicken, Liebe im Gedicht, Liebe, die nun meine Adern durchströmte, jede einzelne Faser zu erfassen schien und mich vollkommen durchdrang.

 Ich weiß, dass es jetzt, wo ich das schreibe surreal klingt, zu romantisiert, übertrieben, aber in diesem Moment kam es mir so vor. Es raubte mir den Atem, die Erkenntnis riss mich zu Boden, übernahm meinen Verstand, gab mir keine Chance wieder aufzustehen und weiterzumachen. Sie gewann und ich verlor… Ich konnte es nicht mehr leugnen, konnte nicht mehr leugnen, was ich empfand und was mich nun zu überwältigen drohte. Ich wusste, dass es von nun an immer wieder geschehen würde, wenn ich in seine Augen sah. In seine golden schimmernden Augen.

 Also lehnte ich mich wieder nach vorn, vereinigte unsere Lippen erneut in einem Kuss, ließ meine Hand in seinen Nacken wandern und zog ihn näher zu mir.

 Und dieses Mal spürte ich wie sämtliche Anspannung von mir abfiel, das Gefühl ungemeiner Erleichterung durchströmte meinen Körper und das Blut rauschte in meinen Ohren.

 Ich spürte, wie Goethe sich entspannte, mich an meiner Hand ebenfalls zu sich zog und seinen anderen Arm um meinen Rücken schlang.

 Ich vertiefte den Kuss und ließ mich von ihm mitziehen, sodass ich schlussendlich auf seinem Schoß saß.

 Irgendwann lösten wir uns wieder voneinander und atemlos sah ich in seine Augen, sah die geröteten Lippen und Wangen. Auch sein Atem ging schwer.

 Dann breitete sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus und auch seine Lippen zierte nach ein paar Sekunden ein Lächeln.

 Ein weiteres Mal beugte ich mich hinab und gab ihm einen sanften Kuss.

 

 Die rotblonden Haare und die blauen Augen fügten sich perfekt in das Bild mit der untergehenden Sonne.

 Friedrich war vor an die Klippe gelaufen und betrachtete den Sonnenuntergang. Unter ihm rauschte das Meer und die Wellen brachen sich an den Felsen. Es war ein Bild wie auf einem Gemälde. So hatte er sich immer das Gefühl von Glück vorgestellt. Von Liebe.

 Er zückte seinen Bleistift und ein Notizbüchlein und begann zu zeichnen. Er zeichnete die Klippen und den Sonnenuntergang und vor all dem Friedrich, der gedankenverloren den Ozean betrachtete.

 Gerade als er fertig geworden war, drehte dieser sich zu ihm um und bedachte ihn mit einem verschmitzten Grinsen. Dann kam er langsam auf ihn zu.

 Er setzte schnell seine Signatur unter das Bild, bevor Friedrich ihn von hinten umarmte, um zu sehen, was er gezeichnet hatte.

 Sanft nahm er ihm den Bleistift aus der Hand und fügte dem Bild ein paar Worte hinzu. Als er fertig war, küsste er ihn leicht auf die Wange und vergrub sein Gesicht in seiner Halsbeuge.

 Johann lächelte, als er die Worte las.

 

„…daß vergebens Liebe

Vor Liebe flieht…“

 

 

 „Ich liebe dich.“